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Deutsche Texte des Mittelalters
herausgegeben
von der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften.
Band VI.
Das
Leben der Schwestern zu Töß
beschrieben
von
Eisbet Stagel
samt der Vorrede von Johannes Meier und dem Leben
der Prinzessin Elisabet von Ungarn.
Herausgegeben
von
Ferdinand Vetter.
Mit zwei Tafeln in Lichtdruck und einer Nachbildung der Platte
des Fürstengrabes von Töß.
BERLIN
Weidmannsche Buchhandlung
1906.
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Deutsche Texte des Mittelalters
herausgegeben
von der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften.
Band VI.
Eisbet Stagei,
Das Leben der Schwestern zu Töß.
BERLIN
Weidmannsche Buchhandlung
1906 .
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■IND.'A.SA UNJVFRSiTY
LI3RARIES
OLOOMINGTON
Das
Leben der Schwestern zu Töß
beschrieben
von
Eisbet Stagel
samt der Vorrede von Johannes Meier und dem Leben
der Prinzessin Elisabet von Ungarn.
Herausgegeben
von
Ferdinand Vetter.
Mit zwei Tafeln in Lichtdruck und einer Nachbildung der Platte
des Fürstengrabes von Töß.
BERLIN
Weidmannsche Buchhandlung
1906 .
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Inhalt,
8*tte
Einleitung . VII—XXVI
Eisbet Stagel, Das Leben der Schwestern zu Toß.
Vorrede Johannes Meiers . 1—11
Vorrede Eisbet Stageis . 12—16
I. Ita von Wezzikon . 17
II, Ita von Sulz . 20
III, Eisbet Schefflin ... 22
IV, Margret Willin . 25
V, Mezzi Sidwibrin . 28
VI. Beli von Liebenberg . 29
VII, Offmya von Münchwü . 32
VIII. Margret Finkin . 33
VIII*. Eisbet von der Mezi . 35
VIIIIta von Tüngen . 35
IX, Outte von Schonenberg .. 35
X. Margret von Zürich . 36
XI. Anna von Klingnau . 36
XII. Beli von Wintertur . 40
XIII. Eisbet Zolnenn . 41
XIV, Beli von Sure . 41
XV, Katharina Pletin . 43
XVI. Margret von Hünikon . 43
XVII . Mezzi von Klingenberg . 45
XVII*. N. N. von Klingenberg . 45
X VIII. Anna Wansaseüer . 46
XIX. Eine eilende Schwester . 47
XX. Willi von Konstanz .. . 48
XXL Gertrut von Wintertur . 48
XXI*. Eisbet von Jestetten . 49
XXII. Adelheit von Frauenberg . 50
XXIII. Sophia von Klingnau . 55
XXIV. Mechthilt von Stans .. . 60
XXV. Jüzzi Schultheißin . 69
XXVI. Ita Sulzerin . 79
XXVII. EUi von Eigau . 82
XXVIII. Beli von Schalken . 83
XX VI 11*. Richi von Schalken . 84
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YI
Seit*
XXIX. BeU von LüHsbach . 84
XXX. Mechthilt von Wädenswü . 85
XXXI. Adelheit von Lindau . 85
XXXII. EUbet Bechlin . 86
XXXIII. EUbet von Ceüinkon . 90
Beschluß Johannes Meiers , mit dem Leben der Mutter des Seusen . 95
Leben Elisabets von Ungarn . . . 98
Namenverzeichnis . 123
Wortverzeichnis . 125
Berichtigungen und Nachträge . 133
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Einleitung.
Ebbet Stageb Tößer Schwesternbuch samt der Legende der Prinzessin Elbabet
von Ungarn ist uns in folgenden Handschriften überliefert:
1. O: Stiftsbibliothek zu St Gallen, Hs. Nr. 603 (vgl. [Gustav Scherrer] Ver¬
zeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen , Halle 1875, S. 193 f.),
XV. Jh., Papier, Klein-Folio: 27 cm hoch, 20 cm breit, zweispaltig beschriebener
Raum 22113*1 2 cm zwischen den äußern Umrahmungslinien, innerhalb deren jede
Spalte durch besondere bis an den Rand hinausgehende Umrahmungslinien eingefaßt
ist. Die sechs Schriften mystischen Inhalts, die (nach Greith) erst im 17. Jh. zu
diesem Bande vereinigt worden sind, stammen von mindestens zwei verschiedenen
Händen: von der einen sind auf gleichem Papier unser Schwesternbuch — als
Nr. 111 des Bandes — sowie (wenigstens in der Hauptsache) Nr. IV und V (s. u.) }
von einer andern auf anderem Papier Nr. I, II und VI geschrieben. Jenes Papier
weist als Wasserzeichen einen Blumenkorb (?), dieses einen großen roh umrissenen
Ochsenkopf. Am Schluß von Nr. 11 sind die Seiten 153—162 leer gelassen. Mit
S. 162 schließt eine Papierlage und damit ursprünglich auch das erste Heft unsrer
Sammelhandschrift, auf dessen letzte Seite unten eine ungeübte Hand des XIV.IXV. Jhs.
einen halb abgeschnittenen Vermerk: ‘äch gott wie kan vnd mag ych fröchlich sin ..
eingetragen hat. Mit S. 163 (Nr. III) beginnt eine neue Lage und Hand und setzen
oben zwei Einrahmungslinien ein, die für diese Hand bis S. 443 die Regel bilden,
während die der Nrn. I, II und VI stets nur eine anbringt. Nr. IV beginnt mit
S. 369 noch innerhalb einer Lage, die von S. 347 bis 370 reicht. Hinter S. 443
scheint lediglich zufällig der Schluß der Lage mit dem von IV zusammenzufallen:
der Teoct von V schließt dort mit nur */ 4 Spalte freien Raums unmittelbar an IV
an; doch beginnt hier die bloß einfache obere Einrahmung und zugleich eine engere
Schrift (aber wohl desselben Schreibers), die so bis S. 399 b unten reicht, worauf bis
Ende von V wieder alle Kennzeichen der Hand von III und IV einsetzen, deren
Aufhören S. 571 abermals mit dem Schluß einer Lage (S. 548 bis 571) und dem
Beginn einer neuen (S. 572 — 595), sowie der Nr. VI, zusammenfällt; zugleich be¬
ginnt hier wieder die Hand von III. Sicher haben also einst Nr. IIIIV V einen
Band für sich gebildet , der noch jetzt durch Lagenschlüsse gegen 1 II einerseits und
gegen VI andrerseits abgegrenzt erscheint und dm offenbar vor der Vereinigung ein
Leser besonders zu beziffern begonnen hat (von 1 bis 150, bezw. 145, s. u.). Der
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Einband besteht aus Holz, bezogen mit gepreßtem Leder des 17. Jhs.; der Rücken
trägt einen aufgeklebten Zettel mit dem Titel: Liber afceticus. | item vitae Monialiü |
in Thös, & in Dieffen- | hofen germanicö.
Der Band enthält außer unserm Büchlein folgende Schriften:
(vorher) S. 1 — 144 b : (I) Die vierzig Myrrhenbüschel (Allegorie des Leidens
Christi, nach Scherrer auch vorhanden in München, Cgm. Nr. 853 und 4716, und
— ehemals? — in Straßburg), von einem andächtigen geistlichen Herrn und Vater
Johannser Ordens zu Straßburg (wie er geheiffen mit finem namen, das han ich
nit funden in dem exemplar vnd och wie lang es fy, dz weißt got der her wol
der alle ding waift — mille mille mille deo gracias);
S. 145 — 152 b : (11) Leben der h. Ra (Gräfin von Toggenburg, Klausnerin zu
Fischingen im XII. Jh.);
(nachher) S. 369 a — 441 b : (IV) Leben der h. Margareta von Ungarn, Prediger
Ordens (Tochter Bela’s IV., Dominikanerin auf der Insula der Hasen bi der dunow
— S. Margareten-Insel bei Ofen — ; geb. 1242, gest. 1271; Litteratur bei Scherrer ).
Hiezu als Anhang S. 441—443 b mystische Andachten, Anfang: ihs lert dif
feIber | Dis ift wie du | din v’sumnus | mit lob folt erfül | len vnd wider brige
ge got || Vnfer lieber | her lert Sät | Trutten wie ain me | Ich fin verfumnus | mit
lob fölt gege | jm erfüllen, worauf 3 ‘Laudate? folgen;
S. 444 — 571: (V) Schwestembuch von Dießenhofen (vgl. Greiths Mystik im
Predigerorden S. 295—298, 346 — 356. Überschrift: Dis ift von dem wirdigen
geiftlichen klofter Diefenhoffen das von recht heiffet Sant Katharinatal by Dieffen-
hofen vnd ift prediger Ordens; Schluß: Hie hat dif büch | von den fälgen | Schwöftren
des | Clofters Sant | Katherina Tal | by Dieffenhoffen [am Rand: pdg’ orde]
ain end jn dem | Jar do mä zalt [das Weitere fehlt]);
S. 572— 684: (VI) Legende von dem heiligen Bischof Ludwig (wovon eine
Kopie des XVII. Jhs. in Einsiedeln Nr. 694 und 695; eine andere von 1845 auf
dem Wiener Staatsarchiv, vgl. Scherrer a. a. 0.).
Das Vorsetzblatt des Bandes enthält folgenden Eintrag des ersten Benutzers in
neuerer Zeit, des nachmaligen Bischofs von St. Gallen Karl Greith:
Codex iste facile autographus et unicus in iis saltem quae moniales in Toeß
spectant maximopere est aestimandus quippe qui illustrandae Theologiae et rei
mysticae Alamannorum ab anno 1250—1350 apud nos florentis plurimum inservit.
Quem in finem eodem usus est saeculo XVII P. Heinr. Murer in suo opere Hel¬
vetia sancta et novissimis diebus eum examinavit D. C. Greith Decan. can. et off.
In S. Gallo die 14. Novemb. 1860.
‘Facile autographus’ stützt sich wohl auf den Schlußvermerk S. 684, dessen
Endbuchstaben Greith auf ‘Schwester Eisbet StageV deutet; es heißt aber dort deut¬
lich von einer Hand des XV. Jhs.: Gedecket durch got | der fchriberin S. R. S,
nicht ‘S. E. S’ (vgl. Scherrer S. 194); auch könnte damit nur die Schreiberin von
Nr. I II VI, aho nicht die der Stagelschen Schrift (III) bezeichnet sein.
Unser Tößer Schwesternbuch, Nr. III des jetzigen Bandes, umfaßt samt
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dem Leben Elisdbets von Ungarn die SS. 163° — 368 b . Davon sind die Seiten bis
zum Beginn der Legende der Elisabet von einer etwas jungem Hand — mit 1 bis
150 — besonders beziffert, doch mit einem Sprung von 62 auf 67, weshalb ich
i. J. 1876 die SS. 63 (älter 67) bis 144 (älter 149) neu bezifferte; ein Neuester hat
sodann die Seitenzählung des Elisabetenlebens gleichwohl auf Grund der unrichtigen
Bezifferung — mit 151 bis 189 — fortgesetzt, woran ich nicht weiter habe ändern
wollen. Daneben geht durch den ganzen Band die wohl erst zum Zwecke der
Katalogisierung vorgenommene Seitenzählung von 1 bis 684 her.
Die gleichmäßige, aber etwas derbe Hand (s. die Schriftnachbildung) weist rote
Anfangsbuchstaben und Überschriften der Kapitel, rote Unterstreichungen der Zitate,
rote Strichdungen der Satzanfangsbuchstaben auf. Auch die Kommata sind rot ein¬
getragen; sie machten nach dem Plane dieser Ausgaben der Lachmannischen Inter¬
punktion Platz. Von Bilderschmudc findet sich lediglich S. 61 a und 62 b (alte Zählung)
ein dekorativer Zweig, mit roter Tinte je in einen freigelassenen Raum des Textes
hineingezeichnet; dasselbe einfache Motiv ist auch 31 a , 45 a , 47 b , 95 b , 136 a , 184 a
zur Füllung freibleibender Räume verwendet.
Greith gibt nähere Nachrichten über die Hs. des Tößer Schwesterntmches in
\[Katholische] Schweizer Blätter für Wissenschaft und Kunst 9 , 2. Jahrg. (1860),
65 — 77; 137—151 ;399—416 (‘Heinrich Suso und seine Schule unter den Ordens¬
schwestern von Töß, bei Winterthur, im 14. Jh. 9 ; vgl. desselben ‘Deutsche Mystik
im Predigerorden 9 , Freiburg 1861): sie ist geschrieben im Katharinenkloster zu
St. Gallen, zur Reformationszeit nach Nollenberg und Wil gerettet, im 18. Jh. der
Stiftsbibliothek von St. Gallen einverleibt, nachdem sie offenbar bereits mit den Schriften
III VI zusammengebunden war. Eine Abschrift ward 1492 zu Gnadental erstellt
und nach dieser 1628 ein weiteres Exemplar einfältig dem alten nachgeschrieben
durch Schwester M. Katharina Bulliger von Luzern des Konvents zu Hermetschwil
(nach Greith, der über diese Hs. keine weitern Nachrichten bietet). Eine Ver¬
kürzung scheint die Einsiedler Hs. 694 (17. Jh.) zu sein. — Gute Auszüge bei
Greith, Kathol. Bll. 139 ff., 399 ff. und in desselben Deutscher Mystik im Prediger¬
erden 363 ff. Greith setzt (Kalk. Bll. II, 75 ff., 150 f.) die Abfassung des Werkes
auf Grund eigener Angaben Elsbets in die Zeit zwischen 1350 und 1360.
Vor Greith sind eine Anzahl der Biograpliieen gedrucld worden von P. Heinrich
Murer (Kartäuser zu Ittingen), Helvetia Sancta, Luzern 1648, S. 358 ff.; Ausg. 1751,
S. 328 ff. Meist auf seinen Mitteilungen beruhen die Erwähnungen der geistlichen
Sehlde zu Töß in: Hottinger, Helvetische Kirchengeschichte (1707) II, 33 f. 611.
833; J. C. Fiissli, Staats - und Erdbeschreibung (1771), 1,102; Neugart, Episcopatus
Constantiensis U, 324; Mone, Quellensammlung IV, 14 f.; Meyer von Knonau, Der
Kanton Zürich I, 275 (Elisabeth von Elggau), II, 400 (Kloster Töß); Burgener ,
Helvetia Sancta 1,157 ff. u. ö.; Th. v. Liebenau, Geschichte der Ritter von Baldegg 55;
F. E. v. Mülinen, Helvetia sacra II, 196; Scherer, Helden und Heldinnen des christ¬
lichen Glaubens; Mörikofer, Bilder aus dem kirchlichen Leben der Schweiz 109 ff.
Späteres s. u. S. XV f.
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X
2. Ü: Stadtbibliothek (lupoid-Sophien-Bibliothek) zu Oberlingen, Hs. Nr. 22,
XV. Jh., Papier, Kl.-Fol., zweispaltig, gekannt bereits von Denifle (laut briefl. Mit¬
teilung von P. Gabriel Meier), zuerst benutzt und verglichen von Dr. K. Bthlmeyer
in Tübingen. Sie zeigt auf dem Vorsetzblatt folgenden Vermerk (vor der Inhalts¬
angabe): Difes büch gehördtt zu S Catterina das man nemptt Zofingen in der
ftadt Coftenz prediger orden.
Inhalt: Bl. 1—2 leer.
n 3 a — 20 a Gespräch zwischen Christus und der minnenden
Seele, in Versen. Anfang.*) Vnsser herr spricht zft der gespöncz
Wer mir czft [so] in min rieh welle kume, Der sol sin crucz vff sich neme
Vnd soll mir das trülich nach tragen Vnd der weit by zitt absagen So spricht sy
Ach lieb’ herr ich weit dir gern nach volgen sin So yerret mich die fröd
vnd die iugent min . . .
Schluß [3 e unten]: Ach zartt’ her vn vatter min Nun wil ich gancz di aygen
sin An dinem crticz beger ich zft sterben Das ich dich ainiges g4t mug er¬
werben Ame
[3 d oben ff. ein längeres Gedicht gleichen Inhalts, das auch die Einsiedler
Suso-Hs. (710), Bl. I—XXI (mit Bildern) enthält und das mir Herr Dr. Bihl-
meyer außerdem in Hss. zu Karlsruhe, 15. Jh. (Katalog von Längin S. 55), und
zu Donaueschingen, 15. Jh. (106, Bl. 1 — 40), nachweist**); wir geben hier nur einige
Anfänge und Überschriften wieder]:
Diss ist von vnsserm here ihü xpi vnd von der minenden seil die sin ge-
machel ist.
Sy sprach hie wil ich schlaffen gon vnd die sorg dem lieren Ion (Raum
für Bäd).
Sy sp[rac&]: Ich leg mich an min bettly güt her ih’us hab mich in sin’ hftt . . .
[5 b ] vor einem freien Raum: Hie weckt vn haist er sy vff ston
vnd zü d’ metty gon
[6o]
ebenso:
Hie will er sy nit gnftg Ion essen
won er fürcht sy werd vergessen
[7-]
ebenso:
Hie will er mit d’ rüten kestge ire lib
dz sy dest* mind’ in der weit belib
l? d ]
ebenso:
Hie will er sy***) lemenn vn blenden
dz sy die hell nit mug geschenden ic
[9o]
ebenso:
Hie will er sy leren vss den czechen botten reden
gar eben vn darnach lebe
*) Die gesperrt gedruckten Stellen bedeuten rote Schrift , die fetten Buchstaben rote Initialen ,
rote Strichelung oder Unterstreichung.
**) Ein Bruchstück des Gedichtes ist gedruckt in Mones Anzeiger VIII (1839), 334 ff. Ein
verwandtes Gedicht bei Bartsch , Die Erlösung , Sr. XI, S. 218 ff., vgl. Einl. S. XXXVff. Außerdem
vgl. Mones Anz. 1834, S. 40; Von der Hagen und Büsching , Grundriß S. 445 (K. Bihlmeijer).
***) Die beiden Worte fehlen Hs.
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XI
[9*] vor einem freien Baum: Hie will er sy nit Ion spinnen
[.10•*]
ebenso:
Noch vil zittlich güt gewinne
Hie wist er sy vff geschaidenhait
[11°]
ebenso:
won sy ist iren fründe ain grosses laid
Hie will er sy hencken
[11*]
ebenso:
das sy von im nit mug gewencken
Hie gitt er ir ain minn tranck
[12']
ebenso:
das sy von im mug tün kainen wanck
Hie loffet er ir bald nach
dz sy die weit im nit fach
[13 a ] nach einem fr eien Baum: Hie verbiergt er sich vor ir
Das enczündet werd ir begird
[13* 7 vor einem freien Baum: Mitt der mine strall schlisset sy in
Das wil sy han für gewin
Das er yr aygen müsse sin 2C 2 C.
[14*] ebenso: Hie wil sy in*) binden vnd zwingen
Das sy in nach ir mug bringen
[15 a ] ebenso: Hie will sy nitt silber noch golt
Sy wil nun iren heren güt
der ir allain git fröd vn müt
[15*] ebenso: Jez [?] machett er ir das saite spil
Das er ir abgewinnen wil
[16 b ] ohne einen freien Raum: Hie will er sich laussen küssen
vn sy syn haimlichait Ion wissen ic
[16 d ] vor einem freien Baum: Hie wil er ir zü runen ain wortt
Das ist ir nüczer dan aller czittlicher hord
[17 h ] ebenso: Hie will er ir vor trumen vn springen
Das sy belib by ire sinnen
[17 d ] ohne einen freien Raum: Hie wil er ir vff seczen ain krön
Mitt der sy besiczen mag den ewigen Ion
[19 a ] ebenso: Hie sind sy kum vber ain
vnd wend nun alle ding han gemain
Schluß [19*]: 0 her zü dir stat alle min sinn
Hilf [so] mir och dahin
Da mä diss alles vor dir tüt
Vnd du sigest in so richem müt Amen
Ynsser her spricht zü der minnende sei Frow sol wend ir disputiere . . .
Schluß [20°]: Do sprach vnsser he’ ir hand mich vbe’rett Wer bestatt
vncz an das end d’ wirtt behalte.
Es folgt, noch auf S. 20 a , das Exemplar Seuses, und zwar (bis 21 ö ) der
Prolog, bei Denifle, Seuse I, S . 3 — 10; Anfang:
•) ey by in Hs.
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XII
Diss ist der <t>Iogus diss büclis vnd die vored dess diene's der Ewige wise-
hait[?] Darin gar vil trost vnd vnd’wissung funden wirtt Aines yetliche gaist-
lichen menschen ic ihüs
In dissem Exempellar stond geschribe vier güty büchlin .. .
Schluß [21 b ]: aine richtige weg zü d’ ajler höchsten sälikait Hie vachett
an das erst tail diss büches das da haissett d’ süss || Hierauf der Text des Seusen-
lebens, bei Denifle S. 13 — 301; || Anfang: Es was ain predger; || Schluß: [90*] .. .
sin göttliches antlitt werdent schowowe [so] Am
Nun sölt hier nach ston der Ewigen wisehait (wischait?) büch So habent
wier es suss als wol vnd güt geschriben in vnsser clost’ darü ist es hie vnder
wegen beliben zü schriben (es fehlt also der Text bei Denifle 305 — 504). Hierauf
3 Spalten leer; von 91 a an der Text des dritten und vierten Buches, bei Denifle,
Seuse, zweite Abteilung; Anfang: Hie vachett an das dritt büch von inne’licher
gelaussenhait vn von gütem vnderschaid der ze haben ist in ve’nünfftikaite Ecce
em veritatam [so] dilexisti. . .
[102 d ] Hie vachett an das vierd Büch Disse 1er ist vss gelessen vss den
gemaine brieffe . . .
Regnü müdy . . .
Schluß [125 9 ]:.. Dess helf vns gott d’vatt’ g. d. s. vn g. d’ hailig gaist Ame.
[126 leer].
[127 a ] Ton dem wirdigen geistlichen Gloster döss von ire hailgen güten wessen
tugentrichen vn gaistlichen wessen So sy mit aller gaistlichait vnd hailikait vol-
bracht habent vor czitte || Estote perfecti usw., entsprechend unserrn Text des Tößer
Schwesternbuches, mit Einschluß des Lebens der Prinzessin Elisabet; Schluß
[183 b unten]: erhören wil.
Es folgt das Leben der h. Margareta von Ungarn, entsprechend der auch
in O auf das Tößer Schwestembuch folgenden Legende, Anfang:
Von d’ hailgen wirdige junckfrowen Sant Margrethen ains küngs dochl*
von vng’ ir legent vn hailigs leben stät hie nach.
Schluß [202 a ]: Deo gräs.
3 Bll. leer; hinter Bl. 205 Lagenschluß, neues Papier und andere Hand (die
durch den Rest des Bandes hindurchgeht); dann
Bl. 206 a — 242 e die in O nach dem Diessenhofer Schwesternbuch stehende
Legende von dem Bischof und König St. Ludwig (bis 242 c ).
243 a — 284 d : Traktat von den vierzig Mirren büschely, der in O den Band
eröffnet, und 285 a ff. das Diessenhofer Schwesternbuch:
[275 a ] Dis ist vö dem wirdige geistlichen closter diessenhoffen dz von recht
haisset Sant katherina tal by diessenhoffen vnd ist brediger ordens.
Schluß [320 a ]: vnd daz seitt sy ainer schwöster selber | Deo gracias.
Schließlich der bekannte Sinnspruch: Lugi schaidet früntschaff vil usw.
Die Hs. ist gut und treu, daher in Zweifels fällen öfter herbeigezogen worden;
doch hat sie die ursprüngliche wir -Form mehrfach, und sehr inkonsequent, in die
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XIII
3. Person abgeändert, was wir anfangs angemerkt haben; nachher ist z. B. 44,1.
58, 13. 59,5. 60,14. 72,18. 80,16. 90,11.'186,14. 189,7. 192,7 in den Eingängen
Sy hattend gesetzt (64,1. 2.3. 4. 86,10. im Text sy), wogegen 70, 8. 77, 6. 78, 9.
84,14. 87,16. 88,15. 148,17. 183,18. 191, 5 in den Eingängen Wir hattend
beibehalten ist.
3. N: Stadtbibliothek zu Nürnberg, Hs. Cent V 10, XV. Jh., je eine Lage von
10 Bll. Papier von 2 Bll. Pergament eingefaßt, Klein-Folio, zweispaltig. Auf
dem Vorsetzblatt, Rückseite, steht: Item dz puch gehört in das Closter zu Sant
Katherein in nurberg prediger orden. Die Hs. enthält:
Bl. 1—34 das Schwesternbuch von Töß (einschließlich der Legende Elisabets
von Ungarn) mit voraufgehendem Leben Eisbet Stageis, dieses verfaßt (d. h. meist
aus dem Leiben Susos ausgezogen) durch quendam fratrem Turicensem de conventu
Bassiliensi ordinis predicatorum 1454 (Bruder Johannes Meier — Meijer, Meiger —
geh. 1422 zu Zürich, seit 1442 Predigermönch zu Basel , vor 1458 Beichtiger in der
St. Michaels-Insel zu Bern, 1458 bis 1464 im St. Brigittenkloster zu Schönenstein¬
bach, um 1465 Klausner zu Gebweiler und Reformator der Dominikanerinnen zu
Adelhausen, Freiburg und Gebweiler. 1470 und 74 in gleicher Eigenschaft zu Chur
und Frankfurt a. M., 1478 in schwäbischen Frauenklöstem, seit 1482 Beichtvater
zu Adelhausen bei Freiburg, f 1485*)).
Bl. 84—89 das Schwesternbuch von Diessenhofen (herausgegeben von
A. Birlinger, Alemannia XV [1887], 150 ff.)
Bl. 118 ff. die Stiftung des Klosters Ötenbach (Zürich) und Leben von
acht Schwestern daselbst (hgg. v. H. Zeller-Werdmüller und J. Bächtold, Zürcher
Taschenbuch auf 1889, 213 — 274).
Unser Tößer Büchlein erscheint bei Johannes Meier nicht bloß vermehrt, sondern
stellenweise anders geordnet, was wir weiter unten anmerken und im Texte nach¬
tragen. Bächtold nennt nicht ganz zutreffend für das Ötenbacher Schwesternbuch
den ‘Wortschatz zürcherisch, die Vokalisation baslerisch und den Konsonantismus
nach dem Nürnberger Dialekt gestaltet.’ Die Vokalisation ist ebenso wie der Kon¬
sonantismus bei Johannes Meier fast rein mitteldeutsch, s. u.
Wir benutzen die Hs. vielfach zur Textherstellung, merken auch den Bilder-
*) Preger , Gesch. d. dtsch. Mystik II, 252. — Zürcher Taschenb. 1889 , 215. — Zeiischr. f.
Gesch. d. Oberrheins XIII , 255: P. Albert, Johannes Meyer, ein oberdeutscher Chronist des XV. Jhs.
(i woselbst weitere Literatur über J. Meier mit Aufzählung von 16 Schriften Ms.). — Zeitschr. f. hoch¬
deutsche Mundarten I, 80 f. (woselbst ein Traktat aus Unterlinden , enthalten im Chronicon Fr. Joannis
Meieri Tigurini de Praedicatoribus der Basler Universitätsbibliothek, mitgeteilt ist ; bei Albert noch
fehlend, wo nur S. 263 das Leben der Margarete von Kenzingen zu Unterlinden verzeichnet ist). —
Albert bringt ebd. aus der Leipziger Hs. 1546 , Bl. 202*, des in Bern geschriebenen *Amtsbuches 9 und
des *Büchleins der Ergetzung ’ noch ein Selbstzeugnis Meiers bei, wodurch er sich als Abschreiber und
Bevorwerter des Toßer Schwestembuches bezeichnet: “Swester Elysabeth Staglin in dem closter zu
Tosse, was gnadenreichen seligen menschen si gewesen sige, fint man hin und her ein wenig
in des Sensen buch, aber ich hab es 1454 zusamengelesen und es geschriben an den anfang
des buchs der swesteren leben von Tosse, das si selber gemachet hat”
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XIV
schmuck (in reichem, buntem Rankenwerk Initialen mit je 1 oder 2 Nonnengestalten)
in einigen besondem Fällen an (vgl. die Schriftnachbildung).
4. Stadtbibliothek zu Zürich C162, XV. Jh., Papier, enthält Bl. 273 h — 274 b ein
kleines Stück aus dem Leben der Margret Finkin (ain andächtige S. genampt margret
fincklin), dem 3 Zeilen vorangehen, die den bei uns voranstehenden (S. 33) nicht zu ent¬
sprechen scheinen (Anfang: die d’ göttlich bom trait), wie auch dem Schluß (274 b
versumn’ vff weit nemen enpf...) bei uns im Leben der Finkin nichts entspricht .*)
5. Eine Sammelhandschrift des 17. Jahrhunderts (nach Sulzer DKT [s. u.J S. 4 von
Placidus Murer) zu Frauenfeld (Thurgauische Kantonsbibliothek y 105, Fol., Pap.)
enthält (S. 30) einen Kurtzen Bericht von dem Anfang deß Gloster Töß bei
Zürch, nach der Darstellung Eisbet Stageis G 2 b — 3 a , unten 13, 12 — 14, 2.
S. 1 — [12] (von einer ersten Hand) die Gründungsgeschichte von Diessen-
hofen (Katharinental); 4 SS. leer;
auf 14 unpag. Seiten (zweite Hand) das Schwesternbuch von Diessenhofen,
mit Berufung auf P. Henrici scripta oder buch für diejenigen Lebensbeschreibungen ,
die Heinrich Murer 1648 mitteilt, und die hier weggelassen sind;
auf 1 Seite (zweite Hand) einen Kurtzen Bericht von dem Anfang deß Closter
Töß bey Zürch, nach der Darstellung Eisbet Stageis G 2 b — 3 a , unten 13,12 — 14, 2;
S. 615—637 (unmittelbar anschließend , aber vermutlich aus einer größeren
Sammelhs. stammend) eine Auswahl aus dem Schwesternbuch von Diessenhofen,
bezw. Nachtrag der zwölf oben weggelassenen, von H. Murer aufgenommenen
Lebensbeschreibungen einer Mitschwöster vor 200 Jahren, . . . derer Bücher noch
alda zufinden und wir denen hierinen nachvolgen.
Auf 25 unpag. Seiten: (1. Blatt) eine farbige Ansicht von kloster Döss,
gez. Hans Jeggli (nachgebildet bei H. Sulzer, DKT Fig. 4); dann (4 SS.;
1. Hand): Gründungsgeschichte und kurze Chronik von Töß, fortgesetzt bis 1529
(„teilweise eine Kompilation der Bosshartschen Auf Zeichnung en u , H. Sulzer, DKT
S.96 (16), Anm.2); endlich, als Hauptstück (19 SS., 2. Hand): Gedenckhwürdige
Thatten vnd Leben dere Seligen Closter Frawe zü Töß bey Zürch Prediger
Ordens: das Schwesternbuch Elsbets in teilweise verkürzender Erneuerung, die
einzelnen Viten alphabetisch nach den Vornamen geordnet, mit Übergehung der
in scriptis P. Henrici zu findenden, so auch derjenigen der Elizabeth, Tochter
Königs Andreä in Vngern;
auf 3 unpag. Seiten (l.Hand): Gründungsgeschichte des Klosters im Bärenberg
(Beerenberg an der Töß). _
Auf Greith a. aa. 00. folgten von weitem Besprechungen des Werkes der
Eisbet Stagel:
F. Vetter, Ein Mystikerpaar des vierzehnten Jahrhunderts. Vortrag, gehabten
in Bern 1876, in erweiterter Gestalt erschienen Basel 1882 (ein Auszug bereits in
der N. Zürcher Zeitung, Feuilleton 1878).
*) nach gef. Mitteilung des Hm. Oberbibliothekars Dr. H. Escher.
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XY
F. H. S. Denifle, Seim, München 1876, I, 13. 142 u. ö.
W. Preger, Geschichte der deutschen Mystik 11, 56. 251.
J. Bächtold, Geschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz (1888) 217 f.;
Anmerkungen S. 51.
F. Vetter, Lehrhafte Litteratur des 14. und 15. Jahrhunderts (Kürschner,
Deutsche Nabionallitteratur Xll) II, Geistliches (1889), S. VII f. 247—253 (Ein¬
gang und Mezzi Sidwibrin).
E. Schüler, Das mystische Leben der Ordensschwestern zu Töß bei Winterthur
(Berner Dissertation, Zürich 1903).
Die letztere Arbeit beruht, wie meine eigenen einzelnen Veröffentlichungen, auf
einer unvollständigen Abschrift, die ich i. J. 1876 in Bern von der St. Goller
Hs. genommen habe. Eine Ausgabe der Stagelschen Schrift war, zusammen mit
einer solchen Susos, angekündigt 1876)77 bei dem Erscheinen der von J. Bächtold
und mir herausgegebenen 1 Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz*, zu
welchem Titel damals, eben im Hinblick auf Suso, der Zusatz ( und ihres Grenz¬
gebietes 1 gefügt war. ln dem Druck meines Mystikerpaars 1 (1882) behielt ich mir,
da eine Fortsetzung der ‘Bibliothek 1 über die fest versprochenen 6 Bände hinaus (denen
1892 nur noch ein ( Ergänzungsband 1 folgte) bereits fraglich geworden war, wenigstens
die Veröffentlichung des Stagelschen Schwesternbuches vor, die in der Arbeit
Schülers S.7 als bevorstehend angekündigt werden konnte (vgl. H. Sulzer, DKT 96
(16) 2 ). Die Absicht, diese Arbeit Schillers, die das Werk Elsbets insbesondere von der
psychologischen Seite würdigte, meiner Ausgabe als Teil der Einleitung einzuverleiben,
mußte aufgegeben werden, da die St. Goller Hs. zum Behuf der Vervollständigung
meiner Abschrift lange Zeit nicht erhältlich war. Dafür habe ich in der Folge die
genauen und vollständigen Abschriften ihres damaligen Benutzers Dr. K. Bihlmeyer,
de*' im Zusammenhang mit seiner Ausgabe Susos auch eine solche des Schwestern¬
buches plante, aber dann davon zurücktrat, für die jetzige Ausgabe mit benutzen
dürfen: für diese seine Mitarbeit wie für seine Berücksichtigung meiner älteren und
fast schon veralteten Ansprüche sage ich ihm hiemit meinen besten Dank.
Benutzt ist ferner das Schwestemlmch Elsbets in A. Hafner, Das Dominikane¬
rinnenkloster Töß (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur 1879, darin auch die
einschlägige Stelle des Laurentius Bosshart, der jedoch nur im allgemeinen von der
Frömmigkeit der Tößer Nonnen zu berichten weiß); ferner in Heinrich Sulzer,
Bilder aus der Geschichte des Klosters Töß (Neujahrsblatt der Hülfsgesellschaft in
Winterthur 1903, Winterthur o. J., bei uns angeführt als BGT) S. 24 — 39: Inneres
Leben zur Zeit der Blüte, sowie in einer Erweiterung dieser Arbeit: Heinrich
Sulzer, Das Dominikanerinnenkloster Töß. I. Teil. Geschichte (Mitteilungen der
Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 26, Heft 2, Zürich 1904, bei uns an¬
geführt als DKT) S. 96 (16) —102 (22).
Von dem Leben der Prinzessin Elisabet von Ungarn ist, laut einer Eintragung in
die Hs. G, i. J. 1868 eine Abschrift gesandt worden an ( Theodor Bothal, Landes-Dep. in
Ungarn*; ob sie dort zu einer Ausgabe dieser Legende gedient hat, ist uns unbekannt.
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XVI
Die St. Galler Hs. des Tößer Schwesternbuchs, die wir unserer Ausgabe zu
gründe legen, stellt, im dortigen Dominikaner innerüdoster geschrieben (dessen schöner
Kreuzgang von 1507 noch heute an die Klosterzeit erinnert), eine genaue Wiedergabe
des im Predigerinnenkloster zu Töß verfaßten Werkes der Eisbet Stagel dar, mit
allen Beziehungen auf den Ursprungsort, die allerdings durch den Miniator fast
durchgehend getilgt, bezw. abgeändert, oder auch ganz unverständig entstellt sind.*)
Die Nürnberger Hs. von Bruder Johannes Meier hat zwar die Beziehungen
auf Töß und die Wir-Form der bezüglichen Stellen aus einer noch unkorrigierten
Hs. unverändert beibehalten; dagegen kennzeichnet sie sich als eine Erneuerung zum
Gebrauche der Predigernonnen Deutschlands einmal durch ihre Sprachformen
(Mitteldeutsch des 15. Jh. mit ei, au, ew für mhd. u. alam. i, ü, ü, — mit u für ft
usw.) und sodann durch verschiedene Zusätze und Erweiterungen, sowie gelegentliche
Tilgungen und Umstellungen. Als Beleg für die Geschichte des Werkes und des
darin lebenden und davon ausgehenden Geistes mußten wenigstens diese Abänderungen
des Textbestandes angemerkt, bezw. aufgenommen werden. Auch für Unklarheiten
und Fehler ist der Nürnberger Text beigezogen, während eine durchgehende Ver¬
gleichung, die manchen Beitrag zur Kenntnis damaliger Sprache und Mundart
bieten würde, durch die Anlage dieser Sammlung ausgeschlossen war.
Zunächst ist die ganze Einleitung von N (unten S. 1—11) durch Johannes Meier
hinzugefügt, an Stelle einer kürzem von G, worin von den Verdiensten des Prediger¬
ordens, von der Gründung des Klosters Töß und dem strengen Lehm daselbst, sowie
von der Entstehung des Büchleins die Bede tuar (unten S. 12 — 16, nach G l a — 5 b ).
Dafür bringt Meier (dessen Arbeiten wir durch kleineren Druck kenntlich machen)
(unten S. 1 — 3,7) einen Prologus über das Nonnenleben, Angabe seiner Zutaten
(Vorrede, Leben der Verfasserin, Nachrede, Register);
(unten S. 3, 8—11,16) ein Leben Eisbet Stageis, meist nach dem Seusenbuch;
(unten S. 11,17 — 11, 35) eine Schlußrede mit Gebet an Eisbet.
Es folgen sodann die Lebensbeschreibungen der Nonnen, so zwar, daß von der
zweiten an die Reihenfolge nach G eingehalten ist, daß aber als erste die der
Mechthüt von Stans vorausgeht, die mit ihrer stattlichen Länge (G 78 a — 95 b ,
unten S. 60 — 69) und ihrem eingehenden Anfangszitat wie eine ursprünglich
selbständige Arbeit aussieht und in G erst gegen den Schluß hin erscheint: unmittel¬
bar vor der ebenfalls sehr ausführlichen (G 95 h — 114 a , unten S. 69 — 79) der
Jülzi Schdthasin und vor der Vita der ersten Laienschwester Ita Sülzerin. Der
Eingang der in G den Beigen eröffnenden Vita Itens von Wetzikon (In dem
süssen namen Ihesu Christi so vachent wir hie an usw.) spricht aber dafür, daß
G die ursprüngliche Anordnung der Verfasserin wiedergibt. Hierin stimmt weiter¬
hin N mit G überein; auch der Teod ist im ganzen der von G: einige Abweichungen
*) zB. 27* für dis kloster — korr. zu töss für das kloster; 50 a hie inn — korr. zü
tüss; 51* wir . . unser gutten bild — korr. sy ... ir gutten bild (hier ganz mechanisch und
unverständlich) usw. Anderes (besonders die durchgehende unvollständige Korrektur von [W]ir im
Anfang der Abschnitte) s. in den Lesarten.
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XVII
in den Eingängen verraten sich als Abänderungen dadurch, daß der häufige
einfache und sachgemäße Beginn Wir hattend och ain . . swester mehrfach
variiert erscheint; zB. 29* (unten S. 35, O 35 b ): Auch hatten wir; 29 b (unten S. 36,
O 37*): Die selige swester; 32* (unten S. 40, G 43*): Es was auch; 34* (unten
S. 43, G 48*): Die selige swester; 35* (unten S . 45, G 50*): Auch was ein; 36*
(unten 8. 46, G 52 b ): Die selige swester; 37* (unten 8. 47, G 54 b ): Es was auch;
37 b (unten 8. 48, G 55*): Hie was auch; 46* (unten S. 69, G 95 b ): Die selige
swester; 56* und 56 b (unten 8. 83, G 122 b , und 8 . 84, G — 124 b ): Auch hatten
wir; — offenbar in der Absicht, mehr Abwechslung in den sehr reichlich geplanten
Initialenschmuck zu bringen; eine Anzahl Kapitelanfänge mit W sind wohl aus
demselben Grunde lediglich mit rotem oder blauem Buchstaben W ohne Initialbild
bezeichnet: N 17 b (unten S. 20, G 10*), 24 b (unten 8. 29, G 26*), 26* (unten
S. 32, G 29 b ), 29* (unten 8. 35, G 35 b ), 34 b (unten S. 43, G 48 b ), 42* (unten
8. 65, G 67 b ), 55* (unten S. 82, G 120 b ), 57* (unten 8. 85, G 125 b ), 57 b (unten
S. 85, G 126 b ).
Die Einteilung in 33 Kapitel, die in N das Schwesternbuch (mit Ausschluß
des Lebens der Prinzessin Elisabet) aufweist, verrät sich als unursprünglich schon
dadurch, daß sie auf ein dem Werke der Stagel nicht angehöriges erstes Kapitel
(Prolog mit Leben der Verfasserin) auf gebaut ist, sowie dadurch, daß gelegentlich
eine selbständig gemeinte Vita, wie die der Beli von Sure, nicht besonders gezählt,
sondern mit der der Eisbet Zolnerin zu demselben Kapitel 15 gerechnet wird. Zusätze
des Redaktors J. Meier sind offenbar auch die Überschriften seiner Kapitel:
ziemlich nichtssagende und formelhafte Angaben des Inhalts mit Nennung der betr.
Schwester, zB. 42* Von den hoche genaden die do got der herr tet Swest*
Sophie von klingnaw. Das XXIIII G. gegenüber dem einfachen Titel von G 67 b ,
unten 102 ö : von der salgen S. Sophya vö klingenow.
Als Kap . 34 ist sodann in N eine ‘Beschließung’ und — zumeist wieder nach
dem Seusenbuch — ein Abschnitt über Mutter und Vater des Seusen nebst einer
Schlußvermahnung beigegeben (unten S. 95 — 98).
Auf das Schwestembuch, das nach dem Leben der Eisbet von Cellinlton
(CeUikon Ü, Tdlikon N) in G (und Ü) mit einem einfachen Deo gratias, in N
mit dem erwähnten 34. Kapitel und einem Expllcit vitas sororum usw. abgeschlossen
ist, folgt in allen drei alten Handschriften die ‘Legende ' der Königstochter Elisabet
von Ungarn , und zwar in G auf der unmittelbar anschließenden (obwohl bei der
[spätem] Paginatur als 150* statt 145* bezeichneten) Seite 329* ohne Überschrift,
aber mit Leerlassung von etwa 6 cm der Kolumne (in Ü auf derselben Seite mit
der Überschrift : Ton der salgen S. Eisbet von vnger vn edlen kungin), in N
auf derselben Seite LXVlI b mit der Überschrift: Hie fahet an die legende usw.
(unten 8. 98) und mit einer nach der Vorrede neu mit 1 beginnenden Kapitel¬
zählung (Ü hat von einer solchen nur einen Ansatz, indem am Schluß der Ein¬
leitung (unten 8. 99,11) die Überschrift steht: Das ander Capp[i/eZ]). Am Schluß
wird nach sämüichm 3 Hss. (G 187 b ff., Ü 183 • N LXXXU* b , unten 8. 120,
Deutsche Texte des Mittelalters VI B
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XVIII
3 — 18) die von etlichen Leuten misslich orfer zweiff liehen beurteilte 1 Legende 9 verteidigt
mit Berufung auf ein Gesicht, das nach dem Tod der ( Königin 9 eine Töfier Nonne
gehabt habe. Eine solche Verteidigung dünkt uns nicht in Elsbets Art; auch ist es
befremdlich, daß sie zwar das Leben der Prinzessin (deren Tod, 31. Okt. 1336, sie
um 23 Jahre überlebte) beschrieben, dagegen die mit Prinzessin Elisabet besonders
befreundete Schwester Elisabet von Baldegg, die 50 Jahre in Töß lebte und später
heilig gesprochen ward (Murer, Helv. Sancta 367), mit Stillschweigen sollte Über¬
gangen haben. Leicht könnte Eisbet Stagel zu jenen Leuten gehört haben, die der
Verherrlichung ihrer einstigen Klosterschwester Königin Elisabet kritisch gegenüber¬
stunden, während es wiederum Zeitgenossinnen gab, die diese wegen der Strenge
ihrer Hofmeisterin, der Frau von Bussnang (unten S. 101, 31), und der Härte ihrer
Stiefmutter Agnes (S. 100. 101 ff. 117) als Märtyrerin zu betrachten geneigt waren.
Nichts zwingt jedenfalls, die Stagel für die Verfasserin auch dieser Legende zu
halten, wie wir dies früher (Mystikerpaar 53) selbst getan haben. Gewisse allerdings
lediglich in G erscheinende Eigenheiten der Schreibung (Häufigkeit des Circumflexes,
den wir im Text beibehalten haben*) und der im Schwesternbuch auf das Wort £ und
wenige einzelnen Fälle — Eigennamen wie ölli, unten 24,21 — beschränkt ist)
lassen vielmehr auf verschiedene Schreiber und wohl auch Verfasser der beiden
Werke schließen.
Es kommt dazu, daß gegen Ende des Schwestembuches Spuren einer fremden
Fortsetzung oder nachträglichen fremden Redaktion außreten:
G 128 h (unten S. 86,31—87,4) spricht die Stagel noch in erster Person von
sich als Verfasserin, zu der die Heldin der bez. Biographie, Eisbet Bechlin, kommt;
in der unmittelbar folgenden letzten Vita, der der Eisbet von Cdlikon, heißt es
(G 140 b , unten S. 93,15 ff., vgl. 90,21; 91,5. 21 ff.), diese hätte die sälgen
Schwester Eisbeten Staglinum die dis ales von ir schraib gebeten, sie im Älter
zur strengen Beobachtung der Askese zu mahnen.**)
Um so eher wird man für die in den Hss. hierauf erst folgende Legende
der Prinzessin Elisabet von Ungarn, wo nirgend von einer der Schwestern als
Autorin die Rede ist, geneigt sein, eine andere Verfasserin als Eisbet Stagel anzu¬
nehmen. Für das letzte Kapitel des Schwesternbuches, für die Vita der Eisbet von
Tdlikon (Cdlinkon G), hat schon Johannes Meier wenigstens Ergänzungen durch
*) Der heutigen Mundart entsprechen die Verlängerungen vor r: w&r (= quis) 107,31 ; hör
(= exercitus) 115,37. — Einfluß fremder Mundart konnten schwankende Formen wie bietzen
103,2, überwunden 111,25 sein, ebenso dür (*= tür) 107, 36 (vgl. dagegen 108,2), fuss drit
115,19; sechschzehen 118,4; gesin 104,23, neben gewesen 104,32 und gewessen 108,1 ist
wohl auch sonst belegt.
**) Dagegen sieht freilich nachher (G 144*, unten 94, 32 ff.) die Beschuldigung der Schwester
die dis von ir geschriben hat, ihre Pflicht als Krankenwärterin über gottesdienstlicher Übung ver¬
säumt zu haben, wieder ganz wie eine Selbstanklage der gewissenhaften Verfasserin aus. — G 113 «
(unten S. 78, 99 und «dam.) sind, wie es scheint, die Spuren einer in erster Person erzählenden
Autobiographie zu tilgen vergessen worden.
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XIX
eine andere Schwester vermutet;*) einer solchen wird auch unsere Legende von
Königin Eisbet zuzuschreiben sein.
Mit dieser Legende der Prinzessin Elisabet ist Johannes Meier gegenüber dem
Text von G (und Ü) in bezug auf die Aufeinanderfolge der Teile ziemlich frei
verfahren.
Seine Vorrede zunächst setzt er zusammen 1. aus derjenigen von G (150 a —
151“, unten 98,31 — 99,14): Betrachtung über die Führung der Auserwählten zum
ewigen Leben, der J. Meier noch den in 0 vielleicht für die dort gelassene Lücke
von 6 cm bestimmten Text: Esto fidelis usw. vorangehen läßt, 2. aus einer
spätem Stelle von G (152 b — 153 b , unten 101, 1 — 18): Betrachtung Über das
Wirken Gottes in dieser Fürstin, die der h. Margareta von Ungarn an die Seite
gestellt wird und an der sich Gott besonders wunderbar bezeugt hat). Zu Kapitel 1
sodann ist vereinigt die ganze Vorgeschichte von Elisabets Klosterleben, die in G
durch die erwähnte zweite Betrachtung unterbrochen ist, G 151 a — 152 b , unten
99,14 — 100,22: Familiengeschichte bis zu der Erbauung Königsfeldens und der Ver¬
bringung Elisabets nach Töß, und G 153 b — 154 b , unten 101,19 — 102,3: Aufnahme
ins Kloster Töß im 13. Jahr, Weihe des Altars der Verkündigung Mariä und der
h. Elisabet; vorzeitige Einkleidung der Prinzessin; deren Hofmeisterin.
Die Kapitel 2—9 bei Johannes Meier geben sodann die Darstellung von G bis
zu der langen Krankheitsgeschichte der Heldin in der Anordnung des Originals
ziemlich genau wieder:
Kap. 2 = G 154 b — 156 a , unten 102,4—28: «türmische Brautwerbung Herzog
Heinrichs von Österreich, der in swaben land (G in dis land) kommt; Kampf
und Sieg Elisabets, der Gott die Heimsteuer gibt, die er seinem Sohne gegeben.
(Hierauf folgt in G noch, unten 102,28 — 103,2: Achtwndzwamigjährige Klosterzeit;
allgemeines Lob der Demut und willigen Armut dieser Braut Christi).
Kap. 3 = G 156 b — 158 b , unten 103, 3 — 104,3: Besuch der Stiefmutter Agnes;
der Dürftigkeit Elisabets wird durch Verleihung Öningens gesteuert. Kur in
Baden, Besuch in Königsfdden, Empfang in Zürich, Einsieddn, Töß. Klage Über
ihre Stiefmutter. Erneute Strenge gegen sich selbst.
Kap. 4 = G 158 b — 159 b , unten 104,4 — 21: Eifer im Beichten. Grober
Beichtiger; dessen Beschämung.
Kap. 5, vgl. G 156 b , unten 102,33 ff.: Bei ihrer Zartheit fällt ihr manches
schwerer als andern.
Kap. 6 = G 159 h — 162 b , unten 104, 22 — 106,15: Demut. Beue über ver¬
botenes Reden. Verhalten beim Kapitel, bei Tische usw. Gebete und Andachten.
Kap. 7 = G162 h — 164 b , unten 106,16 — 107,22: Eigene deutsche Gebete;
sieben Ave-Maria.
*) N 61 * unten: Dis Capitol beduncket mich [ich] hab nit gancz folet aus geschribS
Swestcr Elsbeth Staglin bcsund’ ein ander swest' hat dar zu gelegt vn es volpracht. Vnd
sagt vö d’ alten swest’ Elsbethe Teilikon vn von irem gutte lebe. Das XXXiij. C.
B*
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XX
Kap. 8 = G 164 b — 167°, unten 107,23 — 108,36: Im Gebet sieht man sie
ellenhoch über der Erde schweben. Gesichte von zweien, die sie betrübt haben.
Kap. 9 = G 167 a — 168 b , unten 109,1 — 28: Mitlidung. Mittrauer. Kranken¬
besuche.
Kap. 10 = G 168 b — 17l b , unten 109,29 — 111,12: Wunder: sie heilt durch
Berührung die lahme Hand einer Frau, löscht ein beim Bereiten von Bosenwasser
in Brand geratenes Ofenhäuschen durch das in einer löcherigen Wanne herbei¬
getragene Wasser.
Kap. 11 und 12 geben die in G S. 171 b —183 b (unten 111,13-117,15)
enthaltenen Abschnitte in verschränkter Stellung wieder, indem Kap. 11 zusammen¬
gesetzt ist aus G 17l b Unser her — 182 a der tod und 182 b Do sy nun
— 183 a trostes (unten 111,13—116,30: Lange Krankheitsprüfungen, durch die
Elisabet zum Tode vorbereitet wird, und 116, 38 — 117,9: Schönes Ende, Dank an
die Schwestern), Kap. 12 aus G 182 a Do nun die zit — 182 b vatters land und
183 a Und in dem andacht — 183 b beraitet ist (unten 116,31—38: Letztes Gebet
der ihres irdischen Vaterlandes Beraubten um Aufnahme in das ewige Vaterland,
bei geöffnetem Fenster, und 117,10 — 15: Tod als Ober gang ins bessere Leben).
Dazu fügt J. Meier als eigene Zutat die Aufforderung, die selig Verstorbene
um ihre Fürbitte anzurufen.
Das 13 . und Schlußkapitel J. Meiers entspricht den Seiten 183 b —188 a in G
(unten 117,16 — 120,18), doch mit wesentlichen Umstellungen. Es folgen sich hier
von dein unten gegebenen Texte: *.
118,20 — 119,12: Eine Tößer Schwester wird am Grab Elisabets,nach Begehung
des Dreißigsten, von zwei Krankheiten geheilt, eine andere vom Fieber (ritten)
befreit;
117,16 — 25: Klage des Konvents. Die Verstorbene bleibt 8 Tage unbegraben;
zur Leichenfeier kommt ihre Stiefmutter, der sie nachts erscheint ; was sie ihr aber
gesagt, muß mit Agnesens Herzen sterben, da es nicht mehr gutzumachen ist; doch
tut diese seither dem Kloster noch mehr Gutes als bisher;
118,15 — 20: Wundertätigkeit der Verstorbenen im allgemeinen;
118,1 — 14: Ihre alljährliche ganze Beichte; Zeugnis ihres Beichtigers;
119,13 — 120,18: Übertragung der Leiche in ein „gehauenes Grab (t , wobei jene
nach 30 Wochen noch unverwest gefunden wird. Nach Abfassung der Legende
erhebt sich vereinzelter Widerspruch; aber eine Tößer Schwester sieht im Traum
einen Mann in bischöflichetn Gewand vor dem Altar die Legende dem Konvent
und einer Schar zur Messe dienender Herren vorlesen und die Wahrheit des
Geschriebenen bezeugen.
Statt der in G 188 b 189 a (unten 121,11 — 19) noch folgenden Schlußvermahnung
(die zu Gott erhöhte Königin um ihre Fürbitte anzurufen: vgl. den Zusatz J. Meiers
hinte'r 117,15 unseres Textes) hat J. Meier hier eine andere, unmittelbar auf seine
Leserinnen, die Predigerordensschwestem, berechnete: Das Leben dieser Königs¬
tochter soll den Nonnen, die alle Vorteile des Ordens genießen, ohne solche Tugenden
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zu üben, ein Vorbild sein, dem Anfangswort der Legende (Esto fidelis usu\, s. o.)
nachzustreben und die Krone des ewigen Lebens zu gewinnen . — Daran schließt
J. Meier noch die Mitteilung der Grabschrift Elisabets.
Auch in der Elisabetenlegende ist wie im Schwesternbuch die Ordnung der Teile
samt der Kapiteleinteilung bei Johannes Meier unursprünglich; das Original hatte
diese nicht und jene nach G.
Hier in G verläuft nach der Vorrede die Erzählung der Vorgeschichte von
Elisabets Klosterleben zwanglos mit eingestreuter Betrachtung: in N ist diese bei
dem Erzähler durch das Schicksal der Königstochter hervor gerufene Betrachtung
mit der Vorrede verbunden, offenbar lediglich um die Erzählung nicht zu unter¬
brechen. Auch bei der zweiten Umstellung (Meiers Kap. 11 u. 12) scheint das
Streben nach Konzentration den Bearbeiter geleitet zu haben: er verspricht sich
offenbar mehr Wirkung, indem er das schöne Gebet Elisabets unmittelbar vor ihren
Tod rückt und den in G erst darauf folgenden Abschied von den Schwestern vor¬
aufnimmt. Ganz willkürlich offenbar sind sodann an die Zutat vom Anrufen der
Fürsprache der Seligen die zwei an ihrem Grab geschehenen Wunder angereiht,
wozu die ursprüngliche Einleitung (Elisabet als Wundertäterin, 118,15 — 20) dann ,
nachdem erst die Geschichte von der Beisetzung Elisabets und vom Besuch Agnesens
nachgetragen ist, völlig vereinzelt und unvermittelt nachfolgt. Die Mehrstellen
sodann (nach 117,15 und nach 120,18) ergeben sich als Zusätze J. Meiers schon
durch ihre seelsorgerliche Tendenz.
Unser Text des Schwesternbuches und der Elisabetenlegende gibt die Hs. G
wieder, mit folgenden Abweichungen von der hsl. Schreibung einer-, vom heutigen
mhd. Schreibgebrauch andrerseits :
Mhd. anlautendes u, in G gesclir. v: gedruckt u (vnd, vff, vn >
und, uff, un),*)
„ „ 3 , in 0 „ i: „ j (iar > jar).
„ „ ie, in G „ je, ie, ye: „ ie, ye (jemer, iemer > iemer;
yemer > yemer 40, 24).
„ 6 (ganz offenes e), in G bisw. gesclir. ä; in diesem Falle gedr. k (nicht,
geschlächt, tr&chen, salig). **)
„ äe, in G geschr. e und ä; gedr. e (wer [e], wert [= mhd. du wsere]
_ 75, 14. 15) und k (s;\ch 57, 23) ***)
*) vn = ün ist alamannisch (heute noch schaffhauserisch) = mhd. kn(e): 12, 7. i4, 6. 20. 20,3.
34, 12. 35,1.7. 50,21.35. 83,28; ebenso und nicht als zusammengesetztes Adj. ist wohl auch
un sorg 53, 27 aufzufassen.
**) das 4 in s&lig vermutlich bereits, wie heute in der Ma., kurz gesprochen: daneben erscheint ,
sicher mit kurzem a und e, salig 35, 4, salgen 35, 26 u. ö., selgy 25, 3.
***) Neben geb[e] 65, 15. 75,13 ; bete 57,3. 78,1\ stech, brech 74,3; geberd 85, 20; iemerlich
58, 27, wenen 65, 32 stehen getäte, tAti fprt. cj.J 59, 20. 68, 14, iämerlich 58, 27, sogar bati 50, 15;
dicht neben säch 57, 23: goseche 57, 21.
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XXII
Mhd. ö, in G geschr. fl;*) gedr. fl (götlich).
„ ce, in G geschr. fl: gedr. ö (frölich, töss > Töss).
„ ü, in G geschr. anl. v, irü. ü: gedr. ü (über, für).
„ iu (ü) in G geschr. anl. v, ird. ü: gedr. ü (üt,**) für).
„ ei, in G geschr. ai: gedr. ai (ain, hailig). ***)
„ uo, in G geschr. anl. v, inl. ft: gedr. ft (vbt > ftbt, gftt). f)
„ üe, in G geschr. anl. v, irü. ft: gedr. 4 (fbet > ftbet, gftty).
„ ou, in G geschr. o: gedr. o (och, og, bom [sg. u. pl. 12,17], globen, frow).
„ öu, in G geschr. ö, flw; gedr. fl, öw (fröd 71,10. 11, frflwlin 100, 12,
beschflwd 58,36); daneben auch in G geschr. und ebs. gedr.: o, ow
(frode 63, 35, frowlin 100,10). ff)
Der, wie es scheint, der Mundart von G gemäße Übergang von mhd. ä in 6
vor n|tt) beibehalten: tatend 23, 26 neben ton, geton (= getän) 23,5. 32; stat
23, 9 neben ston 24,1, stond 88, 2; gat 28, 24. 48,19 neben gon 25, 8; lasen
89,20 neben Ion 32,24, und neben un (= äne), s. o. (dagegen han stets) $);
auch nattren 23, 2 neben auder 18, 7. 66, 32. Die von späterer Hand herrührenden
Korrekturen von hat in hät (? 70, 35) oder hat (65, 8) sind nicht aufgenommen,
sondern bloß unter den Lesarten angemerkt. Der Mundart des Schreibers dagegen
gehört der Übergang i > ie vor r an: ieren (pr. poss.) 73, 38, ieren (neben irren
70, 27. 29) 61,14, wohl auch der Zwischenvokal in karaft 113,20, daruzft 118,6 .
Mhd. s, ss und z, zz, in G zu s (an - und inlautend f geschrieben) und seinen
Verdoppelungen (ss, ß) zusammengefallen , erscheinen im Druck als s, ss. Für
3 steht in G — und im Druck — nach langem Vokal bald das einfache, bald das
doppelte s, letzteres öfter auch im Auslaut: wis (= wf3e, zusammenfallend mit wis
= wise, 38,34) 31, 32. 34,27. 39, 4. 43,19. 111,19 (hier mit Circumfl. wts
geschr.), aber wissen acc. pl. (= wijen) 44,24, wo das zweite £ allerdings vom Miniator
gestrichen ist, während 58,12 von den wifen; ebenso gros 38, 6, grofe 59, 21, bfts
40,14, flos 31,8, nos 31, 20, hies 29, 30, lies (prt. ind. und cj.) 60, 4. 19,17,
*) HO, 37 erlceschint steht statt eines sekundären ö ein oe geschrieben.
**) = mhd. iut, iht, zB. 48, 27 ; daneben vnt > unt (u wohl kurz, vgl. alam. künsch < küsch)
27, 9. 47, 19. 49, 18 und heute noch schaffhauserisch nünt = mhd. niht, nichts.
***) daneben vereinzelt a in schan, erschan 31,31. 33.
t) aber häufig mit blossem u stund (prt. von ston) 23, 21. 24,18. 40,34. 45, 20. 46, 8. 49,16.
56,32 neben stund 14,15. 17,9. 23, 27; auch trug steht 54, 21. Vgl. ging neben sonstigen gieng 38,30.
tf) In dem Ortsnamen Elgeo 25,12. 40, 8, Ellgft 82, 19. 21 (neben Elgfl 24, 28. 44, 3)
scheint mit eo ft derselbe mhd. Diphthong öu gemeint zu sein ( ahd. Eilahgowa, heute noch Elggau
neben Elgg).
ttf) vereinzelt vor m: abnoment 112, 18.
§) Diesen Unterschied zwischen der jungem Zusammenziehung han und den alten Formen
wie st&n udgl. halten die nordostalam. Mundarten bis in die Gegend Eisbet^Stagels noch heute
fest: sti, gi, lA, mA (< m&ne), chA (< komen), aber hft; weiter südlich sind & und & zusammen¬
gefallen; weiter nördlich (in Schaffhausen) ist an zu ü geworden (stu, gü, lu, mü, aber hä), was bei
Eisbet auf un « äne) beschränkt erscheint.
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XXIII
naiswas 33, 5, flis 51,12, flisig 30, 21. 34,16, flisklich, fliseklichen 26, 7. 33.
29, 4, emsig 23,14, emseklich 62, 7, lasen 89, 20, verlasenhait 23,19, unm&sig
25, 7, fliefen 65,30, sAsikait 31,19, neben grosse, grosser 38,9. 59,23, sass 59,38,
hiess 28, 2, fliss 23, 8. 19. 37,1. 45, 30, flissig 23, 23, flissklich 37, 5, über-
mAsseklich 20, 6, sössenklich 35, 22, nach Kons, emsig 23,14, emseklich 67, 7
neben emssig 37,4, emssklich 29,22 (auch emschecklich 26,34). — ss steht auch für
mhd. einfaches s im Aus- und Inlaut: ross (= röse 42, 22), böss, bAssen 23,1.
22,16 (neben bösen 59,20), huss 59, 38. 66, 2 (neben hus 20, 5), spiss 20, 20
(neben spis 20, 19 und nebeneinander spiss nos 31,20), muss (= miuse) 46, 7,
gelass (= gclas) 30, 3, gewessen 118,15. Immer mit ss ((T) erscheint der Orts¬
name töss, immer mit s dis und das, sofern letzteres nicht archaistisch durch die
Abkürzung dz ausgedrückt ist, die wir in das auflösen; auch die entsprechende
Abkürzung wz (= mhd. waz), die nach bekannter falscher Analogie auch für mhd.
was steht, ist in beiden Fällen als was aufgelöst.
Das Schwanken zwischen ht und cht (moht 65,1 neben häufigerem mocht) ist
im Druck beibehalten, ebenso der ma. Abfall des ausl. t nach ch, insbesondere vor
Guttural: moch gon 51, 21, moch gedenken 52,12, rech gehes 57,15 (aber auch
andacli, do 24,16, andach begirlich 105,19, moch mit 59, 36, rech spielend 19,34,
gedach sy 25, 2 *). 87,10, frag sy 53, 40, folbracli sy 61,20 **), versöhmach
umb 102, 37) ***) und ebenso das durch falsche Analogie an ausl. ch, insbes. vor
Guttural f), angetretene t: ertricht gieng 75, 34, ertrich 4 ft) kumen 76, 30,
ertricht fft) gesteket 78,26, geselleklicht gegen 105, 6, gesacht dich 25, 3 8),
spracht do 34, 26, ocht etwenn 90, 7. Auf die heutige ma. Aussprache des st als
seht deuten Schreibungen wie vermist 26,17, erlostend 111,10 hin.
Die von G angewandten, im Druck aufgelösten Abkürzungen (Striche über der
Zeile) treten zumeist auf für n und m: vö, mesche, wen; volküen, erbaren; auch
für d in vn und vielleicht in mitlidenes 70,1, wo wir allerdings die regelm. Form -endes,
und wen 70,5, wo wir die heutige alam. Form wend « mhd. wellent) nicht einzu-
setzen gewagt haben ; für b in kumer 37,3, gedr. kumber, und in vm, gedr. umb, da¬
gegen, wie es scheint, für m in darü 56, 20. 23, warn 34, 7, gedr. darum, warum,
versehentlich darumb 33,14; für e in geborn 12, 5. 75,1, gedr. geboren; ain-
gebornen 50, 8; 68, 31, gedr. aingeborenen, obwohl auch -rnn- möglich wäre. —
Einfaches n ist, wie es scheint, auch nur zu ergänzen in mi 38, 34, gedr. min
*) hier im Druck versehentlich t ergänzt
**) Vgl. noch gesellschaff die 115,1; satz, der 12,14 ; dunk das 49,2; Abfall von d: an dank
(= and d.) 115,29 ; im Worte : anren 105, 17; grnnlos 116,24; mäglich 107,6.
***) hier ist das abgefallene t nachträglich übergeschrieben.
t) ma. auch sonst, zB. in Schaffhausen Licht (= lieb, Leiche), schwäb. -licht « lieh):
Weinhold, Mhd. Gr. § 194.
tt) das t nachtr. übergeschrieben.
ttt) das Wort gestrichen und neu ertrich daneben geschrieben.
§) Das t hätte wohl im Druck bleiben können.
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XXIV
(= mhd. minne), mioklich 36,18. 22, mirich 28, 5, gemitle 12, 3, wogegen aller -
dinge miü 43,1, minender 33, 23 in Formen mit nn aufzulösen warm. Für nü
62, 35 bietet das gleich in 36 folgende nun die richtige Auflösung. — Außerdem
begegnen noch die üblichen Abkürzungen im Lateinischen wie oras = omnes, xps
für Christus, sodann — regelmäßig als Titel und meist auch als Appellativ —
• S • = Schwester; S bedeutet aber auch ‘Sanctus’ und war nach 23, 32. 24, 4 u. ö.,
wo es amgeschrieben erscheint , als Sant aufzulösen.
Der Schreiber von O hat die alam., noch heute geltendm -i der Endungen häufig,
doch nicht durchgehend, (als i, y) beibehalten, worin wir ihm folgen: küssy 26, 12,
underliby 37,12; hetti 56,18. 65,19 dicht neben befunde 56,17. 65, 21; aber
befundy 41, 7; wölty, sölty, wurdy 27, 15.16. 20; sogar bati 50,15 aus bäte
korrigiert; mit nüti 59,19 und mit nüty 33, 5 gegen mit nüte 56, 26. Aus dem
vollen dienotind 44, 26 ist durch Korrektur dienetind gemacht und bei der Wieder¬
holung dinetind gesetzt.
Auch die heute noch in der Nordostschweiz (als -ed, -id, -end) erhaltenen flek¬
tierten Dative des Infinitivs auf -end, -ent sind in G und danach bei uns, obwohl
nicht durchweg, gewahrt: zehörend 14, 2, aber in derselben Zeile zesagen; zesechent
vnd och ze essend 20,20; ze wirken* (das t nachträglich zugesetzt) 12,7; zetüend
23,17. — Ma. ist ferner das st. Trat. 2. Sg. Ind. auf t mit i- Umlaut: du wert 75,14.15,
sodann allen als n. sg. m. 49,12 (vgl. der 57, 9 u. Anm.), ebenso -ing für -ung in
übing 21, wonach auch manug belassen ist (die heutige Form ist -ig, in Schaff-
harnen -ing). Vermischung von Konjugationsklassen nach G bei schliege 65, 17,
erzaig 104, 23 (oder Verschreibung für erzaigt?).
Umlaut und Nichtumlaut (bei Synkope) im schw. Vb.: vbet, do vbt 20, 6 .
Zusammengesetzte Worte sind in G häufig getrennt, was wir durch (kleinern)
Zwischenraum wieder geben: werkhus, redvenster, hobtküssy, hörhorn und herhorn
34,8. 39,25, underliby 37, 12, über süss 41,24; belassen ist hsl. Trennung von
davon u. dgl. 37, 23. 25 u. ö.
ln G gegen unsern Gebrauch zusammengeschriebene Worte dagegen sind eben¬
falls durch kleinern Zwischenraum getrennt: ze sagen, zetünd.
Absätze sind selten und durch große rote Anfangsbuchstaben (im Druck Fett¬
schrift) ausgezeichnet. (Der Druck macht außerdem solche nach Bedürfnis: s. u.
S. 17). Lateinstellen, Eigennamen und einzelne Ausdrücke sind meist durch rote
Unterstreichung (im Druck Sperrschrift) hervor gehoben; die Titel sind ganz rot (im
Druck fett).
Vereinzelte Abweichungen unseres Druckes von der hsl. Schreibung (bei offen¬
baren Irrungen) sind durch Kursivdruck kenntlich gemacht. Doch bezieht sich das
nicht auf jene durchgehenden Korrekturen des Miniators von G, die insbesondere die
Beziehungen auf Töß, obwohl nicht ganz vollständig, beseitigt haben (oben S. V*).
Diese roten Korrekturen sind in den Apparat, nicht aber in den Text aufgenommen
worden. Dagegen geschieht dies mit den schwarzen, vom ersten Schreiber herrühren¬
den Besserungen, wobei die erste Lesart, wenn sie nicht bloße gleichgültige Ver-
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XXV
Schreibung ist, im Apparat vermerkt wird: 59,11 tnä, korrigiert in herr; 12 als,
nachträglich getilgt.
Da der Druck eigene Interpunktion einführt, sind die in der Handschrift zur
Gliederung verwendeten größeren Buchstaben, die meist auch miniiert sind, nicht
besonders gekennzeichnet worden: die Schriftnachbildung gibt eine ausreichende Vor¬
stellung davon.
Von den Übrigen Hss. lieferte die Nürnberger (N) allein die Vorrede (S. 1 — 11)
und den Beschluß (S. 95 — 98) des Bruders Johannes Meier von 1454, nebst der
abgeänderten Schlußvermahnung (8.120 f.) desselben Abschreibers. Der in Nürnberg
schreibende Zürcher zeigt in Mundart und Schreibung Abweichungen von G und
dem Mhd., die unser Abdruck der bez. Abschnitte wieder gibt:
Mhd. 1 > ei ey, wodurch mhd. i und ei zusammenfallen (mein, sey — ein,
heilig, heylig); doch kommen vereinzelt lyden 1, 7, lichtfertikeit
I, 11. 21 (daneben leichtfertikeit 2, 2), bettkemerlin 1, 7
(daneben büchlein, binlein 3, 21. 4,12) vor.
„ ü > au, zusammengefallen mit mhd. ou (auf, lauter, hauß, raumen).
„ iu (d) > eu, eü, ew, ew, ew, zusammengefallen mit mhd. öu (freund 8,25,
Seusse 5, 7, teutzsch öfter, Seüsse 4, 19, eüsserlich 9, 26,
kreücz 9,15, teücz 3,17, frewnd 5, 33, krewcz 8, 25, lewcht
II, 10, ewr öfter, getrew 120,20. 29. 34, frewnd 4, 7, tSwtzsch
3, 20; daneben tützsch u. a.).
„ ie > i (d. h. i) (über 6, 5. 38,23, nissen 121,15, sichtage 9,14; da¬
neben meist lieb 120, 35, iecklich 6, 31, geniessen 7,16).
„ uo > u (d. h. ü) (muter 3, 24, mut 6, 6, tun 6, 3*), lug 9,2, prüder
4,18); daneben ü (büch 1, 2, süchen 3, 5, brüder, sg. 4,24,
pl. 4, 7); bei w verkürzte Schreibung: uow > w (rw 120, 25,
rwlein 6, 28, neben unruwe 9, 6 und ru 10, 30).
„ üe > ü, w (d. h. wohl ü, nicht üe) (fügen 8,14, mülich 8,18, prüder
pl. 4, 7; frw öfter).
„ ou > ou, au, aw (zusammengefallen mit mhd. ü), in Verbindung mit
w: > aw (tougni 6, 29, Urlaub 10, 26, trawm 5,15; frawe
1, 5, getrawen 7,13).
„ öu > §w, zusammengefallen mit mhd. iu (fröwd 5,18).
„ ö und oe sind wenigstens in der Schreibung zusammengefallen (götüch —
fröüch, Töss).
„ u > oft ü (wünder 2,16, jüng 3, 30, nün 4, 3T).
*) einmal inf. geton 5, 25.
Deutsche Texte des Mittelaltere VI. Q
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XXVI
Mhd. ü > ü, w (über, für, lüstlich 9, 25 neben für, lustlich).
„ ä > 6, neben ä (worent 4,14, geton 7,19. 22 neben getan 7, 8, gedocht
11,14, dor ab 4, 27, genoden 1,18, begnoden 10, 20 neben
genade 7, 22. 23).
„ 8e > e (andechtig 2,10, were 11,12, sprech 10,19).
Neben diesem meist mitteldeutschen Vokalstand zeigt Johannes Meier in den
Konsonanten die bayrische Schreibung p neben b im Anl.: puch 10, 6.7. 8 , pis 6,13,
furpas 6, 1.13, pei 7, 4, pild 5, 33, ploss 5, 22, prüder 7, 4 u. ö; ferner cz für
und neben z, tz (leczen 8, 34, hercze 9, 6, geczogen 9, 28, uncz 8, 31).
Absätze sind auch hier fast keine gemacht, die Hauptabschnitte durch farbige
Initialen, einzelne Satz- und Wortanfänge durch rote Strichelung des Anfangsbuch¬
stabens oder der beiden ersten Buchstaben hervor gehoben. Wir wenden hiefür Fett¬
druck an, ebenso wie für die ganz roten Titelworte, während rot unterstrichene ge¬
sperrt gedruckt sind.
N ändert häufig im Nebensatze die Wortstellung nach modernem (wohl damaligem
mitteldeutschem) Gebrauch:
hatt gewonet 14, 12 — g. h.
ab tisch gieng hungriger 14,14 — h. a. t. g.
das sy es von andacht tätt und von ainem minenden hertzen 27,16. 17
— d. s. e. v. a. u. v. e. m. h. t.;
und im Hauptsatze:
hüt sich vor aller verlasenheit mit fliss 27,14.15 — h. s. m. f. v. a. v.
N war neben dem ältem G in erster Linie für eine Ausgabe beizuziehen, weil
es mit seinen Zusätzen und Abänderungen und in seiner mitteldeutschen Mundart
ein wichtiger Beleg für die Wertschätzung von Eisbet Stageis Werk noch am Schluß
des Mittelalters, sowie für die geistigen Zusammenhänge dieser Zeit ist, vermöge
deren damals ein Zürcher in Nürnberg seine Mitbürgerin dort einführen konnte als
swester Elysabcth Staglin von Zürich von dem closter Töss prediger Ordens
tftczscher provincie.
Bern, im Sommer 1904.
Ferdinand Vetter.
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Vorrede des Bruders Johannes Meier.
[ 2 <*] ln dem namen Ihesu Christi der ewigen wishait facht an der prologus oder
die Vorrede in das bttch der seligen swestern prediger Ordens von dem closter Tttsse.
Mundam servavi animam meam ab omni concupiscencia, Thobie
tercio capitulo. Dise wort stand geschriben in dem bttch Thobie in der
dritten nnderscheid, und die schöne andechtige jungfrawe Sara Ragwelis tochter 5
sprach si ztt unserem herren in irem heimlichen bettkemerlin, do sy in grosser
betrübt, kumer und lyden was; der meynung also ist: Reyn hab ich behalten
mein sei von aller unzimlicher begirlicheit. Und sprach auch furpas me: Et
nunquam cum ludentibus miscui me neque cum hiis qui in leni-
tate ambulant: und hab nie mich vermischet under die da unzimlichen 10
schimpflY2&/ en sind, noch auch under die da in sttntlicher lichtfertikeit wonen
sind.
Also mag auch wol ain ieckliche swester sprechen von prediger orden, die
den heyligen orden wol und löblichen gehalten hatt von dem ersten ingang in
den orden und in das closter byss an daz ende ires tötlichen lebens, so si 15
under die heiligen und engel kumpt in dem himelischen hoff für den kunig
der eren: Mundam servavi animam meam: Herre Ihesu Christe, dir sey
geseit genad und danck und ewiges lob; wan von deinen genoden hab ich
mein sei reyn behalten in der sorgklichen weit vor aller unzimlichen begir¬
licheit, und hab mich nie vermischet under die da mit unzimlicheit des schimpffes 20
der Sünden umbgangen sind, noch under die da in lichtfertikeit des Schadens
ir selbs eygen seien gewonet hand.
Wie aber gar vil swestren in prediger orden in manigfaltigen clöstren und
in mengen landen gar in grosser heiliger tapfferheit in dem orden gelebt hand,
1. Statt der ursprünglichen Vorrede , 0 l r —5 * [unten 12 — 16], bietet N die folgende Vorrede
des Bruders Johannes Meier (1454) mit desselben Leben der Verfasserin,
1 In bis 2,11 provincie (Überschrift , Betrachtung über das Nonnenleben nach Tob. 3 , und Über¬
gang zu Schwester Eisbet): selbständige Einleitung Johannes Meiers, 5. ragnelis N, 23. Clöft’ N-,
l. clöstem ?
4. 5. Tob, 3,16, 8 bis 12. Tob. 3 , 17.
Deutsche Texte des Mittelalters VL 1
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2
Vorrede Johannes Meiers.
und lautter und rein ir sei Got von aller [2c] unzimlicher begirlicheit behalten
hand, und sich behüttet hand vor allen den die da in süntlicher leichtfertikeit
gewonet hand: des hand wir gar vil gelesen in geschrifft und auch von andren
gehört sagen, wie in vil lenderen und swesterclöster gar manigfaltige bticher
5 sein die da melden das heylig geistlich andechtig leben der seligen swestren
prediger Ordens. Und solliche geschrifft oder bücher sind gemeinlichen gemachet
von etlichen geübten geistlichen brüder oder swesteren prediger Ordens, als si
denn söllichs mit gar gütter gezeugniss von iren vorderen erfaren hatten oder
auch mit ir selbs person das gemercket oder gesehen hatten.
10 Und also hat auch getan die selige, weise, andechtige swester Elysabeth
Staglin von Zürich von dem closter Tösse prediger ordens tützscher provincie.
In dem closter wonete sy under den swestren als ein Spiegel aller tagenden,
das si mit fleis und sunder minn mit irem krancken leib diss gegenwürtig buch
zesamen gefügt, geschrib/2<*/en und gemacht hatt, das da zu einem teil seit von
15 dem seligen leben etlicher vergangener seligen swestren ires closters Tösse,
und was grossen wünders Got der herre mit inen würcken was, das do vil
reisslich ist zu andacht allen guthertzigen swestren. Und von deswegen das
diss gegenwürtig büch fürhin dester tröstlicher und dester nützlicher werde
und das es auch dester ördenlicher und bas stände, darumb so hab ich, Got
20 zü einem ewigen lob und allen swestren für die dis büch wiird körnen, ze
7. brüd’ so; wohl *gemeinsame Flexion* mit swesteren. 12 In bis 17 swestren ( Suso:
menschen) aus Suso (Den. /, 142 , Eins. 62a). 17. swestren N] monschen Suso. 17 Und bis 3,7
Explicit prologus (Angabe der Zutaten des Schreibers: Vorrede, Leben Elsbets , Nachrede , Register):
selbständige Bemerkung Johannes Meiers .
11. Staglin , als weibliche Bildung zu dem Oeschlechtsnamen Stagel , ist von Späteren (Murer,
Helv. sancta 315. 367) zu Steiglin und Stehelein entstellt worden. Die längst ausgestorbene
Familie Stagel in Zürich erscheint 1267 als Guttäterin des neuerrichteten Augustiner-Klosters daselbst ,
wo sie ihr Begräbnis hatte (Leu, Helv. Lex. XVU , 491 ; Mystiker paar 52), Rudolf Stagel (vermutlich
Elsbets Vater) 1314 als Zeuge bei der Aufnahme der Schwestern Schafeli ins Kloster ötenbach , wo
auch eine Nonne Elisa bet Stagel lebte , Otto Stagel und dessen Sohn Otto 1348 (wold Bruder und
Neffe Elsbets) als Stifter einer Jahrzeit in Töß. f Ruodolfus Stagel am Rindermarcht’ ist 1307Zeuge
neben *Jacobus Nobilis de Warte ’ [bei Töß] und * Burch. Schaflinus\ 1313 werden Rudolf
und seine Söhne Fridrich und Otto , ‘die Metzre', durch Herzog Lüpolt mit der Fleischbank
belehnt. 1292 erscheinen Rudolf der ältere und der jung er e; einer von ihnen hat eine Frau Mar¬
gareta: diese ist wahrscheinlich Elsbets Mutter. Einer der beiden Rudolf gehört 1306 , ein Kunrat —
der Bruder der ötenbacher Nonne — 1329 dem Rate an, ebenso ein Fridrich 1339. Spätere
Glieder des Geschlechts: Leu , Lex. a. a. 0.; Mystikerpaar 52. EUsbet scheint die Tochter des Ratsherrn
Rudolf und seiner Gattin Margareta , die Schwester der Metzger Fridrich und Otto gewesen zu sein ,
laut einer wahrscheinlich eigenhändigen Bemerkung in einer Abschrift von Betrachtungen des Bruders
Johann von Ravensburg , die aus Töß durch Schenkung des Johann Friker aus Luzern 1378 ins
Frauenkloster von Engelberg und von hier in das von Samen gekommen ist. (Mittig. Ths. v. Liebenau\
Mystikerpaar 52): Gedenkent dvr got • S • [swester] Elyzabeten ftaglin ze toez in dem klofter
vnd ir vatter Ruodolfen, Margareten ir muoter, vnd drier ir bruoder, Fridrichef, Otten, vnd
Rnodolfes. Gedenkent ouch einef Bredierf hies Brnoder Johans von Rauenfpurg, von dem
man vch [ouch ?] den meiften teil an dif buoch gab. Eisbet scheint um den Anfang des 14. Jahr¬
hunderts geboren und um 1360 gestorben zu sein .
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Vorrede Johannes Meiers: EUbet StageU Leben.
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trost, dise vorred gemaehet in dis buch, und in dem anfang desselben buchs
so hab ich das heilig leben der obgenanten swester Eisbethen geschriben, und
die nachred oder die beschliessung diss büches, das es dester volkommener sey,
hab ich auch gemaehet, und das man der seligen swestren leben dester e finde,
so man es sticht, so hab ich auch mit gezälten cappittelen ein regyster über dis
btich gemaehet.
Explicit prologus.
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ß a ] Hie hebt oder facht sich an das buch der swestren leben prediger Ordens
von dem closter von Ttfsse, das da leit in tützschen land. Und von ersten sagt
es von dem heiligen leben der seligen swester Elysabeth Staglin: Das erste io
capiteL Die vorred in swester Eisbethen leben.
Sapiens mwlier edificat domum suam; proverbiorum XIIII. Diss wort
schreibt der weise kunig Solomon in dem buch der Sprüchen an der XIIII under-
scheide, und sint wol vor geweissaget und werdent auch eygenlichen zugelegt
der weisen frawen, ja der heiligen jungfrawen, und swester Elisabeth Staglin 15
von Zürich prediger Ordens von dem closter genant Ttfsse, welch/3tyer wort
mevnung also ze teücz lauten ist: Ein weise fraw die ist auffrichten und bawen
ir hauss. Diss hat wol geton die weise selige swester also das sie mit leben
und mit 1er das hauss irs closters wol aufgericht hat und doby auch manig
ander closter in töwtzschem land mit dem lemunden ires guten lebens und mit 20
der geschrift ir guten büehlein, die si gemacht und zesamen gefügt hatt und
auch gehauen und zu geistlicherem leben aufgericht hat. Und darumb das ir
beserliches leben und . . . nit sei hinsleichen, darumb so hab ich gedacht
Got dem herren und seiner gesegenten muter zu einem lob und den menschen,
besunder den swestren prediger ordens zu einer nützlichen besserung irs lebens, 25
ze schreiben das leben zu einem teil derselben seligen swester Elisabeth, als
vil [3c] ich das selb ersucht und erfunden hab.
Hie facht an ir seliges leben.
Dise selige swester Elisabet Staglin die was bürtig von der stat Zürich Con-
stanzer bistum von gutem riterlichen geschlechte. Und in iren jüngen tagen 30
do ward si Got dem herren geopffert in ein geistliches leben in prediger orden
in ein closter genant Tösse. Und nach dem als ire kintliche tage sich vergangen
hetten und in dem orden bestetiget was und gehorsamkeit geton und verheissen
hat, do ward ir ördenliches wol geschicktes leben eigenlich geezogen durch
die rechten mitel, also das si ward gar geistreicher vernüftigkeit und auch 35
8 Hi© bis 4,1 richten ( Überschrift, Betrachtung über Elsbets Leben nach Prov. 14 , allgemeines Lob
der Zürcherin Eisbet und deren Eintritt ins Kloster ): selbständige Zutat Johannes Meiers. 12. S mit
Miniatur: Schwester EUbet im Ordensgewand, auf hochlehnigem Katheder siteend, schreibt (mit der
Linken) in das vor ihr auf dem Pult liegende liniierte Buch N. 12. mülier N. 16. hier und weiterhin
(4,/4) Toffe N. 23. Hier ist nach und (wo eine Lücke) mindestens ein Wort ausgefallen: sterben?
12. Prov . Sal. 14,1.
1 *
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Vorrede Johannes Meiers: Eisbet Stageis Leben.
wol kond verstan hoche geistliche ding und ir leben darnach richten. Der
edel ker den si nam zu Got mit herczen und sei, was so kreftig das ir
enpdelent alle weltliche süntliche üppige [3*] Sachen, do mit sich manger mentsch
säumet seiner ewigen selikeit. Aber aller ir fleiß was stellen nach geistlicher
5 lere, mit der sy mocht geweist werden zu einem seligen volkommenen leben,
darnach alle ir begird rang. Si gewan kuntschaft etlicher weisen gelerten
heiligen Gottes fröwnden, besunder der seligen brüder die da warent von irem
heiligen prediger orden; under den gewan sy kuntschaft dess heiligen hohen
• meisters bruder Erckardus, von dem, und auch von etlichen andren mer, si gar
10 vil gtiter nüczlicher 1er enpfleng. Allso schreib si an, wo ir von sollichen seligen
Personen icht lüstliches werden mocht, das sy und andre menschen gefürderen
möcht zu gotlichen tügenden. Si tet als die gewirbigen binlein, die das süss
honig aus den manigfeltigen blumen eintragend. Und wiewol das was das zu
iren ß a ] zeitten vil seliger swester worent in dem closter Tösse, so was si doch
15 mit heiliger furnemikeit die andren übertreffen, und lewcht gar clärlichen under
in als ein Spiegel aller tügenden.
Nun lebte in derselben zeit ein vil heiliger man prediger ordens von dem
covent ze Constantz; des namen geheissen was prüder Heinrich, und nach dem
gemeinen namen so nennent wir in den Seüssen. Und nit allein was er tiber-
20 treffen an hochen tügenden und an überswencklicher heylikeit, sunder auch so
was er fürnem an gütlicher kunst der heiligen geschrifft und an Weisheit heil¬
samer 1er. Und das was in sünderheit sein begird das er möchte heissen und
sein ein diener der ewigen Weisheit. Do nun die selbe selige swester Elisabet
küntsam gewan des selben heiligen brüder prediger ordens, do ward sy von
25 Got mit grosser andacht [4*>] zu seinem leben und zu seiner 1er getriben. Nun
was aber dise swester gar ein arbeitseliger leidender mensch; darümb begert
sy oft von im, das er ir etwass sagt von leiden ausser eigner enpfindung, dor ab
ir leidendes hertz ein krafft möcht nemen, und das treib si vil zeit mit im,
wenn er zu ir kom. Also zog dise swester dem guten bruder mit heimlichen
80 fragen die weiss seines anvanges und fürganges und etlich übunge und leiden
die er hat gehabt, aus. Nün west er ir meinung nit grüntlichen und sagt es
ir allein zu einer pesserung in gütlicher heimlikeit; also schreib sy alles an, ir
1 Der bis 6 rang aus Suso (Den. 1, 141 f., Eins. 61 <*. 62 «). 6. trang N. 6 Si bis 10 empfieng
( Verkehr mit Gottes freunden aus dem Predigerorden, insbesondere mit Meister 4 Erckardus*): selbständige
Zutat Johannes Meiers auf Grund der Erwähnung von Eckhart-Studien Elsbets bei Suso (Den. 145,
Eins. 63 ®: meister egghard). 10 Allso bis 13 eintragend aus Suso (Den. /, 142, Eins. 62*).
13 Und wiewol bis 22 heilsamer 1er (Hervorhebung Elsbets unter den Toßer Schwestern , Einführung
und allgemeines Lob Susos): selbständige Zutat Johannes Meiers. 16. Dieser Susonische Ausdruck
schon oben S. 2 Zeile 12, s. d. 22 begird bis 23 Weisheit aus Suso (Den. 1 , 13, Eins. 24 <?).
23 Do bis 26 mensch eusammengearbeitet aus Suso (Den. I, 142 , Eins. 62* und Den . 1, 13, Eins. 24 «).
26 begert bis 5,6 wänte aus Suso (Den. /, 13 f., Eins . 24 cd). 31. Die Entschuldigung, daß
Suso die Absicht Elsbets nicht gekannt, ist Zutat Johannes Meiers.
12. binlein] Die Vergleichung der gelehrten Nonnen, die sich von allen Seiten her Kenntnisse
sammeln, mit fleißigen Bienen schon bei Aldhelm, De laudibus virginitatis (ed. Giles, Oxf. 1844)
Kap. 4. (Ebert, Gesch. d. ehr.-lat. Litt. 587). 23. Ewige Weisheit, Aeterna sapientia, ist Susos
Ausdruck für Gott und Christus.
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Vorrede Johannes Meiers: Eisbet Stageis Leben.
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und andren menschen zu einem behelfen, und tet das verborgenlichen vor im. •
Darnach da er diser geistlichen diepstal innen ward, do bestraft er sy dartimb
und must es im heraus geben. Er nam es und verprant ess alles das im do
ward. Do im das ander teil [4 c ] auch ward und es auch verprant wolt haben,
do ward es im understanden mit himelischer potschaft von Got, die im do 5
geschah, die das wÄnte Also macht sy dar nach ein schönes puch dar auss, das
wir mit gemeinem namen nennent das Seussen puch. Aber von des wegen,
wann er sy überleben was, do kam das selb puch dar nach für in; do was er
es richten zu einer rechten form, und schreib etliche gute dinck mer dar zu in
irem namen. Do die swester aber nochten het die geschrift in sexsternen ver- 10
porgenlichen in einem geheym, do gab sy es ze behalten und zu verpergen
einer ander swester in ein beschlossen laden. Also kom ein ander güte swester
zu der die es behalten het, und sprach: ‘Eia, liebe swester, was hast du ver-
porgens götliches Wunders in deiner laden? Lug, mir was heinnacht vor in
einem trawm das ein jünger himelischer kn ab stünde in deiner laden [44], und 15
hat der ein süsses seittenspil in seiner hant, das man nent ein röböblein, und
do machet er auf ein geistlichen reien; der ward als reisslich das menigklich
do von lust und geistliche fröwd empfieng. Ich pite dich, gib es herfur das
du beschlossen hast, das wir andren es auch lesend. Sy sweig und wolt ir
do von nit sagen, wann es ir verpoten was. * 20
In dem ersten anfang diser seligen swester Elisabeten wurdent ir ein¬
getragen gar hoche, vernüftige, überswenckliche sinne von der plossen gotheit,
von aller dingen nichtikeit, von sein selbes in das nicht gelassenheit, von aller
pilden pildlossikeit und von manigfaltigen sollichen synnen. Die 1er was gut
in ir selbs, aber sy kond im nit geton, wann hinder sölichem so möchte grosser 25
verporgner schad ligen einfältigen und anfahenden menschen. Also begert dise
swester von dem seligen vater Heinrich, dem dien er der ewigen Weisheit, das
er ir in söllichem [5*] ze hilff kerne und grobe 1er under wegen liesse und ir
von hochen sinnen schribe. Er antwortet ir also: ‘Rechte selikeit leit nit an
schönen Worten, sy leit an gutten wercken; fragest du aber nach söllichen 30
hohen Sachen durch eines leblichen ervolgens willen, so rat ich dir doch das
du davon lassest, und nim sölliches für dich das dir gemesse sei, wan du
scheinst noch ein ungeübte swester, und nim für dich das pild der frewnden
Gottes, wie sich die des ersten mit Christus leben und leiden üpten, wann also
6 Also bis 8 für in ( das ‘ Seusenbuch’ kommt nach Elsbets Tod an Suso): ergänzende Zutat
Johannes Meiers . 8 do was bis 10 namen, vgl Suso (Den. /, 14, Eins. 24*): Etwas guoter
lere ward och nach ir tod in ir person von im darzuo geleit. 10 Do bis 20 was, vgl. Suso
(Den. 166f., Eins. 69 a ) und Einleitung zu Suso (Den. /, 7, Eins. 23). 10. fwelt’en N.
10. ten zu noch am Rande nachgetragen N. 10. sexsternen ] In der Einleitung zu Suso (Den. I, 7,
Eins. 23*) ist von den quaternen diss ersten sinnerichen bnoches die Rede. 12. einer and* N ;
l.: e. andern? 21 In bis 6,13 kunsten aus Suso (Den. I, 143 — 145 , Eins. 62<*—*) mit einigen
Kürzungen, und mit Abänderung der Stellen , wo der Verkehr Elsbets mit Suso als ein brieflicher be¬
zeichnet ist , 8. unten 26 f. (Eins. 62*>): Si schreib dem diener. 29. Eins. 62*>: Der diener
schreib ir hin wider also.
16. röböblein] Den. /, 167: afrz. rebec, it. ribeba, dreisaitige Zither oder Oeige. Vgl. Zwing -
liana (Zürich 1902) Heft 9: 4 Das Rabögli, ein von Zwingli gespieltes Musikinstrumenf.
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Vorrede Johannes Meiers: Eisbet Stageis Leben.
wirt ein anfallender mensch gereisset und furpasser geweiset in das nechst ze
komen. Wiewol das ist, das Got der herr sölliches einem menschen in einem
augenplick geben möchte, das pfligt er aber nit gewönlichen ze tun. Es muss
aber gemeinlichen erlitten und erstritten und erarnet werden.’ Sy sprach zu
5 im also: ‘Liber vater, wissent, das mein begird [5*] nit stat nach klugen wortten,
sy stat nach heiligem leben, und das han ich mut recht und redlichen ze
erfolgen, wie we das immer mag getun, es sei leiden, meiden oder sterben oder
was das ist das mich zu dem nechsten pringen mag, das mus volhertet werden.
Und erschreckent nit ab meiner krancken, zartten, fröwlichen natur, wann was
10 ir getürent geheissen, das der natur we tut, das getar ich erfolgen mit der hilff
Gottes. Und fahent an des ersten pei dem nidersten und weisent mich hindurch,
als man ein junges schulerlein des ersten leret das zu der kintheit hört, und
ess aber und aber furpaser weisset pis es selber wird ein meister der kunsten.’
Also vieng der heilig vater an und was die selige swester Elisabet an weisen
15 zu einem anfahenden gutten leben, und weiset sy unter andern dingen das sy
des ersten räumte ir gewissen mit einer ganczen lauter peicht, und also das si
mit guttem [5c] Heiss der peicht rewte nach ir vermüglicheit, also das ir ir sünd
vergeben würden von Got vor dem peichtiger, als der lieben sant Maria
Magdalenen geschah. Auff disen heilsamen guten rat viel die selige swester
20 mit begird und meint das ir der selb heilig vater der peste wer, das sy im
peicht tet. Nu lagent die Sachen also das die peicht mit wortten nit mochte
geschehen. Do nam sy alles ir leben her für, das in der warheit rein und
lautter was, und wo sy sich yendert hat nach irem sinn verschuldet, das schreib
si an ein gross wechsin tafel und sant im die also beschlossen und pat in das
25 er ir aplas sprech über ir sünd. Also fügt es sich desselben morgens frü, do
der heilig vater die tafel noch nit enpfangen hat und auch noch nit von der
Sachen west und er an seinem andechtigen gepet was und nach dem gepet sich
saczt in [5* ] ein stilles rwlein, do kam er in ein Vergangenheit der aussern sinnen.
Do was im vor vil der gütlichen tougni, und unter den andren ward im ein-
80 geleüchtet, wie Got die engelischen natur het gesündert in ir förmlichen weiss,
und wie er iecklichen also sein sünderlichen eigenschaft nach sünderlicher
ördenlicher aussgescheidenheit hette geben, das do nit wol ist ze Worten. Do
er nun ein gute weil mit den engelischen jünglingen himelische kürczweil het
gehabt und im sein gemüt frölichen was von dem überflüssigen wunder das
35 sein sei befunden hette, do was im vor in derselben gesicht wie das disse
5. Eins. 62 c: Die tochter schreib im hin wider also. 11. an oder on N ? 13. Elsbets
Gleichnis vom Pelikan und die Antwort Susos (Den. /, 145 f., Eins. 62*. 63*) sind hier weggeblieben ;
der Anfang des anschließenden Abschnitts (Den. /, 147 , Eins. 63< »&) liegt im folgenden stark verkürzt vor .
16. laut’ N\ l.i lautern? 19 Auff bis 25 sünd (etwas verkürzt) aus Suso (Den. /, 147 f., Eins. 63*>e).
19. Auff u. s. w.] Abweichung von Suso , wo diss bild (von Magdalena) von der tochter ins Herz
aufgenommen und nachgeahmt wird. 21. mochte N. 25 Also bis 7,8 tun wolt (Gesicht
Susos von EUsbet) ist aus einem spätem Briefe Susos (Den. /, 149 f., Eins. 63*. 64*) hieher an den
zeitlich richtigen Ort voraufgenommen , wobei in der Erwähnung Elsbeis die Du-Form des Briefes in
die 3. Person verwandelt werden mußte. 33. kwrczweil (mit über das w gesetztem Doppelpunkt) N.
32. Die Vorstellung von der besondem Art jedes Engels stammt aus Thomas von Aquino I.
p. qu. 50. a. 4: Den. /, 149 f
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Vorrede Johannes Meiers: EUsbet Stageis Leben.
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heilige swester Elisabet keme eingan und für in stunde, do er sass under dem
engelischen gesind, und mit grossem ernst so kniet sy nider für in und neigte
ir antlücz auf sein hercz, und also kniet si ein gute weil, das es die heiligen
engel, die da pei stunden, [6*] [es] ansahent. Also nam der prüder wunder von
der getürstikeit der swester; doch so stund es ir also heiliklichen an das er es 5
ir gütlichen gestatet. Und noch einer guten weil do richtet sy sich wider auf.
Do ward ir antlücz so frölichen und so gnadenreichlichen gestalt das es künt-
iichen ward das ir Got sunder genad hat getan und auch mer tun wolt. Do
nun dess selben tages dem diener der ewigen weissheit die peichttaffel ward
und er sie aussgelass, do stund ze hinderst daran also: ‘Nun falle ich sündiger 10
mensche für ewr füss und pitten eüch, das ir mich widerpringen in das gütlich
hercz und das ich ewr geistliches kint heiss in zeit und in ewikeit.’ Ab der
heiligen tochter wol getrawende andacht wart der selig vater hercziglichen
bewegt und sprach auf zu Got also: ‘Eia, zarter herr mein, ich falle mit irftir
dein tugenthaftige füsse und pitten dich das du sy erhörest. Sie sucht die 15
reicheit [6 b ] des herrn in seinem knecht; lass sy geniessen ires gütten gelauben.
Sprich ein tröstlich wörtlein zu ir, sprich also: Confide filia, fides tua te
salvam fecit: Dein guter gelaub hat dich behalten; und hab es stet an meiner
stat, wann ich hab das mein geton und hab ir gewünschet ganczen aplas aller
ir Sünden.' Also do diss alles geschehen was, do enpot er ir wider pei dem selben 20
potten, und schreib ir wie ir begird were geschehen und wie es im alles were
vor geoffent von Got und wie ir Got genade hette geton. Also ward sy vil fro
und lobt Got, von dem ir die genad widerfaren was.
Nach disen dingen allen do tröst und sterkt der heilig vater prüder
Heinrich, der wirdig diener der ewigen weissheit, die selige swester Eisbeten 25
mit manigfaltiger heilsamer geistlichen gutten 1er, und pei sunder so sant er ir
die pild und die 1er der heil /#«/ligen altvetter, das do seit under andren dingen
von grosser strenger hertigkeit und von manigfaltigem abbrechen. Also meynt
die gut tochter, ir geistlicher vatter hette ir das in der meinung gesant das
sy nach der heiligen altveter strenger weiss irn leib auch mit großer kestigung 30
solte üben. Und also vieng sy an ir selbs abzebrechen und 6ich ze peinigen
mit heren hemden und mit seilen und grewligen banden und mit scharpffen
eissen negelen und des geleichen fil. Also do sy diss etwas zeittes hat getriben
8 Do bis 12 ewikeit aus Suso (Den. 148, Eins. 63 c ). 12. ewres (über w ein Doppelpunkt)
mit nachträglich gestrichenem es N. 12 Ab bis 22 von Got, etwas verkürzt , aus Suso (Den. I, 148
Eins. 63<**). 13. getrawede N ; getrawenden? 17. Confide usw.] Die bei Suso vorausgehende
Erwähnung der 'Heidin', d. h. des Kanaanitischen Weibes (Matth. 15 , 22 ff.), ist hier ubergangen ; s. unten .
22 und wie bis 23 was: Zutat Johannes Meiers ; ebenso der Übergang im folgenden Absatz 24 Nach
bis 26 gutten 1er. 26 und pei sunder bis 33 fil aus Suso (Den. 156, Eins. 65*. 66°) mit
selbständiger kurzer Zusammenfassung (27 das do seit bis 28 abbrechen) der bei Suso vollinhaltlich
mitgeteilten Lehren der Altväter. 33 Also bis 9,18 minicklichen Got (verkürzt) aus Suso (Den. /,
157—160, Eins. 66«—67*).
18. Matth. 9, 22 (vgl. Marc. 5, 34 und Luk. 8, 48 ohne Confide) zu dem blutflüssigen Weibe
in Kapernaum: vielleicht der Grund, weshalb Johannes Meier die vorherige Hindeutung auf das ähn¬
liche Gespräch mit der 'Heidin? (Matth. 15, 22 ff. ; Luk. 7, 25 ff.) weggelassen hat , die ihm wie eine
Verwechslung Voder erquickung Vorkommen mochte.
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Vorrede Johannes Meiers: Ellsbet Stageis Leben.
und er sein von ir innen ward, do verpot er ir es gancz und gar, und sprach
unter andren Worten zu ir also: ‘Unsser lieber herr Ihesus Christus sprach nit:
# nement mein crewcz auf eüch, besunder: ieder mensch neme sein krewcz auf
sich. Du solt nit ansehen ze erfolgen der altvetter Strengheit noch auch mein
5 hcrte Übung, du solt aber auss dissem allem dir ein [6*] krewcz machen, das du
wol mügest erczewgen, also das die untugent in dir sterben und mit leib lang
lebest.’ Das wundert aber die selige swester warümb er ir das weren was
und aber in sein selbs person die aller swersten, hertesten und grösten Übung
hatt. Do antwortet er ir und sprach unter anderen Worten also: ‘Die ausser-
10 weiten frewnd Gottes hand gar ungeleich Übung gehabt; wer kan aber das
wunder alles aussrichten, denn [das] der herr, der ein wunderer ist in seinen
frewnden, und der von seiner grossen herschaft wegen mit mangerley weisen
will geübt werden? Dar zu sint wir auch ungeleich genaturt. Das eines
menschen gutter fug ist, das fügt dem anderen nit; lug aber ein iecklicher
15 mensch mit fleiß zu im selbs und merck gar eben, was Got von im welle, und
sei demselben genug und lasse andere ding beieiben. Wann, gemeinlich ze
[7 a ] sprechen, so ist vil pesser bescheiden strenckheit ze füren wann unbe¬
scheiden. Seit dem mal das mitel mülich ist ze finden und es recht ze ergreiffen,
so ist doch weger ein klein darunder ze beleihen, den zevil darüber ze
20 wagen. Es geschiht dick, so man der nattur ze vil unördenlichen abbrichet,
das man ir darnach ze vil unördenlichen muss wider geben. Aber soliches
strenges leben mag den menschen nücz sein, die sich selber ze vil zart halten
und ir widerspenige nattur auf iren ewigen schaden ze mutwilicklichen brauchend.
Das gehört aber dir und deinen geleichen nit zu, die da ir nattur ördenlichen
25 richten sint. Got der hat mengerhand krewcz, domit er sein freund kestigen ist,
und dar ümb so versieh ich mich wol, tochter, das Got ein anderley crewcz auf
deinen rücken wölle stossen, das dir noch peinlicher wirt denne semlicher hand
kestigung [7 b ] sey. Dasselbe krewcz enpfahe gedultiklichen, so es dir wirt körnen.’
Also fügt es sich das darnach, do nit vil zeittes hin kom, do greiff Got die
30 seligen swester Eisbete an mit langwerigen siechtagen, das sy ward an dem
leib ein siech, dürre, dürftige uncz an iren tod. Sie enbot dem heiligen vater
Heinrichen heimlichen wie es ir ergangen was, alss er ir vor het geseit. Er
enpot ir hin wider und schreib ir also: ‘Wissest, liebe tochter, das Gut nit allein
hatt dich damit getroffen, sunder hat auch mich in dir geleczet, wann ich
35 niemant mer hab der mir mit söllichem fleiß und gütlichen trewen beholffen
sei meine püchlein ze volpringen alss du test dieweil du gesunt warst. Und
dar ümb so hab ich Got den herren getrewlichen über dich gepetten, möchte
17 f. Über dieses Oitat Susos aus B[er]nh[ardu8] (so Ems. 66 c am Rande), Ep ist. ad fratres
de Monte Dei I, 2 , vgl. Denifle, Seuse I, 158 •*. 18 f. Nach Den. (Seuse /, 158*) Oitat aus
Cassian , Collationes patrum II , 16. 24 Die bis 25 sint ] Zutat Johannes Meiers . 31. ein
siech dürre dürftige] wohl mißverständlich tastende Wiedergabe des allerdings unklaren ein siech-
tnrftig bei Suso (Eins. 66*, wozu Den. I, 159 c ). 36. teft so N. 37. ich] bei Suso a. a. O.
erzählt von hier an der Brief Schreiber von sich in der dritten Person (der diener u. s. u>.), wofür hier
in der Wiedergabe Meiers die erste gesetzt ist.
3. 4. Matth. 10, 38. 16, 24. Marc. 8, 34. Luc. 9, 23. 14 , 27. 12. Psalm 67, 36.
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Vorrede Johannes Meiers: EUsbet Stageis Leben.
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es sein wille sein, daz er dir denne gesuntheit gebe. Und do mich Got nit
pald wolt fi e ] erhören, lug do ztirnete ich mit Got eines frewntlichen zürnens,
und meinte ich enwolte von dem minicklichen Got nit mer püchlein machen
und wolte auch meinen frölichen gewönlichen morgengruss von unmut wegen
under wegen lassen, were sach das er dich nit wider gesunt machte. Und do 5
ich also in disser unruwe meines herczen nidergesass in unsser cappel nach
meiner gewonheit, do entsuncken mir die sinne, und also dünckt mich, es kerne
ein engelische schar hin für in die cappel, und sungen einen himelischen gesang
mir ze trost, wann sy mich in sunderm leiden do westen, und fragten mich
warümb ich also trawrig were und nit mit inen auch sünge. Do seit ich in 10
mein unördenlich entrichtung, die ich von deinen wegen gegen dem lieben
Got hette, das er mich der pete deiner gesuntheit nit erhört hette. Do meinten
die himelischen geist, die heill/7<*/igen engel, ich solte nit also tun und solte
ablassen, wann Got hete den sichtagen über dich verhenget durch das aller
peste. Und das solte dein kreücz sein in disser zeite, dadurch du soltest er- 15
werben grosse genad hie und manigfaltigen Ion in dem himelreich. Darümb
so piss gedultig, tochter meine, und nim es auf als ein freuntliche gab von dem
minicklichen Got.’
Also beleih disse selige swester Elsbeth ein ser grosser leibkrancker
mensch stet gar vil zeittes piss an iren tod, und beleih in grosser danckberer 20
gedultigkeit und wuchss auf in mannigfaltigen tugenden und in hohem heiligem
leben. Also fügt es sich das ir geistlicher vater dick zu ir kam und ir swache
leidende person erlaben was mit gütlicher gutter tröstung. Er seit ir etwan
von seiner kintlichen andacht, wie er Got in seiner kintheit hette gedienet, das
da gar lttstlichen ze hören [8*] ist gütlichem gemüt, und gar vil anders seit er 25
ir: etwan von etisserlichem leiden, etwan von innerlichem leiden und wie leiden
geschaffen sei, wie nücz es sei, wie er des so recht vil gelitten habe. Auch
etwen so wurdent si also auf geczogen in Got, da sy retten von ubertrefenlichen
2. frewntlichen (nicht freventlichen) N übereinstimmend mit Suso a. a. 0. 19 Also bis 22
leben ] der Übergang ist Zutat Johannes Meiers. 22 Also bis 27 habe ] kurze Zusammenfassung
dessen, was EUsbet von Susos Leben nach dessen mündlichen Mitteilungen erzählt bei Suso (Den. 1 ,
161 — 224, Eins. 67*—87*, vgl. 67*: Von kintlichem andacht einsa iungen anvahenden
menschen; 70 Von einem vil iemerlichen liden, das im hier inn begegnete; 78*: Von
inrenliden...) 27 Aoch bis 10,4 Infft nach Suso (Den. I, 270, vgl. 225, Eins. 99*)', der
Eingang zugleich Einweisung auf den Inhalt von Susos 11. Teil , 2. Abteilung, Den . I, 225 ff.
1—5. Sachlage, Stimmung und Ausdruck derselben kehren auffallend ähnlich wieder im Leben
Luthers, wo dieser bei der Krankheit Melanchthons Gott den Sack vor die Türe wirft und ihm die
Ohren reibt, weil ihm Melanchthon noch weiter dienen müsse: Köstlin, Luther II, 536. 5 f. Die Ver¬
wandlung der dritten Person der Vorlage in die erste zieht die Verwandlung von in der capell
(Eins. 67*) in in unsser c. nach sich, was in der Meinung Johannes Meiers, der den vollständigen
Suso vor sich hatte, wohl nicht nur bedeuten soll: in der Kapelle der Dominikaner zu Konstanz,
sondern: in unser beider Kapelle; Suso hatte sich in seinem Kloster ein heimlich stat, ein
capell (Eins. 64 d ) auserwählt und mit der Altväter Bildern und Sprüchen ausmalen lassen (Den. 1,
87 f. 152 ff., Eins. 45 *f.), sodann die letzteren abgeschrieben und an die Freundin geschickt ; somit
konnte ihn Johannes Meier ihr gegenüber wohl diese Kapelle vertraulich unsser cappel nennen lassen.
Meier wußte sicher, daß es im Predigerkloster zu Konstanz nicht bloß eine Kapelle gab, die Suso als
unsere (des Klosters) Kapelle hätte bezeichnen können.
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10
Vorrede Johannes Meiers: Eisbet Stageis Leben.
hohen götlichen dingen, also das die selige swester söllichen götlichen trost
davon enpfieng, so si hört so minnicklichen iren geistlichen vatter von Got
reden, das si sprach: ‘Waffen, wie ist meinem hertzen! ich schwime in der
gotheit als ein adeler in dem lnfft!’
5 Was aber die minicklichen schonen wort und red alle sein gewesen die sy
warent reden, das stat zu guter mas geschriben an dem puch das wir heissent
des Seusenpuch, an dem andern teyl desselben puchs, das da anfacht: Confide
filia nncz an das ende dessselben puchs. Er seit ir auch dick, was grosses
nuczes und manigfaltiger gnaden verporgen ist in dem heiligen [8 b J minigklichen
10 namen Ihesus, wie er den von grosser minne und andacht auf das fleisch und
in das plut der prust seines herczen geschriben hette, und also den selben namen
scheinparlichen auf seinem herczen trüge. Do gewan sy grosse andacht darzn
und natte denselben namen mit rotter seiden auf ein kleines ttichlein in diss
gestalt: . . ., den sy ir selber wolt heimlichen tragen, und maehte do desselben
15 namen geleich unzalichen vil namen, und schuff das er der selig vater Heinrich,
der wirdig diener der ewigen weissheit, die namen alle auf sein hercz plofi
leit und sie mit einem götlichen segen seinen geistlichen kinden hin und her
santte. Also fügte es sich das Got der herr der seligen swester kund tett, wer
den namen Ihesus also pei im trüge und teglichen ein Pater noster sprech, dem
20 wölte Got hie gütlichen tun und wolte in begnoden an seiner jüngsten hinffart.
[8*] Do nun disse heilige tochter, die selige swester Eisbet, von irem geist¬
lichen vater, dem vil seligen man Gottes, adellichen was geweiset nach gantzer
cristenlicher warheit mit gutem unterscheid auf all weg die da endent in hoher
selikeit, und si wol hatt ergriffen, als man es denn in der zeit mag haben: do
25 schreib er ir an dem jüngsten briefif under andern dingen also: ‘Nun dar,
tochter, gib der creatur Urlaub und lass dein fragen fürpas sein; lose selbs
was Got in dir sprech; du macht dich wol frewen das dir worden ist das
mengem menschen vor beleibt. Wie saur es dir ist worden, das ist nun alles
dahin mit der zeit; dir ist nun furpasser nit mer ze tun denn götlichen frid in
30 stiler ru ze haben und frölichen ze peitten der stund deiner zeitlichen Ver¬
gangenheit in die volkomen ewigen selikeit.’
Die swester sprach: ‘Gelobt sei die ewig warheit, das ich von eüren weisen
leblichen Worten so schön beweiset pin des ersten beginnens eins anfallenden
menschen und der ördenlichen mittel: meidens [8*] und leidens und übens eines
85 zunemenden menschen und mit gutem unterscheid in tugentlicher weiss der
aller nechsten plossen warheit. Darümb sy Got ewigklichen gelobt!’
5 Was bis 8 puchs ] selbständige Verweisung des Schreibers auf die von ihm benutzte Quelle.
8 Er bis 20 hinffart nach Suso (Den. 1, 223 , Eins. 88 cd , mit Benutzung der früheren Erzählung ,
Den. 1, 27, Eins. 27 *>*<*). 14. Der Raum (gegen y 2 Zeile) für die rot einzuzeichnenden Buch¬
staben I H S (so in Eins. 27°. 88*, vgl. Den. 223) ist leer geblieben. 21 Do bis 11,16 wilt nach
Suso (Den. I, 300f., Eins. 105 bc ), jedoch mit Vorausstellung des ersten Absatzes, der bei Suso unserm
zweiten (32 Die swester bis 36 gelobt) nachfolgt, womit einige Änderungen und Erweiterungen ver¬
bunden sind. 31. Die 5 letzten Worte fehlen und sind hier aus Suso (Eins. 105 c) ergänzt.
32. Die swester sprach ] abgeändert aus (Eins. 105 b ): Die tochter sach uff andächtedich und sp.
33. leblichen, korrigiert in löblichen Hs.\ aber Eins, hat leblichen (Den. lebendigen).
3. Den. I, 270 ‘schwimme’: eig. * schwebe ’ (mhd. swime). 8. Den. I, 141—301.
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Vorrede Johannes Meiers: EUbet Stageis Leben.
11
Also geschah es das sie ir hohes heilliges leben pracht zu einem allerpesten
ende, und kürtzlichen darnach do nam sy durch den tod ein vil seliges ende,
also auch ir leben selig gewesen was, und ward do wirdigklichen bestattet und
begraben in demselben closter Tösse. Und nach irem tod do erzeigt unsser
lieber herr offenbarlichen mit wunderzeichen und miraculen di da geschahent, 5
das er sy in der ewikeit seinen ausserwelten heiligen geleichet hette, als er sy
in der zeit auch inen geleichet hat in volkomenem leben. Also von götlicher
ordenung fügt es sich under andren wundem das sy zehant nach irem tod
erschein irem geistlichen vater, dem seligen prüder Heinrichen, in einer abge-
scheidener gesicht, und lewcht in sne weisser watt [9*] wol gecziert mit liecht- 10
reicher clarheit vol himelischer freüden. Sy trat hin zu im und zeigt im wie
adelichen sy in die plosse gotheit vergangen were; das sah er und hört es mit
lust und mit frewden, und ward sein sei ab disser gesicht vol götliches trostes.
Und do er zu im selber kam, do erseüfzet er iniklichen und gedocht: ‘Ach Got
wie selig der mensch ist der nach dir allein werben ist! Er mag geren leiden 15
den du seines leidens also ergeczen wilt.*
Also hat man nun wol mit kurczen Worten verstanden das heilig und hoch-
wirdig leben disser seligen swester und das sy da mit erfolget hat das ewig leben.
Und dar ttmb, seit dem mal du nun pist vor dem anplik Gottes, so pit ich dich,
ich armer sündiger prüder, o vil selige muter Elsbeth, das du mir von Got 20
dem heren, den du so hercziklichen lieb hast gehabt, wellest erwerben das mein
presthaftiges sümiges leben [9* ] gericht werde nach dem allerliebsten willen
Gottes. Und als ich mein zergenkliches armes tötliches leben enphangen hab
in der stat dovon dein wirdige person iren zeitlichen Ursprung auch enpfangen
hatt, darümb so pit ich dein müterliche trewe das du mir erwerbest das ich 25
das ewig untötlich leben nach meiner leczsten hinfart auch enphahen sei in der
heiligen stat des himelischen Ierusalem, das du mit frewden enpfangen hast
und ewiklichen da leben solt vor dem miniklichen anblick Gottes des herren.
Und also pitten wir dich alle, herr Ihesu Christe, du ewige weissheit, das du
uns helffest das wir disser heiligen swester Eisbethen und ires geistlichen seligen 30
vatters, deines getrewen dieners, und aller deiner lieben frewnden seyent
gemessen, also das wir ewicklichen dein göttliches antlücz werden schawen:
Quod nobis prestare dignetur idem Ihesus Christus, eterna sapiencia,
[9c] filius virginis, Qui cum patre et spiritu sancto vivit et regnat in
secula seculorum, amen. 35
Explicit vita sororis Elisabet Staglin composita atque collecta
per quendam fratrem Turicensem de conventu Bassiliensi ordinis
predicatorum, anno domini M°ccccliiij.
3. was] Das zunächst Folgende : Bestattung in Toß und Wunderzeichen daselbst , ist Zutat des
Schreibers zum Text bei Suso\ ebenso die Hinweisung auf diese andren wunder Zeile 8 und der
Name des geistlichen Vaters Zeile 9 . 7. volkom@|n§ N. 16. wilt ergetzen Suso (Eins. 105c).
17 ff. Der nachfolgende Beschluß , mit dem Gebet an die selige mnter oder heilige swester Eisbet, die
ihrem Zürcher Mitbürger auch eine Statte im himmlischen Jerusalem erwerben möge , ist von Johannes
Meier an die Stelle des kurzen Schlußwunsches bei Suso (Den. 301 , Eins. 105c) gesetzt worden.
31. seyent am Rand für lassest, das ungetilgt , aber mit Verweisungszeichen, in der Zeile steht N.
24. stat] Zürich.
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Vorrede Eisbet Stageis .
[l «/ Estote perfecti sicut pater vester celestis perfectus est: Ir
sond volkumen sin als uwer himelscher vatter volkumen ist. Dise wort sprach
unser lieber herr Ihesus Christus, do er uff ertrich was, zü sinen gemintten
jungem und maint och mit inen alle sin usserwelten, die von der zit sint ge-
5 wessen und noch sond geboren werden bis an den jung/7tysten tag. Und won
er ist über alle zit und unzitlich und ain würker aller volkumenhait und sin
natürliche güte unzüfal ist, so ist im als muglich über tusent jar zewürkent das
er wil, als vor M jaren.
Das er aber das nit alain in aim vermugenden gewalt hab, sunder das er
10 es och offenbarlich gewürket hat und noch alle zit würket, das mag man usge-
nomenlich schowen an dem brinnenden minenden für, ünserm aller hailgesten
vatter Sant Dominico, der nach Gottes gebürt wol nach MCCXV jaren in die
ersten füstapfen trat der hailgen zwelfbotten, do er ünsern hailgen orden uff
satz, der da aigenlich gerichtet ist nach der hailgen junger leben.
15 Und in dem selben hailgen orden so hat die ewig lebendig sunn, die da in
sinem hertzen so krefteklich bran, gezwiget als mengen edlen wurtzgarten, in dem
sint gestanden die edlen /2*/ und hochen bom, die da mit der blüst der süssen
himelschlichen 1er und mit ir volkumnen hochen werken aller der kristenhait
hant ain kreftigen gütlichen schmak gegeben und noch alle zit gebent, ze gelicher
20 wis als der frölich maig alles ertrich ernüwret und fruchtber machet.
Und wie das sy das ünser her der etlich sunderlih hat gewirdiget aso das
er sy der kristenhait hat fürgebotten zeainem luttren Spiegel und zeainem
exemplar, als den hailigen Sant Petter und die lüchten sunnen Sant Thoma,
von den ain ietlich mensch billich sol zü Got gemanet werden: es ist och noch
1. Oben an der Seite (von jüngerer Hand): Töfs O. — 1 Estote bis 16,20 schinet f. N.
12. Der Name nicht unterstrichen 0 . 18. Nach ir folgt noch, r. durchstrichen und unterpunktiert,
volküenhait G. 21. Afo G\ wohl ma . Form; vgl. Diebold Schilling , hgg. v. G. Tobler II, 3383*:
‘vacht . . . aso (!) an’. 23. Der erste Name nicht unterstrichen G. 24. Got wiederholt G ,
dann durchstrichen .
1. 2. Matth. 5,48. 7. unzüfal] (wohl nach Jac. 1, 17 apud quem non est transmutatio
nec vicissitudinis obumbratio) ohne Veränderlichkeit, Wandel: vgl. Pfeiffer , Dt. Mystiker /, 124,4
Got ist ein substanzlich ein, der in ime selben bestät sunder züval. — un < &nc: unten 14, 6. 20.
20, 3 t/. ö. 23. Petrus Martyr und Thomas von Aquino.
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Vorrede Eisbet Stageis: Gründung von Töß.
13
maniger hocher hailig in disem orden, die doch nit erhaben sint, die gemartret
sint umb kristengloben, als sunderlich geschriben stat von in CXÜH, die in dem
anfang des ordens gemartret wurdent. Och ist der andren hailigen [2*] fil,
baide frowen und man, die mit ir hochem leben hant verdienet das ünser herr
by ir leben und och nach irem tod als grosse zaichen durch sy hat getan das 5
alles ertrich sich des wundren möcht.
Wie manigvaltiklich nun der mineklich Got hat gewürket mit sinen gnaden in
disem hailgen orden in ieklichem cofent sunderlich, so hat er doch sunderliche
lieby bewiset gegen disem cofent von angeng das er gestiftet wart, und iemer
me tftn wil, ob wir es mit unsren schulden nit verlierent. 10
Ee das dir hailig cofent angefangen ward, do sach man etwenn schöne
wunnenklichi liechter schinen an der stat da dis kloster stat. Nun was ain
muller an der selben stat gesessen, und der ward ungedultig das er von siner
mülly solt, und under stund es wo mit er kund. Und also hört er ain stim dry
nicht nach ain andren, die sprach: [3*] ‘Warum irrest du mich an der stat, da 15
ich selb rüwen wil?’ Und von dir geschieht, und man och do gesach die schönen
liechter, die von Gottes Ordnung hie schinent, do gewan er als grosse gnad das
er willeklich von hinnen schied. Mit disen gaistlichen liechtern erzaiget ünser herr
das er die hailgen personen an die stat hat geordnet, in den er ewigklich luchten
wil. Hie nach ward dis kloster angefangen nach XVIII jaren do der orden 20
bestätiget ward, do von Gotes gebürt warend MCCXXXIII jar, an sant Marx
tag des ewangelisten, der was do an dem zinstag in den ostren.
Wie s&liklichen nun ünser alten säligen schwestren hand gelebet, das wir
2. in (ebenso Ü), l. ir? Oder ma., wie noch heute in Zürich: ina vier = ihrer viere?
7. mineklich] lieh am Rand ergänzt G. 9. cofent] dazu r. am Rande : töff, und vorher %n
der Zeile difem in dem gewandelt G (gegen töff dem Conuent Ü). 10. ob—schulden
korrigiert in: ob sy es mit sch. G (Ü). 14. ftund so G. 17. hie korrigiert in da 0 (hie
auch Ü). 17. fchindent mit unterpunktiertem d G. 18. hiue korrigiert (r. am Rand) in
däne Q (Ü).
1. erhaben ] heilig gesprochen? 11. Zu den folgenden geschichtlichen und sagenhaften Berichten
vgl. die urkundliche Qründungsgeschichte bei H. Sulzer ,, DKT 86 (6) f. (1233 Erlaubnis des Bischofs
zur Erbauung eines Dominikanerinnenklosters an der Toßbrücke durch die Grafen Hartmann den altem
und den jungem ; 1240 Schutzbrief des Bischofs für die von ihm geweihte Kirche samt Kloster );
auch H. Sulzer , BGT5f. Über die erst 1245 erfolgte förmliche Einverleibung in den Predigerorden
Ders. f BGT 677\ DKT 87 (7) ff. 12. Ganz ähnlich berichtet die Legende von der Gründung des
Frauenklosters Katharinenthal (Hs. zu Frauenfeld y 105 , s. Einl) 1242 (wonach dieses und Töß aus
zwei um 1200 zu Winterthur entstandenen Frauwen Closterlin, oder fil mehr Samlungen hervor¬
gegangen wären): beim Hasenhauss in dem verbildeten Tal nächst Dießenhofen läßt Gott den
Voruberreisenden und -Schiffenden schone grosse kertzen, vnd heitter brennende liechter ehr¬
scheinen: auch wurdent mehrmalen zu nacht in disem gesteutt und thal gantz sehneweise
Schafflin gesehen, sich alda weittende. konte doch nimant wtissen, von wannen sie kernen
und wider kertten, oder was dise ehrscheinungen beteutetten. 20. 18 Jahre nach Bestätigung
des (Prediger-) Ordens (1215): 1233, s. o. zu 11. 22. St. Markus sonst 25. April\ Ostern fiel
aber 1233 (nach Weidenbach) auf 3. April.
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14 '
Vorrede Eisbet Stageis: Fromme Übungen.
güt und lustlich zehörend, aber es ist nit rauglich alles zesagen, won ir hertze
bran und ir leben lucht als krefteklich das es offenlich zaiget das das wort in
iren hertzen fruchtber was, das da vor geschriben stat: ‘Estote perfecti’:
Wessent volkumen als üwer hiraelscher [3*>] vatter volkumen ist.
5 Und won sy kantent wol das sy niemer volkumen mochtend werden un die
drü stuk dar uff unser orden und ain ieklich volkumen leben gesetzet ist, das ist
willige armüt und volkumne gehorsame und rechte lutterkait: darumb hattend sy
den aller grösten fliss zü disen dingen und och sunder uf willige armüt, won sy
die als begiriklich lieb hattend, das sy hüttend mit allem fliss, das sy üt über-
10 flissiges hettin an gewand ald an andren dingen. So och etwas von iren fründen
etlicher gesendet ward, das gab sy in die gemaind.
Och ward die regel und die gesetz und was sy in gehorsamy soltend tün, als
andächttiklich und als gantzlich von inen behalten, das sy da von in rechter lutter¬
kait stündent. Sy behieltend das wort das Sant Augustin in der regel schribet,
15 das da ob allen dingen lutterkait bringet: ‘Ir söllent die irdischen ding lassen
/4«y und sond üwer hertz und üwer gemütt uff haben zü himelschlichen dingen.’
Ir hailige Übung was och als gar gross und manigfaltig von emsigem wachen
und an hailigem gebett, und von hertzlichen trechen überflussent sy emssklich.
Sy naraent och als fil starker disciplin un die gesatzten zit, das etwenn nach der
20 metty licht ir zwelflf sament nament disciplin, und schlwgent denn als gar fast,
das ain grusseliche vor dem capitelhuss was. Etlich schlügent sich mit yssnenen
ketinen, etlich mit ainer gaislen, etlich mitt rekoltren.
Sy warend och als gar senft und still an Worten und an werken das in dem
tag als still in dem kloster was als ob es nach complet wer gewessen. Sy
25 pflagent och kaines sunderwerkes, und sassent mit als grosser andacht in dem werk-
huss das sy [4P] hin flussent von tr&chen als ob sy in der mess werint gestanden.
Sy warend och als gar gedultig in grossem gebresten, den sy hattend in spiss
und von trank, won man gab inen do nit won zwürent in der wuchen win. Sy
warent och als gar demütig an gewand und an allen dingen, und sunderlich die aller
30 wirdigest in der weit warent gesin, die flissent sich die verschm&chtesten werk zetün.
Wie manigfaltig ir hailig Übung was, joch der die by ünsren zitten sint gewessen,
des wer zefil zü schriben; der herr der es als gewürket hat und dem es zü lob ist
beschechen, der waist es alles wol und hat es geschriben an das lebent büch, da es
niemer vertilget wirt. Darumb sy er yemer ewigklich gelopt und geeret A-M-E-N.
I. hertze Q. 5. mochtöd am Rande nachgetragen 0. 10. -flissiges so, auf Rasur ; doch
vgl. 16 t l. 13. andächttiklich ] die beiden t am Schluß und am Anfang der Zeüe G. 17. von
aus won korrigiert (r.) G. 21. hier fchlugont ohne o über u 0. 23. feuft 0. 23 das bis 24
tag: die vier Worte (mit Verweisungszeichen in der Zeüe) am Rand nachgetragen 0. 26. mess
(so auch Ü): lies ness? Oder ist die Besprengung durch den Weihwedel beim Gottesdienst gemeint t
26. werint korrigiert aus werent G. 30. wirigeft G (wirdigeft auch Ü ).
II . in die gemaind ] zum allgemeinen Besten. 15 f. wahrscheinlich freie Übersetzung von
Augustinus , Regula 2 (Migne /, 1379 \ vgl. //, 960): Sursum cor habeant et terrena ac vana
[aL terrena bona] non quaerant.
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Namenverzeichnis.
15
[Nahmen der Seligen deß Closter Tofi bey Zürch, so hierin zu finden:
Adelheid von Frawenberg 57.
Adelheid von Lindaw 131 [126],
Anna von Clingelaw 37.
Anna Wansesellerin 51.
Beli von Liebenberg 26. 5
Beli von Lütisbach 129 [124],
Beli von Schälchen 127 [ 122 ].
Beli von Sure 45.
Beli von Wintherthur 43.
Catharina Blettin 48. IO
Elizabeth Bechlin 133 f!28].
Elizabeth von Elgow 126 [ 120 ],
Elizabeth von Jestetten 57.
Elizabeth Schefflin 13.
Elizabeth Mezzi bey Margreth Finckhin. 15
Elizabeth Steiglin.
Elizabeth Königin auß Hungern 150.
Elizabeth von Zellikon 141 [136].
Elizabeth Zolnerin 45.
Gertrud von Wintherthur 56. 20
Gutta von Schonenberg 35.
Itta Sülzcrin 120 [114],
Itta von Sulz 10.
Itta von Tengen such bei Margreth Finckhin.
Itta von Wezzikon 5. (Juliana Ritterin bei Margreth von Zürch.) 25
Lucia Schultessin 101 [ 95 ].
Margaretha Finckin 31.
Margaretha von Hünikon 54 [48].
Margareth von Zürch 35.
Margreth Willin 19. 30
Mechtild von Stanz 84 [78].
Mechtild von Wediswil 130 [125],
Mezzi von Klingenberg 50.
Mezzi Sidwibrin 23.
Offmia von Munchwil 29. 35
Sophia von Clingenow 71 [67],
Willi von Costanz 55.]
14. Dieser Name ist am Rand nachgetragen.
1 ff.] Die Hs. enthalt hier ein später eingeklebtes schmales Blatt (Hs. des 18. (?) Jhdts.), worauf
das obige alphabetische Namenverzeichnis mit den Blattziffem nach der Zahlung von Q erscheint, die
jedoch von 63 auf 67 springt und von uns hier [ ] berichtigt ist (wie dies auch im Text bis zum
Ausgang des eigentlichen Schwestembuches , nicht mehr jedoch in der selbständigen Legende der
Elisabet von Ungarn , geschehen ist).
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16
Vorrede Glsbet Stagele: Entstehung des Büchleins.
[ 5 <>] Won nun der süss Got von siner überflüssigen güty sich vor sinen
fründen nit enthalten mag joch in der zit, er müss sich inen dik minenklich in
maniger wis erzaigen, das ir hertz ie me und me geraitzet werd: darumb hat er
sich unsren schwestren gar dik und fil mit hochen und wunderlichen Offenbarungen
5 erzaiget, das üns laider engangen ist untz an gar wenig, als uns aigenlich dunket
das es nach der rechten warhait wer; won ir iekliche was da mit dem aignen
gaistlichen güt als bekümret das sy nit gedacht von ainer andren zeschriben.
Und won ünser herr von siner gütti üns zebesrung noch ain klain hat
behalten, da mit wir an ir hailig leben gemanet werdent, da von schribent wir
10 von etlichen die vor üns warent und och by unsren zitten sintt [ 5 >] gewessen.
Und doch gelobent wir das der als fil sy gewesen, mit den ünser herr mit sinen
gnaden sunderlich hat gewürkt und doch hie nit genemmet sint, als die von den
geschriben stat. Das wir aber hie geschriben habent, das ist als wir es ünser
eltren hortent vor üns sagen und och von. in ain tail geschriben was.
15 Wer nun dis büchly hör lessen, der sol nit nach sinem aignen sin verkeren
das dar an geschriben stat; wil er sich da von nit bessren, so ist doch billich,
das er sich hüte das er davon nit böser werd. Wir habent an disem büch
vil abgelassen, das doch güt zühörent wer. Och haben wir etwas hie an geschriben
das klain schinet; aber es ist etwenn vor Gott grösser das da klain schinet, denn
20 das vil gross schinet.
2. enthaten 0. 4. offenbrungen G. 7. gaiftlichö, am Rand (r.) nachgetragen O.
9. schribent] t scheint nachträglich hinzukorrigiert G. 18. vnfer korrigiert aus vnfren O.
14. hortent ] das Wort am Rand nachgetragen G. 18. hörent ] t nachträglich hinzu¬
korrigiert G.
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m Ton der salgen S Ite Ton VFezzikon und was edel.
[ 6 «] In dem süssen namen Ihesu Christi so vachent wir hie anzeschriben
von ainer Schwester, die hies • S • Ite von Wezzikon und was ain edly frow
von frigem geschieht und wart gegeben ainem edlen heren, und do hat sy fil
wirdikait. Sy hat och iren lib in grosser Zartheit. Nun fügt es Got das sy ain witwe 5
ward, und gab ir och den müt das sy wolt ain gaistlich mensch werden. Darumb
kam sy dik her ze Töss, wie es ir hie gefiele. Nun gewan sy ain anfechtung,
was sy sach oder hört, das ir das gar übel gefiel und ir widerzem was, und sunder¬
lich so sy des convent müs sach, das wider stünd ir als ser das ir antlüt und ir
varw verwandlet ward. Doch von der hilf Gotz do überwand sy ir hertz in disem 10
grossen strit, und als sy selb sait das sy lich/tftyter het gelitten das man ir
das hobt het abgeschlagen, denn sy in das closter für, und von den gnaden
Gottes do verwag sy sich aller ding als gantzlich das sy frilich uff gab dem
cofentt alles das sy hat, das sy ir selb nütz behüb, wie sy doch gross güt hatt.
Und do sy in dis kloster kam, do nam sy sich an, als fil sy zärtlicher hat gelebet 15
in der weit, das sy als fil strengklicher lebet in dem kloster.
Sy hielt iren orden an allen dingen als volkumenlich als wir ie dekain
Schwester sachent tün; sy was vil die erst in dem kor und hielt sich da mit
1. • S * 1 = Soror? oder Schwester? 1. hier und weiterhin vezzikon G. 8. weczikö N.
7. her und hie vom Min. gestrichen G, feldt N. 12. I. denn das? so N (Ü wie Q).
12. f. gen töfs i. N. 12. I. für? ftire N (für Ü). 15. dis in das korr. (r.) G, dz N
(diüT Ü). 17. Die Absätze sind hier und weiterhin gegen die Hs. (G) gemacht , wo nicht große
Initialen durch Fettdruck angedeutet sind. 17. wir in fy karr, (r.) G (fy Ü).
1. Als erste der Lebensbeschreibungen erscheint in N die der Mechthilt von Stans, unsere
Nr. XXV ; erst auf diese folgt , als drittes Kapitel, die unsrige mit der Überschrift : Von dem felige
leben und heilige fterben fwest’ iten vö weyezikon. Das III. Der Eingang zeigt , daß diese
Lebensbeschreibung die Reihe eröffnete , also die Anordnung von G die ursprüngliche ist (sie erscheint
ebenso in Ü ). — Die Freiherren von Wetzikon waren Dienstmannen der Grafen von Kiburg und
Rappersuni. Zur Zeit der Gründung von Toß wird Ulrich von W. als Diener des Grafen Hart -
mann von Kiburg genannt (1242); ein Ulrich war 1269 Johanniter zu Buhikon , eine Elisabet
1339 Äbtissin zum Frauenmünster in Zürich . Unsere Witwe Ita (Idda), die später wider Willen
Priorin zu Toß geworden, soll ihrem Ehemann, einem von Landenberg , die Herrschaft Wetzikon
zugebracht haben. Leu, Helv. Lex.
Deutsche Texte des Mittelalters VI. 2
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18
I. Ita von Wezzikon.
grossem fliss an naigen, an ston, und das sy gar endlich sang alles das sy kund T
wie sy doch nit wol sang. Sy hatt och grossen andacht ze gebett, und ain ander
gebet, das sy tett gewonlich, das liess sy nit P a ] durch unmüss noch von siech¬
tagen, sy sprech alle tag ain tusent Ave Maria. Und so ir joch gar lieb fründ
5 hie warend körnen, so wolt sy doch niemer uss dem kor kumen e das sy ir ge¬
wonlich gebett gesprech. Sy ass och in dem reventar als steteklich das sy es
selten iemer gewandlet, denn so sy zü auder geliess ald durch ander grosse redliche
sach. Und won sy gütter spiss hatt gewonet, so laid sy als gar fil gebresten und
hungers von ungewonhait der spiss, das sy dik ab tisch gieng hungriger denn so
10 sy über lisch sas, und das sy etwenn von hunger nit schlaffen mocht. Hie mit
was sy doch frölich und wolgemütt. Sy was och als gar flissig an gemainen
werken, sy wer ze dem venster ald wo sy was, das ir kunkel selten usser ir henden
kam. Sy erzaiget och grosse demütikeit [7*] an manigen dingen. Sy getrüg
niemer besser gewand won als es der covent gab, und das selb was dik als gar
15 krank das sy fil bletz dar an machet.
Es kam zeainem mal ain unser maisterschaft her; zü der ging sy haim-
lich und sprach: ‘Ich sorg, das • S • Ila von Wezzikon priorin werd; der
bin ich hölder denn dekainer Schwester; doch sprich ich von warhait das sy
ze dem ampt unnütz ist und der cofent mit ir versumt ist.’ Und won er sy
20 nit erkant, do wond er das es war wer. Und won sy dik vor mit maister¬
schaft was, do ward sy dik geeret von dem covent und von andren lütten
und hat och fil wirdikait von ir gebomnen fründen. Dis gab ir fil kumers
an ir hertzen und bat Got dik das er ain Wandlung an ir täte also das sy
ain rechter verschmächter und armer mensch wurde, und ir och gebe etwas
25 [ 8 *] sunderlicher arbait zelident. Diser driger ding gewert sy ünser herr
folleklich, won sy gewan sölichen siechtagen das ir liden und ir ser un-
vertragenlich was, und ward och von dem selben siechtagen als gar wider-
zem das kum iemant by ir beliben mocht Sy ward och als gar arm das
sy von ir selb nit hat won das ir die schwestren durch Got gabent: etliche
30 • vi • phenning ald als ir denn Got gnad gab; das entpfieng sy denn als gütlich
und dankberlich das wir wol an ir marktend grosse andacht, das sy zü williger
armüt hat.
Wie gross ir arbait was und wie vil sy gebresten hat, das laid sy alles
begirlich, das sy etwenn gedacht: ‘Wess gebristet dir? du hast doch an dienst
2. ain f. N. 5. hie gestr. (r.) O ( Ü), bei ir N. 5. komö am Rand nachgetr. O.
6. refent’ N (raffental Ü). 6. emßiglichn N. 7. Wö korr. in Den O, wan N. 8. gar
am Rand nachgetr. Q. 12. redfenst’ N. 16. in der Zeile vffer; am Rand korr.
vnfer O (Ainer vff vnlfer mayfterfchafft Ü). 16. her in zü tös korr. 0 (Ü). 28. (von
hier — Sy ward och gar arm — auf ZI. 31 gesprungen — vnd in dem alle vermarcktend wir
gancze gedultikait vnd groffe andacht — Ü). 30. vi f. N. 30. ir ] ine N. 31. vfi als
danknelich N. 31. a. das] a. die N (0}. 33. f. doch als N.
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I. Ita von Wezzikon.
19
und an allen dingen din notdurft!’ Und kam ir ain [ 8 >>] anfechtung in, das
sy unser herr nit volliklich hetti geweret ir bett. Und dis ward an ir also ge-
wandlet: wie wol ir iemer gebettet ward, so was ir alle zitt als wie sy uff
stainen lege. Won nun ir ser als unvertragen!ich was, so wundretend sich dik
die schwestren von*ir gedultikait. Und das mocht sy nit liden das sy iement 5
hetti für ainen gedultigen menschen, und sprach: ‘Wer waist wie ich in
minem hertzen bin?’
Sy ward och zeainem mal in sich selber gezogen, und dunkt sy das sy
gar vil stimen horte vor Got im himelrich, und die battend alle sament mit
grossem ernst und begird für ainen menschen; aber sunderlich ain stim die 10
bat ungestümeklich für die andren alle und bat das sich Got über sy er-
barmety, und der stim ward geantwurt [ 9 »] also: ‘Sy hat erb&rmd funden,
aber sy müss noch fil liden.’ Do ward ir ze erkennent geben das sy der
mensch was für die dise stimen battent, und das die ain stim das das ir engel
was. Aber wir gelobent von den andren stimen, das das die hailigen warentt 15
den sy sunderlich gedienet hat. Sy dunkt och ze ainem mal das ain sul von
dem himel sich her abliess untz für ir bett; die was als von wunderlicher
varwen gezierd das sy nit davon gesagen kund. Und uss der sul hört sy ain
stim, die rett gar tröstlich mit ir, und sunderlich do ward sy gesichret das sy von
Got niemer solt geschaiden werden. 20
Sy dunkt och zeainem mal das alle ire gütte werk für ünsern heren
bracht wurdent, und die entpfieng er als gar mineklich und als löblich das
[ 9 ^] es unsäglich ist. Aber sy dunkt das ir als wenig wer das sy sich
inneklich erschamt.
Sy bracht ir grossen arbait und ir hailiges leben uff ain güt end. Und 25
do sy an ir end lag und ietz hinzoch, do sach ain Schwester das ain schönes
liecht recht als ain stem vor ir antlüt erschain, und das es recht tett als es
sich frowte mitt ainer spilender fröd. Darnach do sy begraben wart, do bettet
ain Schwester spat an ainer stat da sy uff das grab sach, und begert von
hertzen das ir ze erkennend wurd gegeben, wie es umb ir sei stünd. Do sach 30
sy das in dem luft ob ir grab ain liecht schwebet, das was in der form als
ain klaines schifly, und in dem schifly sach sy ain ander liecht, das was als
ain sinwel kugel, und das was aber vil schöner und lüchtender, und für [ 10 •]
rech spilend hin und her dar inn. Und das hat sy aigenlich da für das es ir
sei wer. 35
3. als f. N. 9. gotes thrö in dem h. N. 14. f. die so G N (Ü). 14. die ain
auf Rasur G. 14. (das das f. Ü). 15. von den ] vmb die N. 17. von f. N.
18. u rspr. vö gezierd, dann vö gestr. G. 19. do f. N. 22. gar f. N. 27. erfchin mit a
über dem i G; l. erschan? fcbein N (erfchinS Ü). 27. a. ob e. N. 30. gegeben f. N.
30. vmb G. 31. grab am Rand nachgetr. G. 34. rccb so O. 34. fpilö N.
2 *
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20
II. Ita von Salz.
[ii] Von der saligen S Ita yon Solz.
Wir hattend och ain gar sülige Schwester, die hies -S- Ita von Sulz und
was ain witwe, do sy in kam. Und do sy noch in der weit was, un ander
tugent die sy übet, do übt sy sich sunder dar an das sy als gern armen lüten
5 gab das sy in ir hus hat. Do sy ze ainem mal wolt nemen das sy durch
Got geb, do sass der bös gaist vor ir und wert ir vast, das sy nit als über mäs-
seklich von ir geb. Und do sy müt gewan das sy in dis kloster wölt
varen, des hett er sy och gernn erwendet, und gelichet sich in irs bichters
gelichnus, der was ain güter man, ain barfüss, und riet ir mitt gantzer kraft
10 das sy nit ze kloster [io>>] kem, und lait ir für vil arbait, die uf sy wurd fallen
von den gebresten die sy liden müst, da von sy in ungedultikait viel, und das
sy dik treg wurd zü Gotes dienst, so sy mit ir selber den kumer müst haben
den ir ietz ir junkfrowen vor trügint. Und sy verschmachet in und sinen rat
gantzlich und verwag sich durch Gott alles des das sy hatt, und kam in dis
15 kloster und lebet in williger armut, und in ainem strengen hailigen leben was sy
bis uff ir end. Und als sy da vor hatt gelebt nach der weit Sitten nach
liplichem gemach, also lebt sy do in dem kloster mit sunderlicher strenghait.
Und von grossem ernst den sy hat, do benügt sy des ordens strengi nit,
won das sy ain stäti gewonhait hat das sy kalt wasser vor in die spis Schutt
20 e sy die [tl* ] ass, und da von ward etlich spiss allso unlustsam ze sechent
und och ze essend. Sy übt sich och ussgenomenlich an sunderlichem andacht,
und da von ward sy och wirdig das ir unser herr sin gnad manigfaltiklich
erzaiget.
Sunderlich do was sy als demütiglich gehorsam. Und in den zitten do
25 der kor als gar eng was, do hies sy die priorin usser ir stül gan und gab ir
ain stat hinder dem alter. Und hie mit ward sy als ser angefochten das sy
sprach das es ir würs täty denn do sy von hus und von hof gieng, und was
doch als gehorsam das sy nie wort da wider geret. Und do tet ir unser her
als gütlich hinder dem altar das sy etwenn dunkt das der kor als vol süsses
2. [WJir unvoUst. in Sy korr. (r. W statt des ausgelassenen S gesetzt) G. 3. f. zü in k.
auf Rasur G, f. in das Cloft’ kam N. 3. un ] on N. 7. dis ] das N. 7. zu klofter
am Rande nachgetr .: täff G, doch vgl. unten bei Ita Sulzerin, Nr. XXVI. 8. gern G.
9. gelichnus ] geftalt N. 9. i. d’ pofs geift m. N. 10. ze ] in das N. 12. z. g. d.
am Rand nachgetr. G. 15. nach kl. eingeflickt (r.) töff G. 19. hat am Rand nachgetr. G.
20. e s. d. a. f. N.
1. Sulz scheint ein Burgstall bei Sulz, Pfarrei Dynhard, Landvogtei Kiburg , geheißen zu
haben. Ein Kiburgischer Dienstmann Hartmann Sulzer ist nach Tschudi bei Näfels (1388) erschlagen
worden. — Das Winterthurer Geschlecht Sulzer ist erst seit dem Iß. Jahrhundert belegt. Leu,
Helv. Lex. Doch vgl. unten bei Ita Sulzerin, Nr. XXVI.
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II. Ita von Solz.
21
geschmakes wir das sy es enkainen liplichen dingen [ii b ] kund geliehen.
Etwenn sach sy och das der kor als vol Hechtes was das sy in ain gros
wundrung da von kam.
Man hat sy ze ainem mal ze kelerin gesetzet, und da von ward sy gar
betrübet, won sy vorcht das sy von der unmüss ir andacht geirret wurd. 5
Und do gieng sy in den kor und klaget es ünserm herren. Do trost er sy gar
lieplich und sprach zü ir: ‘Man vindet mich an allen steten und in allen dingen.’
Und hie von ward sy gar wol getröstet und enpfieng das ampt gütlich, und
unser her was ir als haimlich und tett ir als gütlich als er ie getett. Sy sach
ze ainem mal och ünsern herren als do er ain kindly was, und das er ze den 10
schwestren gieng in dem kor, und so sy nigent, so umbfing er sy, und weli nit
tief naig, für die gieng fi2»j er, als er nit ze ir möchte gelangen. Sy sach och
ze ainem mal, das unser frow in dem kor gar schon und wunnenklich umb gieng,
und besprangt die zwo schwestren die dingnare sungent, und darnach alle
die schwestren die in dem kor warent, und stund do enzwischent den 15
schwestren die dignare sungent, untz man die collect gesang: ‘Concede
nos.’ Sy sach och ze ainem mal den covent in als grosser lutterkait das
iegkliche Schwester von dem heren erlüchtett ward als ain cristall. Und hie
von enphieng sy grossen trost und gewan nüwe lieby zu iegklicher Schwester
sunderlich, und begert an ünsern herren das er dem covent dik etwas sunder- 20
licher gnaden tete.
Sy hat och die xi tusent mögt als gar lieb. [12>>] Nun hat ain provincial
gehaissen das wir nit von in sungent als wir gewonhait hattend. Und do ainest
an ir tag wart ze metty und das ander zaichen gelüttet ward, do sach sy das
sant Ursula mit allen iren mägten in den kor gieng, und warent alle herlich und 25
wol beklaidet, und do man die metti anfieng und man nit von in sang, do
kerttend sy sich umb gar unwertsamklich und giengend uss. Dar nach geliessent
wir nie das ampt ab.
Dar nach do sy ünser her von diser weit wolt nemen, do erschan ir von
siner Ordnung ain sei gar wunneklich und gar schon, denn das sy ain klaines 30
schwartzes flekly uff dem füss hatt, und das was da von das sy irem engel nit
gedienet hat, und sait ir das sy schier sterben solt und das sy mit [13*]
ir zehimelrich solt varen. Und also starb sy kurtzlich darnach mit ainem
hailigen end.
3. wonrüg G. 11. gi e ng mit übergeschriebenem e, dagegen vmfing und 12. gieng G.
14. beidemal dignare N. 23. wir beidemal (r. u. sw.) karr, in fy G. 23. in am Rand
nachgetr. G. 24. dag (nach sy) f.GN ( urspr. ausgefallen). 25. gieng ] gan N.
27. 28. gelieifent wir Icorr. in geiieff der couet G. 29. weit karr, aus velt. 29. erschau
so G\ vgl. o. S. 19,23 (erfchan hier auch Ü).
16. den Vespergesang Dignare me laudare te virgo sacrata mit dem Responsorium Da mihi
virtotem contra hostes tuos.
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22
III. Elsbeth SchefFlin.
[inj Von der salgen -8 Eisbet Schefflin.
Wir battend och ain sälge junge Schwester, die hiess -S - Eisbet Schäflin,
mit der unser her sin gnad volleklich tailt, das ir leben offenbarlich erzaiget mitt
tugenden und mit hailiger ilbung und och an Offenbarung der gnad. Und die
5 gnad fieng er an mit ir wurken, do sy noch in der weit was. Won sy gewan
als grossen ernst zü gaistlichem leben und mAst das als mit grosser arbait ge¬
winnen, und do sy der bös gaist nit verirren mocht des gaistlichen lebens mit
maniger grosser widerwertikait und anfechtung, die sy von iren frunden laid, do
trowt er ir durch ainen besessnen menschen [ 13 *>] und sprach: ‘Nun far echt du
10 hin, ich will dich füllen’; do sprach sy mit geturstigem hertzen: ‘Nun raAss das
gewaget werden.’
Und do sy in das kloster kam, do verhängt unser her dem bössen gaist als
fll sines gewaltes über sy das sy mit manigfaltigen grossen arbaitten gepinget
ward, und doch also das er der sei nit rürt, zegelicher wis als wir lesend von
15 dem säligen Iop, über den och ünser her von sunderlicher min verhängt das er
schwerlich von den bössen gaisten gepinget ward. Und hie mit hat sy och ünser
her sunderlich geeret, won das gröst lob das man ainem gütten menschen hie
in diser zit geben mag, das ist das man von ainem sprechen mag das er ain
lidender mensch sy.
20 Das erst liden das sy angieng, das was das sy als gar [i4<*] vil unrAw laid
von ungewürm an ir üb das es recht unvertragenlich was, und das sy och als
grosser siechtag an gieng, das sy etwenn ain halben tag lag in ainem geschwinden.
Und davon kam sy in sölichen lünden das man wond das sy ainen schweren
siechtagen het, und hie von ward sy vil verschmächet. Dise arbait laid sy alle
25 in dem ersten jar, do sy in dis kloster kam.
1. Übertckrift steht 4 Zeilen weiter oben am Rand ; zu Beginn des Kapitels ist nur eisbet
scheffli wiederholt O. Initiale IV : Nonne knieend vor der gekrönten S. Margareta, die den Krcuees-
stab dem Drachen in den Schlund steckt N. 2. [W]ir unvoUst. korr. (r.) in S[y] O. 12. das]
diß N. 14. rütt 0, rürte N. 16. schwerlich 0. 21. ef nachlrägl. eingefügt 0.
22. zu gefwindö (mit Verweisungszeichen) am Rand : od’ amacht N. 23. zu lumds (so, mit
Verweisungszeichen) am Rand : od’ le'müt N. — zu der Form lünden O vgl. unten O 39 <* lünd.
25. dis korr. in das O, das N.
1. Eisbet Schefflin und ihre Schwester (unten S. 23,14. 25,15) gehören einer längst ausgestor¬
benen Zürcher Familie an, die bei den Augustinern neben den Stagel u. a. ihre Grabstätte hatte. Zwei
andere Schwestern Schafeli wurden 1314 ins Kloster ötenbach aufgenommen, wobei Rudolf Stagel,
der Vater Elsbets, Zeuge war, der bereits 1306 mit einem Johans Schaffeli oder Schäffli, 1317 mit
‘Burch. Schaf Uno’ urkundet (Mystikerpaar S. 52). Die Ratsangehörigen des Geschlechtes sieh bei
Leu, Helv. Lex. XVI. Heinrich, des Rats 1333, wird bei der Regierungsänderung 1336 für einige
Jahre verwiesen ; dagegen erscheinen als Ratsherren 1336 und 1337 Johannes d. ä. und d. j. Ein
Meister Johannes Sch. war 1271 Chorherr, ein Ulrich 1285 Leutpriester zum Großen Münster.
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III. Elsbcth Schefflin.
23
Darnach liess och der böss gaist sin übly gen ir nit ab und erschrakt sy
<lik mit manigen dingen. Etwenn fand sy naltren und sölich gewürm an ir bett
ligen in dein dorrmitter. Ze ainem mal was. sy kellerin; do kam der bös gaist
ir in den keller und sy vertraib in getürstiklich, und hand da ain crucißx dar
ton das er dester minder gewalt da hetty. Sy nam och dik vil streng 5
disciplinen, und in dem tet er ir och vil laides. Etwenn knüwet er nebent sy
und schl&g denn über die maseen fast. Sy hielt den orden in allen dingen, und
den gantzen fliss vieng sy an, do sy erst in das klosler kam. Won als da vor
geschriben stat, das sy als gar siech was in dem ersten jar, doch hielt sy also
ir schwiglichy das sy es selten brach durch ir krankhait willen. Darnach ze 10
allen zitten und an allen stetten so rett sy wennig.
Sy hat och nit alain fliss ze grossen dingen, sunder och an den minsten so
hüt sy sich. Sy namt enkain Schwester mit ir rechten namen, sy sprich Schwester
darzü, joch ir lipliche • S •. Sy was och gar emsig an andächtigem und
[löaj grossem gebet. Und in dem zit do sy pomerin was, wenn ir denn die 15
miss ward, so gieng sy in den kor ald sy sprach by der port ir gebett. Sunder
werk kam ir niemer in ir hand. Sy hat och mit niementt usswendig zetünd.
Ir wandel was och gar senft und mineklich gen allen den schwestren und hüt
sich vor aller verlasenhait mit fliss, und an allen werken markt man wol das sy
es von andacht t&tt und von ainem minenden hertzen. So sy ettwenn hinderred 20
hortt, so sy das nit gebessren mocht, so stund sy uff und gieng dannen; won sy
erkant wol das es ist ain Zerstörung des hertzen frides und götlicher min. Was
man ir [15*] befalch, da was sy als gar flissig zü das uns dik dunkt das es gar
über ir kraft wer.
Der coventt was och ze ainem mal in kumer von ains urlüges wegen, und 25
tatend die schwestren gemainlich Sant Margreten gebett, und das wist sy nit.
Und do in der cumplett ward und sy under dem covent stünd, do kam ain gar
schönes liecht geches als an blik schoss, das es etlich schwestren wol sachent und
och etlich usser lütt: die forchtend das der kor enbrunnen wer. Und do das
liecht vergieng, do wistend die schwestren nit, die das liecht hattend gesechen, 30
was es mainte. Aber die sälig Schwester erfraget recht in ainer geche was
gebettes der covent hett geton. Do ward ir gesait: Sant Margrethen. Do strakt
sy sich uff der stat vor [16<*] allem dem covent mitten in den kor und tett och
1. Vbel (Mißverständnis) N. 3. torment' N. 4. den korr. aus dem O. 4. and hand
= und wir haben; statt hand mißverständlich hangt und nach dar das ton getilgt N (hand weg-
gelassen und r. hat fy übergeschrieben Ü). 10. fweigS N. 11. wSnig oder wenig Ö;
die Auflösung erscheint unsicher. 15. pomerin G; l. portnerin? (*o N, porttnerin Ü).
16. 17. Vntlcie werck komSt N (fand’ we’ck kam Ü). 28. an ] ein N. 32. strakt ]
ftrafft A T . 33. den] dem N.
25. urlüges] twahrscheinlich des Streites auf dem Tößfeld im Kampfe zwischen den Anhängern
Adolfs von Nassau und Albrechts von Habsburg: vgl. unten bei Jützi Schultheißin (G 103b ff.).
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24
III. Elsbeth Schefflin.
das selb gebett. Und do sy uff wolt ston, do was sy alls krank das sy zwo
schwestren denen müstent füren, and do was sy by xm wuchen in sölicher
krankhait das man wond das sy ainen schweren siechtagen hetty. Und darnach
sait sy das sy Sant Margret bestrafet het, das sy ir gebet nit hat geton, und
5 das sy zft ir was kumen in ainem als wunnenklichen liecht das es ir ze über
kreftig was und enkainen andren siechtagen hat.
Sy sass och ze ainem mal in dem kor nach complett: do kam ain als
wunnekliches kindly durch den kor gegangen, und do es zft ir kam und als gar
mineklich was, do sprach sy: ‘Ach min liebes kind, wer [16»] bist du?’ Do sprach
10 es gütlich zü ir: ‘Ich und die drivaltikait sind ain ding, und als gewarlich das
war ist, als war ist das du von mir niemer geschaiden solt.’
Ir was ze ainem mal ain ampt befolchen; do dunkt sy das es über ir kraft
wer. Und doch gedacht sy: ‘Her min, nun wil ich von minnen gehorsam sin,
als du von minnen dinem himelschen vatter gehorsam woltest sin.’ Und do sy
15 darnach in den kor kam an ir andach, do naigt sich unser her ab dem grossen
crütz das an dem lingen kor stat, recht tieff herab gegen ir, und an dem selben
verstünd sy wie danknem ünserm herren ir gehorsamy was.
Von grosser lutt/77<>yerkait, in der ir hertz stund, do ward ir och etwenn
ze erkennent gegeben wie rain und wie lütter etlich schwestren vor Got stündent
20 Ze ainem mal, do sy an irem gebett was in dem refentar und die sälig Schwester
.Elli von Wurmenhussen och da an irem gebet was, do sach sy das die selb
schwester Elli also lütter was als ain cristall. Do fragt sy sy darnach was sy
der zit bettety; do sait sy ir das sy vor krankhait der zit nit möchte getün, won
das sy sich demütiklich für ünserm heren naigt, und gedacht: ‘Herr min, künde
25 ich nun getün das dir löblich wer, das tatt ich gern.’ Und do verstünd sy das
Got das erbietten als danknem was.
Sy was och ze ainem zit uff der kapell [n»j an ir gebett, und do sacb
sy das die sälig • S• Ellsy von Elgö vor dem schönen bild unser froweu
knüwet und das ir lib oben dem gürtel als lütter was als ain kristall, und sach do
30 in der lutterkait ires libes ain liecht, das was so schön und so klar als ain
2. dene mit Strich über n und e; /. denne? 5. ze am Rande nachgetr. G, f. N. 15. andacli
so G. 18. lntt | tterkait G. 21. 61li G. 24. vnser G, Auflösung unsicher; ebenso vntier N.
25. tatt so G. 27. zit am Rand nachgetr. G. einer z. N. 29. oben d., en durchstr. (r.) G,
ob’tbalb d’ N. Die Korrektur in G beruht auf dem schweizerischen Gebrauch von ob alt. Präposition.
21. Wurmenhussen] Dieses Geschlecht erscheint in alter Verbindung mit Töß: die erste Schenkung
an das Kloster, 1239, geschieht durch die Grafen von Kiburg im Auftrag ihres verstorbenen Ministerialen
Heinrich von Womhausen oder Wurmhausen ; sie betrifft Güter auf der Hochebene südlich von Kiburg
(zu Luckhausen, Wolfgruben, Agosul, Erisberg), wo noch heute der Name Wornhuteräcker an einem
ca. 2 ha großen Landstrich haftet. 1260 erhält Töß Güter (u. a. auch in Wrmenhnfen) zu Lehen,
die früher Peter von Wornhausen gehört haben. Für die Güter derer von Womhausen gibt Töß
jährlich dem Bischof von Straßburg, als Lehensherrn dieser Güter, 10 Pfd. Wachs. Ebenfalls 1260
erhält es von Peter von Womhausen den Zehnten zu Dorf. Sulzer, BQT 9ff.; DKT. 28. Elgö
«. S. 25,12 und Nr. XXVII (G 120» ff.).
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UI. Elsbeth Schefflin.
25-
lüchtende sunn, und das selb Hecht für recht spillend und sich fröwend in ir r
und ward ir ze erkennend geben das das ir sei were. Und do gedacht sy:
‘GesacA dich Got, selgy Schwester!’ und gedacht do: ‘Ach ich arme Sünderin,
wie stat es umb dinn sei!’ Und in der selben stund do sach sy im lib in der
selben lutterkait und ir sei in der selben klarhait und in spilenden fröden als sy &•
die vor genamten Schwester gesächen hat. Disc gesicht weret ain güt wil an
ir, fi8‘] und hie von enpfieng sy unmäsigen trost. Die gnad beschach ir nach
meti, und also belaib sy an ir andacht untz das der covent über tisch wolt gon.
Nun börent hie ain wunderliche bewerung von der gaistlichen gesicht. In
der selben stund do kam ain red in den cofent von dir gnad recht als och ir 10
besehen was, und dise red was ze dem ersten körnen von Schwester Ellinun
von Elgeo der legen Schwester, die was ain usgenomen gütt mensch. Und do
man die darumb fraget, do sprach sy: ‘Ich lognen nit, ich hab es gesait, aber
es kam mir von nie kainem menschen für.’ Nun hat die selig Schwester Elsy
Schäflin ain lipliche Schwester hie, und die wundret [18*] sich das es als offen 15-
was, und straft sy darumb das sy es iemen heti gesait. Do sprach sy: ‘Ich gerct
hüt wort mit niemen und kam hüt nie ab dir stat’, und sy wond das sy nit
dar an weri, und wider sait es offenlich. Dar nach do fragt sy die selig schwester
Jüzi Schulthasin gar ernstlich darumb, und sy wolt irs nit sagen und lognet
sin. Darnach über etwe vil zit do kam sy zü ir und wainet hertzlich und sprach: 20
‘Ich bin als innenklich betrübet das ich als unwar han gesait, won alls das
du von der sach hast gehört, das ist ales war, und waist doch Got wol das ich
es nie menschen gesait, wie es joch für ist kumen.’
Als nun dis usserwelt mensch erzaiget mitt iren hailgen [19»] werken das
die gütlich min bran in irera hertzen, also erzaiget sy es och mit ainem minenk- 25-
liehen jamer und mit begirlichen Worten die sy rett nach dem tod. Und do sy
an irem tod lag, do müst man ir singen süssy wort von dem himelrich. Und
als ain zitt für kam, so sprach sy begirlich: ‘Nun bin ich aber dem tod nächer.’
Mitt ainem andächtigen end schied sy von dir weit zü der ewigen selikait.
uv] S Margret Willin. 30
Der milt Got, der sin gütty manigfaltiklich erzaiget dar an das er sin gnad
niemen versagen mag der sy mit rechtem ernst süchet — won das hat er
sunderlich bewist an unser Schwestern ainer, hies schwester Margret Willin,
2. 3. gedach — gefacht G, gedacht — gefach N. 4. irn korr . aus ir G. 9. der korr.
aus die; /. dir? 10. dir] diß’ N. 11. ellinun, dann nun gestr. (r.) G, cllinen N.
12. legen] layö N. 15. fchafFli N. 15. hie korr. in (r.) da G. 16. geret] ge nachtr. G.
18. die selig f. N. 19. fchult auf Rasur G. fchultheiffi N. 19. Schulthasin] 8 . u. Nr. XXV.
31. Der ] Initiale D mit Nonne im Hemd , Arme und Schultern nackt , in der rechten Hand eine Geißel N.
30. Willi ist noch heute ein häufiger Geschlechtsname in der deutschen Schweiz (nach Leu , Helv~
Lex.: in Bern , Appenzell , Graubunden , Mülhausen).
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26
IV. Margret Willin.
und //9ty die was in iren jungen tagen als Hechtes und ernsthaftes lebens das
man sprach das kaini in dem kloster ir gelich weri. Und do sy noch do in
gütter jugent was, do gab ir unser Herr gnad, das sy ir altes leben ze mal
verschmähet und kert sich samhaft ze Got, und das beschach in als kurtzem zilt
£ das die schwestren in ain wunder da von koment, und fieng als ain strenges
leben an das sich ir kaine in dem closter geliehen mocht.
Ir genügt nit an des ordens strengi, den sy flisklich hielt: sy arbait sich
noch fll grässlicher, das wir doch nit alles ze Worten kunent bringen. Aller ge-
sellschaft gab sy ain friges urlob; Des redvensters und aller ussrer menschen hat
10 sy kain acht, und /so«/ joch gen iren aignen brüder, den sy in unsrem orden
hat, gen dem hielt sy sich usserlich. Sy schwaig vil nach alwegen, das sy nimer
wort geret. Sy hatt ain hobtküssy von velwen und ain hertty hurt under ainem
alten strat. Aber als vil stain als so man ainen estrich lait, also was ir bett,
da sy an rüwet. Sy trüg ain herin hemd an mitt grülichen knöpfen und ain
15 starken ysnenen kettenen umb iren lib. Sy nam zwischent tag und nacht dry
disciplin mit ainer gaiselen, die sy darzü gefrümt hat. Sy as wenig spiss und
trank selten win; so sy aber etwenn win trank, den vermist sy, das er
we/20tynig kraft hatt. Sy wachet och als emsklich das man achtett das sy
dik kum ainer vigili lang schlieff.
20 Und ze ainem mal do sach sy ain gesicht, das sy dunkt wie unser her durch
das tormentar wurd gezogen, als im die juden tattend, do er gefangen wart.
Und dis'was ain als gar gemerliche gesicht das es ir als gruntlich zehertzen
gieng das sy für die stund nie wolt geschlafen. Und so man complet gesang,
so gieng sy nider und stund denn uff an dem ersten schlaff, so etlich schwestren
25 noch nit nider warent, und bettet denn in dem tormitar untz das man den kor
entschloss, und (21*] blaip denn für sich in dem kor nach metty. Und so es als
gar kalt was, so nam sy iren strat umb sich und kam nit uss dem kor. Etwenn
satzt sy des schaprens kugelen uff und lait den wil dar über, und also gieng sy
och in dem tag gar dik und vil nach alwegent verhenket untz uff die ogen. Ze
30 ainem ainigen mal was sy vor prim zitt nider gangen, und do zeprim ward, do
stund ünser her vor ir und sprach: ‘Dir zit stund ich vor gericht: so list du hie
und schlafest.’ Wenn man zewerk lut, so gieng sy bald in das werkhus und
span denn flisklich, und was denn iemer da wer besehen, sy hett ir ogen nit dar
kertt, und runnend ir die trächen von grosser /2/V andacht recht emschicklich
1. "lebef" vnd ernfthaftes G. 7. fiifklich am Rand nachgetr. Q. 8. wlrG;
■aufzulöten: wier? 8. kunet G; aufzulöten: kunnent? 11. gen am Rand nachgetr. G.
11. nimer] ni am Rand nachgetr. 0. 12. "hertty" ain G. 17. vermift so O. 18. we|ig G.
33. iemer nachtr. durchstr. (r.) G.
23. Die kanonischen Horen sind: Matutina und Landes um Mitternacht, Prim um 6, Ters
■um 9, Non um 12, Vesper um 3, Complet um 6 Ultr.
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IV. Margret Willin.
27
über ir wangen. Und so sy erst die glogen hört, so gieng sy bald wider in den
kor. In dem sumer nach dem tisch segen so nam sy vor ietlichem bild in dem
kor aln veni und lait sich denn uff ir hurt und rüwet untz ze non. Sy übt sich
och daran das sy ze kainem venster uss sach. Et wenn versüchtend sy die
jungen schwestren und tatent als sy ain wunder sechint: so kert sy ir ogen 5
niemer dar.
Dis streng leben übt sy dik un sunderlichen trost, das sy ir selber etwenn
ain zil satzt, das sy gedacht: ‘Nun bait nit won untz morn.’ So man sy etwenn
straft umb ir hertes leben, so sprach sy: ‘Ich müs es tün: won lies ich ünt ab,
so wurd ich es schier als ab/22«7lan.’ Won sy non nitt lipliches trostes hat, do 10
trost sy unser her doch dik süsslich mit im selb und sunderlich mit siner liep-
lichen gegenwürtikait, als er in dem kor stctiklich by uns ist Got und maisch.
Won dis was ir gewonhait, so sy nit in dem kor mocht sin; so was sy aber by
dem kor, won so sy by dem confent solt sin.
Ze ainem mal vernam sy das man ünsern heren in die kilchen wölty setzen, 15
das er alwent da sölty sin. Do ward ir klag und ir jamer also gross das sy
tätt als ir hertz in irem lib wölty brechen, und das die schwestren von ir grossen
klag hertzlich wurden! wainen. Sy hat och sunderlich andacht ze ainem bild als
unser herr vor gericht stünd, [22*>] und bat in denn gar inneklich das sy an
dem jüngsten gericht genädeklich gerichtet wurdy. Und do sy ze ainem mal in 20
dir bett was, do wart ir gar gütlich geantwurt von Got: ‘Du bist ietzt gericht als
du gericht solt werden.’
Sy bettet och gewonlich vor unser frowen bild in der capell da die dry
küng stant. Und do sy ze ainem mal gar andächtiklichen da bettet, do trost sy
unser frow süsseklich und sprach gar mineklich zü ir: ‘Min kind, du solt wissen 25
das du von mir niemer geschaiden solt werden.’
Man hatt ze ainem mal ainer siechen Schwester unser heren geben: also schoss
er von ir mit andrem grülichem ding, und do bewiset sy och ires hertzen begird
und trank es als behendeklich uss als [23«] ob es der best kleffner wer gesin.
Ir strenges und ir hailges leben bracht sy an ir end. Und do die zit kam 30
das sy unser herr zü im nemen wolt, und man ir unerschrokenlich sait das sy
sterben solt, do lachet sy gütlich und schlüg an ir hertz und sprach wolgemütlich:
‘Das ist das herlichest leben das ie wart!’ Und also schied sy seliklich von dirr
weit. In der selben nacht do was ainem ussren menschen, der von ir Übung nit
wist, in aim trom, wie sy uff ainr hurt uff dem aller luttresten wasser enweg für, 35
und ist geloblichen das ir sei für sich zü Got füre.
8. zatzt O. 11. luderlich O. 11. aus liplichen korr. O. 13. cöfent
am Rand durch kor ersetzt, in der Zeile (r.) gestr. O. nit mocht in dem kor beleihen N.
20. gericht, dann et eingeflickt O. 29. statt kleffner von späterer Hand win in eine von der
ersten Hand gelassene viel weitere Lücke eingeschrieben O, kleffner mit Randglosse vel A.
29. Klävner in der Ostschweiz noch jetzt: Traubensorte und Wein von Kläven, Chiavenna.
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V. Mezzi Sidwibrin.
iv] Von der s&lgen-S Mezzi Sidwibrin.
Wir hattend och uss der massen ain süsse sälige Schwester, die hiess
Schwester Mezzi Sidwibrin und was güttes allter do sy in dis kloster kam, und
was [23*>] aber gar güttes lebens do sy in der weit was, und was als gar ain-
5 valtig und schlecht ze allen usswendigen dingen, und hat aber ain gar minrichen
süssen gaist gegen Got, und das zaiget ir usswendiger wandet an Worten und an
werken. Und recht als sy von natur ainvalt was, also übt sich och die gnad in
ir. Wie sich aber die gnad uswendig zaigte an ir, da von wend wir ain klain
schriben.
10 Sy hatt sunderlich die gewonhait das sy sich in dem kor naigt für unser
frowen bild, und lag denn und sach über sich als ain mensch das kainer ding
acht hat won Gottes alain. Und so sy die schwestren etwenn fragtent, won sy
als vil vor ünser frowen bild was, ob sy kainest mit ir rette: so sprach sy usser
aim ainvaltigen sin: ‘Sy rett dik [24»] mit mir und lachet mich an: so hat ich
15 mit irem sun als fil ze tünn.’ Sy lüff och etwenn in dem kor in der cumplet
umb, recht als sy nit sinn hetty, so man das Salve regina sang, und schlüg
denn an die schwestren von rechter gird und sprach: ‘Singent, singent: Gottes
mütter ist hie!’ Und hattent es die schwestren da für das sy ir erschinen wer,
won dem warent ir geberd wol gelich. Nun was sy als gütter ainfaltikait das
20 sy wond (als sy dem gelich tet) das menklich zemüt wer als ir, und darumb so
verhal sy sich etlicher ding nütz nit. Und ze ainem mal, do die wuchnerin
besprangt in der antifone, do sach sy ünser frowen mit ir umb und umb gan,
und das sy ainer ieklichen Schwester naig, und do sprach sy mit lütter [24t] stim
und zaiget es och mit der hand: ‘Wichent, wichent! Gottes mütter gat selb umb!*
25 Sy was och als beging Gotes wort zehörent, und mocht man denn als gar
licht gebredyen, das ain als gross wunder in ir ward das sy es uswendig er-
zaiget. Etwenn sties sy nebent sich die schwestren die by ir sassent, und
sprach: ‘Lose, lose! hörest nit, wöle wunder!’ Und sass also dik und wundret
sich mit Worten und mit geberden. Etwenn zarttet sy och den heren die als
30 wol bredgetend, gar lieplich. Und sunder do bredget ainest der provincial in
dem advent als wol von dem wort Ecce das es ir als nach zehertzen gieng
das sy von rechter gird zetusent malen ecce las. Sy sach och ainest ze wiche
nicht das dem heren der da bredget, ain hüpsches kindly uff [25«] der schos
sas. Sy gieng och etwenn von überflüssiger gird in die stuben und sprach zü
2. [W]ir unvollständig in S[ir] geändert (r.) G. 3. allter so G\ l. alters? so N (C).
3. dis in das geändert Q N. 5. ainwaltig G. 15. als fil (mit Verweieungszeichen) am
Rand naehgetr. G. 22. antifüe G, antiphg N. 30. zu bredgetend (mit Verweisungs¬
zeichen) am Rand vä (wohl irrtümlich) G. 33. wiche nicht so G. 33. vffllvff Q.
1. Sidwibrin: das Maskulinum wäre Sidweber — als Familienname uns sonst nicht
bekannt und vielleicht nur persönlicher weiblicher Zuname. 16. Salve regina ] auch unten S. 47.
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V. Mezzi Sidwibrin.
29
den schwestren: ‘Kinder, kinder! Ihesus ist unser!’ Etwenn sprach sy och zü
inen mit lütter stim: ‘Ist Ihesus yene hie?’ So sy denn etwenn sprachent: ‘Nain
er’, so wolt sy och da nütz nit zetünd han.
Sy hatt och sunderlich gnad darzü das sy sich als fliseklichen übt an ge-
mainen werken. Und so sy sass und span, so was sy als voll andacht das sy 5
recht hin floss, und sass denn und rett mit ünserm heren, als da niement wer
denn er und sy. Etwenn sprach sy: 'Herr, ich wil dir sin getrüwen das du mir
umb ieklichen faden den ich spinn, ain sei gist’, und runnent ir denn die trehen
recht genuchsamlich über ir [25*] wangen. Etwenn fieng sy an ze sprechen süssy
wörlly als: Propter Syon non tacebunt, und was ir denn als rilich zemüt 10
das sy recht schlüg mitt den henden, das es erhal. Etwenn fieng sy an und
sang süssy liedly von ünserm herren als frölich und als wol gemütlich in dem
werkhuss under dem cofent. Und sunderlich do sang sy ain lied gar begirlich,
das sprach also:
Wises hertz, flüch die minne 15
die mit laid müs zergan,
und las dich in dem besten finden,
das mit fröden mag bestan.
ob du falscher min bist: der
tü dich ab; Got laide sy dir. 20
Wie süss als ir leben was, das kan man nit ze Worten bringen. Won als vil
das ir mund überflos von süssen Worten, ir ogen gussend uss recht emssklich
die süssen min/20«/trehen, und mit Worten und mit wandel tett sy recht als
niement wer denn sy und Got. Etwenn sprach sy von grosser min: ‘Herr, werist
du Mezze Sidwibrin und wer ich Got, so wölt ich dich doch Got lassen sin und 25
wölt ich Mezzi Sidwibrin sin.’
Ir hailges leben bracht sy uff ain güttes end. Und doch do sy sterben solt,
do sprach sy: ‘Ach das wir ze dir stund alle nit sorgent!’
[vi] Yon der säligen S- Bell ron Liebenberg.
Wir hattend och ain gar selige Schwester, die hies Schwester Beli von Lieben- 30
berg, die was ain witwe do sy ze kloster kam, und was gar ain weltliche frow
die wil ir wirt lebet Nun fügt es sich, das ir wirt starb, das sy grosses liden
6. "rett" vn G, später vü vor rett eingeflickt , aber vn hinter rett zu tilgen vergessen .
9. an ausgefallen G, steht N. 10. tacebo N. 15 bis 20. die Verse nicht abgesetzt O N.
15. min G . 18. befton G. 19. der] l. ir? d* N. 20. /. leide b*? leide fi N.
30. [W] ir unvoüst . in Sir geändert G. 32. das i. so Q N; L do i.?
10. Jesaj. 62 , 1: Propter Sion non tacebo; die Abänderung in tacebunt (G) geht vielleicht
auf den liturgischen Gebrauch einzelner Frauenkloster zurück. 28. Die Edlen oder Freiherren
von Liebenberg, als Erb-Unterschenken des Stifts Einsiedeln teilweise auch Schenken von Liebenberg
genannt, stammen entweder von einer Burg bei Mönchaltorf oder einer solchen bei Zell im Tößtal
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30
VI. Beli von Liebenberg.
an gieng, won er was in dem bann, und getorst man inn nit begraben, won das
man in also hin satzt in das bain/2tf*/hus. Und da gieng sy alle tag hin und
satz sich alle tag zü im untz das sy ainen salter gelass. Und also sach sy das
gar vil wurm uss dem bom fielent, und das wag sy als fast das sy gedacht:
5 4 We, warzü ist ale din Zuversicht worden!’ und satzt do festiklich in ir hertz
das sy numen ze der weit wölty. Nun was ir mütter gar ain sälige frow und
was in Bürgenden gesessen, und dar für sy zü ir. Nun was do der bredger
orden noch do da unerkant. Und kam ain brüder dar, der hies brüder Aquilins,
und was der ersten brüder ainer die in tüsches land koraent. Und do sy in
10 sachent, do wundretend sy sich ab im, was lutes er wer. Und do sy vernament
was ir orden was, und sin bredge hortent, do enpfiengend sy in mit grosser
wirdikait in ir hus. Und also loset dise selge Schwester sinen Worten und folget
[ 27 a] sinem rat als fil das sy für dis kloster kam. Won dis kloster was do er¬
haben zebuwent, und sassent die ersten schwestren noch by der brwg in ainem
15 klainen hüsly. Also sass sy xxx jar vor disem kloster. Nun hat sy ain ainiges
tochterly, das hat sy Got geopfret, und also tett es sin etter wider iren willen
zü der weit. Und der frowen tochtren körnend fünf her und sy selb, und do
kam och do disy selig Schwester her in, und lebtend alle tugenlich und säliklich.
Diser sülgen Schwester was ünser herr gar haimlich mit sinem sunderlichen
20 trost. Sy lag fil jar von alter und von krankhait in dem siechhus, und doch so
was sy gar flisig zegebett und ze andacht, das sy das durch krankhait nie ablies.
Sy hat och die xi tusent megt sunderlich lieb. Und do ze ainem mal an ir
hoch/27»/zit ward, do was sy sunderlich krank, won sy was iiii wuchen stetik-
lich gelegen. Und an ir tag vor metty do was ir wie zü ir wurd gesprochen:
25 ‘Stand uff und gang ze metty!’ Also wart ir als wol das sy uff stund, und nam
zway grosse büch uff sich, da sy mety an las, die ir ungewonlich warent ze tragent.
Und do man das ander zaichen zemety lut, do sach sy des kores tür uff gon
und sach die xi tusent mägt in den kor gon, ye zwo und zwo sament, und
1. iE n. G. 2. satzt ] das zweite t zugeflickt G. 8. aquUlus G (der Name nicht
ausgezeichnet), aqaillas N. 13. karr, in: f. zü töff für das kl. 13. W. dis] korr.
in: das. 14. "fchweftren" erften G. 14. brug] bürg G, piirgge N. 16. etter] korr.
in vatter G; so N (Ü). 18. tugglich so G.
(Leu, Helv. Lex.). Über Berta (Beli), Witwe Ritter Heinrichs von Liebenberg, der als Anhänger
Kaiser Friedrichs II. im Banne gestorben, und über Liebenbergische Vergabungen an Töß von 1241
(mit der Bestimmung, daß die Witwe Berta des Ritters von Liebenberg in lebenslänglichem Besitze
der bez. Güter bleiben solle) und weiterhin vgl. H. Sulzer BGT11; DKT 86(6) f. 93(13). 1291
genehmigt Graf Hartmann von Habsburg die Vergabungen seiner Ministerialin an das Kloster Töß ,
worunter sich Güter in Dorf\ Waltalingen, Nußbaumen, Neuforn, Büttenhart, Loo und Bremilo
befinden ; damals scheint Beli von Liebenberg gestorben zu sein. Ebend. 87(7). — Bei Placidus
Murer (Frauenf. Hs. y 105) heißt diese Nonne 4 Beli oder Barbara von Liebenberg 9 (ebenso weiterhin
bei Beli von Schalken, Beli von Sure, Beli von Lütisbach). 8. bredger orden ] der 1215
vom Papste bestätigt ward. 14. brug] die Toßbrücke, vgl. oben G 2 b , S. 13,12 und Anm. y
und H. Sulzer, BGT 39. 17. frowen] nämlich der Mutter Beließ
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VI. Bell von Liebenberg.
31
nigent den schwestren an ietwedrem kor, und giengent och denn für sy ston und
nigent ir gar gütlich, und trüg ain ieklichy ainew grünen balmen in der hand, und
luchtend die bletter als die lüchtenden sternnen, und gieng ain als gar uss der
massen süsser schmak von den balmen f28«j und was der glantz als gar wunnek-
lich und der süss schmak als zart das es unsäglich ist. Und also giengent sy 5-
in dem kor hin und her, untz das die mety uss kam, sich fröwend mit groser
fröd. Und die selig Schwester Beli ward als gar durch gossen mit gnaden das
sy recht hin flos von genuchsamen trechen, und ward ir hertz also fol fröden
von der überflüsigen gnad und wart also süssklich gesattet von dem gütlichen
gcschmak das sy in fil zites wenig spis nos. 10
Sy begert och als inneklich das sy etwas bekantnus möchte haben von der
bailgen drifaltikait. Und do ze ainem mal wart, do dunkt sy das sy uff ain als
gar wunnekliches schönes feld gefüret wurd, und giengent dar uff als mineklich
und als seltzen lütt [28>>], und stundent als lütselig blümen dar uff und glantztent
al zesament recht als ain lütter gold. Und was da uff dem feld ain also wunnek- 15
licher luttrer brunn und was der dryfalt und flos alwegent wider in den Ursprung,
und was das wasser als süss das es unsäglich was. Also wer sy gern da beliben,
do wart zü ir gesprochen: ‘Es sol noch nit sin: du müst 6 fil liden.’ Und
doch blaib ir der süsikait als fil das sy wol IIII wuchen was das sy wenig
spiss nos. 20
Sy sass och ainest in dem werkhus an ainem fritag vor imbis und bettetend
die schwestren als gar andächtiklich, und begert sy das sy gern hety gewist
wie fil seien des morgens von der schwestren gebett erlöst werind. Also sach
sy iiii schöne liechter, und fürend die ze dem fenstter uss. Und do ward zü [29 <*/
ir gesprochen: ‘Dis sind iiii üwer schwestren die hüt von üwrem gebett 25-
erlöst sind. Aber die seien die alle tag von üwrem gebett erlöst werdent,
der ist ain unzalichy menge. Und also kam ain sei, die hört sy etwas sunder¬
lich an und sprach: ‘Frow, Got dank und Ion üch: ich bin von üwrem
gebett erlöst.’
Ir selig leben bracht sy uff ain güt end. Und do das zit kam das sy sterben 30
solt, do erschan ir ünser herr und ünser frow und sichretend sy das sy niemer
in kain wis sölt kumen. Und do versücht der bös gaist ob im icht werden möcht,
und kam zü ir gar grülich, und schan als lang das im das hobt untz an die tile
gieng. Also erschrak sy als gar übel von siner grülichen angesicht; doch
sprach sy mit geturstigen wortten: ‘Far enweg, farenweg! du macht mir nit 35
geschaden!’
2. ainem O. 3. ftcruen G. 18 u. S. e so G. 31. erfchan so G.
33. fchan so G.
1. an ietwedrem kor] d. h. den zu beiden Seiten des Chores sitzenden Nonnen?
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32
VH. Ofmya von Münchwil.
[vii] Von der sälgen m S- Offmya von Münchwil.
Wir hattend och ain hailge sälge Schwester, hies Schwester Ofmya von
Münchwil, und was der ersten schwestren aine in disem cofent, und was von
irem tugenthaften hailigen leben den schwestren als lieb und als wert das man
5 sy ingroser erwirdikait hat. Und in der wurkt unser herr ussgenomenlich mit
sinen sunderlichen gnaden, won sy och ires hertzen begird gantzlich an in hat
gekert. Won das zaiget ir selig leben folliklich das die götlich min ir hertz also
hat erfüllet das sy usren trost gar hat verschmachet.
Wie sAsseklich Got mitt ir wurkt, das mugent wir nit wissen denn gar aklain.
10 Sy Abt sich als gar inneklich in rechter andacht und davon ward ir hertz als
foll götliches trostes und sAssikait das ir die weg sAss warent [30»] und licht,
die gemainlich andren hert sind. Sunderlich hat sy die gnad: so sy zebicht
gieng, und sy gedacht das der bichter an Gottes statt sass, so wart ir als gar
mineklich zemAt das sy etwenn nit gebichten kund ze der zit. Sy knuwet och
15 ainest vor dem altar, und sait man ir das ir mAter komen wer (und won sy
fer von ir gesessen was, do kam sy licht selten zu ir), und do getet sy nie dem
gelich, won das sy für sich an irem gebet was. Und do wurdent ir ussren kreft
als gar ingezogen, und ward der gaist als kreftig das sy ward schweben in
dem luft.
20 Sy wart och als gar siech vor ir tod, und hat sunderlich die krankhait das
sy die spis nit mocht behaben, und da von getorst man ir nit ünsern heren
geben, und bat [3(fi>] aber als hertzlichen jamer nach im. Und do aines tages
ward an ainem grosen hochzitt, do wolt sy die Schwester die ir pflag, nit by ir
Ion. Und do in der mess ward, do gewan sy aber als grosse begird nach
25 unserm herren. Und do sy also lag und ir begird hat uff gerichtet mit gantzem
ernst, so sicht sy ain liecht, und in dein liecht lies sich ain schöne zwechel uf
ir bet für sy. Also gedacht sy: ‘Ach herr, was maint dis?’ und sicht aber uff
und sach noch ain schöners liecht, und in dem liecht lies sich ain schöne patten
nider uff die zwechelen. Also gedacht sy mit andächtigem hertzen: ‘unser herr
.30 wil sich recht über dich erbarmen’, und ward ir gird noch do grösser gegen Gott.
Und do sy in dem jamer was, do kam ain als wunneklich liecht [31*] das sy
dunkt wie alle die stub erluchtet wurd, und in dem liecht lies sich unsers herren
fronlichnam nider uff die paten. Also wart sy gar unmassen fro, und doch was
1. von f. O. 2. Wir korr. in Sy O. 2. hailge am Rande nachgetr. 0, f. A".
3. nach cofent (r.) eingedickt: töff O. 11. foll am Rande nachgetr. 0. 20. wart ]
urtpr. wz, gettr. G, ward N. 24. aber am Rande nachgetr. O.
1. Münchteil, jetzt Münchwilen bei Simach im Thurgau, nach Leu, Helv. Lex. eine ehemalige
Burg, von der ein Ritter Diether 1249 belegt iet; Offmya ( Euphemia) v. M. itt nach ihm 1248 ge-
»torben.
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VII. Ofmya von Münchwil.
VIII. Margret Finkin.
33
sy in sorgen; won sy wist nit wie er ir werden solt Und do kam ze dem
fierden mal das aller schönest liecht das sy for ie hat gesechen, und in dem
kam ain zweswe hand und gab ir ünsem heren recht als sy in zedem altar hetty
enpfangen, und do ward sy als fol gnaden und trostes, do ir pflegerin kam, das
sy wol sach das ir naiswas gnaden was beschechen, und sy wolt sy mit nuty 5
erlon sy mftst ir sagen was ir geschechen wer. Und won sy ir als getruw was,
do sait sy ir es, also das sy es niemen sagen sölti, die wil sy lebte. Dis ist uss.
[vni] Ton der salgen -8- Margret Finkin.
[3itj Sy quis non vivet in justicia, ille non potest manere in
sapiencia. Wer nit lebet in der gerechtikait, der mag nit wonen in der wishait. 10
Es spricht der hailig Sant Bernhard: ‘Got ist ungenem, was du wurkest, ob
du das versumest das du schuldig bist.’ Dis wort hat wol ze hertzen gelait die
sälig und gnadenrich Schwester Margret Finkin; von der hailgen wandel und
Übung wend wir ain klain schriben, darumb das ir gehügt nitt vergessen werd.
Wie sy uns doch nit mit Worten ze erkennend gab das gfit das unser herr 15
mitt ir wurkt, so zaigt doch ir hailiger wandel und ir durchnechtig leben wol
das die ewig wishait iren schätz in sy hat verborgen. Won iry wort und iry
werk warent also geziert das sy allen den die ir war nament, ain raitzung
[32*] gab zeGot. Aber wie gar ir hertz gerichtet was uff götliche haimlichy, so
bat sy doch den grösten fliss wie sy die regel und die gesetzt ordenlich 20
fol brecht an allen stuken, klain und gros, won sy was recht als ain luchtender
spiegel alles dis cofentes an ordenhaftem leben.
Dis usserwelt mensch kam in dis kloster, do sy v jar alt was, und lebt untz
uff lzx jar tugentlich und säliklich in strengem leben mit menger hailiger Übung.
Mitt wie grosser minnender begird sy geflissen wer den orden an allen stuken 25
zehaltend, da von wer fil ze sagen, won das fieng sy an in iren kintlichen tagen.
Sy was steteklich in dem kor, also das sy selb verjach das sy by allem irem
leben nie [ 32 t] zit versumpte, es wer denn redliche sach, mit urlob. Sy hat och
gewonhait das sy allwegen for metty uff stund licht ain vigily lang, und las denn
iii patter noster, als unser her Jhesus Christus bettett uff dem berg: das erst 30
der ellendikait so sin zartes hertz hat, do er sich verzech aller menschen gesell- ■
2. liecht am Rande nachgetr. G. 3. zwefwe »o G. 8. (vineklin hier, später
frackin Ü.) N fügt bei : Vn von Swefter Elfbeth von der meczie. VH von Swefter Iten von
tfingen. 9. in vor sap. aus Versehen gestr. G. 22. 23. dis in des, dis in das korr. (r.) G.
8. Fink : ein ausgestorbenes Geschlecht der Stadt Zürich ; des Rats seit 1111 und wieder
seit 1343, wo ein Rüeger F. lebt-, einige des Geschlechts Chorherren mm Großen Münster, Leu,
Hehl. Lex.
Deatsche Texte des Mittelalters VI. 3
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34
VIII. Margret Finkin.
Schaft, und in allen sinen nötten unbehulfen von allen creaturen wolt sin; das
ander der grossen nott so sin eilendes hertz hat, do er gieng uss dem schirm
sins himelschlichen vatters in allen den unmilten üblen gewalt siner figenden;
das drit, das er gieng uss dem trost des hailgen gaistes, also das sin martter
5 und liden kam uff das aller höchst Mitt dir betrachtung gieng sy umb untz an
die mety; nach der metty wachet sy stettiklich, und so man sy fraget [33«]
warum sy als stütiklich wachety, so sprach sy: ‘So ich mich etwenn leg, das ich
rAwe, so ist mir wie ich du hörhorn hör blasen die die engel blasen söllent an
dem jüngsten tag, und denn kan ich nit rüwen und ston wider uff.
10 Von dem das sy den saltter gelemet, untz an iren tod gelies sy nie tag sy
sprech ir zit, joch an dem tag do sy starb; und do sy an dem tod lag, do mftst
man ir alwegen ab dem bett hellfen, so sy ir zit solt lesen, un alain an dem
tag do sy starb. Sy was och emsklich in dem refentar und fastet stet die regel
fasten. Und do sy von alter und krankhait nit me fasten mocht, so ass sy doch
15 in dem refentar mit den kinden, die von jugent assent. Ze geraainem werk was
sy als flisig: wenn man ze werk lut, so was sy berait in das werkhus ze gan.
Latin leren ald schriben und sich andäch-/3<?*/tigem gebett geben, das was ir
stäte unmAs, denn alain so sy von gehorsami etwas müst tön. Aber die gnad
hat sy usgenomenlich, das sy als lüttseliklich von Got rett das es gar begirlich
20 von ir zehörent was. Ir wandel, ire wort, ire werk was als still und senft und
da by vernünftig und beschaiden, also das sy under den schwestren wandlet als
ain irdescher engel. Und so och etwenn ain gerüsch in das kloster kam ald das
kloster etwa enbran, so verwandlet sy nit ir geberd noch die stat da sy an ir
gebett was.
25 Ir klegt och ze ainem mal ain mensch ain liden das es hat: do hies sy in
gedultig sin und spracht do: ‘Weder ist dir lieber, das ünser herr zA dinem end
kum und das du niemer in kain wis kumist, ald das dir Got dis liden abnem?’
Do erwalt dis mensch das besser, [34«] und belaib im och das liden, und doch
ward es im von ir süssen trost fil gelichtret, won ire wort warent also sicher
80 das der mensch aigenlich da für hatt Got hett ir es kunt geton.
An fil dingen tett sy wol gelich das sy wist die ding die andren lüten ver¬
borgen warent. Sy ward och an ir tod gebeten das sy etwas saiti, üns zebess-
rung, der gnaden die Got mit ir hat gewürkt. Do antwurt sy Hl usserlich und
sprach: ‘Was sol ich üch sagen? mich dunkt des recht gnüg das mir Got die
& gnad gab das mich nie verdros was ich tAn solt, das zA dem orden hört, won
das es mir alwegen begirlich und frölich was zetAn.’
Ir haifges leben bracht sy uff ain selig end, und hat ir leben in söllichen
tugenden vertriben das sy gröslich geklegt ward von den schwestren; won es
6. mtty 0. 7. "etwen" mich Q. 8. du statt des sonstigen die nachtr. korr. aus dz;
ebenso 5 Worte weiter die aus dz G. 14. vn wiederholt G. 20. ire (vor werk) aus ir
ergänzt G. 23. etwa am Rand nachgetr. G. 26. fpracht so G. 28. mefch G.
30. dz nachtr . ergänzt Q. 34. 'Tagen" vch G. 37. haiges G.
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VIII*. Eisbet von der Mezi. VilJL». Ita yon Tfingen. IX. Gfttte von Schönenberg. 35
ist [34* ] unzwifel: unser herr lies den cofent gemainlich geniesen ir hailgen lebens.
Won das hat och der gütt klossner von Veltheim gesait: die wil sy lebte, das
dir cofent behüt sölt sin vor aller grosser betrübt.
Dise salig Schwester Margretha die hat och ir anen in disem kl oster; die was
gar ain sälger mensch und hies 5
[viiia] -S- Eisbet von der Mezl.
Und un ander manigfaftig tugent die sy hat, do hat sy sunderlich die tugend:
so sy ain ampt hat, so tett sy ietlicher Schwester sunderlich also gütlich als ob
sy kainer nüt nit me täte. Üns sait och ain alte schfrester, die by iren zitten
was, das sy kellerin was, und das man noch do als wenig wins hat, und das ir 10
unser herr die gnad tett, so sy etwenn lang uss ainem schenkfass geschankt, das
es doch allwegen foll was.
Üns [35a] sait och die selb alt Schwester das och ain sälige Schwester by
iren zitten was, die hies
[viii*] -S- Ita von Tnngen 15
und was als gar hailges lebens, und sunderlich do was sy als gar senft und süss-
mütig das sy under den schwestren wandtet als ain senftes tübly, und das sy
also emsiklich schwaig das man wenig yemer ir stim gehört, und ‘tett ir der bös
gaist als fil laid das er ir etwenn trowt er wölt sy für die port uss tragen und
in die TAss werfen. Sy sait üns och das sy ze ainem mal turst, und do sy lang 20
uss ainem kopff getrank, das er doch allwegent fol was. Ünser herr wurkt
süssenklich mit ir mitt manigfaltigen gnaden, und do die zit kam das sy sterben
solt, und des die schwestren nit wistend, do rüft sy inen fil senftiklich hin zü
und [35* ] sprach: ‘Kinder, ich wil sterben.’ Und do erst der cofent kam, do ver¬
schied sy senfteklich, als och ir leben was gesin. 25
[ix] Yon der salgen -8 Glitten von Schßnenberg.
Wir hattend och ain andre sälge Schwester, hies Schwester Gfttta von
Schönenberg, und ftbt sich mit manigen hailigen Übungen. Sunderlich do hört
4. ämen N. 4. Zu kloster nachgetr. (r.) tö£f G. 6. Auf eisbet folgt: Mehthilt,
(r.) durchstr. G. 6. Mezin, das n (r.) durchstr. N. 7. maDigfatig G. 8. 9. 13 (2 mal).
27 (2 mal) für Schwester die Abkürzung • S • wie in den Überschriften G (*o auch sonst gelegene
Uch im Text), 19. urspr. gaist alaid; als fil am Rande nachgetr. G. 20. fns vom Min .
m in korr. Q. 25. fenfeklich G. 26. von f. Q. 27. [W]ir in Si korr. (sw. u. r.) G.
7. Ein Geschlecht Vor der Metzg hatte in Zürich im 13. Jahrhundert mehrere Ratsherren,
m 14. einen Chorherm zum Großen Münster (Leu, Heb. Lex.). Vielleicht ist von der Mezi eine
Entstellung. 15. Tüngen, j. Thiengen: Städtchen und Schloß im (badischen) Klettgau.
26. Aus einem früh ausgestorbenen Geschlecht von Schönenberg in Zürich stammte Johannes , 1480
Abt zu Kappel ; aus einer Burg Schönenberg bei Sulgen im Thurgau , die von dm Appenzellem zu
Anfang des 15. Jahrhunderts zerstört ward , sind ein Werner 1209 und ein Johann 1269 belegt.
3 *
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36 IX. G&tte von Schönenberg. X. Margret von Zürich. XI. Anna von Klingnan.
sy Gottes wort als begirlich das ir etwenn von andacht an der brege gebrast.
Sy bettet och als gar andächtiklich, und ze ainem mal do was sy in inneklicher
betrachtung ünsers herren marter, und do sach ain andre sälge Schwester das
ain als wunenkliches liecht ob ir schwebt recht als ain luchter stem, und das sy
5 das liecht umb geben hat.
[xj Ton der sälgen S Margret von Zürich, psßj
Wir hattend och ain ussgenomny sälige Schwester, hies Schwester Margret
von Zürich, die hat als gar fil gütter Übung mit wachen und mit emsigem gebett,
und von hertzlichen emsigen trehen was sy under irem antlüt als sy geschwullen
10 wer. Sy was och als gar siech das man sy müst uff ainem stül tragen, und
doch was sy allwegen stät an iren säligen Übungen. Die sälig Schwester sach
dik wunderliche gnad die Gott mit andren sälgen schwestren wurkt, und wir
hand es aigenlich da für das och ünser her fil wunders mit ir wurkte. Aber
das wolt sy üns nit sagen von etwas sunderlichen Sachen, das sy dar zü zwang.
15 Won sy nun als fil gewainet, so befalch man ir ze dem adfent ünserm heren
das bädly ze machen [36*] (als wir gewonhait hand im gaistlichen ze machen ain
hus und alles das des er mangel hat, do er uff ertrich was), und do sy ze ainem
mal mit hertzlicher andacht wainet, do erschan ir ünser herr gar mineklich, als
er ain kindly was, und sass in ainem bädly vor ir, und als sy ainen trehen ver-
20 gos, der ward bald ze ainem schönen goldknöpfly und fiel in das bädly, und
schlüg in das zart kindly mit dem hendly unden in das bädly, und was das als
gar mineklich schön anzesechen das sy grossen trost davon enpfieng.
Dise hailig Schwester sach och etwenn ain andre sieche Schwester, hies
Schwester Juliana Ritter in, das sy recht lütter und durch lüchtet was, und das
25 ir lib wol ainer eien hoch in dem luft schwebt.
[xij Ton der sälgen S- Anna von Klingenow. [37«j
Wir hattend ain ussgenomne sälige Schwester, hiess Schwester Anna von
Klingenow, und was recht ain lüchtendes liecht an hochem leben, won ir
hailige gegenwurtikait was ain sunderlicher trost gemainlich allen den schwestren.
1. brege so O (= bredige). 4. luchter so O. 7. [W]ir in S[y] korr. O. 9. hertzen-
lichS, en nachtr. gestr. Q. 14. vns tV» in u. r.) korr. Q. 16. b&dly r. für betly
korr. Q. 19. ir am Rande nachgetr. Q. 22. gar am Rande nachgetr. O. 24. das erste
dz am Rande nachgetr. Q. 27. [W]ir in Si korr. (sw. u. r.) Q.
6. Wohl eine Bürgerliche, nach ihrer Vaterstadt benannt. 26. Klingnan, ein 1251
durch Ulrich und Walther von Klingen gegründetes Johanniter haus, jetzt Städtchen und Schloß an der
untern Aare, vermutlich Heimatsort einer Bürgerlichen ; vgl. S. 38,26 u. 39,20. Eine Sophia von
Klingnau unter Nr. XXIII.
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XI. Anna von Klingnan.
37
Ir hailig leben fieng sy in ir jugent an, und bat grossen fliss zü den dingen mit
den sy uff das aller höst möcht kumen. Sy was ain haimlicher getrüwer fründ
ussgenomner gütten lütten. Sy hütt sich flisseklich vor unmüssen und vor kumber
zergangklicher dingen. Andechtig und emssig gebett, lesen und latin lernen und
wie sy den orden andüchteklich behielt: bie mitt bekumret sy sich flissklich. Sy 5
was och in ir jungen tagen als entzünt mit der gütlichen lieby das ir als begir-
lich was von Got ze reden t, das sy etwenn [37t] in dem winter in den bomgarten
gieng, und sass da als lang und rett mit etlicher Schwester, so sy uff woltend
sto», das in das gewand gefroren was.
Darnach lait unser her grosses liden uff sy, das sy untz an iren tod nie 1Ö
gesund ward. Und doch so ir kain underliby wart, so was sy flissig in dem
kor, und so sy nit ston mocht, so sass sy in irem stül und sang. Sy hatt och
als grossen andacht zü gemainen werken das sy fil nach alwegen an dem bett
span, und hatt denn vor ir an der kuncklen geschriben disy wort:
Ie siecher du bist, ie lieber du mir bist. 15
Ie verschm&chter du bist, ie necher du mir bist.
Ie ermer du bist, ie gelicher du mir bist.
Dise wort sprach sy dik begirlich, und sy sait das Got ze ainem menschen
[38«] dis sprech. Aber wir gelobent aigentlich das sy der mensch was.
Die schwestren saitend och gemainlich das sy als emssklich schwaig das sy 20
selten ie üppig wort gerett, und gab ir aber Got die gnad das sy recht hin flos
von übersüssen wortten, und was das als gütt von ir ze hörend das die hertzen
da von recht in ain bewegung körnend; won ire wort flussent uss ainem follen
hertzen, als geschriben stat: Von überflüssikait des hertzen redet der mund. Und
won die schwestren Got ze allen zitten by ir fundent, da von warent sy gar dik 25
by ir jung und alt. Und so etwenn aine ain upig unnütz wort in bracht, so
sprach sy: ‘Ach nun bist du das ferly von dem Gottes wort zerstört wirtl’
Sy rett och sunderlich gernn von der hailgen leben und ir marter, [38*] und
so sy etwa was da man nit von Gott rett, das was ir unlidig. So hatt sy ain
gewonhait, das sy Gottes wort als gefügklichen in bracht das ander red recht 30
geschwigen ward. Sy was och ain getrüwe nachfolgerin irs hailgen vatters Sant
Do mini co, sunderlich an der ussgenomen tugent das sy ain als getrüwes mitt-
liden hatt mitt allen menschen. Won das saitend die schwestren begirlich von
ir: wenn sy mit kainer betrübt zü ir kamend liplich ald gaistlich, das sy allwegent
getröstet von ir giengent. Sy kund och niement also betrüben, wer der selb 35
3. kümer O: l. knmber oder kummer? 9. ftond 0. 11. kain (r.) ergänzt zu
dekain O. nach 14. 15. 16. 17. die Zeile nicht abgesetzt O. 18. 19. so (r.) korr. aus:
dz fy g. z. a. m. fprach 0. 21. wor O. 26. vnnutz am Rande nachgetr. mit Ein¬
schiebungszeichen O.
24. Matth. 12,34, Luk. 6,45: Ez abundantia cordis os loqnitnr.
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38
XL Anna von Klingnao.
mensch uff der stat zü ir kumen umb trost libs ald sei, sy wer als bekümbret
mit im gesin als ob er ir nie nütt hetty geton. Mitt disen iiii dingen vertraib
sy fil nach als ir zit: mitt gebett ald von Got reden [39°] ald lesen der hailgen
leben, und das sy betrübte hertzen tröste.
5 Wie manigfalt ir hailge Übung was, das kunend wir nit zü Worten bringen.
Won do wir dis schribent, do was ir hailger lünd als gros als ob sy kurtzlichen
von hinnen wer geschaiden, und was es doch wol uff xxxvni jar. Und do wir
hortend ir folkumen leben, do hettend wir och gern etwas sunderlich Offenbarung
von ir gewist der ding die Got durch sy hat erzaigt. Do hortend wir grosse
10 klag von den schwestren, das sy inen nit weit sagen an irem tod, und kam das
von etwas sunderlichen Sachen darzü; denn das sy in sait alain das sy gesichret
wer das sy von Got niemer solt geschaiden. Doch fundent wir ain wenig wie
sich ir unser herr etwenn erzaigt hat.
Dem cofent was ze ainem mal schad [39*] beschechen, und des nam sy sich
15 an, und hie von wart sy betrübet, das sy sich ze fil mit bekümret hat, und gieng
in den kor und gedacht das sy gern iren bichter het gebebt. Und also sicht sy
ünsern herren vor ir hingon, und was in der gestalt als sy hat gehört von
Feronica dem bild, und sach sy an mit ainer ernsthafter gesicht und sprach:
‘Nun bin ich doch der an dem es alles stat.’ Ze ainem mal do warent die
20 schwestren in sunderlichen sorgen. Do sprach sy frölich: ‘Gehabend üch wol,
üch sol nüt geschechen. Mir hat getromt wie der allerschönest herr vor dem
altar stünd, und hat sich gegen dem cofent gekert und gab im sinen segen, und
trost mich das uns nüt solt geschechen [40°]. Do sprach ich: “Ach über herr,
wer sint ir?” Do sprach er: “Ich hais reparator”, das sprichet in tusch: ain
25 wider bringer.’
Ain güttes schwesterly, hies Lüki, das kam dik von Elingenow her zü
ir. Und do es zü ainem mal uff dem weg was, do kam ain als groses ungestümes
wetter das die hirten ab dem feld zü fluchend. Und es rüft allso unser herren
an, und manet in der min so er zü der sälgen Schwester Anna hatt Und also
80 ging sy und ain kind, das mit ir gieng, von Büllach untz her an die strass, das
sy nie dester nesser wurdent. Also sprach das kind: ‘Sist du nit, wie fast es
hatt geregnet, und uns nütt ist beschechen?’
Dise Schwester Anna hat och die gewonhait das sy sich täglich ünserm
herren befalch in dis dry wis: [40*] das i in die min und in den frid, als den
85 unser herr uff ertrich bracht, das u als er Sant Johannes sin mütter befalch,
das ui als er Sant Petter die kristenhait befalch. Do wart also zü ainem mal
7. 8. 9. 12. wir korr. in tj (r.) O (Ü). 26. klingenowe, dann dat Schluß -e gestr. O.
26. her gestr. (r.) O. 28. zü gestr. (r.), alt Beziehung auf Töß Q. 30. her (r.) unter-
punktiert-, am Rand (r.), mit Einschiebungszeidien: zü toff O. 83. gemonhait O. 34. den
(nach als) am Rand nachgetr., mit Einschiebungszeichen G.
30. Bülach , Städtchen ungefähr halbwegs zwischen Töß und Klingnau.
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XI. Anna von Elingnan.
39
zA ir gesprochen: ‘Du solt bitten, als die dryfaltikait ain ding ist, das du also
ain ding werdist mit uns.’ Sy dunkt ze ainem mal wie sy ir engel in das feg-
für fürty; also hat sy also grosse erbärmd über die seien das es unsäglich ist,
von der wis die sy sach. Und sprach der engel zA ir: ‘Nun dunket dich diss
gar grosse arbait, und doch, die wil du hie bist, so verdienest du kainen Ion.’ 5
Und do vergass sy aller der arbait die da was, untz dar an das ir umb die
stund nüt lones solt werden.
Sy hat och gewonhait das sy sich allwegent gern in ir andacht Abt, als
denn die zit was [41*]. Und ze ainem mal in den winnächten do sass sy in
dem kor und gedacht nach ünsers herren kinthait, und do sach sy das aller 10
mineklichest kindly uff dem alltar gon, und was sin herly als ain gold, und wenn
es trat, so erschuttend sich im die löckli, und gieng ain ussbrechender schinender
glantz von sinen ogen, das sy dunkt wie aller der kor erlüchtet wurd. Also
wer sy gern zü im gegangen; do was sy als durch gossen mit andacht das sy
von über kraft nienen hin mocht kumen. Und do sy in diser begird was, do 15
hüb sich das kindly uff und gieng in dem luft in der höchy als der altar was,
und kam zA ir und satzt sich uff ir gewand, als es von ir gespraittet was. Und
do sy es von [4P] ir grossen begird wolt umbfachen, do sach sy sin nit me.
Es was och ain gAtty klosnerin by Klingenow und hies von Endingen,
die hat sy nie gesechen, und doch gab sy ünser herr ir gaistlich ze erkennend, 20
das sy brAder Berchtold iren bichter all ir geschäft kund sagen, und sait im
das sy sy gaistlich hat gesechen in dem Spiegel der gothait, und das ir Ion solt
sin by den höchsten im himelrich. Sy verjach och ainem gar gAtten hailgen
menschen, dem sy^sunderlich haimlich was, hies Schwester Willy von Gostentz,
das sy etwenn in die innerkait kam, der ir ain herhom an den oren hett ge- 25
blassen, sy het es nit gehört. Da gedenk ain ietlich mensch wie fer sy müst
gezogen sin von allen liplichen sinnen und gesenkt [42* ] in die grundlosen gothait
Da sy sölliche wunder schowet die man mit kainen wortten gesprechen kan, sy
mocht wol sprechen mit dem sälgen Sant Paulo: Ob ich in dem lib wer oder
nit, das wais ich nit: Got waist es wol. 30
Do nun die zit kam das Got ir sei wolt setzen in ain stätes ewiges beliben
da, da sy so dik mit hertzlicher gird gewonet hat, do gab er ir ain gar strengen
tod. Nun wolt er sy sinem aingebornen sun geliehen und zoch ir och under
inwendigen trost. Und also manet sy ünsern heren gar dik sines lidens. Do
sprach ain Schwester zu ir: ‘Schwester Anna, du ermanest ünsern herren als 35
19. Ober- und Unter-Endingen, Dörfer in der Nähe von KUngnau. 21. Vielleicht der
Dominikaner Berthold, der in der 1. Hälfte de» 14. Jh». die Summa confeaaorum de* Johanne*
von Freiburg verdeutschte (Stintsing, Populäre Literatur de* röm.-kanon. Recht* 1867, S. 516 — 519\
W. Wackernagel, D. altd. Hs», der Univ.-Bibl. z. Basel 1836, S. 62 ; — Vermutung von Dr. K. BM-
meyer)? Eine Abhandlung ‘Joannis Robnsti Summa’ hat ein Nicolau* BreechU de Chur 1449 ‘Padue
in Epiacopali Pallacio' abgeschrieben, ff*, der Solothumer Kantonsbibi. 24. Willi von Konttanz,
*. u. Nr. XX. 29. 30. II. Kor. 12,2: Sive in corpore, neacio; aive extra corpua, neacio: Deua acit.
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40
XI. Anna von Elingnan.
XII. Beli von Wintertur.
dik sines lidens, und wenent die schwestren es sy ain ungedult’ Do [42* ] sprach
sy: ‘Owe, da ist mir als we das mich dunkt wie mich in ieklichem gelid u
messer schnidint.’ Do sprach sy: ‘Gedenkest du nit das du Got dik gebetten
hast das er dir an dinem tod geb ze enpfinden des lidens so er an sinem tod
5 hat?’ Do geschwaig sy. Und über ain wil do kert sy sioh recht bald umb und
sprach: ‘Omnis spiritus laudet dominum’ und lag do gar senfteklich, untz
das sy verschied.
Nun hat sy die sälig Schwester Elli von Elgö die laig Schwester gebetten
das sy sy nach irem tod lies wissen wie es umb sy stflnd. Und do sy in der
10 sibenden uff der kemnaten betet nach ir gewonhait, do kam sy in ainem als
schönen liecht das sy dunkt: hett sy sy angesechen [ 43«] , es wer ir tod gesin,
und floch bald zü irem bet. Es lag och ain Schwester in ainem strengen ritten,
und von grossem geloben trank sy uss ir hobtschidelen, und ward ir des ritten
zemal bfts.
i5 [xuj Ton der salgen -8- Beli von Wintertnr.
Wir hattend och ain gar sälge Schwester, hies Schwester Beli von Winter¬
tur, und was der fil alten schwestren aine, und was als gar ordenhaft und als
strenges lebens das sy stätiklich die regel fasten fastet. Und wie man noch do
nit won zwirent in der wuchen win gab, so wolt sy doch irem alten lib nit ent-
20 liben, won das man nit kund geraerken das sy an ainig mal in dem siech hus
wer. Un [43*] ander hailig flbing do las sy gewonlich alltag nach metty ainen
salter. Sy genügt och nit gemainer disciplin, won das sy och sich mit rekolten
schlüg. Sy hat och ain gewonhait, das sy niemer in den bom garten kam, und
so die bom als schön blügtent, so kund man nit gemerken das sy ir ogen yemer
25 dar gekerte.
Von irem hailigen strengen leben warent ir die schwestren als genädig das
sy wol xx jar supriorin was. Und so denn ettwenn ain Schwester uss dem
werkhus wolt gon und benedicite nam, so sprach sy fil gütlich: ‘Benedicite,
das sprichet: wol sprechen, und davon solt nüt reden won das güt sy. Und so
30 du getüst das du bedarft [44«], so gang her wider in.’
Do sy nun von disem ampt gelediget wart, do befalch man ir erst das sy
gesellin wer, und dis wolt ir etwas wider sin, won sy het sich gern in ain rüw
gesetzet, und doch was sy gehorsam. Und ir selber ze ainer behelfung do haft
sy ain brieffly an ir ermel, dar an stund: ‘Als fil der mensch sines aignen willen
35 ussgat, als fil nimpt er an folkumnem leben zü und nit me.’
6. ois spc G. 6. dnm G. 16. [W]ir unvollständig in S[y] korr. (r.) G. 20. zwischen
dz und man urspr. fy, dann gestr. (sw. u. r.) O. 22. rekolten so G; = rekoltern (vgl. MhcL
Wb. III 31*). 31. ampt unterste, (r.) O.
6. Ps. 150,6. 8. unten Nr. XXVII. 15. Wohl eine Bürgerliche aus der Töß
benachbarten Stadt.
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XII. Beli von Wintertur. XIII. Eisbet Zolnerin. XIV. Beli von Sure.
41
Und won ir leben als hailig was, so ist geloplich das unser her fil mit ir
würkte. Sunderlich ze ainem mal, do sy an irem gebett was nach der metty,
do sach ain andry sälgy Schwester das sy umbgeben was [44*] mit ainem
wunnenklichen liecht, und das der götlich gaist all ir kreft allso in sich gezogen
hatt das ir hailger lib in dem liecht und in dem lufft schwebet. Sy las ge- 5
wonlich och alle jar dem hailgen David ainen salter, das ir end süss wurd.
Und do sy an irem tod lag, do lag sy als sy kaines seres befundy. Und
do sy ietz sterben solt, do sprach ain Schwester: ‘Sy züchet hin.’ Do sprach sy:
‘Wer züchet?’ Do sprach die Schwester: ‘Das tünd ir.’ Und sy erschmiret und
sprach: ‘Des mfts ich lachen!’ Und recht bald do der cofent kumen was, do 10
verschied sy senftiklich und gütlich.
[xiii] Von der salgen -S- Elisabet Zolnerin.
145«] Wir hattend och ain gar hailge Schwester, hies Schwester Elisabet
Zolnerin. Mitt der wurkt unser her fil gftttes. Won das sait man uns von ir
das sy als fil gnaden hat das sy sich ir mftst weren, das sy ir sinn behflb. Und 15
das unser her gar miniklich in ir wonety, das zaiget ir usser wandel merklich.
Sy was gar still. Ir wandel was süss und sanft, und ret gar wenig. Und so sy
in dem kor ze den zitten stünd, so runnend ir die trechen recht emsklich über
ir wangen ab. Och sait man uns das ir gaist etwenn als gar uffgezogen wery
in Got das ir lib etwenn in dem luft schwebete. 20
[xiv] Von der salgen S- Belinum. ß^j
Die götlich min ist ain gezierd aller tugend, und wo das für der götlichen
min brinnet, da mag es nit verborgen sin: dis ist aigenlich bewert an der
übersüssen Schwester Belinum von Sure, die Got sunderlich damit geziert hat
das sy ain als süsses minriches hertz hat ze aller zit das ir wandel und ire 25
wort folliklich zaiget: sy bran in götlicher lieby. Und davon mocht sy anders
12. (czollerin Ü.) 13. [W]ir unvollständig in S[y] korr. (r.) G. 21. (beliDjnum,
später belinü Ü.)
12. Zoller oder Zöllner , ein zürcherisches Adelsgeschlecht . Konrad von Bock genannt Zoller
ist 1259 des Rats l von Geschlechtern \ Leu, Helv. Lex . 21. Beli (Belinum, -un ist Dativ
einer vollem Nom.-Form Belina, vgl. Ellinun S . 25,11 ; Staglinum S. 93,5), ZI. 24 von Sure
genannt : vermutlich aus dem Dorf Suhr bei Aarau , woher allerdings auch ein edles Geschlecht
stammte , aus dem Hans 1297 Mitherr von Worb, Hans 1457 Bürger von Bern war. Leu, Helv .
Lex. 24. 25. Das Epitheton sftss, übersüss als Oxymoron zu dem Namen von Sure gewählt ?
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XIV. Beli von Sure.
trostes nit geliden, won ünser her hat sy so lieblich gewent mit sinem zarten
trost das ir fremder trost ruch und hert was. Und davon so ir etwas beschach
das sy möcht han betrübt, so klegt sy es niement, won sy gieng zü irem ainigen
lieb, von dem sy liebes [ 46 «] und laides ergetzet ward. Alles das sy von orden
5 tün solt, das tütt sy als gar begirlich und als frölich das folleklich an ir bewert
ward das die min nit arbaitete, wie sy doch dfk den orden mit krankem lib an allen
dingen strenklich hielt; won friege min hat das recht das sy mit lichtem mftt
trait schwere burde. Sy was och fil nach allwegent als wol gemüt das sy recht
gieng als sy fliegen weit. Und sunderlich so sy zekor solt gon, das was ir als
10 begirlich das sy etwenn kum uff den herrt ald das ertrich zefollen tratt.
Mit wie grosser sunderlicher süssikait Got in ir wurkte, das ist unsäglich,
won ir leben was recht hin fliessend von min und süssikait. Etwenn [ 46 *] wainet
sy als hertzklich, und so man sy denn fraget was ir wer, so was es nünt anders
won jamer nach Got. Sy sait och ainer Schwester das sy niemer Verdruss und
15 ir allwegen zites gebrast. Derselben Schwester gab sy ain 1er und sprach: ‘Hab
Got lieb und dien im mit ernst, und wissist das ain raensch Gott in ainem jar
mit min vnd ernst als nach mag kumen das im Got den Ion git, darum erlicht
xxx jar müst leben und siner angesicht enberen.’ Und das ward merklich an
ir bewert.
20 Sy lag och vor irem tod wol ander halb jar das man sy müst tragen, und
was damit als frölich und rett als gar süsseklich von Got und bran under irem
anlut recht als ain ross. Und do sy in disera ge/47«/minten siechtagen lag, do
sprach ain Schwester zü ir: ‘Du bist recht minn siech.’ Do sprach sy uss ainem
follen hertzen: ‘Das wer mir laid, wer das kain min won ünser her.’ Sy hat och
25 als grosse begird nach dem tod. Nun lag in der zit ain andre Schwester an dem
tod; die ret och gar girlich von dem tod, und also wainet sy gar hertzlich und
sprach: ‘Sol ich nit wainen das Sebach vor mir zehimelrich wil?’ Do sy nun
in disem siechtagen lag recht als sy kaines seres befundy, do fürt man ainen
güten artzet zü ir. Do sprach er sy hetty kainen siechtagen, won das ir hertz
30 begriffen wer mit ainer unmessigen min und mit ainer sennung waiswarnach, das
es über all ir kraft wer und das es ir tod müss sin. Sy mocht [ 47 *] wol sprechen:
In Christi amore langueo volenti dolore
(Ich siechen in der min mins herren Ihesu Christi mit willigem ser).
Do nun die zit kam das ünser her ir begird wolt folbringen, und sy
35 schier sterben wolt, da lag sy als sy kaines seres befunde. Und sait üns die
Schwester die by ir was, das sy als gütlich verschied als sy lachety, und das
was zimlich, won als ir leben fil nach ain sterben was gewesen und sennung
nach dem ainigen güt, das ir do die begirlich stund, in der sy mit im veraint
10. den herrt ald nachträglich am Rand O. 11. "f&ffikait" Hinderlicher O. 34. Ztoiechen
und und sy über der Zeile do nachgetr. (r.) G. 31. 32. 33. Die Zeilen nicht abgeeetzt G.
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XJV. Beli von Sure. XV. Katharina Pletin. XVI. Margret von Htinikon. 43
solt werden, gewandlet wurdi in ain fröd, won die gütlich minn sterker ist denn
der tod.
Dis usserwelt mensch was wol uff xzz jar, do sy starb, und hat ir blügent
jugent verzert in gütlicher inwenndikait. [48*j
[xv] Yon der s&lgen -S* Kathterina Pletin. 5
Wir hattend och ain gar sälgy Schwester, hies Schwester Katherina Pletin,
und hat ain als strenges leben das es zewundren was das es ir alter lib geliden
mocht, mit stätem fasten und wachen und mit emsigem gebett, und nam darzü
als starke disciplinen das man ir etwenn sach iren kranken rügen rot von blüt,
und das man das blfit an ir gewand sach, so sy es von ir lait. Sy schwaig och 10
gar fil, und gantzlich schwaig sy den advent und die fasten. Diser säligen
Schwester was ainest befolchen das sy zft dem tor solt gon. Und do sy ze
ainem mal dar gieng, do was es nasses wetter und hat sy zerbrochen schüch,
und hievon ward sy etwas [iS*] gemüget. Also gedacht sy: Got git dir niemer
kainen Ion umb dise gehorsami; du tftst es als gar unwilleklich. Also trost sy 15
unser her gar gütlich, und das sy iren Ion darum nit verloren hett.
Es kam och ainest ir engel zü ir für ir bett, und bracht ain sei mit im und
bat sy das sy für die sei bett. Do sprach sy: ‘Wer ist die sei?’ Do namt er
sy und sprach: ‘Ich bin ir engel und sol sy in die wis füren.’
[xvj] Yon der sälgen S- Margret yon Htinikon. 20
Wir hattend och ain junge sälige Schwester, hies Schwester Margret von
Hünikon, und nach manigem hailigen dienst, den sy ünserm herren hat geton,
do verhängt unser her von siner gütty das sy wol vn jar gar siech was. Und
6. IWJir unvollständig in S[y] korr. (r.) G. 11. vn am Rand nachgetragen mit Ein -
Schiebungszeichen G. 21. [W]ir unvollständig m S[y] korr. (r.) G.
5. Plete (bei Leu fehlend): ein Winterthurer Geschlecht , das 1339 in Beziehungen zu Töß erscheint.
Am 10. August d. J. verzichtet Frau Ursula Plete, des Stephan Plete Witwe, auf ein Gut Breiten-
matte zu gunsten des Klosters Töß, dem dasselbe als Eigen zur Aussteuer für ihre Tochter Safina Über¬
geben worden. In einer gleichzeitigen Urkunde verzichten Safina, Elsabeta und Stephan, Kinder des
sei. Stephan Plete von Winterthur, auf alle Rechte an dem Hof Breitenmatte zu gunsten des Klosters
Töß, dem derselbe als Aussteuer Safinens übergeben ist\ Peter Plete als Vogt der Kinder siegelt
neben dem Schultheißen (Staatsarchiv Zürich, Regesten von Töß). Katharina Plete ist wohl eine
ältere Verwandte und Vorgängerin Safinens. 20. Hünikon, Dorf bei Neftenbach und Name
eines ehemaligen Edelsitzes zwischen Neftenbach und Dorf, dessen Sprossen Leu als 4 Guttäter von Toß 9
kennt (vgl. S. 44t,20ff., wonach der Vater unsrer Margret vier Töchter in Töß hat und nach seinem
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XVI. Margret von Hünikon.
do die zit [49*] kam das sy unser her irer langen arbait mit im selber wolt er-
getzen, und do sy erst verschaiden was, do was die sälig Schwester Elli von
Ellgö in dem kor an ir gebet, als es Got wolt. Und also erschan ir aines frumen
ritters sei, der was vor etwe langem zit tod, und was sin sei zehimelrich, und
5 dise sei was als übermässiklich schön und frowt sich recht mit ainer spilenden
fröd. Und do fragt sy warum sy sich als hertzklich frowte. Do sprach sy: ‘Da
bin ich hüt gegünlichet von dem vatter und geeret von dem sun und geminnet
von dem hailgen gaist, und fröwet sich hüt alles himelsch her mit mir, und dise
fröd han ich von Schwester Margreten von Hünikon, die erst von diser [49*>]
10 weit geschaiden ist, won ich der in dis kloster halff, und wistind alle menschen
den trost den sy davon entpfiengend, sy staltind mit allem fliss darnach das
sy iren fründen in klöster hulfind.’ Und in dem selben do sach sy Schwester
Margretten sei in ainem als unmässigen liecht das sy dunkt wie aller der kor
erlüchtet wurd, und was fil seien by ir. Und do dunkt sy wie sich der himel
15 uff tätte und die seien alle mit ir in den himel fürind. Und do sy do uss dem
kor gieng, do sach sy das sy tod was, und was ir hertz und ir ogen als erfüllet
von dem unmässigem liecht in dem sy ir sei hat gesechen, das sy wol acht tag
darnach wenig kain Schwester an der gesicht erkant.
An diser säligen Schwester hat ünser herr erzaiget wie lieb im [50*] lident
20 lüt sind, won sy von iren kintlichen tagen ain lidentder mensch was.
Der säligen Schwester Margreten vatter was dis klosters sonderlicher fründ
und tett siner tochren iiii her in, und was disem cofent als gar diensthaft. Und
nach sinem tod do erschan er siner Schwester in dem schlaf, und sait ir das im
sin dis cofent getrüwer dienst als unmässig wissen ald pinn hety abgenomen, und
25 sprach do: ‘Wistind alle menschen was gnaden in davon beschech, ob sy disem
cofent dienetind, sy dinetind sich selber ze tod.’
1. Das er von irer ist nachtr. zugesetzt G. 2. do eingeflickt G. 10. dis »»
das korr. (r.) G. 12. im kl. G. 21. dis in des korr\ am Rand : töff (r.) G.
22. thochrö G, da» erste h unterpunktiert G. 22. her unterpunktiert und dar darüber¬
geschrieben (r.) G. 22. difem unterpunktiert und dem darübergeschrieben (r.) G. 24. des, am
Rand dis G. 24. wissen: das zweite s durchstrichen und unterpunktiert (r.) G. 25. difem
unterpunktiert und dem darübergeschrieben (r.) G . 26. dienotind, dann o unter punktiert
und e übergeschrieben G,
Tode noch seine Schwester zur Guttätigkeit gegen Toß mahnt)*, ein Heinrich von Hünikon war 1370
zu Winterthur seßhaft und ward Bürger von Zürich. Eine Witwe Willeburga von Hünickhon
(‘deren Stam: und geburtshauß war das Adenliche Schloß Hünickon, zwischen dem Dorff
Nefftenbach, vnd Schloß Henckhartt vnfer von Winterthur gelegen: vnser zeyt verstortt 1 )
vom Schwesternhaus in Winterthur war 1230 mit dem Priester Hugo von Dießenhofen die erste
Gründerin des spätem Katharinentals im Hof der Truchsessen von Dießenhofen, laut der Gründungs¬
geschichte in der Frauenf. Hs. y 105, s. Einleitung. 3. s. unten Nr. XXVII.
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XVII. Mezzi von Klingenberg.
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[xvii] Ton der salgen -S- Mezzi yon Klingenberg.
Wir hattend och ain gar tugenthafti Schwester, hies Schwester Mezzi von
Klingenberg, und was sengerin, und hat [50t] als grosse gnad, so sy mess
anfieng, das ir die trechen recht genuchsamklich über ir wangen runnent. Die
sälig schwester sach ze ainem mal, do zwo schwestren disciplin nament, das ain 5
wunnekliches kindli umb sy lüf und zunt in mit ainer kertzen. Sy sach och ze
ainem mal das ainer andren schwester, die hies schwester Gisla, ain als wunnek¬
liches kindli nach gieng von dem altar untz das sy in iren stül kam. Die selben
schwester sach sy och ze ainem andren mal, das sy als erlüchtet und geziert
was ze dem hertzen als sy ain wunnekliches fürspan vor ir het. Sy enpfing 10
och hl sunderliches trostes von ünsers heren liden, und sunderlich so sy mit
ir betrübt zü ir kam, und sprach: ‘Wistind alle menschen was sy trostes
en/5i«/pfiengint, sy kertind mit ir liden in das liden ünsers heren.’ Ir beschach
och ze ainem mal naiswas: also ward si angefochten das sy etwas darzü sprach,
und do sy ir schwester darnach fraget wie sy sich darinn hielt, do sprach sy: 15
‘Ich gieng und nam ain als güt disciplin, untz das mir der zorn wol vergieng.’
Do dise sälig schwester von hinnen geschaiden was, do hört die sälig
schwester Margret von Zürich gar fil stimen singen, aber aine sang usgenomen-
lich wol und frölich dise wort: ‘Ich far ufif von der trurikait zü den fröden, und
von der klag zü den obresten fröden’, und do verstund sy das, das es ir sei was 20
und das sy ze himelrich für.
Dise sälig schwester Margret von Klingenberg hat och ir schwester hie
inn, die was och ain flissige dienerin ünsers heren Ihesu Christi: das sachend
wir wol an manigem hailigem dienst [51*], der sy doch dik kumerlich ankam.
Sy geschüff das der altar in der capell gewicht ward und das man das 25
nacht liecht und die kertzen dar git. Und nach irem tod tromt ainem usswendigen
menschen wie sy sy säch gon in zwaigen guldinen schüchen, und sprach: ‘Sich,
die schüch han ich von den tritten die ich tett do ich schüff das liecht in die
capell.’ Wir hand och fil nach alle ünser gütten bild von ir; fil tüscher bücher
hat sy gefrümet. Aber ob allen dingen so hat sy den besten fliss zü dem kor, 30
1. falgeö. 2. [Wlir in Si korr. (r.) G. 7. ain andre G (Ü); einer andren N.
7. Gisla 1 (fifla Ü). 14. naiTwz zwischen zwei senkrechten Strichen G. 22. hie in am Rand
in zü tüff korr. (r.) G. 24. wir in fy korr. (r.) G. 29. Wir unterpunktiert und fy
darübergeschrieben (r.) G. 29. ^nfer unterpunktiert und ire darübergeschrieben (r.) G (hier die
Korrektur vollkommen sinnlos).
1. Mezzi oder Margret (ZI. 22) von Klingenberg entstammt wohl dem später so mächtigen
Hause, dessen Stammburg über dem Thurtal bei WigoUingen steht. Ulrich war 1242 Landrichter
im Thurgau; von Geistlichen gehören dem Geschlecht an: Konrad, um 1150 Abt von Allerheiligen zu
Schaffhauten-, Heinrich, 1244 Domherr zu Chur; ein zweiter Heinrich, 1271 Propst zum Großen
Münster in Zürich und zu S. Stephan in Konstanz und seit 1294 Bischof daselbst; ferner Johannes,
1290 Propst zu BischofszeU; Ulrich, 1307 Domherr zu Konstanz und Chorherr zum Großen Münster.
— Ein Albrecht und ein Ulrich sind 1298 mit König Adolf erschlagen worden. Leu, Helv. Lex.
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XVII». N. N. von Klingenberg.
XVIII. Anna Wansaseller.
won sy was obresti sengerin. Sy sang selb untz an iren tod, und ward darzü
aller der kor von ir wol gerichttet. Und tet ir och Gott die gnad, so ir etwenn
sunderlich we was, so sy denn in den kor kam und metty sang, so wart ir bas.
Un fil ander hailiger Übung so hat sy sunderlichen andacht zft [52 «/ den hailgen
5 fünf minzaichen, und eret sy mit irem gebet und mit fünf strak venyen,
und tett ir denn der böss gaist gar fil laides, das sy etwenn dunkt wie ir gross
müss umb das hobt lüffind und ir in den mund woltind schlieffen, und so lag
sy doch still an der veni. Sy verstund ainest ales das man sang und las, und
kund doch nit latin in tüscht verston. Sy hat och drü ding fil begert: das erst,
10 das sy der tod in ünsers heren dienst begrif; das ander, das sy willeklich sturby;
das drit, das sin hailiger fronlichnam ir jüngste pfründ wurdi. Und diss ward
sy foliklich geweret. Sy kam der tod in dem kor an, und lag wol nün tag also
frölich und ret als gar unerschrokenlich von dem tod, und wolt nit liden das ir
iement von [52*] dem leben saiti. Sy verjach och das sy ain gantzes jar alle tag
15 ir sünd hat gewainet und gerüwet mit sölicher bitterkait das sy ir gernner ir
hobt von irem lib het gelon schlachen. . Der driten gebet geweret sy och Got,
won sin hailiger lichnam was ir jüngste pfründ.
[xviiij Von der Balgen 8 Anna Wansaseller.
Wir hattend och ain andre sälge Schwester, hies Schwester Anna Wansaseller,
20 und was gar aines süssen senften wandeis. Sy hat och sunderlich gnad ze an¬
dächtigen süssen gebetten, und hat och dis ze ainer gewonhait das sy och dik
süss vers uss dem salter sprach und och minekliche wörtly von ünserm heren.
Sy hat och die tugend das sy armen luten als gar gütlich tett; fil tugend hat
sy an ir, da von [53*] fil ze sagend wer. Sy was och als demütig, und wag ir
25 gebresten als gross das sy ünsem heren nitt getorst gebitten das er zft ir end
kem. Nun hat sy die gewonhait das sy gar dik bettet vor dem antlüt das vor
dem capitelhus hanget, das selb gebet das da by geschriben stat: ‘Salve
summe deitatis’; und so sy an den vers kam in dem stat: ‘Te saluto milies’,
4. "ander" fil G. 8. ales: das e nachträglich eingeflickt G. 8. vn las am Rand
nachgetragen G. 11. korr. aus: fy linen hailigen G. 18. manfafeller (r.) G; aber im
Texte selbst wanfafeller (manfaP Ü , aber im Texte wanfafeller). 19. [W]ir unvollständig in S[y]
korr . (r.) G. 26. gemonhait O (vgl S. 38,33). 28. miles; dann i darüber nachgetragen G.
18. Bei Murer : Wansaseler, Wanschelerin. In einer Urkunde des Zürcher Staatsarchivs
van 1360 , verzeichnet in den Regesten des Klosters Toß, erscheint der Name Wall a seil er, was
wohl auf den heutigen Ortsnamen Wallisellen (zwischen Winterthur und Zürich , 820 Walaselda,
1172 Walasellon , 1260 Walaseide , Zürch. Urkundenbuch I. III) zurückgeht. Bei Leu, Helv. Lex.
heißt der Name dem gegenwärtigen Ortsnamen noch ähnlicher Wallis seil er \ aus diesem ausgestorbenen
Geschleckt Zürichs habe Heinj, einer der Pfleger des Spitals, i. J. 1279 beim Aufbruch zur Wallfahrt
nach San Jago dem Spital reiche Vergabungen gemacht . Außerdem kennt Leu Edle von WalUssellen
als ehemalige Küchen- und Kellermeister der Grafen von Kiburg : einen Rudolf und einen Ulrick
1229 , einen Konrad , Ammann des Stifts Fraumünster 1335. 27. 28. Salve summe deitatis . . .
Te saluto millies ist als Strophenanfang weder bei Chevalier , Repertorium hymnologicum , noch bei
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XVIII. Anna WanBaseller.
XIX. Eine eilende Schwester.
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Ich grüss dich tusent stund, so naigt sy ir hobt gar andächtiklichen, und sprach
sy dik mit begirigem hertzen. Und do sy och ze ainem mal also bettet, do ret
das antlüt ünsers heren mit ir und sterket sy und sprach: ‘Du solt mich bitten
das ich dir din sünd vergeh, als ich sy an dir erkenn, und das ich dir min marter
geh ze eren, als ich sy erlitten han, und das ich dich miner [53<>] mütter befelch 5
und sant Johannesen, als ich sy ain andren befalch, und das ich selb zft dinem
end kum.’ Hie von enpfieng sy unmässigen trost und folbracht ir leben säliklich
untz uff ir end.
Nun hat ir getrüwe gespil, die sälig Schwester Lucia, unser frowen gelesen
tusent Salve regina über ir beder end, und hat ain ander gebet angefangen, io
das ir unser her hulf das sy vor Schwester Annen sturb, und des gewert er sy.
Und der stund do man sy begrüb, do kam Schwester Anna der tod an, und
starb an dem fünften tag, und nam das schönest end das wir an kainer Schwester
ie gesachent. Sy erzaiget mit Worten und mit wandel das sy ain grosse minek-
liche züversicht hat z4 Got und och da by ain demütigi forcht. Etwenn [54» ] ret 15
sy gar tröstlich und süsseklich, und die vers sprach sy gar begirlich und dik:
‘Quoniam mille’, Her, vor dinen ogen sind tusent jar als ain tag; ‘Quoniam
suavis’, 0 her, wie süss und wie senflmütig und wie foll erbärmd du bist allen
den die dich anrüffent! Und so man sy ünt mügen wolt mit red, so sprach sy:
‘Wes bekümrent ir mich? So ich noch hüt für gericht müs und ich Got red müs 20
ergeben umb alle mine wort und werk, so wirt sin gnüg.’ Sy ret och recht untz
das sy ietz verschaiden wolt, und do man sy fragt ob ünser herr da gegenwürtig
wer, do hüb sy ir hobt ufif und ir hend und lait die hend zesamen andächteklich
und naig tief. Und do fragt sy die priorin ob ünser frow och da wer. Do
gab [54>>j sy es och ze verstennd als och vor, und machet do ain beschaiden crütz 25
und lait ir hend ordenlich über ain ander und verschied bald an der selben
stund. Und ward ain grösse andächtige bewegung under dem cofent, won er
gegenwürtig was.
[xix] Ton ainer salgen -S- die was eilend.
Wir hattend och ain sälge Schwester, die was gar eilend, also das sy wenig 30
trostes hat von iement inwendig ald usswendig. Und die selb Schwester was ze
ainem mal siech, und do ainest ward an dem hailigen tag ze winnächten, do bat
sy die siechmaistrinen das sy ir ze cristmess hulff. Und des vergass sy, und
8. die vier Worte unterstrichen (r.) G. 10. die lateinischen Worte nicht wie sonst durch rote
Unterstreichung hervorgehoben G. 13. wir unvollst. »» fy korr . G. 24. priorin (r.) unterstr. G.
26. ''ordenlich" hend G. 27. gröfle andächtige so G. 29. ain s&lge G. 30. [W]ir unvoll¬
ständig in S[y] korr. (r.) G. 31. zwischen n und d nachtr. (irrtümlich) ein i oben eingeflickt.
Dreves, Analecta hymnica zu finden, auch nicht zu entscheiden, ob die Bruchstücke aus einer Sequenz,
einem Psalterium oder einem Rosarium stammen (nach Mitteilung von Dr . J. Werner in Zürich ).
9. Lucia ( Jützi ) Schultheißin ? unten Nr. XXV. 17. Psalm 89,4. 17—19. Psalm 85,5.
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48 XIX. Eine eilende Schwester. XX. Willi von Konstanz. XXI. Gertrat von Wintertnr.
also begert sy gar inneklich das sy in dem kor wer by dem cofent, und dise
begird kert sy ze ünserm heren. Und do sy in dis/5J«7em jamer lag, do sach
sy ainen wulken ob ir, und in dem ain minenkliches kindli, als es erst geboren
wer; das kert sich gar zärtlich umb und umb, bot ir die hendly und die fdsli
5 und lies sy sin zartes libli recht wol durchschowen und sprach zü ir: ‘Do, nun
schow mich und nüss mich nach aller diner begird.’ Und hie von wart sy gar
inneklich getröst.
[xx] Ton der salgen S Willi yoü Kostentz.
Wir hatend och ain sälge schwester, hies Schwester Willi von Kostenz,
10 und kam in dis kloster, do sy m jar alt was. Dis sälig mensch hat fil tugent
und hailiger Übung. Aber sunderlich erzaiget sy das Got als süsseklich in irem
hertzen woneti, damit das sy als gern und begirlich von im rett und och hört
reden; und das sy denn also gehört, das beh&b sy untz das sy uns ain schön
blich gemachet. Sy was och gar eilend, das sy wenig trostes hat von iemend.
15 Ir wandel was och als senft und als hailig. Und do sy an ir alter kam und
von krankhait in dem siech hus lag, so was ir als not wie sy enbiss, und illt
denn in den refentar und satzt sich nebent die leserin und loset begirlich dem
Gotz wort. Und do ir von allter an dem sinn abgieng, do hat sy doch Got also
in sich gezogen das sy des nit vergass, und so sy ander ding nit verstünd: so
20 man denn von Got ret, das markt sy und hüb sich hin zil und loset begirlich.
Und so man sy fragt etwas von im, so antwurt sy gar süsseklich. Und so sy
kum ret, so man denn Ihesus sprach, so naig sy andächtiklich. Sy laid [56*] och
als gar grossen schmächen siechtagen gar gedulteklich, und vor irem tod kurtz-
lich in der nacht do sprach sy zü ainer schwester: ‘Hie gat ain als hüpsches
25 kindli.’ Und die schwester erwachet, und do sach sy ob ir bet ain liecht schinen
als ain schöner stern. Sy mocht aber des kindlis nit gesechen. Und darnach
do sprach ain schwester zü ir: ‘Schwester Willi, was unser her üt hübsch, do
er by dir was?’ Do wolt sy ir nüt sagen, won das sy gar minenklich sprach:
‘Er was lütsälig, war er ie kam.’ Und dar nach schied sy säliklich von dir weit.
so ixxi] Ton der salgen S Gertruten von Wintertur.
Wir hattend och ain tugendhafti sälge schwester, hies schwester Gertrut
von Wintertur, die was als gar erbarrahertzig über arm lüt das sy recht was
genamt ain mütter der [56*] armen und ain sunderlich fründ ünsers heren
9. [W]ir unvollständig in S[y] korr. (r.) G. 22. vor ret üt redS gestr. (r.) G.
23. als gettr. (r.) G. 28. won bis gar: diese vier Worte am Rand nachgetr. G. 31. [W]ir
unvollständig in S \y] korr . (r.) G.
8. Sie ist bereits erwähnt als Vertraute der Anna von Klingnau, Nr . XL 30. wohl eins
Bürgerin der Nachbarstadt Winterthur.
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XXL Oertrat von Wintertur.
XXI*. Eisbet von Jestetten.
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fründen. Und was ir ward gegeben, das gab sy ales gantzlich von ir den armen,
das uns dik dunk das ir ir notdurft gebrest. Sy dunkt sich selber unwirdig
das sy den armen frölich gab. Sy dunkt och das es ir ain grosse uner wer
gewesen, ob man ünt nach irem tod hinder ir fund. Sy hat also gar fil sonder¬
licher tugent an ir das es zelang wurd zeschribent. Sunderlich so hat sy das 5
Gloria patri in als grosser er: wa sy och in dem kloster was, so sy es las alt
hört lesen, so naig sy.
Sy sach och dik gar schön und wunderlich gesichten. Sunderlich ze ainem
mal an dem stillen fritag do las sy den salter mit dem cofent, und giengent ir
die ogen zü licht kum ains Ave Maria lang, und do dunkt sy wie [57*] ain 10
langer zierer herr das refetar uf gieng, und was im aller sin lib foll wunnden,
und was allen berunnen mit blfit, und was das gar ain erbärmklich gesicht. Und
also gieng er hin uff ston für die schwestren die den psalter in der gemaind
lascnt, und sprach gar senfteklich: ‘Mit disem gebet werdent mir min wunden
gehailet.’ Aber etlich schwestren lasent nit mit der gemaind: gen den tüt er nit 15
dem gelich. Und do verstund sy wie löblich im der gemaind gebet ist.
Dise sälig Schwester hat als sdsseklich gelebt das ain grosse klag zü ir
begrebt was, und fand man wenig ünt hinder ir, do sy gestarb, won sy was
mit den armen, und davon ward sy vor Got richer denn ob sy ain künkrich
zeselgret hetti gegeben. 20
Das och der
[xxi«] salge • S Eisbeten yon Jesteten
gehügt nit vergessen werd [57*], so schribent wir ain klain, daby man erkennen
mag wie rain ir leben was, won die die bi iren ziten warent, sachent wol wie
manigfaltig sy sich übt, wie grossen fliss und min sy hat zü dem cofent und zü 25
dem orden, also das der kor und aller der cofent von ir gerichtet ward. Ain
Schwester sach sy sunderlich ainest, das ir lib erlüchtet was, das sy wond sy
brunn; aber sy verstund schier das es ir von gnaden was.
2. vns am Rand in di© sch weiteren korr . (r., mit Verweisungszeichen) G. 2. dunk so G.
4. "fil" gar G. 6. die lateinischen Worte nicht ausgezeichnet G. 6. och mit Zeichen
am Rand nachgetr. G. 6. hier stund zuerst , jetzt (sw. und r.) getilgt : kor wa. 10. die
lateinischen Worte nicht ausgezeichnet G. 11. vor herr, (r.) dwrchstricheni mft. 12. allen
so (mundartlich) G (Ü), all’ N. 12. vor gar, (r.) durchstrichen: als. 22. f&lge so G.
22. Der Name steht ohne Absatz und lediglich r. unterstrichen im Texte, bezw. von J. gehügt am
Rande G . 24. Das erste die aus dir (m der Vorlage wir?) korr . (« 0 .) G. 27. "ainest"
funderlich G.
22. von Jestetten nannte sich ein früh ausgestorbenes Geschlecht zu Zürich, das aus Jestetten
im Klettgau dorthin, sowie nach Schaffhausen und Eglisau gelangte. Bemhart von Jestetten stund im
Sempacherkrieg gegen die Eidgenossen ; Dorothea war M82 Äbtissin zu Schennis. Leu, Hdv. Lex .
Deutsche Texte des Mittelalters VL 4
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XXII. Adelheit von Franenberg.
[xxii] Ton der salgen -S Adelhait yon Frowenberg.
Memo potest venire ad me, nisi patter, qui misit me, traxerit eum:
Niement mag kumen zü mir, er werd denn gezogen von minem himelschlichen
valter. Dise wort mag man aigen/5#*/lich verston und merken an der sälgen
5 alten Schwester Adelhait von Frowenberg, und offenlich merken mit welen
sunderlichen gnaden der himelschlich vatter in ir hat gewürket, und wie er sy
im selber ewiklich hat usserwelt, und wie mineklich er sy gezogen hat durch
sinen aingeborenen sun von iren kintlichen tagen.
Dise sälig Schwester Adelhait von Frowenberg was aines fryen herren
10 tochter, und nach der weit gewonhait do gabent sy ir fründ ainem edlen herren,
bi dem ir wirdikait gross und manigfaltig was. Doch lies unser herr sin werk
nit, das er in ir so lieplich würkt, und gab ir die gnad, wie fil sy wirdikait hat,
das sy damit alwegent ain bitterkait und ain bestrafung hat, und [58*] das ir
hertz alwegent nach dem ainigen güt ainen Stätten jamer trüg, also das sy
15 niemer gelles under tag ald nacht sy bati Got von gantzem hertzen das er ir
von der weit hulf; möcht es anders nit sin, das er über sy verhängte das sy
usssetzig wurd, das sy och also von der weit kem. Und wie das sy ünser herr
ir begird nit bald gewerte, do lies sy doch nit darumb ab sy übt sich angebett
und an manigfaltigen tugenden. Von dem das sy ziiii jar alt was, do las sy alle
20 tag ünsers heren v min zaichen, ieklicher wunden l pater noster vor imbis,
und so sy dis gebet vor imbis nit mocht getün, so was sy das mal un die besten
trachten ze ainer büss.
Sy übt sich och an grosser demütikait und an den werken der [59•] erbarm-
hertzikait mit grosser minender begird. Sunderlich do hat sy sich aines menschen
25 angenomen, der was als ungestalt das man in zech er wer feltziech, und dem
tett sy al sölich dienst die im sin aigni mütter nit wolt tün. Und diser mensch
was als gar ungestalt das er menklichem widerstund zesechen, und den handlet
sy als gar emtzklich nach siner gird das ir die hend etwenn grülich unrain
wurdent, und was ir doch von grosser gird als lustig das sy recht dunkt wie
SO sy mit Got umbgieng, und was das davon, won ünser herr ir dik in dem bild
sölicher lüt erechinen ist.
Und do sy sich alsus in sölicher tugent so manigfaltiklich übt, do wolt sy
ünser herr im selber noch n&cher ziechen und ir begird erfüllen, und verhängt
das ir wirtt [59*] starb. Und doch do wolt sy ünser herr versüchen und beweren,
35 und wolt ir begird nit follbringen un sunderlich liden, won ir fründ die woltend
sy mit rechter kraft han bezwungen das sy ainen andren edlen lutsäligen herren
1 . Vchthilt N. 15. bäte korr . in bati G. 17. 87 (vor unser) am Rand nachgetr. G.
29, korr . luftlich, dann lieh wieder gestr . G. 34. doch so G.
1 . Frauenberg : der Name fehlt bei Leu .
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XXn. Adelheit von Frauenberg.
51
hetti genomen. Und von der emsigen bet wegen ir fründ und von den üblichen
gnaden so an dem herren was, und das och unser herr wolt das sy strit, do
wart sy als fast angefochten, e das sy sich überwunnd, das ir gar we geschach,
und doch so half ir die götlich gnad das sy sich der weit gar verwag. Nun
was ain gar güte Schwester in der stat ze Wintertur, die bat gar ernstlich für 5
sy, das ir Got her in hulf. Und des tags do man sy anlait, do dunkt sy wie
ain schöner stem von dem himel [ 60«] sich uff ünsem altar nieder lies. Und
hie von wundret sich die Schwester und kam her: do fand sy sy vor dem altar
liegen.
Wie hailiklich sy lebt von der stund untz an iren tod, da von wer fil 10
ze sagent. Sunderlich do was sy als gar demütig das es ze wundrent was. Sy
hat och sunderlich flis das sy sich nit fil bekümret joch mit irem aignen kind,
das sy hie inn hat: so das etwenn sin novizenmaistri schlüg fil übel, so gesprach
sy niemer wort, und geschach ir doch gar we etwenn davon. Sy hielt den orden
flissklich als fil sy kund oder mocht. In dem kor was sy flisseklich, und so man 15
ir die vers ze den ziten schraib oder was sy singen solt, das folbracht sy mit
groser begird, und hat ain stäte gewonhait, das sy [60*] in der meti vor dem
lecchtor sass und zunt als der minsten kinden ains. Sy gieng och gar flisseklich
ze refentar mit krankem üb. Und was sälten kain ding so klain, das die gemaind
nit hat, das sy des iemer welti ver9Üchen. Sy fastet och gar flisseklich, und so sy 20
joch etwenn von krankhait kum moch gon. Ze gemainen werk was sy fil nach
alwegent die erst, und span denn als gar emsküch das ir sich dik die finger
erhübent. Und wie fil sy über das gemain wuchenwerk span, das gab sy doch
alles ze wuchenwerk. So sy och etwenn als fast turst das ir ir hertz in
irem lib möcht getorret sin, so wolt sy doch nit ze Unrechter zit trinken. So 25
man über tisch solt gon und sy denn als übel fror, so sties sy ir füss in haisse
eschen, das sy ir bald warm wurdint [61«], das sy sich nit ze tisch sumte. Was
sy kund ald mocht getün in der gemaind ald kainer Schwester sunderüch, wie
schmäch och das werk was, so erbot sy sich doch demütiklich, begirlich und
frölich darzü. Und sunderüch tet sy ainer armen Schwester gütlich, die den 30
andren widerzem was, und tet ir sunderüch etlich dienst die ir niement tün
wolt, und geschach ir doch dik als we davon das ain grosse bewegt in ir
ward. Sy hat och ain stäte gewonhait, das sy nach meti wachet an irem gebet.
Was sy von usswendiger Übung mocht getün, das tet sy als flisklich das man
wol mocht merken das sy üblichem gemach gar hat wider sait. Und davon 35
3. "fast" als G. 5. Schwester groß geschrieben und (r.) unterstrichen G. 6. her getilgt
(r.) und zu in am Bande dz kloster nachgetr. G. 7. tiefem getilgt und den darübergeschr. (r.) G.
7. nieder so G. 8. wundret kgrr. (r.) aus wundretet G. 8. Schwester korr. (r.) aus
fchweftren G. 8. zu her am Rand nachgetr. (r., mit Verweisungszeichen): zü toff. 9. liegen
so G. 13. hie inn: hier keine nachträgliche Änderung G. 21. moch so G\ vgL u. 55,12.
24. och am Rand (sw., mit Verweisungszeichen) nachgetr. G. 28. kainer ergänzt (r.) zu
dekainer G. 32. "als we" dik G.
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XXn. Adelheit von Frauenberg.
ward sy wirdig [61*] das ünser herr ir hertz enbrant inwendig mit sunderlicher
hitziger begird.
Sunderlich do hat sy alwegent grosse min und andacht zü ünsers herren
kinthait, und erbott sich ünser firowen dik andüchteklich, das sy ir möchte zü hilf
5 sin kumen, irem ainigem lieb. Sy begert mit hertzlicher minender begird das
aller ir üb gemartret wurd dem süssen kindli ze dienst: sy begert das ir ir hut
wurd abgezogen ünserm herren zü ainer windlen, ir adren ze fedemly im zü
ainem rökli, und begert das ir marg gebülfret wurd im zü ainem müslin, und
begert das ir blüt vergossen wurd im zü ainem bädli, und ir gebain verbrennet
10 wurd im zü ainem für, und begert das ir flaisch alles verschwanet [62a] wurdi
für alle sünder, und gewan denn ainen hertzlichen jamer, das ir ain tröpfli wer
worden von der milch, so ünser frowen enpfiel, do sy unsem herren sogt
Wie manigfaltiklich sy sich übt an hailigem leben und an hochen tugenden,
davon wer fil ze sagen. Aber sunderlich so hat sy iii edel tugend an ir, mit
15 den sy ussgenomenlich lucht und in den sy wirdig ward und och behielt alle die
gnad die Got in ir wurkt: das was emsige ainikait, folkumne gedultikait und
wäre demütikait.
Do nun das zit begund nachen das sy ünser herr schier von diser weit wolt
nemen, do wolt er sy och sunderlich beraitten und noch höcher gnad mit ir
SO würken, und verhängt das sy wol ain halb jar vor irem tod [62*] an etica lag
mit als grossem ser das es wunder was. Und dis arbait laid sy als andüchtik-
lich und als frölich das es Got alain in ir würken müst. Und wie we ir was, so
gebäret sy doch gar gütlich gegen den sehwestren und lobt Got umb iekliches ser
sunderlich, und das sy ünt solt liden siner marter zelob. Und do sy in disem
26 siech tagen als gedultiUich lag, do erschan ir der bös nider aller gütter werken
in ainem bild ainer Schwester und sprach: ‘Du bist als gedultig und sprichest
als: “Herr, gib mir me!” Er git dir das dir Got ergas. Du soltest dich übel
gehan und Got an schrigen, das er dir bas gebe.’ Und do verstund sy sich [63a]
schier das es ain Unrechte Schwester was, und sprach: ‘Flüch, du bösses fustüch!
80 Ich will minen willen gen in Gottes willen. Won du dich nit in Gottes willen
woltest naigen, darum müst du siner angesicht enberen ewiklich’, und wolt in
12. vnfef ohne ü-Zeichen G. 19. bekaitten G. 28. "gütlich" gar G.
26. fehwfter G. 28. vnd bi* fchrigen twischen den Zeilen nachgetragen G. 29. bSsees:
Nachahmung einer fremden Mundart?
29. Diese Verwünschung ([arger Wischlappen’) ist wohl eugleich eine Anspielung auf das Fu߬
tuch, mit dem Heinrich der Seuse einst von seiner Zelle aus einen mutwilligen Hund im Kreusgang
hat spielen sehen und da* er alt Vorbedeutung seine* Leidens sich aufgehoben (Denifle, Seuse I, 84):
es kommt auch in einem Briefe an Eisbet Stagel vor, der er et einst als Sinnbild der Gottergebenheit
hat schicken wollen ( Briefbuch, hgg. von Preger Nr. III, S. 32), sowie in einem andern an eine
Dritte gerichteten ( ebd. Nr. II, S. 27; Mystikerpaar 62).
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XXII. Adelheit von Frauenberg.
53
do mit ainem stab geschlagen han. Do wüchs er vor ir angesicht, untz er fil
nach an die tili schlüg, und verschwand und lies ain michel hüwlen und rüchlen
hinder im uss.
Und darnach kurtzlich vor irem tod do gab ir unser herr ain sunderliches
unmäsiges liden, won er och mit sunderlichen gnaden zü ir wolt kumen. Und 5
dis liden was ain als starkes ungewonliches gesucht das alle ire gelider davon
zerschütet [63>] wurdent, und das aller ir lib für als sy uss dem bet wölt fallen,
und weret das von non untz ze vesper. Und dis lait sy in sölicher gedultikait,
wenn sy by ir selber was, das sy es alwegent ünserm herren zelob uff trüg siner
hailigen marter. 10
Und dir selben nacht do was ir als gar we das ir zwo schwestren wachetend,
und also gelag sy ain wil gar still und sprach do gar andächteklich: ‘O frow
aller der weit küngin, himelrichs und ertrichs!’ und sprach do gar inneklich:
‘Gern, frow, gern’, und sprach do aber mit ainer sennlichen stim: ‘0 wie was
das so kurtzl’ und wainet do gar inneklich, und do sy die schwestren fragten! 16
ob ir als we wer, do sprach sy: ‘Gond von mir [ 64 “] durch Got: ich bedarf üwer
nütz nit.’ Und sy naigtent sich als sy schliefind, vor ir nider, und darnach über
ain güte wil do rieht sy sich uff und hat ir hend andächtiklich und begirlich uff,
und tett recht als ain mensch der sich hertzlich gegen ainem ding fröwet, und
lait do ir armen gar zärtlich über ain andren, und trukt sy gar mineklich und 20
begirlich an ir hertz recht als ain mensch der mit frölicher gird den andren an
sin hertz truket. Und do sy das ain güt wil getraib, do sprach sy inneklich:
‘Mineklicher her min, zerris mir hend und füss, hobt und hertz und alle mine
gelider!’ Und dar nach über ain wil do wainet sy als gar hertz/tf4‘/klich als ain
mensch das von grossem jamer wainet, und tet recht als sy schrigen weit, und 26
do dis ain güt wil geweret, do sprach sy zü den ii schwestren gar gütlich und
frölich: ‘Kind, schlaffend und sind min unsorg.’
Und darnach do ging der schwestren aine zü ir, die was ir alwegen sunder¬
lich hold, und die ermanet sy gütlicher lieby, das sy ir saiti was ir beschechen
wär, und sait ir die wort die sy gehürt hat. Und hie von ward sy gar betrübt 80
und wolt ir es gern han versait, und gelobet ir sy wolt ir gegen Got zü güt tün
alles das sy mücht, und nach langer red, e sy es ir sagen wolt, do gab ir die
Schwester ir trüw [65«] das sy es by ir leben niemen sagen wülti. Und also
sprach sy do als ain mensch das sich von fröden nit me enthalten mag: ‘Was
wilt du me? ünser her und ünser frow warent hie!’ Und die Schwester fragt 36
wie sy ir erschinent. Do sprach sy: ‘Ünser frow was by mir e ünser her, und
trost mich gar gütlich und sprach: “Gehab dich wol; ich und min kind wend din
ewiger Ion sin; du müst aber noch fil liden.” Und davon sprach ich: “Gern,
frow, gern!” Do sach ich ir nit me, und do sprach ich: “Owe, wie was das so
kurtzl”’ und wainet do. Und do frag sy sy wie sy ünsem heren seeb. Do sprach 40
5. gaden 0 . 11. Vn ohne Zeichen Q. 17. fchliefi 11 Q. 40. frag so G .
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XXII. Adelheit von Franenberg.
sy gar kleglich: ‘Wie ich den sach, das kumt von minem hertzen niemer’, und
wainet und sprach: ‘Ich sach in an dem crütz mit bldtinden wunden, und
schwebt [65<>] ob mir emiten ob dem bett, und stund unser frow by im und hat
ainen arm über das crütz gelait, und lies sich ünser her ab dem crütz und
6 umfieng mich gar lieplich, und trukt mich gar gütlich und lieplich an sin gütliches
hertz, und sprach gar süseklich zü mir: “Gehab dich wol, ich wil din ewiger Ion
sin.” Do sprach ich gar inneklich mit gedanken: “Owe, her, wenn?” Do sprach
er gar mineklich: “Du müst noch me liden.” Und davon sprach ich: “Her,
zerriss mir hend und füs, hertz und hobt und alle mine gelider: das wil ich gern
10 liden!” Und do hüb sich ünser her wider uff und warent im alle sine wunden
verhailet, und sprach zü mir: “Sich, du hast mir alle min wunden verhailet [66»]
mit dinen mintrechen, die du dik hast gelon von erbärmd miner marter und
mit diner gedultikait, das du din arbait als frülich und als gedultiklich lidest
miner marter ze lob.” Und do sach ich sin nit me.’ Und die Schwester fragt
15 ob die wil ünser frow da wer. Do sprach sy: ‘Das kan ich dir nit gesagen, won
min min ward zü Got als gros, und ward min hertz und min gemüt mit sülichen
früden durchgossen: der zü der zit tussenl schwert durch mich hei geschlagen,
ich het sin nit enpfunden. Do ich aber ünsern heren nit me sach, do sach ich
ünser frowen, die was als gar schün beklaidet und was als mineklich an ze sechen
20 und als zärtlich und als gütlich geschaffen das [66*] alle zungen da von foleklich
nit kündint gesagen. Und den mantel den sy umb trug, den zertett sy und lies
mich ainen himelfarwen rok sechen, den sy an hat, und sprach: “Sich, den rok
trag ich von dir, das du dinem cofent als getrülich werketest”, und sprach do
gar lieplich: “Won du mir min kind als gar getrüwlich hast hülfen züchen, so
25 wil ich din begird erfüllen und wil dich trenken mit der milch mit der ich min
hailig trat kind sogt”, und gab mir ir rainen zarten brust in minen mund. Und
do sach ich ir nit me. Und do mir dise unsäglich süssikait enzogen ward, do
ward min jamer also gross das ich do also fast ward wainen.’
Und do fragt sy die Schwester was ünser frow mainte, das sy sprach: ‘Won
80 du mir min kind als getrüwlich hast hülfen züchen.’ Do sait [67»] sy ir die
begird die sy zü ünsers heren kinthait hat, als da vor geschrieben ist, und das
ir das so genem was. Und do sy dis gesait, do was ir hertz als gar gesterkt
von der grossen gnad, und was als foll früden und süssikait das sy sprach:
‘Mich dunkt ich gieng wol war ich wült’, und was ir sei als durch gossen mit
85 gütlichem trost das sy sprach: ‘Mir ist alle die weit in minem hertzen als ain
mist, und süsse min ainiger sun for mir, den ich gar lieb hat, und alle die fründ
die ich ie gewan, ich kerte nit min og dar, das ich sy säch.’
8 . her, mit Versetzungszeichen , am Rand nachgetr. 0. 21. trug so O. 21. zertett,
das t nachträglich eingeschoben 0 . 32. "dz" ir G. 36. for mir am Rand mit Ver¬
weisungszeichen nachgetragen Q.
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XXin. Sophia von Klingnan.
55
Nach dir gnad lebt sy fil nach ti wuchen in fröden und in trost Etwenn
ward ir jamer och als gar gros das sy gar hertzlich wainet. Und also schied
sy [67*] süliklich von diser weit mit ainem hailigen end.
[xxiii] Yon der salgen -8- Sophya yon Klingenow.
Wir hatend och ain hailige güte Schwester, hies Schwester Sophya von 5
Klingenowe. Die kam in iren jungen tagen in dis kloster, und do sy erst in
dis kloster kam, do Seng unser herr bald mit ir an mit sunderlicher gnad würken,
und wurkt mit ir ussgenomenlich sdsseklich untz an ir end. Aber wie wir des
nit gantzlich kunend wissen, doch wend wir etwas davon sagen. Do sy des
ersten von der weit in dis kloster kam, do gab ir unser her die gnad das sy 10
grosse erkanntnus hat gegen ir selbs gebresten, und das sy mit bitterkait und
mit serigem hertzen emseklich [68»] moch gedenken und betrachten und och
wainen ir sünd und das verloren zit das sy in der weit uppiklich vertriben hat,
und tett ir das als we und gieng ir das als nach zü hertzen das sy das darnach
verjach etlichen schwestren, die ir haimlich warend, das sy das jar alles vertraib, 15
also das sy enkaines andren dinges gelüst noch enkainer kurtzwil begert, won
das sy an ir ainikait wer und bitterlich wainety, und was ir hertz alle zit als
beweglich ze wainen, so sy joch by den schwestren müst sin in dem kor ald in
dem werkhus oder anderswa, das sy sich nit enthalten mocht, wie laid es ir
iemer was, sy müste wainen. Und das bezügtend och die schwestren die in 20
dem kor by ir stündent, das [68*] sy als genuchtsamklich wainet das sy fil
wunder dik sachend, so sy naig, das ir die trechen uff die erd enpfielend.
Do sy das jar mit als großer bitterkait vertriben hat, was trostes sy do von
Got enpfieng, davon sait sy entlieh niemen nüt, e sy an dem tod lag und schier
sterben wolt. Do kam ain Schwester zü ir, der sy lang sunderlich haimlich und 25
hold was gesin, und die och dik an ir befunden hat das sy von Got getrösttet
was, und bat sy fliseklich das sy ir durch Gott saite wie der trost wer den sy
von Got enpfangen hat. Und des antwurt sy ir und sprach: ‘Wiste ich das es
Gottes will wer, so saite ich dir wol etwas. Nun enwaiss ich des nit: davon
mag ich dir [69»] ietz nüt gesagen. Kum nun schier her wider; was denn Gottes 30
will ist, das sag ich dir.’ Also gieng die Schwester von ir und baitet untz das
man complet gesang und recht nacht wart, und kam aber do zü ir und fraget
5. [W]ir unvoUst. in S[y] korr. (r.) G. 6 . Klingenowe: da* Schluß-e getilgt (r.) G. die
beiden Namen hier ohne jede Hervorhebung G. 6 . 7. 10. dis in das korr. (r.) G. 12. moeb;
ein t erst naehtr. (r.) zugesetzt-, vgl. S. 49,2; 51,21; 57,15; 59,36 (auch 34,26; 53,40; 61,20).
20. wftfte G. 21. fch. "in dem kor" die b. i. G; die Verletzung von in dem kor könnte auch
so gemeint »ein, daß e» hinter ir zu »eteen wäre.
4. Vgl. zu Anna von Klingnan, oben Nr. XI.
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XXIII. Sophia von Klingnan.
sy wes sy sich mit Got beraten hetti. Do sprach sy: ‘Richte mich uff und gib
mir wasser in den mund, das ich reden mug: so sag ich dir das du gern
hörest.’ Do das geschach, do hüb sy an zesagen und sprach: 'In dem andren
jar nach dem do ich gehorsami geton hat, ze dem hohzit der hailgen win&chten,
5 do verainet ich aines tages nach der meti in dem kor, und gieng hinder den
altar, und lait mich do an ain veni, und wolt sprechen min gebett nach [69*]
miner gewonhait. Und in dem gebett do kam mir zesinn min altes leben, wie
fil und wie lang zit ich in der weit uppiklich vertriben hat. Und sunderlich do
begund ich betrachten und wegen die untrüw die ich Got da mit erzaiget hat
10 das ich des edlen und des würdigen Schatzes miner edlen sei, durch die er sin
hailges blftt vergos an dem crütz und die er mir in so grossen trüwen befolchen
hat, das ich der so ungdtlich gepflegen hat, und das ich sy mit so meniger sünd
und untugent entrainet und vermasget hat, also das sy ungefellelich und widerzem
mdste sin sinen gütlichen ogen, die im e so wol gefiel. Und von disen gedenken
15 kam ich in als grosse rüw das min hertz foll ward bitters und ungewonliches
[70»] seres, und wdchs das ser als fast an mir das mich duncht das ich aines
liplichen seres und schmertzen befunde, recht als min hertz ain lipliche wunden
hetti. In disem schmertzen rdft ich mit klagenden sünftzen minen Got an und
sprach: “We mir, we mir, das ich dich ie erzürnt, min Got! Möchte ich das
20 erwenden, darum wölte ich mir erwellen das ain grdb hie vor minen ogen were,
die gieng untz an das abgründ, und darin geschlagen were ain pfal, der uff
gienge untz an den himel, das ich mich an den pfal iemer sölte winden untz an
den jüngsten tag: die arbait wölte ich gern liden, darum das ich dich, minen Got,
nie erzürnet het!” Do ich in disem willen und [70*] in diser begird was gegen
25 Got, do begund das ser und der schmertz der mir zehertzen was, als fast
wachsen das mich des wolt dünken das ich mit nüte das liden möcht, won das
min hertz enzway müste brechen. Do gedacht ich: Stand uff und sich was Got
mit dir tün well. Und do ich uff gestünd, do was der schmertz als gross und
die Überkraft des seres also das mir alle lipliche kraft und aller sinn en gieng,
30 und fiel mines ungewaltes nider und kam in unmacht, das ich weder sach noch
enhort noch sprechen mocht. Und do ich als lang gelag als Got wolt, do kam
ich wider und stund uff; aber zehand do ich uf gestund, do gebrast mir und
fiel aber in unmacht, und also geschach mir [71*] aber zü dem driten mal.
Und do ich do zü mir seber kam, do begund ich sorgen, ob ich an der stat
35 dekain wil belib, das die schwestren über mich kement und inen wurdint wie
mir gesehen was. Und darum begert ich von unserm heren das er mir so fil
kraft gib das ich möchte komen etwa an ain haimliche stat, da min niement
5. L: v. ich mich? («o Ü). 11. vor in i»t als gestr. (r.) O. 13. vng. vn, die zwei
Worte am Rand nachgetr. O. 16. wuch 0. 17. fchwertzen Q. 20. ogS am Rand
nachgetr. O. 26. wachen G. 34. feber »o Q (ma.'t wie heute eärch. seb? vgl unten 08,37).
36. gefchen so O. 36. vnfenn ohne ii-Zeichen G.
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XXIII. Sophia von Klingnan.
57
innen wnrdi, wie es mir joch ergieng. Und also stünd ich uff, und mit grossen
arbaiten kam ich für den aitar und gestund do und sprach zü ünserm heren:
“O her min Got, nun bete ich dich gern gnaden: nun erkenn ich mich selber
gantzlichen unwirdig aller der gnaden so du dekainer creatur uff ertrich tftst,
und achten mich selber unwirdiger und schmächer vor dinen ogen denn ainen 5
wurm, der uff dem [7i*>] ertrich schlichet, won der erzürnt dich nie: so han ich
dich erzürnet über alle mass; davon getar ich nit gebitten, won das ich mich
gantzlich ergib an din gütlich erbärmd.” Und do ich das gesprach, do naig ich
und gieng für mich in der tormitar für min bet; do dunkt mich das ich aller
haimlichest wer. Und do ich für das bet kam, do was ich als gar krank das io
ich gedacht: dir gebristet aber; du solt ain wil rüwen. Und also machet ich
ain crütz vor mir und wolt mich legen rüwen und las den vers: In manus
tuas. Und do ich den gelas, do sach ich das ain liecht kam von himelrich,
das was unmass schön und wunneklich, und umbgab mich das und durch lucht
und durch glast mich allensament, und ward min hertz 172“] rech geches ver- 15
wanlet und erfület mit ainer unsäglicher und ungewonlicher fröd, also das ich
gar und gantzlich vergass alles des wider müttes und seres das ich da vor ie
gewan. Und in dem liecht und in den fröden do sach ich und enpfand das
min gaist ufgenomen ward von dem hertzen, und ward gefürt ze dem mund
hoch in den luft, und ward mir da gegeben das ich min sei lutterlich und aigen- 20
licher sach mit gaistlicher gesicht denn ich mit liplichen ogen ie kain ding geseche,
und ward mir alle ir gestalt und ir gezierd und ir schonhait folleklich erzaigt.
Und was Wunders ich an ir sich und erkante, das kündind alle menschen nit ze
Worten bringen.’
Und do manet sy die Schwester aller trüwen, und bat sy [72>>] mit allem 25
ernst das sy ir saity wie die sei geschaffen wer. Do antwurt sy und sprach:
‘Die sei ist ain als gar gaistlich ding das man sy ze enkainen liplichen dingen
aigenlich geliehen mag. Doch won du sin als ser begerest, so gib ich dir ain
gelichnus, by der du ain wenig verston macht wie ir form und ir gestalt was.
Sy was ain sinwel schönes und durch lüchtendes liecht, gelich der sunnen, und 30
was ainer goltfarwen röti, und was das selb liecht so gar unmas schön und
wunnenklich das ich es zü nüti geliehen kan. Won werint alle Sternen die an
dem himel stond, als gross und als schön als die sunn, und glastind die alle
in ain: der glantz aller möchte sich nit geliehen der schonhait die an miner
sei was, und dunkt mich [73“] das ain glantz von mir gieng der alle die weit 35
erluchte, und ain wunnenklicher tag wurde über alles ertrich, und in disem
3. bete so Q. 6 . erzart G. 9. der so O: mundartliche Verwechslung von Nominativ
und Akkusativ ? 15. allenfamtet (Besserung aus allenfamt) G. 15. min G. 15. rech
90 G; vgl. moch 8 . 51,21\ 55,12. 16. verwanlet so G. 28. begerest: das letzte e nachtr .
oben eingeflickt G. 30. lüchendes G.
12 . 13. Luk. 23,46.
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58
XXIII. Sophia von Klingnau.
liecht, das min sei was, sach ich Got wunneklich luchten, als ain schönes liecht
lüchtet usser ainer schöne lüchtenden lucernen, und sach das er sich als mine-
klich und als gütlich zü miner sei fügt das er recht geainbart ward mit ir und
sy mit im. Und in diser minenklichen ainbarung ward min sei gesichret von
5 Got das mir alle min sünd vergeben werind lutterlich, und das ich als rain und
als lütter wer und als gar un all masen als sy was do ich uss dem toflf kam.
Und hie von ward min sei als hoches müttes und als gar frödenrich das sy dunkt
das sy alle wunn und alle fröd be/73»7sessen het, und ob sy wunnsches gewalt
hetti, das sy doch nit me möcht noch künd noch wölte me wünschen. Und do
10 min sei in diser fröd was, recht geches do sach ich das sich ain gaist uff h&b
von der erd, und begund der zü mir nachen. Und ward mir ze erkenend geben
das es ain sei was von den wisen, und hilf von mir weite begeren. Und do sy
mir begund nachen, do hört ich das sy rüft ain klegliche stim und begert hilf
und sprach zü mir: “Edli und wirdigi sei, bit Got für mich!” Und dunkt mich
15 das mich das ain klain wölt iren. Do illt ich und bat minen Got das er mir
den gaist abnem, das er mich an miner fröd nit ierte, und zehand do ensach
noch enhort ich sin nit me. Darnach do sach ich das sich der himel uff tet
ob mir, und das wunne/74«/klich gret von dem himel herab giengent untz an
die stat da ich was, und hört da fil stimen baidi engel und hailgen, die rüftend
20 von dem himel herab zü mir mit lütter stim und sprachent also: tt Gesach dich
Got, hochgemüte sei, was dir Got gütes hat geton und noch tün wil!” Und
davon ward min sei aber do me erfüllet mit unzallicher fröd. Und do ich ietz
in der besten und obresten fröd was, do begund sich min sei wider nider lassen,
als Got wolt, und kam über den lib, da er vor dem bet lag als ain toder lich-
25 nam, und ward ir frist gegeben das sy nit zehand wider in den lib kam, won
das sy ob dem lib schwebet ain güte wiVuntz das sy sin ungestalt und ungetoni
wol ge/74»/sach. Und do sy in recht wol geschowet, wie tödlich und wie jemer-
lich er was und wie im hobt und hend und alle gelider lagend als ainem toden:
do gefiel er ir gar übel und dunkt sy gar ungehür und schmäch. Und kert ir
80 gesicht bald von im wider an sich selber. Und do sy aber do sich selber an
sach und sich als schön und als edel und als wirdig fand weder den lib: do für
sy ob im spilend mit söllicher fröd und wolnust, die alle hertzen nit erdenken
kündint. Und do ir ietz aller best was und sich mit der obresten wolnust niettet
ir selbs und Gotes, den sy mit ir geainbart sach: do kam sy wider in den lib,
35 sy enwist wie. Und do sy wider zü dem lib kam, do ward sy diser frölichen
beschöwd nit berobet, won das sy noch do in dem lib [75*j wonend sich seber
8. wufifches G. 18. gret von gleicher Hand in eine viel weitere Lücke hineingeschrieben ;
darüber alt Erklärung (r.): ald ft ||| rimen G. 33. da» e von beft unterpunktiert und a
darübergeschrieben (r.) G. 36. berobet: das o darübergeschrieben G. 86. feber so G ;
vgl. S. 56,34.
20. 21. Gesach dich Got: vgl. Notkers kesah in got, Graff IV, 148: beatns! Schtceiterisch
Gse-Gott, ‘Gott segne’ {eig. ‘sehe’).
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XXIH. SopbiA von Klingnau.
59
und Got in ir als lutterlich und aigenlich schowet als do sy von dem lib ver¬
zückt was. Und die gnad weret vm tag an mir, und do ich zum ersten wider
kam, und ich innen ward das ain lebender gaist in mir was, do stfind ich uff
und was der frödenrichest mensch, des mich dunkt, der ie ward uff ertrich. Won
ich achtet alle die fröd die alle menschen ie gewunnend ald iemer mugend ge- 5
winnen untz an den jüngsten tag, als klain gegen miner fröd, als aines klainen
müglis klewli ist gegen aller der weit. Und von der überflüssi der unmässigen
fröd do was min lib als licht und als schnell worden und als gar un allen
bresten das ich die acht tag nie befand ob ich ainen lib hat, also das ich ie
ka/75»/iner liplichen krankhait innen wurdi klain ald gross, also das mich nie 10
gebungret noch geturst noch schlafes begert, und gieng doch ze tisch und zebett
und ze kor, und gelichet mich do den andren, durch das min gnad verborgen wer,
das ir niemen innen wurd. Und do ich die viii tag als wunneklich vertraib,
do ward mir die gnad gezuket, das ich der gesicht miner sei und Gottes in
miner sei nit me hat, und do befand ich erst das ich ainen lib hat. Und 15
darnach zehand do ich der gnaden berobet ward, do begund ich in mich selber
gon, und begund betrachten wellicb die gnad was die mir wider faren was, und
wie unwirdig ich der was, und verhängt Got über mich das ich in ainen zwifel
fiel, das ich mit nüti mocht geloben das Got ainem als sündigen menschen ie
sölich [76 a ] gnad getäte, won das es von den bösen gaisten wer. Und hie von 20
fiel ich in also grose trürikait das ich gantzlich un alle fröd und un allen trost
was, und wist minen kumer niement uff ertrich, und wolt och ich niement da von
nit sagen, und also was ich lang in untrost und in grosser biterkait mines
hertzen, untz das sich Got über mich wolt erbarmen. Do gefügt es sich das ich
aines tages ze dem fenster kam, und do hört ich das ain usser mensch ret mit 25
ünser Schwester ainer, und sprach: “Wissent ir nit, was wunderlichen ding ist
beschächen ünsrem wacbter ze Wintertur? An ainer sunderlicher nacht, do er
gewachet hat untz vor tag, do begund er uff warten gegen dem bimel, ob es
tagen wölt, und sach ob dem [76<>] kloster ain liecht uff gon, das was als gar
schön und als wunnenklich das in dunkt das sin glantz über alles ertrich luchte 30
und ainen schönen tag machete, und schwebt das lang ob dem kloster, aber fil
hoch in dem luft, und lies sich do wider nider uff das kloster, und sach er sin
do nit me, und ist gross wunnder under den lütten was es mug sin.” Und do
ich dis gehört, do ward min hertz recht erfület mit fröden, und sprach zü mir
selber: “Gesach dich Got! do was dir doch fil recht.” Und dise fröd entwaich 85
mir dar nach nie, wenn ich mich verhaimlichen moch mit Got.’
Irs hertzen süssikait marktend wir an menigen dingen wol. So sy in dem
werkhuss sass by dem cofent, so sang sy dik gar süssi wörtli von ünserm (77•]
23. "in vntroft" lang G. 27. Wächtern, dann n unterpunktiert O. 27. Wintertur:
tur nachtr. oben eingeflickt G. 35. entwach; i oben eingeflickt G. 36. moch «o G;
vgl. S. 57,15. 37. wir unvollttändig in fi korr. (r. und eto.) G.
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60
XXin. Sophia von Klingnau.
XXIV. Mechthilt von Stans.
heren, und das hortent die schwestren denn gar begirlicb und gern. Wenn sy
och fenstrerin was, und so man denn lutt, so sprach sy von übermässiger
fölli ires hertzen andacht: ‘Bait, lieber min her, ich kum bald.’ Sy begert och
lang zit das sy Got befinden lies etwe fil unser frowen seres. Und do sy ze
5 ainem mal an irem gebet was, do befand sy recht geches aines als unmässigen
seres das sy dunkt wie ir ain nagel geches durch ir hertz geschlagen wer, und
ward ir als we das sy recht lut schre un underlas, und müst man sy in das
siechhus tragen, und sorget man das sy wült sterben. Und do begert sy ünsers
heren, und do ir der priester ünsem heren in den mund bot, do was ir als man
10 ir bald den [77>>] nagel uss dem hertzen zuch, und an der selben stund was sy
genesen, und doch sprach sy das sy söliches seres befunden hetti das es niemer
mensch begeren sölti.
Man gab och ainest dem cofent ainer band ops, das sy gar gern ass, und
des selben mals sass sy ze tisch nebent ainer Schwester, die hat ir naiswas geton
15 das sy betrübet. Also gedacht sy: Du solt recht diser Schwester dis ops gen
und solt ir mit danken das sy dich betrübet hat. Und do sy es der schwester
bot, do bot sy ir es wider, und do ward sy als fast mit angefochten, und nam
es doch wider. Und do sy in den kor kam mit dem cofent mit dem tisch segen,
do sach sy das unser her von dem altar herab gieng wunneklich und schon,
20 und gieng zü ir und umbfieng sy und trukt sy gar zärtlich [78“] an sin hertz,
und danket ir das sy durch sin min der schwester lieby hat erzaiget die sy vor
betrübet hat.
Nach fil hocher gnaden die ir ünser her hat geton, do schied sy mit ainem
hailigen andächtigen tod hin zegot.
25 [xxiv] Yon der sälgen S- Machthilt von Stanz.
Ecce relinquimus omnia et secuti summus te etc. Unser her sprichet:
‘Wer alle ding lat, der sol sy hundert falt wider nemen, und darzft das ewig
leben.’ Und dis ist ussgenomenlich bewert an der hailgen und alten s&lgen
schwester Mechthildt von Stanz, die an allem irem geläss folleklich erzaiget
3. vor bald ein (r. und sw.) durchstrichenes fchier G. 16. mit mit Zeichen am Rand
nachgetr. G . 23. "geton" hat G. 26. fumas G. 29. die Namen nicht aue-
gezeichnet G. 29. (und 67,34) Mechthildt so G.
25. Von Stans oder Stanz : 1) ein ausgestorbenes Geschlecht zu Luzern (Wemi von Stans
vermittelt 1348 eine Marktstreitigkeit zwischen Uri und Schwyz ; 2) das ausgestorbene Adelsgeschlecht
der Meier von Stans , vielleicht Besitzer der Burg Stans (Hartmann von Stans 1331 Landammann und
Ritter). Leu , Helv. Lex^ wo Mechthilt von Stans (bei Murer 365) zu dem zweiten dieser Geschlechter
angeführt wird, Mechthilt ward nach ihrem Ableben in Veltheim und Bulach noch als Heilige verehrt
und vielfach zu ihr gebetet ( Greith, Mystik 456 ; H, Stdzer DKT 101 (21) **)). 26—28. nach
Matth. 19,29 \ die Stelle ist (unvollständig) lateinisch und deutsch angeführt in N.
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XXIV. Mechthilt von Stans.
61
das ir sei allen trost diser weit bat versprochen, und darum begegnet ir och das
ainig güt, das Got selber ist, in als rilicher wis das in ir [78*j ward uff wallen
ain brunn des ewigen lebens. Do dis usserwelt mensch des ersten in dis kloster
kam, do bat sy niement sunderlichen der ir tröstlich oder behülfen wer. Und
won sy als ain frölich hertz bat, do tet es ir gar we, und doch do kert sy es 5
an den heren alles trostes, und begert das er sy trosty, und das tet er och
folleklich, als hie nach ir hailig Übung gescbriben stat.
Wie hailiklich und ordenlich sy lebt an allen dingen, von dem das sy in dis
kloster kam untz uff ir end, davon wer gütt und lustlich ze hörend. Aber es ist
unmuglicb ze schribent, won wie man wol ain klain mag wissen von iren hailigen 10
usswendigen Übungen, so kan doch niement wissen noch [79*] gesagen wie
in brünsteklicb ir hertz und ir gird alle zit in Got was bekert. Alles das sy
ingehorsami tün solt, darzü bat sy als grossen andacht das sy enkain sach des
geieren mocht. Sy was och als emseklich in dem kor das man nicht kund ge-
achten das sy ie zit versumte, sy leg denn zebett. Wenn man ze werk lut, so 15
gieng sy bald uss dem kor in das werkhus, und so man erst lut, so gieng sy
bebendeklich wider in den kor. In dem refentar was sy emseklich, und so sy
etwenn zegros über kraft hat, so gieng sy ain mal ald zway in die siech Stuben,
und so sy erst bat gessen, so gieng sy wider an ir baimlichi. Was man sy
ingehorsami bies tün, das folbracht sy schnelleklich, won sy bat allen iren willen 20
[79t] zemal in willige gehorsame genaiget. Sy was fil jar gesellin ze dem fenster,
und so sy denn erst in den crützgang kam, so hat sy vergessen was sy gesechen
ald gehört hat, und kert denn bald wider an ir ersten andacht. Sy was och als
miltes bertzen: so sy ainen betrübten menschen sach, mit dem was sy betrübt;
mit dem getrösten was sy fro. Alle ir zit vertrajb sy als gar mit Got das man 25
sy selten iemer gesach by iement, als doch etwenn güt lüt tünd durch ain be-
helfung ir selbs. Und wie sy von natur frölich was, so hat sy sich selber doch
allso überwunden das sy enkainer fröden diser weit begert. An dem flrtag was
sy stetiklich in dem kor, denn so sy in gehorsami anderschwa was. Sy tet
recht [SO*] als das kind das siner mütter von zarten niemer gern uss der schoss 30
kumet.
Wenn sy nit zebett lag, so hat sy ain stete gewonhait untz an iren tod:
das sy allwegent vor meti und vor prim uffstünd, und wackt sy ir engel all-
wegen ze disen zitten. Und so sy etwenn als krank was das sy von hertzen gern
het gerüwet, so tet er ir als not das er sy recht stossen dar zü bracht das sy uff 35
müst ston, und gewan denn als grosse gnad das ir hertz recht inbrünstig ward.
Sy nam alle tag cc venien und dar zü zxz starker venien an blossen
3. 8. dis kl. vom Min. nicht geändert G. 11. vffwSnigen G. 13. des: dz; darüber
(r.) e geschrieben G. Vgl. 65,27. 14. wz am Rande nachgetr. G. 20. folbrach; das t nachtr.
ibergeschr. G, vgl. zu 55,12. 21. redfenfter N. 24. vor hertzS, (sw. und r.) durchstr
andacht G. 34. etwen am Rand, ohne Verweisungszeichen, nachgetr .; Einschiebungsstelle unsicher.
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62
XXIV. Mechthilt von Stans.
knüwen. Etwe fil jar gieng sy in den kor ze der zit do sy der engel wackt,
und do begund sy der tüffel als dik erschreken in als man/S0*/iger wis das sy
do vor irem bett belaib. Etwenn sumret er und schweglet; etwenn tett er als
er das gewelb weit niderwerffen ald feilen. Sy kam och gar fil und dik nach
5 alle hochzit sunderlich nach cumplet in als gross andacht das sy lut ward wainen.
Ainikait und schwiglichy minet sy von hertzen. Des tages so sy ünsern
heren enpfieng, und alle fritag den advent und die fasten schwaig sy emseklich.
Und wenn sy gesellinn was, so was sy es forhin lang, das sy denn ledig was
und das sy das zit zemal geschwigen möcht sin. Sy Abt sich och emseklich an
10 ünsers heren marter mit hitzigem ernst, und hat sin liden ir hertz und kreft
also durchgangen: wenn man ze tisch lass etwas von ünsers heren [Si*] liden,
so ward ir hertz als bewegt das sy für das nütz nit mocht essen, und kam in
ain innekliches wainen, und kam von überflissiger andacht als gar von ir selber
das man sy darnach über etwe lang, so der cofent abkam, dennen müsst füren.
15 Dis geschach ir dik von unmässigem innbrünstigem ser das sy hat von ünsers
heren marter, das sy ungewaltig ward aller irer kreft. Und sunderlich in der
martter wuchen so getorst sy selten iemer zü den schwestren kumen, won es
geschach ir fil nach alle tag, und an dem stillen fritag, so sy zA dem crütz gieng,
und wenn sy ünsern heren enpfieng, und. gar dik nach cumplet, so mAst man
20 sy mit kraft uss dem kor füren, als sy [8i*>] wer gefallen. Sy vergoss och als
fil trechen von überflüssigen gnaden das sy ain tfich als gar durch fult das man
kum ains fingers brait truken fand, won das man es wol hety gewunden. Wenn
sy ünsern heren enpfieng, so hat sy als fil gnaden und sAssikait das ir recht
gebrast, und der Schwester die ir acht hat, der gab sy ain zaichen, so sy ir an
25 ir haimliche solt helfen, und belaib denn da untz ze non und ass denn ain fil
klain und gesach des tags niemer mensch gern by ir, und was ir alle sAssikait
diser weit als bitter als ain wurmfit. Sy was och sunderlich zü ainen ostren als
durch gossen mit gnaden das sy von der mitwucben untz an den hailgen tag ze
nacht nie geass noch getrank.
30 Hie follendet [82«] ir hailig Übung, und fachend an die ussgenomnen gnaden
und wunder die der her der natur übernatürlich mit ir wurkt.
Do dis rain usserwelt mensch erst her in was kumen und sy alle die weit
hat gelon durch Got, als da vor geschriben stat, das trüg sy ünserm heren als
adelich uff und sprach mit inneklichem hertzen:
35 ‘O her min Got, nun han ich durch din liebe gelassen alle dise weit und
alles das mir zelieb und zetrost möchte kumen; nun bit ich dich durch din güt¬
liche erbärmd und durch din unzallichen güti das du min trost wellist sin, won
du waist wol das ich nienen trost uff ertrich han.’
5 . cumplt 0. 8. gesellin O. 21. Dz sy am Rand ohne Zeichen nachgetr, Q.
27. "difer weit“ f&ffikait O. 32. “menfeh" vfferwelt O. 32. her getilgt (r.) und
nach in durch Zeichen am Rand dz klofter beigefügt O. 35. nü O.
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XXIV. Mechthilt von Stans.
63
Und also bat sy ünsern [82’>] heren mit gantzem ernst and mit emssiger
begird und mit unsäglichen unmassigen trechen umb sin gnad.
Und darnach kurtzlich an ainer nacht nach mety, do sy zü irem bett kam,
do kam ain gar erbrer lütsäliger her und mit im ain michel her von herren, und
trüg der heren ainer ain gross crütz, das was als lütter als ain kristall, und der 5
sprach gar gütlich zfi ir:
‘Schwester Mezzi, du solt dir nit fürchten: dir mag nütz geweren. Gang
mir nach geturstiklich un alle forcht!’
Und gieng do derselb her vor mit dem herlichen crütz in den kor, und gien-
gend im die heren all nach gar schon und sungent gar andächttiklich das gesang 10
das man an dem Stilen fritag /&?<*/ singet, und gieng sy inen nach untz in den kor.
Und do gieng der ain herr hin uff zü dem alltar und hüb das crütz uff gar
hoch, und die andren heren sungent gar wunneklich und knüwetend ze ieklichem
vers nider und nigent als man tüt an dem stillen fritag. Und do ir hcrtz hievon
in grossem wunder was, do sach sy uff und sacli das sich ünser her von dem 15
himel herab Hess an das crütz das der her trüg, recht als er och an der martter
stünd mit allen sinen zaichen, und sy stund ver von ünserm heren. Und ünser
her sach sy an mit ainer minenklichen angesicht und sprach gar gütlich zü ir:
‘Schwester, gelobest du, das ich gewarer Got und mensch bin?’
Do sprach sy: ‘Genad, [83>>] her, ich gelob es wol.’ 20
Do sprach ünser her: ‘So gang herzü!’
Won der heren was als Hl das sy nit hin zü mocht kumen, und do sy
ünser her hin zü hies gon, do wichend sy all untz das sy für ünsern heren kam.
Und do stalt sich unser her gar emstUch und sprach zü ir: ,Schwester
Mezzi, begerest du kaines trostes won min?’ 25
Do sprach sy: ‘Genad, her, nain ich.’
Do sprach ünser her gar süseklich: ‘Sit du nun kaines trostes gerest denn
minen, und allen andren trost wilt Ion faren, so wil ich dich selber trösten und
wil dich trösten mit minem hailigen lib und mit minem hailigen blüt und mit
miner hailigen sei und mit miner hailigen gothait, und wil [8i a ] dir allen den 30
trost gen den ich minen liben jungem gab an dem grossen dunsttag, und solt
wissen das ich diner sei und dines libs selb pflegen wil. Ich han niement so
lieb denn ich din getrüwe won mir selber alain, und solt das wissen das dir
mines trostes niemer sol gebresten; won was dich widerwertiges an gat, so ker
nun in din hertz: da findest du mich mit allem trost und mit allen froden. 35
Min fil liebe und min vil sälige, du solt wissen das das himelrich din aigen ist,
wenn du von diser weit schaidest. Ich gib dir minen ewigen segen.’
14. tille G. 24. vnfer ohne ü-Zeichen G. 25. 27. begerest und genad her (r.)
unterstr. G. 29. troften Ater so G. 36. ml am Rand mit Zeichen naehgetr. G.
32. 33. l Ich habe zu niemand eine eolche Liebe wie ich eie dir zutraue , als (ich eie) mir allein
(, tutraue )’? d. h. mir allein traue ich eine solche Liebe zu, wie ich eie dir gegen mich zutraue und
wie ich eie tonet gegen niemand heget
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XXIV. Mechthilt von Stans.
Und den enpfieng sy frölich und gfitelich, und do für unser her von ir uff
in den himel und fürt ir hertz und ir sinn mit im [ 84 *], das ir für des mal
gütlicher gnaden und himelscher sennungen selten ie gebrast, won ir hertz das
enbran als gar von der gegenwirtikait ünsers beren das sy nit kund genügen
5 dar an das er ir sei und ir gemüt durch gossen hat mit siner gütlichen
süssikait: sy begert och von grund ires hertzen das er ir geb liplichen ze
enpfinden etliches siner v minzaichen, das sy das ser durch sin liebi trüg
und im sines lidens ain klain da mit dankete.
Und do zü ainem mal ward an sant Katherinatag und sy och vor mety
10 an irem gebet was, do ward sy verzückt und gefürt in ainem schiff über ain
gar schünes wasser, und kam do uff ain gar wites schünes feld, das was recht
foll der aller schünesten wunneklich7«5«/esten blümen, und da sach sy gar fil
lütsäliger und wuneklicher lütten, die hattend alle wisse klaider an und warent
also frülich geschaffen das sy grossen trost von inen entpfieng. Und do sy hin
15 zü inen kam, do wichend sy ir gar wirdiklich und machetend ir ainen weg, das
sy enzwischent inen hin gieng, und do sy allso emitten under in gieng, do hört
sy ain süsse stim von dem himel, und die sprach gar zärtlich zü ir: ‘Schwester
Mechthilt, du solt wissen, das Got din begird erhüren wil, und als du begert
hast das er dir geb siner zaichen etliches ze tragen, des wil er dich nun geweren.
20 Und du solt sin zaichen zü dem hertzen enpfachen, und solt du das tragen durch
sin liebi die wil du lebest.’ Und [85*] alzehand do befand sy der wunden ser zü
dem hertzen, und do hüb sy den schapren uff und lüget: do sach sy und enpfand
das ir hertz durch wundet was, und sach das die wund wol in der mass wit
was als aines mans finger gross ist, und sach das sy als tieff was das ir die
25 tieffi untz an den rügen gieng, und zwen rüns, ainen von wasser und ainen von
blüt, davon fliessen. Und do gedacht sy: ‘Ach, wie solt du dis iemer haimlich
getragen?’ und bat ünsem heren gar inneklich das er ir die wunnden usswendig
abnem und ir aber das ser zü dem hertz liessi: das wolt sy gern tragen. Und
zehand do sy das begert, do knüwet ain engel vor ir und hat ain himelfiarwes
30 werkli in siner band und [86«] lait ir es gar zärtlich in die wunden, und recht
zehand do was die wund ussnen zemal hail. Aber das scharf ser belaib ir untz
an iren tod, und was aber ir ser und ir pin zü ainer zit fil grüsser denn zü der
andren.
Aber do zehand do sy wider zü ir selber kam und ir ser als' gross was, do
35 lüget sy aber zü dem hertzen, und sach das die wund ussnen hail was, und sach
aber die rünss des wassers und des blüttes, als es von irem hertzen gerunen
was. Und do man meti lut und sy och wolt lesen, do was ir ser als unmüssig
und als unvertragenlich das es über alle ir kraft was. Und do sy sieb nit me
3. fennngen G; vgL S. 66,33. 11. "feld" schönes 0. 15. wichtend, da* n
aueradiert G. 28. herts «o G. 34. wider mit Zeichen am Rand nachgetr. G.
36. wassere: da* Schluß -s von anderer Hand eugetelzt.
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XXIV. Mechthilt von Stans.
65
enthalten moht, do ge/85*/prast ir von Überkraft, und schre als lut das der
schwestren fil zü ir kam. Und do wolt sy in nüt sagen, won das sy sprach:
‘Mir ist als gar fast we!’ Und do flirtend sy die schwestren an ir bett, won sy
was s&liklich und hailiklich min wund: won Christus bat ir hertz enzündet in-
brünsteklich mit sinem gütlichen hertzen. Das mag man offenlich merken das 5
sy wo! mocht sprechen das, das man von dem hochen lerer Sant Augustinus
liset: Vulneraverat caritas Christi cor meum:
Die min Christi hat min hertz verwunf,
und ich wird niemer me gesund
e ich getrink von dem gütlichen runs, 10
da die lebenden brunnen fliessent
und sich alle minende hertzen ergiessent
die sich im alain gebent:
den [87«] git er hie früd und dert ewig leben.
Und wie ir unser her ze der zit nit geb won das ain zaichen zü dem 15
hertzen: do mocht es doch wol also gesehen von siner gnad und von über kraft
des brinnenden seres das ir hertz trüg, das das uswiel und schliege in hend und
in fdss, das den och kreftteklich des seres und der min zaichen gegeben ward:
won das sait man offenlich das sy die v min zaichen hetti, und dem warent
och ir geberd wol gelich. Ir gang was als j&merlich als sy zü iedem tritt 20
sonderliches seres befunde. Sy möcht och kain kreftig werk mit den henden
tün, und joch klaine ding: sy mocht nit ain schüschel getragen, und [87>>] mocht
der hend och nit gebiegen, das sy die finger in die hand laite. Och sait ain
Schwester: do sy ze ainem mal die hand uff hatt gegen der sunnen, das sy ir
durch die hand sach. Sy verjach och selber grosses seres in henden und in 25
füssen. Aber das ir die zaichen gegeben wurdent, als das zaichen zü dem
hertzen, das sprach sy nit. Och ist es nit alain geloplich das ir hertz, hend und
fdss verwundet wer int: es ist gar geloplich das alle ire gelider und ir kraft gar
durch gangen und verseret werint, do sy befintlich innen ward wie scharpf-
lich ir schüpfer und ir ainiges lieb durch sy verwundet ward. Das aber das 30
durch schnident ser das ir hertz trüg, ir alain da gegeben ward, das sol niemen
wenen [ 88 «]; won der mit sinem gütlichen hertzen ir hertz liplich verwunndet,
der verwundet och ir gemüt gaistlich mit der brinnenden bitz siner gütlichen
min, und ie grüsser das liplich ser ires hertzen was, ie sterker und inbrinstiger
was gaistlich die minnbewegung ires gemütes, und also hat sy ain stetes in- 35
fliesen in den Ursprung dannen sy geflossen was.
1. moht hier so G. 6. Augustin | mus am Schluß und Anfang der Zeile G. 7 — 14. die
Zeilen nicht abgesetzt G. 8. hat von späterer Hand mit ä-Zeichen versehen. 8. ver¬
wandet G. 12. vor alle ergänze: in? 14. dert] der G. 16. gesehen so G.
16. vo G. 21. henen G. 23. hend och mit Verweisungszeichen am Rande nachgetr. G.
27. dz spr. G; aufzulösen: des? Vgl. 7 4,36.
Deutsch« Text« des Mittelalters VI. 5
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66
XXIV. Mechthilt von Stand.
Do darnach ward an dem ersten fast tag, do ward sy als gar krank das
man ir in das siechhuss betet, und der selben fasten do erzaiget ir unser her
sunderlich alle die marter die er ie erlaid von dem das er gefangen wart, und
wie er gefangen ward, untz das er ab dem crütz genomen ward, und sach { 88 »],
5 do er in siner marter stund, das aller sin lib und sin antlüt als schwartz was
das er kum ainem menschen gelich was. Und hie von kam ir hertz in als gar
über grosses ser das es über alle ir kräft was, und das sy es nit möchti han
erliten, won das sy ünser her trost, und sy ie under wilen an sach mit ainer als
lieplichen und gütlichen gesicht das ir hertz gesterket ward. Und do er ir
10 erzaigt wie er ab dem crutz genomen ward und ünser frowen an ir schoss ward
gelait, do was sin lib und sin antlüt als gar jemerlich das sy sprach das niemen
davon folliklich sagen möchti. Sy sach och das ünser frowen ser als gross und
über schwenklich was das es ir menschlich kraft nit me mocht erliden, won [89*]
das ir von groser Überkraft geschwand von dem mitliden das sy von unser
15 frowen hat, und och mit ünserm heren. Und als es ünser her wolt, do kam ir
siechmaisterin und bracht sy wider. Und hie nach do begert sy gar innenklich
an ünsem heren, das er ir gebe etwas ze befinden des seres so ünser frow hat
an siner marter, und des gab ir ünser her folleklichen ze befinden, und von dem
überschwenklichen grossen ser ward sy als gar krank das man wond sy wölt
20 sterben, und ward geölet, und mocht weder essen noch trinken won als wenig
das es über mensche kraft was. Sy wolt aber nit trinken won wasser ald ain
klain milch, unnd [89» ] das selb das sy nos, das mocht nit by ir beliben, und
zoch sy ünser her in als hoche über-natürliche gnad das sy drizechen wuchen
und ain jar lag fil nach alle tag von non untz ze vesper, das sy als gar ver-
25 zukt was das man kum das leben an ir mocht gemerken. Und so sy in dir
verzukung was, so was ir antlüt als gar wol geton, und was als gar gütlich und
lustlich an ze sechen das man da by markt das sy lebt. Und so sy wider kam,
das geschach allwegen mit ainem hertzlichen wainen, und da von was fil wundrung
under den schwestren und von geleiten lüten, ob ir dis von siechtagen ald von
80 gnaden beschäch.
Und under disen zitten do kam ain wiser artzet her: dem ward ir wandel
[90* ] gesait, und do er ir audren gegraif, do sprach er sy het enkainen siech¬
tagen: sy het ain grosse sennung nach ainem übergriffenlichen ding, und were
alle ir natur als fast dar uff gedennet das da von alles ir blüt zü dem hertzen
85 was gesigen, das es dem hertzen zehilf kem, und sprach: ‘Es ist als unmuglich
das sy das begriffen mug darnach sy sennet, als unmuglich mir ist das ich
begriffen mug das das gras grün ist.’ Und des verjach sy selb das es
also wer.
21. menfche so G. 22. yud hier G. 24. l&g G. 31. her (r.) durchstr. und
am Rand (r., mit Venoeieungszeichm) zü jn beigefügt G. 36. scnet G, vgl. 8. 64,3.
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XXIV. Mechthilt von Stans.
67
Und in der selben zit do kam brüder Wolfran unser profincial zü ir, und
hies sy der gar ernstlich das sy sich sin werte. Und sy was im gehorsam und
[90*] tet es, und do ward sy als siech und ward ir als we das man gar an ir
verzwiflet und ir alle zit der sei warttet, und ir ain og recht tod was. Und
darnach an der ufffartag do kert sy wider und begund sich wol bessren, das 5
sy darnach 61 jar zekor und zerefentar gieng. Und hienach fragt sy die priorin
wie ir die wil wer do sy also lag. Do sprach sy: ‘Ich was in als grossen und
hochen fröden, die menschlich sinn nit gedenken mag. Und das ich also wainet,
so ich wider kam, das geschach mir davon das ich dannen scÄaiden müst. Und
der mich nit heti gehaissen das ich mich der gnaden gewert heti: Got heti ßi‘] 19
die wunder mit mir begangen da von iemer ze sagent wen.’ Und doch wie das
nit beschach, so mag sich doch ain ieklich rain hertz wundren und gedenken
was überflüssiges Wunders ir sei schowet, do sy in das grundlos güt so emsklich
und so gantzklich gezogen ward, won es ist geloplicb und nit zwifelich: sy wer
me und och aigenlicher in dem himel denn uff dem ertrich. So ain güt mensch 1$
zü ainem mal mit siner Vernunft in Got gezogen wirt, dem werdent alle ding
bitter und alle die weit ze eng: wer mag denn gedenken wie überflüssig ir sei
von dem lebendigen brunen getrenket wurd, do sy drizechen wuchen und ain
jar fil nach alle [91*] tag in ain als hoches schowen gezogen ward!
Es geschach ir och nit alain in dem zit, sunder fil dik da vor und dar nach, 20
so sy an ir gebet und an ir haimlichi was, won das ward bewert damit das man
sy etwenn fand also ligent un alle usswendige bewegung. Und zü ainem mal
do kam ain Schwester über sy, die ir andacht nit erkant, und schutt ir wasser
under die ogen, und wond ir wer geschwunden. Und do sy ir als fil getet, do
kam sy zü ir selber und sprach fil gütlich: ‘Ir sond mir es niemer me getün.’ 26
Sy was och zü ainem mal in irem stül und hört ain gar schönes und süsses
gesang, und warent die wort: ‘Sanctus, Sanctus’ mit ‘Alleluia’, und do [92»] kam
sy in ain wunder und gieng her für: do sach sy das es alles schön lüts&lig heren
warent und stundent nebent dem altar, ze ietwedrer siten ald ort des altars zwelf,
und als sy ain wenig gesungent, so nigent sy gegen ain andren gar andühtiklicb, 3Q
und do sy uss woltent gon, do gieng ietlicher sunderlich für sy ston und naig
ir gar wirdeklich, und den sach sy denn nit me, und also taten sy all nach ain
andren.
Disi aller süligest Schwester Mechthildt hat ires brüders tocher hie inn.
Und do sy für die gar ernstlich nach irem tod bat, do dunkt sy wie sy gefürt 36
9. fclaiden G. 11. sagent: das t nachtr. zugesetzt. 18. brnnS G. 18. vor
getrenket anfänglich got, gestr. 27. Scant' [dann San, gestrichen] Scant’ G. 29. nebent
dem altar nachtr., mit Verweisungszeichen, am Rande nachgetr. G. 34. tocher so, gebessert für
(r. und sw. gestrichenes) tochren G. 34. hie nachtr. (r.) durchstrichen und nach in durch Ver¬
weisungszeichen am Rande (r.) de clofter nachgetr. G.
1. Bruder Wolfram, Provinzialprior des Predigerordens für Schwaben: 1 ff. Sulzer, DKT 88 (8).
6 *
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68
XXIV. Mechthilt von Stans.
ward uff ain schöne haid, und was ain [92*] ring mit schönen wunnenklichen
m>en da. Und do ward ain still in den ring gesetzt under die mögt, und in
den stül ward sy gar wirdiklich gesetzt. Und also gieng Schwester Hemme ir
mfim ab dem ring für sy ston, und sprach frölich zA ir: ‘Nun sich mich an und
5 sich was fröden ich han, und fröw dich mit mir: won dise fröd han ich von dir!’
und sprach aber do: ‘Fröw dich und fröw dich! won wistist du was fröden
und eren in der ewikait dir berait ist, du frowtist dich iemer me!’ Sy dunkt
och zA ainem mal wie in dem refentar ain tisch wer gerichtet, und was der
fol himelscher mögt, und sass sy ob inen allen ze/93«; tisch, und kam ünser frow
10 gar schon und Sant Eatherina mit ir, und brachtent fil himel brot und gabent
den megten allen und och ir, und do sy das himelbrot ge essen hattend, do kam
sy in als grosse gnad und sAssikait, und belaib ir die sdssikait wol ainen monet
Do nun die gemint zit kam das ir ünser her ir gantzen trüwen Ionen wolt,
do bat sy die priorin, ob ir ünser her kain gnad täti, das sy das ze erkennen
16 geh. Und do man ir die tafel geschlAg und der cofent körnen was, do erzaiget
sy das ünser her und ünser frow da werind und Sant Eatherina, die xi tusent
mägt, die [93<>] x tusent ritter, und sprach do zwurent: ‘Omnes, omnes!’ do
maint sy: alles himelsch her.
Und hie under hat sy das aller järaerlichest geberd etwenn, und erschut sich
20 aller ir lib, und segnet sich denn gar dik. Und denn zehand so hat sy die hend
gegen dem himel uff, als sy Got lobte. Und darnach do kam sy wider, und sait
mit beschaidnen wortten alles das sy vor gezaiget hat und das sy nit gelfen
mocht, das ünser her und ünser frow und alles himelsch her by ir was; der
tiefel erzaigt sich ir och, und das sy denn die jämerlichen geberd hetti. Sy sait
25 och das ünser herr mit dem cofent ingieng und mit dem cofent zA ir kam, und
gab ir da mit zA verston: wa der [94»] cofent ist, das och er da ist. Und do
ward sy gefraget wie sy in gesechen hety: do sprach sy das sy in in siner
günlichi gesechen hety, und das sy da von nit gesagen kündi wie rilich und wie
überwunneklich die gesicht was.
8 a Und darnach lebt sy etwe fil tag, und verschied mit ainem hailigen end, und
für ir edly sei zA dem der sy hie sinem aingeborenen sun, ünserm heren Ihesu
Christo, gelichet hat ussgenomenlichen.
Do wir dis von ir geschribent, do sprach ain fil alti Schwester: ‘Es ist nit
der hundertest tail von ir geschriben, das ir Got geton hat.’ Sy sprach och an
86 irem tod das sy das für ain als grosse gnad heti als kaini [94>>] die ir Got ie
geton heti: das sy nit wisti das sy ie hofart enpfieng von den gnaden die Got
mit ir wurkt.
Und nach irem tod do erzaigt ünser her offenbarlich das er sy in der
ewigkait sinen hailigen gelichet hat, als er sy inen och in der zit gelichet hat
3. der Name nicht hervorgehoben G. 7. "ift" dir berait G. 17. zwirent: über i ein
n geeetzt G. 20. zehand mit Verweitungseeichen am Rand nachgetr. 36. gn*den: da» a (r.)
oben nachgetr. G.
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XXIV. Mechthilt von Stans.
XXV. Jfltzi Schulthasin.
69
an hochem und an folkumnem leben. Und von siner Ordnung do erschau sy
ainer Schwester, und hies die das man sy getrülich sölte anrüfen und sy ermanen
der lieby die sy hat zA den hailigen v minzaichen, und das man die sunderlich
sölte eren, und das unser her den menschen wölte eren der sy anrüfte: das hat er
erzaiget offenlich daran das er [95“] mengen menschen hat erlöst von arbaiten 5
libs und hertzen. Ain erbri frow gab zwaigen menschen die den ritten hattend,
ze trinken ab ainen klainen har ires hares, den gieng er baiden ab. Ain andri
frow hat ainen schweren siechtagen an ainem armen und bestraich sich mit irem
bar, und ward ir bas. Ain erbri frow von Wintertur bracht drü opfer, und sait
das sy iren wirt von grosser not hat erlöst, und das sy wol wisti das sy es heti 10
geton. Ain erber man von Felthain, dem was als we das im kum der autem
ward, und wolt recht tod sin, und rdft sy an und enthiess sich zA irem grab:
do ward im bas. Unser knecht ainer was gar siech und las ir sechs hu/95»/ndert
patter noster und bestraich sich mit irer erd, und genas. Ünser schwestren
hand och sicherlich gesait das sy inen etlichen siechtagen hat abgenomen den 16
sy lang hattend gehebt.
[xxvj Yon der sälgen • S • Jüzi Schulthasin.
Wir hatend och ain sälige Schwester, hies Schwester Jüzi Schulthasin:
die kam in iren jungen tagen in dis kloster und übt sich an manigfaltigen tugenden,
das zelang wer zeschriben: won wir des zegfttter mass zeschriben haben! wie 20
der her der natur übernatürlich mit ir wurkt von gnaden. Doch sol man
zwaiger dingen nit vergessen, da by man [96*] ain tail merken sol: die min und
och die hüt irs hertzen. Sy hat sich aller ir fründ also gar verwegen das sy
wol uff xxx jar was das sy nit zü dem fenster gieng. Sy hat och von minen
13. Vnfer durchstr. (r.) und Ir (r.) darübergesetzt G. 14. befcraich G. 14. vnfer
durchstr. und die (r.) darüber gesetzt G. 18. [W]ir in Sy karr. (r.) G. 19. dis: über
dem i ein a (r.) G.
11. Jetzt Veltheim , bei Winterthur , wo Töß seit 1358 einen seiner drei Kirchensätze {Nüfom,
Veltheim und Dättlikon) besaß. Inkorporation durch den Bischof von Konstanz , 12. Dezember 1358 ,
in der Absicht , ‘den Tisch der Frauen zu bessern, deren Zahl beständig etwa hundert beträgt*
(continuo centum monniales vel circa). 1428 war sodann der Leutpriester Heinrich Pfister von
Veltheim Guttätter von Töß . ü. Sulzer , BGT 16] DKT91 (11). 92 (12). 96 (16). 17. Schult¬
hasin: ein Johans Sculthais , Bürger zu Winterthur , amtet am 28. Aug. 1337 bei einem Kauf des
Klosters Töß um einen Acker zu Winterthur als Stellvertreter des Schultheißen. Zürich , Staatsarchiv ,
Regesten. Schulthas, Schulthasin ist wohl ma. (jetzt noch z. B. thurgauische) Monophthongierung
von ai, ei > ft. — Jützi wird in der Frauenf. Hs. (wie bei Murer) als Lucia wiedergegeben (ebenso
bei H. Sulzer , BGT32). Vielmehr wohl zu Jutta ? — Das Zürcher Geschlecht Schultheß ist
nach Leu erst seit 1594 belegt.
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XXV. Jfltci Schulthasin.
ain als mitlidennes hertz: so ain mensch zA ir kam mit lieb oder mit laid, so
wainet sy mit im als ain kind.
Die sülig Schwester sait uns an der zit do sy wond das sy sterben sölt,
Got zAainem lob und uns zA ainer fürnemung an gfittem leben, das Got manig-
6 faltig wunder mit ir begieng, der wir hie ain tail wenn schriben, als fil wir
kunnend; aber nach der rechten warbait, als sich ir Got folleklicb dik und fil zA
erkennend gab, so mag es niement ze Worten [96*] bringen als es ist, won das
alain sy sprach also, der ales das sölt schriben was Got wunders mit ir het
geton sunderlich in siben jaren, das das nit möchte geston an ünserm meti bAch.
10 By dem ersten do Got sin grossen gnad an ir würken wolt, da lait er
grossen siechtagen uff sy, das wir wondent sy wölt sterben, und das was ir gar
unlidig, und als gar wider ir hertz das sy fil gAtter lut bat das sy Got bättind
das er sy lenger lies leben, und darzA gewan sy als grosse bertikait in irem gebet
und ze allem dem das sy solt tAn, das sy fil kumers und grosse betrAbt da von
15 hat Und dis klegt sy ainer gar gfitten Schwester, die trost sy gar milteklich,
[97»] und bat sy das sy irem rat dar an folgete und das sy alle tag xv patter
noster les in der er ünsers heren marter, und so wölt och sy allen den ernst
den zy gelaisten möcht, an ünsern heren keren, das er ir zehilf kem. Und dis
tet sy fil zites, und von der erbärmd Gottes do begund ires hertzen liertikait
20 etwe fil verwandlet werden in ain sAssikait, das es ir gar begirlich ward, und
dunkt sy das des gebettes ze lützel wer, und lies es ab und fieng do an und sprach
alle tag lx patter noster und Ix ‘Laudate dominum omnes gentes’ und
Ix ‘Gloria patri’, mit betrachtung unsers heren marter, und fieng an als ünser
herr uff den berg gieng untz das er zA himel fAr. [97*] Und zA disem gebet gewan
25 sy als grossen ernst, und kert ir hertz und kraft sogar dar uff das de kain
üppiger gedank in ir hertz kam, oder in dem gebet iemer wort gesprech, das sy
etwenn dunkt das es von Überkraft ir tod müst sin. Und so sy darinn geirret
ward, so fieng sy es aber fornen an, und so sy von unmässiger krankhait ald
von dekainer sach geirret ward das sy es des tags nit mocht getfin, so tet sy
80 es aber nachtes. Und in diser Übung gab ir Got alle zit nüwe gnad und sunder
erkantnus, das sy an ieklichem uff das aller höst kam, und das sy nit höcher
möcht kumen. Und sunderlich so ward ir min als gross das sy willeklich [98»j
gern wolt haben gelitten alle die arbait die ie kain mensch gelaid, und das ir das
ain frölich ding wer gesin das sy mit Got sölte haben gelitten alle die marter die
85 er durch uns gelitten hat. Und von disem ernst so ward ir dik als we das sy ge¬
dacht das sy ab der stat niemer lebendig kem, und hie von gewan sy etwenn forcht:
1. mitlidenes so G. 5. wen so G. 8. ir nachtr. durch Vorsetzung von m in mir
verwandelt ( unrichtig) G. 11. wir in fy geändert (sie. und r.) G. 17. les nachtr. am Rand
(mit Verweisungszeichen) beigefügt. 19. erbärmd: d nachtr. oben zugefügt G. 28. vnfer
ohne ü-Zeichen, mit nachtr. zugefügtem s. 35. bat mit v (oder ä- Zeichen ?) darüber (= hät
oder hät?) G (spätere Hand ? vgl. S. 65,8).
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XXV. Jützi Schul thasin.
71
ob sy also sturb, das sy an ir selber schuldig wer. Und disen kumer lait sy brüder
Hugo dem Profincial für: der was ir bichter. Der sprach also: wer das ir
dis beschäche von dekainer usswendigen Übung, das verbutt er ir strenklichen.
Do sprach sy das es ir nit wider für won von inwendigem ernst und von grosser
min [98* ] die sy zü Got hat. Do antwurt er ir und sprach: das wfilt er ir 5
erloben, und sturb sy also, so weit er Got für sy antwurt geben. Und sprach
do: ‘Sterb, so sterb’, und davon ward sy getrüsttet und gieng ir die forcht gantz-
lich ab. Und also nam sy zü alle tag an gnaden und an minen, und ward ir
ünsers heren marter also süss, so sy betrachtet und bekant was gütes ir und
allen menschen beschechen was von siner marter, und so ward ir fröd so gross 10
das sy dunkt das sy in ertrich noch in himelrich nit me früden bedürfte.
Und do verhängt Got ain grosse anfechtung über sy, das sy dunkt und es
aigenlich da für hat das sy Got niemer [99*] sülte beschowen. Und da von kam
sy in als grose verschmächt ir selbes das sy den himel nit getorst ansechen, und
das sy sich unwirdig dunkt das sy das ertrich trüg. Und dis weret an ir tag 15
und nacht also das ir niemer underlibung ward, won als lang das sy zü ir rechten
notdurft ain wenig ass und schlieft. Und in diser grossen not und arbait do
geliess sy nie ab an disem genamten gebett und an ir andacht und ir ernst, den
sy zü Got hat, und nam als fil me zü an gütlicher min das sy folliklich den
willen gewan: sülte sy untz an den jüngsten tag leben, das sy doch ir Übung 20
und iren ernst niemer wülte ablon gegen Got, wie [99*] sy do enkain züversicht
hat das es Got genem wer von ir, und doch von der miltikait Gotes so kam ir
alles das ze güt das ir begenet. Also was sy sach ald hört, da von wüchs ir
min zü Got, und lobt in in irem hertzen iemer. So sy ainen menschen sach frü-
lich gebaren, so gedacht sy: ‘Gesach dich Got! Es ist billich das du frülicb 25
sigist, won Got hat dich darzü geschaffen und geordnet das du messen solt die
ewigen früd und Gotes angesicht, des ich armer mensch unwirdig bin!’ Dise pinn
laid sy von dem das man Alleluia lait, untz an den grossen donstag vor meti:
do was ir als gar we, won sy was ain nüwer ritt ankumen zü dem siechtagen
den sy 6 hat, und was als gar krank das sy das [WO*] gebet nit hat geton in 30
dem tag, als ir gewonhait was, won sy hat den siten das sy es gern tett in
dem kor, dik so sy als krank was das man ir kum in den kor gehalf, won ir
gewonhait was das sy es nienen anderschwa folbracht, und das hat sy des
tages ab gelon von unmässiger krankhait.
4. inweii | igem G. 7. fo nachtr. übergeschr. G. 23. beg e net G. 27. pi£ G.
28. all& G. 30. • 6 • G. 31. fiten am Rand für ein getilgte» Wort (fy?) m der Zeile.
33. das sy] "fy" dz G.
2. Bruder Hugo von Staufen, Lesemeister in Konstant, längere Zeit Beichtvater in TSßx
H. Sulter, DKT 88 (8 ); er scheint also auch Provinzialprior geworden zu sein. Oder ist der General
des Ordens Hugo von Vaucemain 1333—41 (Denide, Sense 1, 20\ Mystikerpaar 59) gemeint ?
Vgl. S. 75,10. 28. Das Alleluia (bin-)legen, deponere alleluia: mein Kunrat von
Ammenhausen 7 429, S. 299.
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XXV. Jlitri Schulthasin.
Und do in der nacht ward vor metti, do rieht sy sich uff an dem bett und
Wolt aber dis gebet tfin: do gebrast ir, das sy nit me mocht, und doch wolt sy
nit ablon und äeng es wider an, und do hört sy ain stim, die sprach gar
minenklich zA in ‘Du solt rüwen, und solt mich dich Ion wisen wes du bitten
6 solt.’ Und do erschrak sy und forcht das es ain trugnus wer. Do sprach aber
die stim [100>>] die selben wort, und do schwaig sy und loset, und do sprach aber
die stim: ‘Du solt bitten umb din vergessen sünd und umb din ungesaiten sünd
und umb din unerkantten sünd und umb die sünd die du nit ze Worten bringen
kanst, und solt denn bitten das du mit im ain ding werdist, als er und der
10 vatter ain ding was 6 das er mensch wurd, und solt bitten das niemer kain
mittel zwischent dir und dem vatter werd, und solt bitten: als er hüt ain zAkunft
ist worden und ain ewige spis aller der kristenhait, das er also din z&kunft werd
und ain ewige spiss, und solt bitten das er selber zft dinem end kum und dis
alles fol bring und ewigklich bestät.’ Hie [101*] von enpfieng sy grosse und un-
15 massige fröd und gewan kraft an hertzen und lib; doch do dunkt sy sich selber
unwürdig der gnaden und des trostes, das sy nit gantz sicher mocht sin ob es
von Got wer. Und do die mety für kam, das sy aber alain an ir rftw belaib,
und do sy in diser sorg was, do hört sy ain stim ob irem hobt, die sang als
unmässekliche süsse tusche wort das baide stim und wort sich kainen liplichen
20 dingen geliehen möchtent. Und do rieht sy sich uff, und wolt lossen ob sy der
wort icht gemerken künd, und do begund ir die stim feren, das sy kain wort
mocht begriffen, und war sy sich hin kert nach der stim, da dunkt sy das es
anderschwa [lOlt] wer. Und do gedacht sy: Her Got, ich kan nit erdenken was
dis mug sin, won din ewige güty, das du mich wilt sichren das ich enkainen
25 zwifel hier an haben sol. Und do hört sy nit me der stim, und do ward ir die
anfechtung gantzlich benomen. Und hie nach gieng alle tag nüwe wunder und
nüwe erkantnus Gottes in ir uff, das sy lutterlich erkant und sunderlich alle die
wunder die Got ie gewurkt in himelrich und uff ertrich.
Sy was och als wis in der stim das sy er kant und kund alle kunst, es wer
30 in der geschrift oder von usserlichen werken: das kund sy bas denn alle die
maister die ie da von gelemetend von ieklichem sunderlich. Sy erkant och
lutterlich wie das [102•] ewig wort zeflaisch was worden in der magt lib.
Sy erkant och lutterlich in weler minn er das tett, und wie gross die sülikait
und das hail des menschen was von siner gebürt. Und schowet aigenlich
35 wie wir sine gelider worden sind und zA im gefüget und geheftet als die est an
den bom.
Sy erkant och was der mensch gnaden hat von schöne, von wishait ald
weler hand gnad er hat, das die wider an Got fallet, so der mensch stirbet, als
es och von im geflossen was.
9. mit im am Rand, mit Verweisungszeichen, nachgetr . G. 22. hin am Rand mit Vor-
Weisungszeichen nachgetr. G. 32. zeflaisch (r.) unterstr. G.
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XXV. Jatzi Schulthaain.
73
Sy erkant och in wellicher mainung er die alten und die nüwen 6 gab, und
wie er dis tet dem menschen zenulz und [102*] zehail nach dem aller besten und
nach dem aller höchsten, das kain engel noch enkain hailig noch enkain creatur
kainen höchren noch besser weg möchtind finden, und wie wir alle ain andren
gelich sind und recht ain ding sind, und wie der mensch schuldig ist dem andren. &
alles güttes als im selber.
Und die erkantnus die sy hat an allen den dingen die Got ie getett und
noch tün wil, das was ir sunderlich an ieklichem als offen als den engel im himel-
rieh, und schowet es als lutterlich als sy es nach disem leben in der ewigkait
schowen solt. Und wenn dise erkennung für/703«ykam von ieklicher, so gieng sy 10
für bas, das ir hertz nie dar gestund, noch das sy nie enkainen trost dar an
gewan, won als es nie geschechen wer.
Sy erkant och sunderlich wie Got in allen dingen ist und in allen creaturen,
und das kain ding folbracht mag werden, won da Gottes gegenwirtikait mit siner
kraft müs sin, joch an liplichen dingen. 15
Sy erkant och wie Gott ist in ainem ieklichen gressli und in ainem ieklichen
blümli und löber, und wie er allenthalben umb üns unnd in üns ist.
Sy erkant und kund in der stunden alle künst und iekliche sunderlich, nit
sament, won von ainer in die andren uf das aller [103*] höchst. Und das kund
sy alles bas denn alle die maister die ie da von gelemetend. 20
Zü ainem mal do sass sy an irem bett in grosser krankhait, und kam in so
grosse min und gnad, und kam Got so nach, und begert so grosser ding von Got,
die überschwenklich gross warent, und do sy in der begird was, do hört sy ain
stim, die sprach: ‘Was waist du ob dich Got darzü erwelt hat?’ Do sy die stim
erhört, do erschrak sy so gar ser das sy in so gar grosse verschmächt kam ir 25
selbes das sy recht zenüte ward, und erkant das sy schmecher was denn ie
kain wurm wurd, und das sy von ir selber nit hat won sünd. Und in diser
grossen verschmächt ir selbs do erkant sy doch was Got was, und fand [104»]
enkain stat in ir selber noch in hell noch in himelrich, der sy dünkte das sy
wirdig wer, won allain in dem grund der hell. Da saezt sy sich in ain ewig 30
beliben, won sy was mit Got als gar verainet das sy nütz nit mocht wellen won
das Got wolt. In dem ding belaib sy untz mornent in der mess; do hört sy
aber ain stim inwendig, die sprach und gab ir lutterlich zu erkennen das vor
gesprochen wort, das ir in dem gebett ward, das er und der vatter ain ding was
§ das er ie den menschen geschüff ald selb ie mensch wurd: das das nit anders 36
ist won das er ain will und ain min ist, das och sy allso mit im ain will und
ain min solt werden. Und do kam sy in [104*] ain stet beliben und veraint
ieren willen mit im.
1. -6: G. 8. ir an ieklich; -em (#».) eingeflickt, an gestr. (r.) und mit Vcnoeisungs-
seichen fnnderlich an an den Rand gesetst G. 17. vnd G . 33. erkem G\ bloß für erkenn
verschrieben? 35. e so G.
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74
XXV. Jtttzi Schulthasin.
Sy erkant och das Got nüt verborgen mag sin und das das minst mügli —
das das sin füsslin nit mag gesetzen, Got schowe es lutterlich. Und als unmög¬
lich das wer das ain mensch dem andren in das og stech und im das uss brech
das es des nit wiste: noch dusent stund unmuglicher wer das Got nit alle
5 dinge wiste.
Sy erkant och lutterlich wie er uns sinen fronlichnam gab, Got und mensch,
und in welicher min. Wie gross die erkantnus. was und die wunder und die
gnad die wir da von enpfachent, davon kund sy nit gereden, das sy doch do
lutterlich schowet. Und erkant wie ain ieklich mensch [105»] Got entpfachet
10 aigenlich als er ist. Und erkant das ain ieklicher mensch nach dem jüngsten
tag, so wir zü himelrich kument, als aigenlich hett Got und mensch als es in hie
enpfachet von des priesters henden, und aber aines dl me und fil mineklicher
denn das ander, als fil och sin min hie grösser was.
Sy hört och zü ainen mal ain stim in ir, die sprach: ( Bitt das du wonist in
15 mir als ich in diner sei.’ Sy ward och zü dem selben mal in das himelrich ver-
zucket: da sach sy Got und menschen, als er ist, in sinem thron, und sach zwen
bredger in wissen klaidern bredger gewandes for im ston, und stundent vor
sinem antlüt und wundretend sich und fielend denn nider und lobtend [105*] Got
und stundent denn aber uff und schowetend aber wunder an Got. Und do sy
20 dis gesach, do gieng sy och hinzü, und wolt och haben gesechen als och sy; war
sy denn gieng, nebent oder was zü vor, so mocht sy doch nie gesechen das sy
sachent, won er hat allwegent sin zwessme für sy, das sy sin antlüt nie gesach.
Diser gesicht was nit me. v
Darnach schowet sy lutterlich das tussent tussent jar im himelrich nit sind
25 won als ain ogen blik. Sy sach och in Got alle ding. Sy sach och und
schowet das man un underlas nüwe wunder in Gott sicht, und das die wunder
sind ewigklich stett.
Sy erkant och wol die engel und die seien für ain andren, und erkant wie
die hailgen die marter durch Gott [106»] littend, was er inen gnaden gab und
so wie er es an inen follbracht.
Sy erkant och die grossen wunder die er geton hat an den kindlin die
Herodes in sinem namen tott: den gab er so grosse gnad das sy by den
höchsten sind.
Sy erkant och das hunert dussent seien nit als fil liplicher stat bedurffent
85 als ainer nadlen spitz. Wie dik sy in himelrich kam ald wie es bescheche das
sy disse wunder lutterlich sach, das sprach sy: ‘Ich enwais das nit: Gott waist
es wol.’
Sy schowet och luterlich was das ist: Got sechen von ogen zü ogen. Hie
von kund sy nit me gesprechen. Sy schowet och lutterlich und erkant wie der
19. denn O. 24. nach sy ttrspr.: dz, (r.) dwchstrichen O. 34. hunert so O.
36. dz n. 0: aufzulöten des? Vgl. 61,13, u>o dz m d*z leorr. ist.
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XXV. Jtttzi Schulthasin.
75
sun geboren wirt ewigklich von dem vatter [I06i>], das alle die fröd und die wunn
die da ist, die litt an der ewigen gebürt. Wie sy furer kam in das ewig wessen
Gottes, da von kund sy nit me gesagen noch enwist sin och nit, won sy verlor
sich selber da so gar das sy nit enwist ob sy ain mensch wer. Darnach kam
sy aber wider zü ir selber, und was ain mensch als ain ander mensch, und müst 5
do geloben und alle ding tün als ain ander mensch. Und das tett ir als we, und
was ir min und ir jamer als gross das sy dik versieht und alle ir kraft daran
lait ob ir icht werden möchte: so ferret es ir allwegent, das sy es nit gefächen
mocht. Und do sy in disem jamer was, do kam sy zü irem bichter brüder
Hugo dem pro/W«/vincial, und sait im mit grossem jamer wainend das Got so 10
grosse wunder mit ir geton hat, und das ir das nun so gar enzukt wer. Do
sprach er: ‘Du warnest gar ungestümklich: wie sol es Got von dir vergüt han?
Wer das das du es mit Sünden verloren hettist, das lies Got niemer er gebe
dir es zeerkennent. Wer es och von den lütten, so wert du do under den lütten
als nun. Wer es och von krankhait: werlich, so wert du do krenker denn du 15
ietz sigist. Du solt Got allen dinen sin und din begird geben, und solt in uss
dir Ion tün sures und süsses, wie er wil.’ Und dis folget sy im als fil sy mocht
In disem jamer hört sy aber ain stim, die sprach: ‘Du solt alles din leben richten
nach dem globen, und solt wissen /707‘y, das ist das aller sichrest und das aller
best.’ Und do erkant sy lutterlich das der glob grösser ist denn die sicherhait 20
und die schowung die sy hat gehebt, und do rieht sy alles ir leben nach dem
globen.
Und also hat sy siben und zwintzig jar vertriben, das sy uff den globen
wurkt, und übt fil das doch was über ir kraft und och gar un allen menschlichen
trost. In dem selben zit do geschach ir och dise gnad die ich hie schriben wil. 25
In den siben jaren do Got dise wunder mit ir wurkt, do was sy v jar das sy
nie in kain stuben kam noch nie kain wil by den lütten belaib, da sy sich es
behütten mocht. Und zü ainem mal was es gar kalt, das die Schwester die ir
pflag, die bat sy mit [ 108 ‘j ernst des sy ir in die stuben liess helfen, die wil die
schwestren zü vesper werint. Und won sy so gar krank was, so folget sy ir, 30
das sy sy in die stuben fürt zü dem offen. Und sy sprach do zü ir pflegerin:
‘Nun gang du zü vesper und las mich hie, das Got etwas lobes da von be-
schech’, won es was ain hailiger tag. Und do sy also alain belaib, do sach sy
das unser her ingieng, und was in den jaren alß er uff ertricht gieng und
bredget, und gieng mit im Sant Johannes und Sant Jacob der grösser, und sy 85
erkant sy sament und doch by sunder ir iekliches antlüt. Und sy fürtent in als
3. "gefagen" me G. 13. verloren^ G. 30. werent: über das eweite e ein i
geschr. G. 31. forte, das e radiert G . 31. "fprach" fy G, 34. ertricht so G ;
vgL S. 76,30.
10 . S. 67,1.
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76
XXV. Jütri Schulth&sin.
ainen heren, des sy sorgetend, wer in begegneti, und battend [ 108 *] in umb-
schlagen mit den armen und ainen arm hinden, den andren fernen. Und do sy
allso inkoment, do liessent sy in uss den armen, und er gieng für sy ston und
sprach: ‘Nun schow, wie min leben uff erdtrich was!’ Do schowet sy lutterlich
5 das er so jümerlich was: sin ogen warent in gefallen, und sine wangen warent
so jemerlich von überscbwenklicher grosser arbait die er laid, und do sass er
nider und kert ir den rügen, und do er nider wolt sitzen, do erkant sy das er
als gar müd was von grosser arbait das sin rüg und alle sine gelider er-
krachettend, und recht in im selber griss grämet. Und do er nider gesass [109*],
10 do sass Sant Johanns und Sant Jacob zü im. Und nach dem do sach sy, als
es sin solt, das die schwestren uss und in giengent und doch nie kaine gesprach:
‘Got grüss üch’ ald ‘Was wend ir?* Und das stund so gar verschmächlich und
also gar ellendklich das es alle hertzen nit kündent betrachten. Und so die
schwestren also uss und in giengent, so stftndent die junger uff; aber unser her
15 sass still. Sy sach och das ünsers heren klaid und Sant Jakobs klaid gelicb
was, und warent innen rot; aber Sant Johannes klaid was nit innen rot; es
was aber ussnen als ire klaider. Die junger warent gar wol mugent an dem
lib. Und do sy in diser beschöw was [ 109*], 'do kam ain Schwester und ret mit
ir und bracht sy wider, und do sach sy nit me.
20 In den selben siben jaren wart sy zü ainem mal verzukt in das himelrich,
und do sach sy herab uff das ertrich, und erkant und schowet das alles ertrich
als klain ist als klain die stat ist die ain hand bedeken mag, wider alles ertrich:
als klain ist alles ertrich wider das himelreich.
Sy erkant och lutterlich das ain ieklich stern als brait ist und als gross als
25 ales ertrich zü ainem mal. Do wolt sy bitten für ainen grossen sünder; do kam
sy in ainen zwifel das unmuglich wer das das an im follbracht möchte werden
des sy über in gebetten wolt han. Und von dem zwt'fel kam sy in ain ungird
[U0*J, das sy über den menschen nit gebitten mocht. Do begegnet ir Got mit
als grosser erkantnus, als er ist Got und mensch in himelrich, und sprach zü ir
SO gar mineklichen: ‘Darum bin ich uff ertrich kumen und bin recht darum hie das
ich trüg alles das ir wellent.’ Hie von enpfieng sy als grose fröd und süssikait
das sy vergass aller creaturen ze dem mal.
Darnach zü ainem andren mal, do sy och an irem gebett was, do erkant sy
lutterlich von ünser frowen wie gross die fröd ist die sy vor allen creaturen
35 het an Gottes menschait. Wie aber die sei ünser frowen mit gütlichem wessen
verainet ist, des erkant sy recht nüt. Ob ünser frow mit [HO*] lib und mit sei
zü himelrich sy, das erkant sy och lutterlich. Aber es ward ir kurtzlich benomen,
das sy von warhait aigenlich nit kund davon gesprechen, won des das sy es
2. hinen und d übergeschrieben . 27. zwilfel G. 28. bcgnet G. Vgl . 71,23 .
30. darum (beidemal) hier so G. 30. ertricht: das t nachtr. oben zugeflickt G\ vgl 8. 75,34 u.
S. 78,26.
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XXV. Jtttzi Schulthaain.
77
sicherlich da für hat das sy ünser frowen da sech liplich. Und darnach kurczlich
in dem selben zit, do ain breger da von gar wol breget, do erkant sy es aber
bitterlich die stund, und dar nach nit me. Zft ainem mal in dem summer do
gieng sy in dem bomgarten und sach die sunnen an mit andacht irs hertzen, und
in ainem ogenblik do bekant sy und begraif Gottes als fil, und wer es icht lenger 5
geweret umb ainen puncten, sy wer an der [iii a ] stat zersprungen, won das sy
ir sinn mit allen iren kreften wider zoch; won ir ward als we das sy sprach
das ir kain gnad ir kreft nie so fil benem, won sy noch do liplich verstantnus hat.
Darnach in dem zit do der strit vor Wintertur geschach und das urlüg
ward versünet, do ward ain turner genomen gegen Zürich, und sorget man das 10
der ze heisslich und ze riechlich wurd, und davon ward ain Schwester gar fast sy
3. "lutterlich" aber G. 7. "zoch" wider G. 10. (durner Ü ). 11. ze häßlich
vnd ze richlich; dann karr, haifflich — riechlich; endlich alles gestrichen und m obiger Fassung
(zeheisslich vn zeriechlich) mit Verweisungszeichen unten an die Seite geschrieben G, (ze haifflich
vnd ze rilich Ü).
10. Der Streit vor Winterthur ist das Treffen bei S. Georgen am Feld vor Winterthur 1292, in dem
Bug von Werdenberg-Rheineck mit den Bürgern Winterthurs die Zürcher Mannschaft teils vernichtete,
teils gefangen nahm; nach Stumpf war ein siegreicher Kampf der Zürcher auf dem Tößfeld voran¬
gegangen (H. Sulzer BOT 19). Die Stiftungsgeschichte von Töß in der Frauenf. Hs. y 105 (vgl
Einleitung) erzählt diesen Streit (nach l Chronicon Wetingense 1 ) und seine Schlichtung (nach 1 Stumph .’
[V,, 33. VI , 17; vgl. außerdem Laurentius Boxhart , Sulzer BGTJ) folgendermaßen :
Anno 1292 auff den 13 tag Aprillen gesach [so] ein harter streit £ wüschent denen von
Zürich so keiser Aoldpho [so] von Nassow, als waren heiser anhiengent, vnd denen von
Winterthur vnd mithelffeten Osterreicheren so da im zusatz lagend, so hertzog Albrechten
von Osterich vnderthanen, vnd gern keiser gewesen wäre auch sich wider keiser Adolph auff
lenete vnd kriegte ein harter Btreit auff dem Toserfeld ausent Winterthur. Die Zürcher
lagent im ersten streit gewaltigklich ob. aber auß vngewarsamkeit vnd der feinten list,
wurd ent sei vber fallen vnnd geschlagen, vnnd ob sei sich die von Zürich besamleten was
der schaden geschehen also zugent die vberigen mit grosem schaden und iamer heim, vnd
wurdent bei 80 zu Toß in ein grab begraben vnnd die vberigen Zürich gefuert. Also
bauwten die von Winterthur ein Capel auff die Hoffstadt so S Jorgen Cappel heiset im velt,
vnnd stifftend ein pfrund da hin.
Anno 1293 war ein richtung gemacht zwuschend den Zeurcheren vnnd den leutten des
Gotthans Toß, von wegen des Schadens, den inen die Zürcher in vergangenen krieg vnd zug
für Winterthur gethon hattend. Darumb musten die Zürcher 15 pfund pfennig geben auff
S. Othmars tag. iarlich.
In der sich anschließenden Erzählung Eisbet Stageis wird Jützi Schultheiß wohl nicht 'gemahnt,
ihr Gebet bei Gott einzulegen für einen Turner, der nach Zürich zur Bestrafung weggenommen
ward ( Greith , H. Suso 151; H. Sulzer , BGT 32t); vielmehr scheint eine Schwester in Toß von einem
nach dem Friedensschluß in Zürich abgehaltenen Turnier neue Feindseligkeiten befürchtet und des¬
halb die Schultheißin um ihre Fürbitte gebeten zu haben. Diese will sich, nachdem sie wegen des
Krieges so viel gebetet, nicht mit solchem Spiel abgeben; aber eine Stimme Gottes hält ihr vor , was sie
alles vor jenen Weltkindem voraus hat; sie sieht dann Gott selbst auf seinem Throne sitzend und vor
ihm die Menschen den irdischen Sorgen zugekehrt, aber gleichwohl von Gott geliebt und beschützt :
darum soll auch sie ihr Gebet ihnen nicht weigern. Darauf unterbleibt das gefürchtete Turnier.
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78
XXV. Jtttzi Schulthasin,
bitten das sy Got mit ernst darüber bete. Des wolt sy nit tön, und sprach mit
herten Worten sy hett gnfig gebetten über den ernst, und wölt mit irem
mitt willen schall nun nit me sich bekümren. Und die schwester [iiv>] liess nit
ab: sy gieng ir alles nach und bat sy mit grossem ernst; do ward sy ie herter und
5 ie herter. Und do sy die hertikait gewan das sy nit me über die sünder wolt
bitten, do sy do an ir gebett kam: do gewan sy als grosse hertikait das sy sich
selber nit erkant, und das sy och nit wist ob es Got was ald war sy sich keren solt.
Do hört sy ain stim, die sprach hertiklich: ‘Alles das Got mit dir ie gewurkt ald
mit dir ie getett, das ist sin und nit din.’ Do erkant sy das sy gar blos was
10 aller der gnaden und des güttes so Got gelaisten mag. Und do sy in der schäm
stünd so gar blos, do wolt sy von schäm hinder sich tretten: do hat sy alles
[112*] ertrichs nit als fil das sy ainen füss möcht gesetzen. Die stim lies nit ab
und sprach: ‘Got hat dich geordnet und gesetzt in dis leben; da hast du alle
ding un allen kummer: du hast gütte gessellschaft — des hand sy nit; du hast ze
15 allen ziten gfttt bildung und 1er — des hand sy nit; niement stellet uff dich — des
hant sy nit. Sy pingent sich wider ain andren, und wil aines für das ander
sin — du hast din lipliche notdurft un alle sorg; es ist dir alles for berait —
des hant sy nit; du hast Got, wenn du wilt — des hant sy nit: er ist inen gar
frönd, won aines das züchet das [112*] ander zft sünden.’ Do ward sy noch
20 innrer verzuket in sich selber, und do sach sy Got, als er im himelrich ist, Got
und mensch, und sach in untz über sin brust. Wie mineklich sy sin antlüt sach,
das möchtent alle zungen zü Worten nit bringen. Sy erkant da die grossen min
die er zü dem menschen hat: wie ungemessen und wie gross die ist, das ist
unmuglich das das iement zü Worten kunn bringen. Sy sach och do das die
25 lüt alle for ünserm heren warent, und hattend alle die siten gegen im gekert, und
hattend ir antlit in das ertrich gesteket, und süchtent als klainlich uff dem ertrich
[113«] recht als der nadlen süchet, und hattend Gottes kain acht, wie nach er
inen was, und er hat sin zwessme so gütlich und so mineklich ob inen und
sprach zü mir: ‘Nun sich wie recht lieb sy mir sind: bitt für sy.* Da was aber
30 enkain bitten noch nit, won Got schowen; do was der gesicht nit me. Doch
belaib ir an irem hertzen als grosse fröd das sy lang darnach grossen trost
davon hat. Der selb tumer ward wendig, das da nie nüt geschach.
Von diser gesicht hat sy als fil gnaden und sücht ires trost es als fil dar an
das sy alle ir kraft dar uff dannt das ir diser gesicht joch ain ogenblik möchte
85 [113*] werden. Und dis wider für ir etwenn ain ogenblik: so ward sy also gar
fro und so sicher das sy dunkt das zwischent ir und Got nichtes nit wer, und
14. "da" hast G. 26. vorher', ertricbt, dann gestrichen und ertrich neu daneben ge¬
schrieben G; vgl. S. ^6,30.
29. mir: Spur einer zu gründe liegenden Autobiographie ?
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XXVI. Ita Salzerin.
79
so es ir nit mocht werden, so gewan sy so grosse trurikait und jamer darnach
das sy begund erkennen das es sy ierren wolt, und erkant das sy nit won iren
trost und iren nutz daran sticht, und das sy nit geware min noch Gottes lob
daran sticht. Und do gab sy es Got als aigenlich uff, also das sy es von Got
niemer niemer me begeren wölt, und rüwet sy das sy es ie getet, und also 5
lebt sy darnach das sy hat sures und süsses, wie Got wolt.
Und nach irem säligen leben, in dem sy gelebet hat dik mit jamrigen
hertzen nach dem ewigen glitt [114“] des ir gaist befunden hat, do nam sy ünser
herr uss disem eilend, das sy es in der ewigkait folleklich müsse un end. Dar
hellff uns Got allen durch die liebi siner kind und ünser geminten schwestren. 10
Amen.
[xx vi] Ton der s&lgen • S • Ita Sulzcrin der laygen.
Der güt Gott hat och aigenlich erzaiget das er nit alain rüwen wil by den
die er dar zü geordnet hat das wir uns alain innren gaistlichen dingen söllent
geben: er hat sich och den schwestren gar lieplich erzaiget die er darzü geordnet 15
hat das sy dem cofent getrülich dienetind. Und wie der gar hl ist den ünser
her gar gütlich hat geton mit sinen gnaden, doch [H4*>] so schribent wir von
etlichen sunderlich.
Wir hattend ain gar sälige Schwester, hies Schwester Ita Sulzerin: der
halliger wandel und Übung zaigent aigenlich das Got mit sinen gnaden folleklich 20
in ir wonet und och hl wunders mit ir wurkt, des wir doch nit won ain klain
wissent.
Dise sülig Schwester hat zü ainem mal ein grosse anfechtung, das sy unserm
heren anderschwa löblicher gedienen möchte denn hi in disem kloster zü Töss.
Darum hat sy hl strites mit ir selber, ob sy hie wölt beliben. Und do sy zü 25
ainem mal in der kuchi was, do kam ir aber ir anfechtung; do gedach sy: ‘Her
min Got, un dinen willen wil [ 115 *] ich mit tün.’ Hie mit gedacht sy das sy
12. vor der Kapitelüberschrift : (r.) Von den layen Schwestern N. 23. vnferm hier
»o G. 24. difem cofent ald kl., dann cofent ald durehttr. (r.) Q. 25. Darum hier
so G. 25. hie m da geändert (r.) G. 26. gedach so G; vgl. S. 57,15 u. 5.
12. Diese Laienschwester Ita Sulzerin ist jedenfalls von der reichen Witwe Ita von Sulz
(S. 20 ff.) zu unterscheiden. Ein Heinrich Svlzer, Unteramtmann zuKiburg, sitzt am 8. Aug. 1342
in Herzog Albrechts von Österreich Kelnhof zu Winterthur zu Gericht heim Verkauf eines Gutes an
Kloster Töß\ derselbe beurkundet die Übergabe einer Mühle zu Oberwinterthur durch die Klosterfrauen
tu Töß an die Müllerin zu Oberwinterthur. Am 2. März 1358 gebietet Herzog Rudolf von Österreich
dem Rudolf Sulzer, Vogt zu Kiburg, oder seinen Nachfolgern, dem Gnadenbrief, den sein Vater
dem Kloster Tozz wegen des ihm im Kriege von den Zürchem und deren Eidgenossen zugefügten
Schadens erteilt habe, Folge zu leisten.
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80
XXVL Ita Sulzerin.
brinnend glüt in die hend nem: brannte sy die glüt, das ir das ain urkünd wer
das Got ir leben anderschwa genemer wer denn hie. Mit disem geding, das sy
mit Got hat, do graif sy in das für, und fult ir hend bed foll frischer glüt, und
sass ain wil und stünd do uff und gieng in den krützgang und hat allwegent die
5 glüt in den henden. Also forcht sy das die schwestren uss dem kor giengent
und es sechind, und lait die glüt in den schapren, und trukt sy do fast an sich,
und do sy wider in die kuchi kam, do hat sy weder an den hen///5tyden noch an
dem schapren kain zaichen, ob ir ie kain für dar in kumen wer. Und do gewan
sy gantze sicherhait das Got ir leben nien als löblich wer als in disem kloster.
10 1 . Dise Schwester dunkt och zü ainem mal das ir Got als frömd wer. Das klagt
sy der sälgen Schwester Willinum von Gostentz: die trost sy mit süssen und
mineklichen Worten und sprach: sy sölt von Got vergüt haben siner gnad. Hie
mit gieng sy an ir bet an ir haimliche, und kam in als hoche andacht das es
über alle ir kraft was, und sprach denn mit lüttem lachen: ‘Hör, herr, hör! ich
15 enmag recht nit me!’ So sy das ain wil getraib, so brach es denn zü ainem
lütten wainen [ 116 '•]. Zü diser gnad und fll höcher kam sy gar dik, da von wir
doch nit gantzlich gesagen kunnend. Zü ainem mal do lag sy siech, als sy lang
vor irem tod tett, und zü ainer zit do sprach sy zü ainer andren säligen Schwester,
die och in dem siech huss lag: ‘Schwester Anna, üns kumet ain artzet und ain
20 artzetinl’ und zehant do sachent sy bed das ünser frow kam uff dem esellin, als
do sy Joseflf in Egipto fürt, und hat das kindli in der schoss und für zü inen
beden und lait ietweder ir hand uff ir hobt, und an der selben stund do wurdent
sy gesund von grossem siechtagen.
Von der emssigen Übung in der [ 116* ] sich dise sälig Schwester an allen
25 gütten werken übt, do ward sy manigfalteklichen angefochten von dem tüfel, der
da ist ain nider aller tugent. Er nam ir dik ir pattemoster und zerbrach es alles
und warflf ir die ringly under ir bett und liess ain ringly nienen by dem andren,
und so zwang sy in denn das er sy alle zesamen müst lessen und ir sy in ir
fenster legen. Und hie by mag man wol merken wie gewaltig sy sin an andren
30 Sachen was, das ir och grösslicher möcht han geschadet. Zü ainem mal wolt der
cofent ünsem heren enpfachen, und sy übt sich in grosser andacht. Und do
[W] in der mess ward, do erschan ir der tüfel als ain schöner herr, und tett dem
glichen als er ünser herr wer. Also ward sy betrogen alle die mess, untz das
sy die bewerrd anfieng. Und do sy zü dem altar wolt gon, do sprach er: ‘Wes
35 bedarfft du des? ich bin doch gegen wirtig hie by dir!’ Do sprach sy: ‘O her, so
ist doch die gnad der gemaind als güt!’ Do verschwand der tüffel. Und do sy
ünsem heren enpfieng, do ward sy gesichret das sy von dem bössen gaist niemer
me betrogen solt werden, und ward ir in der gnad erzaiget das Gottes lichnam
die sichrest gnad [in*] ist die der mensch in disem leben mag enpfachen.
2. deB hie t interpunktiert (r.) G. 11. von den Namen ist der erste nicht ausgeseichnet G.
14. hör = hör auf: Schics. Idiot. II, 1573. 27. ringly: y aus i korr. G.
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XXVI. Ita Sulzerin.
81
Es beschacb och zü ainem zit das sy wuchnerin was in der kuchin. Und
aines tags, do sy nach der metty den halfen gesod und in der kuchi getett was
sy bedorft, do was es dennoch gar frd. Also gieng sy uff die capell an ir ge-
bett, und übergoss sy do Got mit so hocher gnad das ir gaist von irem lib ge-
zukt ward, und ward ir do zü erkennent geben sölliche wunder von Got davon 5
wir nit geschriben kunnent. Under andren wundem das sy schowet, do ward
ir follkumenlich zü erkennent geben die lutterkait ir sei. Und do die sei wider
zü dem lib solt kumen, do schwebet sy lang ob [118*] dem lichnam, und schowet
wie schmäch und wie unedel er was und wie tödmig als die erd, und wie adel-
lich die sei von Got geflossen was. Und do sy wider zü dem kranken lib ge- 10
füget müst werden, das tett sy als gar ungern und gedacht: ‘Owe! müst du zü
dem grülichen lib wider faren?’ Und also kam sy wider zü ir selber und was ain
mensch als och e, und gieng wider in ir kuchi.
Ünser herr raitzet sy mit mengen dingen, das ir gird dester grösser wurd.
Sy sach zü ainem mal ünsem heren, do in der priester uff hüb, in der form als 15
ain klaines kindli. Sy was och zü ainem mal als maslaidig der spiss das sy
nit gern ass [118*], und gelüst sy naiswas als gar fast, und das sach sy ain
Schwester essen, und doch überwand sy sich selber gantz da. Und do in der
nacht ward, do erschan ir ünser her in dem dormiter in dem bild als ain alter
her, und hiess sy mit im in das refentar gon und satzt sy über ainen tisch, und 20
stund er für sy und fieng an Gloria in ezcelsis und sang es alles uss mit
ainer also rilichen stim das sy muglich dunkt das es ales ertrich hetti gehört,
und darnach sprach er zü ir: ‘Schwester Ita, wilt essen?’ Do sprach sy: ‘0 her,
ich han die masslaide, das ich nit gern iss.’ Und do wolt ir ünser her erzaigen
das im danknem was das sy sich an dem abent [119*] an der spiss hat über- 25
wunden, und lait ir ain wisses brot für, und do sy des brotes erst versücht, do
vergieng ir alle ir masslaide, die sy vor dik hat gehebt, und gieng sy für das
mal niemer me an.
Sy was och zü ainem mal als siech das man sy in das todbet lait, und do
sy sich beseret, do wer sy gern wider an ir rechte betstat gelegen. Des woltend 30
ir die schwestren nit helfen und sprachent sy wer zü krank. Und do die
schwestren zü mess giengent, do kam ünser her und ünser frow und die hailgen
engel, die pattriarchen und die profeten, die zu botten, die martrer, die
bichtter und die hailgen mägt und betendent [H9>>] ir, und do die schwestren
von mess koment, do fundent sy sy an der stat da sy for gelegen was, e sy 35
siech wurd.
8. lib nachtr. am Rand zugefügt O. 13. • E • O. 21. die lateinischen Worte nicht
hervorgehoben Q. 32. giengent nachtr. am Rand zugefügt. 33. botten, (au» Versehen )
sucht heroorgehoben G. 34. betödent so Q.
7—12. Zu diesem Ekelgefühl nach einer Vertückung vgl. Denifle in Zs. f. dt. A. 24, 4831 ;
mein Mystikerpaar S. 56 und MuspiUi S. 115.
Deutsche Texte des Mittelalters VL 6
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82
XXVX Ita Sulzerin.
XXVII. Elli von Eigau.
Sy sach och zü ainem mal in der cumplet das sich ain schönes wunnek-
liches liecht von dem altar herab lies durch den kor nider uff iekliche Schwester
sunderlich, als sy in ir stülen stundent, aber uff aine fil klarlicher denn uff die
ander, und wele Schwester in ir stül nit was, uff die schan och das liecht nit
5 Sy sait och ainer Schwester zfi ainem mal was das wort Jerusalem betute.
Und als fraget sy die Schwester wer ir es hetti gesait, do sprach sy in ainer
gehe und von überfölli aines süssen hertzen: ‘Do ich [120«] manigen süssen
harfen klang han gehört, do hört ich och das. Und da by mugent wir merken
wie dik ir minender gaist gezogen ward in die himelschen Jerusalem in ainem
10 luttren schowen, won das erzaiget ir usser wandel folleklich das ir hertz und ir
gemüt emssklichen wonet in ewigkait, wie sy doch mit dem lib wonet in der zit
Ir sällig leben folbracht sy uff ain sälig end. Und do man sy begrüb, do
bewiset unser her vor aller der lütt gegenwirtikait das das ewig liecht in irem
hertzen hat gelüchtet, mit diser wunderlichen geschieht. Es was des tages als
15 hl ungewitters [120*j, und do die schwestren die kertzen trügent ob dem grab,
do erlaschent sy recht gantzlich, und dar nach schier un aller menschen hilf do
enbrunnent sy als krefteklich das das wachs recht nider flos. Und hie von
wundretent sich die lüt die es sachent.
[xxvii] Von der salgen Schwester Elli von Ellgu.
20 Wir hattend och ain andre sälige laigen Schwester, hies Schwester Elli von
Ellgü, mit der unser her och gar süsseklich wurkt, und gab ir och fil zü er-
kennent der gnaden, so er andren schwestren tett.
Dise sälig Schwester kam in dis kloster do sy xmi jar alt was, und fieng
bald [121a] an ünserm heren zü dienent mit grossem fliss. Sy lait gar ir ussren
25 sorg und unmüss dar an das sy dem cofent getrülich gedienete, und darum was
sy wol uff l jar in disem kloster, das man nit kund wissen das sy ie kaines
andren Werkes begunde. Sy pflag do des gadems und der seien aiain, das sy
kain helferin hat, und dar an was sy den schwestren als gar tröstlichen und
was als milt, und erschoss ir doch als das wol da mit sy um gieng. Wenn sy
30 den cofent bericht des er zü der zit bedorft, so ilt sy mit begird in den kor
untz für den altar, und lait denn ir band uff den altar als sy gedächte: ‘Lieber
her, möchte ich dir nun nächer kumen, das täte ich gern’, und goss [121*] denn
recht bald als fil trechen das sy recht uff der erden schwebetend. Sy hat grosse
19. schweeter hier nicht in • S • abgekürzt G. 20. [W]ir unvollst. in S[y] korr. (sw. u. r.) G.
23. dis in das korr. (r.) G. 26. difem in dem geändert (sw. u. r.) G.
19. Vgl. S. 24,28. 25,12. 40,6. 44,3 (Zeitgenossin der Eisbet Schefflin und der Anna von
Klingnau). Ellgu (wohl < Ellgöu): j. Elgg, ma. Elggau (< Eilahgowa), Städtchen bei
Winterthur.
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XXVII. Elli von Elgan.
XXVIII, Beli von Schalken.
83
arbait mit dem cofent, und dar zü arbait sy sich grösslich och mit fasten und
mit ernsthaftem emssigem gebett. Sy wachet stäteklich nach meti und vor meti
als lang das sy licht kum zwaiger vigilien lang schlieff, und bettett denn als
mit grosser andacht das es nit zwifel ist, aller der cofent genusse ir grösslich
gegen Got. Sy hat och sunderlich grosse gnad, über die sünder und über die 5
seien zü bittend, und kament denn die seien recht emssklichen zü ir und rettend
mit ir und sy mit inen. Sy bat och sunderlich für ainen weltlichen heren, der
lebt in als [122*] grosser wirdikait das es umb sin sei ungew&rlich stünd, und
unser frow sichret sy das er durch ires gebetes willen behalten wurd und das
er aber gar ser verschmäht wurd, und das geschach im och. Sy sach och 10
ainest an aler engel tag, do der cofent unsern heren enpfieng, das iekliche
Schwester, so sy von dem altar gieng, als durch lüchtet was als ain kristall.
Ir hailig leben zaiget folleklich das die gütlich min in irem hertzen bran, und
das sy klaine sorg hat umb alles das zü irem lib gehört. Sy hat das wort wol
zü hertzen gelait: Querite prhnum regnum dei etc., Süchent des ersten das 15
rieh Gotz, und alle andre ding werd/722»yent üch zügeworffen.
[xxviuj Ton der salgen S- Belli von Schalken
der laig Schwester.
Wir hattent och ain andre sälge Schwester, hiess Schwester Belli von
Schalken, und lebt in disem kloster von iren kintlichen tagen untz uff ir end 20
tuglich und s&liklich, und hat den aller bessten Hiss das sy den schwestren in
dem reffentar wol kochite, und manet och die andren von grosser andacht darzü.
Sy hat als grosse [123*] begird zü dem cofent: wenn sy sich zü im mocht
gefügen, das was ir ain sunderlichi fröd und trost. Etwenn so sy die müs hat,
so gieng sy in den refentar, so man zü tisch las, und loset begirlich. Wie fil sy 25
unmüss hat, so bettet sy doch recht emssklich und wainet och als genucht-
samklich als ob sy in dem kor wer gestanden. Sy nam och gar stark disciplinen.
Sy fastet och regel fasten untz an iren tod, und was wol xxx jar das sy nie un
mal getrank, sy fasteti ald enbiss, und hat denn als grosse pin von turst. Und
do sy och zü ainem mal also fast turst, do peng sy an ir gebet und enschliefif 80
ain klain, und dunkt sy das ain minenklicher [123*] köpf mit dem allerluttresten
15. etc. ] et ce G. 19. [W]ir in Sy geändert (r.) G. 20. difem nachtr. (r. u. sic.)
in dem geändert G. 21. täglich so G.
18. Schalken, Schälchen, ‘ein Dörflein in der Pfarrei Wildberg, teilweise mr Landvogtei
Kiburg, teilweise eur Landvogtei Greifensee gehörig' (Leu). Aus der ehemaligen Burg daselbst, aus
der ein Hartmann 1257 Dienstmann des Grafen Hartmann von. Kiburg, eine Elisabeth 1275 Äbtissin
zu Schennis war, dürfte unsere Klosterköchin wohl kaum stammen. 27. in dem kor, vgL 14,27
in der mess (und Anm.), was hiedurch bestätigt wird.
6 *
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84 XXVIII. Beli und XXVIII*. Bichi von Schalken. XXIX. Beli von Lütisbach.
brunnen für sy bracht wurdi, und sprach do ain stimm gar süsseklich zü ir:
‘Trink des wassers so von minem hertzen flos.’ Also trank sy begirlich, und do
sy zA ir selber kam, do was ir turst gantzlich dahin.
Sy hat och ain sAlge Schwester hie inn disem kloster, die hiess
5 [xxvuio] -S- Bichl,
die pflag der siechen von ir jugent untz an iren tod mit grossem fliss und an*
dacht. Alwegent zA meti gieng syumb zA ainer ieklichen sunderlichen . Tag und
nacht was sy inen diensthafft willeklich und frölich. Sy hat och fil hailiger
Übung mit wachen, mit fasten und mit andächtigem gebet. Sy lag zA ainem mal
10 an irem bett [124»] und schlieff, do die sälig Schwester Mechthilt von Hoff hin*
zoch, als es licht Got wolt (won es ungewonlich ist), und do hört sy gar schon
singen. Also erwachet sy, und do hört sy das sy tod was. Do verstund sy das
die engel ir sei zA himelrich hattend gefürt mit dem schönen gesang.
Do dise sälig Schwester Riehe von diser weit säliklich geschied und sy uff
15 stund, do sprach ain stim zA Schwester Iten Sultzerin: ‘Tetin ir alle als Richi
von Schälchen, o was üch grosses nutzes dar an geläge, so ir ain zit anfiengint,
das ir denn andächteklich gedächtind was ünser her zA der zit durch üch laid!
Amen.’
tm>] [xxix] Yon der sälgen 8 Bell von Lütisbach.
30 Wir hatent och ain gar sälge alte Schwester, hies Schwester Beli von Lütis*
bach, die erzaiget die min so sy zü Got hat, an fil strengen und hailigen
Übungen. Und sunderlich do hat sy grossen andacht zü der milten mfitter ünsers
heren Ihesu Christi, und las ir gewonlich alle tag ni fünftzig Ave Maria.
Nun wolt ünser liby frow erzaigen wie genem ir ir dienst was, und do sy zü
26 ainem mal in dem siech hus an irem bett lag, do erschan ir die aller schönest
frow die ie menschen og gesach, in ainem schnewissen klaid, und satz sich recht
haimlich zü ir nider zü dem bett. Do [125»] wundret sich die sälig Schwester
Beli von der unmässigen schöni diser frowen und wer sy wer. Do gab sich
die milt magt zü erkennent und sprach: ‘Ich bin din mfitter von himelrich, die
80 du dik geeret hast, und dis wis klaid hast du mir gemachet mit dem engelsch¬
lichen grfitz, den du mir als dik mit andacht sprichest.’ Hievon ward sy
recht durch gossen mit fröden, und sait der milten mfitter gnad und dank das
sy iren klainen dienst als danknemlich hat enpfangen.
1. and ] vn G. 4. hie in gestr. und am Rande (mit Verweisungszeichen, in d6 kloster
nachgetr., aber wohl erst infolge der Korr, de* Miniator* G. 9. "mit" nnd G. 20. [W)ir in
Sy geändert (r.) G. 26. fotz »o G.
19. ‘Leutübach, Lütisbach, Lütschibach, ein Dorf in der Pfarrei Boltingen in dem Bernerischen
Amt Ober-Simmental.’ Leu, Helv. Lex.
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XXX. Mechthilt von Wediawil.
XXXL Adelheit von Lindau.
85
Nun wolt sy die milt mütter noch merer raitzen zü irem dienst in diser wis,
won sy dunkt in der gesicht wie ünser frow nienen ermel an dem klaid hetti,
und hie von wundret sy sich und [125*] begert zü wissent von unser frowen
was es mainte. Do sprach sy gar mineklich zü ir: ‘Du sprichest mir alle tag
m fünftzig Ave Maria; nun solt du mir noch ain fünftzig sprechen: so han ich 5
ain folkumen klaid von dir.’ Und dis 1er enpfieng sy dankberlich von unser
lieben frowen, und flais sich fürbaser noch merer zH irem dienst und zü dem lob
ires aingebomen kindes ünsers lieben heren Jhesu Christi.
[xxx] Von der salgen S- Mechf/tilt von Wediswil.
Wir hattend och ain andre tugentsame Schwester, hies Schwester Mechthilt 10
von Wediswi). über die verhängt unser her von sonderlicher liebi grossen
siechtagen vor irem tod, und sunderlichen [126*] in dem hobt hat sy als unsäg¬
liches liden das ir es die schwestren emsseklichen müstent heben nun vor irem
ser. Und sunderlich hat sy zü ainem mal als gross liden das sy es unserm
heren klegt. Do wolt sy der herr alles trostes nit ungetröst Ion und erschan 15
ir in siner marter, als er mit der dümninen krön gekrönet was, und lait sin ver¬
wundet hobt für sy uff das bett und sprach do gar mineklich zü ir: ‘Nun schow
wie mir min hobt verwundet was durch din liebi, und betracht ob mir wirser
sy gewessen ald dir!’ Und hie von entpfieng sy als unmäsigen trost und ge-
dultikait das sy dar nach nit so fil trostes wolt [126*] han das ir die schwestren 20
das hobt hettin als for, won das man ir es hinder sich müst binden mit ainem tüch.
[xxxi] Von der salgen S- Adelhalt von Lindow.
Wir hatend och ain gar sälige laigenSchwester, hies Schwester Adelhait
von Lindow, und was wol hundert jar alt, do sy starb, und was recht gantz-
lich erblindet, und lag wol iii jar vor irem tod zü bett in söllicher gedultikait 25
das ir pflegerin das von ir sait das sy sy zü ainem ainigen mal nie ungedultig
gesach, und bettet als gar emsklich das sy ir pflegerin fil nach al//27«/wegent
betend fand baidi tag und nacht, und was als frölich das sy dik hübschi liedli
9. mechilt hier G. 10. [W]ir in Sy geändert (r.) G. 11. Wediawile; das Schluß -e
unterpunktiert (sw.) und gestr . (r.) G (weldifwil und weldiffwil Ü). 14. unferm hier so G,
23. [W]ir in Sy geändert (r.) G.
9. Wädenswil am Zürchersee: hier jedenfalls das Dorf\ nicht die gleichnamige berühmte
Burg . 22. Lindau bei IUnau , ehern. Landvogtei Kiburg. Auch ein Dörfchen in der Pfarrei
Küßnacht (bei Zürich) führt diesen Namen. Lev , Helv. Lex.
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XXXI. Adelheit von Lindau.
XXXTT. Elabet Bechlin.
sang von ünserm heren wol gemütlich. Etwenn rett sy och als gar mineklich
mit Got recht als er vor ir sesse in gegenwürtikait. Etwenn sprach sy:
‘Ach lieber her, du bist min vatter und min mütter
und min Schwester und min bruder;
6 ach her, du bist mir alles das ich wil,
und din mütter ist min gespil.’
Unser her was ir och gar haimlich mit sinen sundren gnaden, also das sy
selb verjach das sy etwenn ünsern heren und die hailgen sächi. Sunderlich zü
ainem mal was sy als gar frölich geschaffen, do ir dienerin nach der meti zü ir
10 kam, das sy wunder nam was ir wer beschechen, und fraget sy [l2" h ] darum.
Do sprach sy wol gemütlich: ‘Was solt mir me sin? ünser her und ünser frow
warent by mir und hand mich getröstet, das ich niemer von inen sol geschaiden.’
Ain andre Schwester lag och ainest by ir in dem selben siechhus da sy lag:
die hört das sy ainest mit lütter stim rüft und sprach: ‘Ist iement hie, der stand
15 uff bald: ünser her und ünser frow und alles himelsch her sind hie gegenwirtig!’
Dis müst sy mit gaistlichen ogen sechen, won sy gesach mit den liplichen nit.
Sy lert och zü ainem mal ain andre laigenSchwester die antiphon Ave
stella matutina und sprach do zü ir: ‘Nun lern sy dester gerner, won unser
frow hat mich sy selber gelert.’ Und dis [128«] sond wir bilich geloben, won sy
20 tet och sunderlich ünser frowen, der mitten künginen, manig gross und andächtig
gebet. Darnach do ünser her sy ires getrüwen langen dienstes wolt mit im
' selber belonen, und sy mit ainem hailigen end von disem eilend geschaiden was,
do erschan sy ainer Schwester in dem schlaff, und sprach mit ainer frölichen stim
den vers: ‘Quam magna multitudo dulcedinis tue, domine!’ o her, wie
25 ist die manigfaltikait diner süssikait so gross, die du hast behalten denen die
dich fürchtend! Do sprach die Schwester zü ir: ‘Verstast och du was das be-
dütet?’ Do sprach sy begirlich: ‘Ja, won ich bin da, da ich sin alles befunden
hanl’
[128h] Dar helff üns Got allen! Amen.
8o [xxxnj Ton der salgen S- Elisabet Bechlin.
Mich hat begird zü ünserm heren das ich im möcht gedienen an sinen
firünden. Das fügt er mir also das mir zü sinn kam zü schriben von gütten und
sälgen schwestren Übung und von sunderlicher Offenbarung der gnaden, so ünser
her tet, der ich dik fil vor mir hört sagen. Und do ich aines tages sass und
2—6. die Zeilen unabgesetzt G . 17. antiphon] an n G. 20. künginen manig unter¬
strichen (ohne Grund?) G. 31. Mich] Ich? («o Ü).
24. Ps. 30,20. 30. Der Name erscheint bei Leu nicht , — heute noch im Aargau (Bächli).
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XXXII. Eisbet Becblin.
Ö7
schraib von unsren sälgen schwestren, als man an disem büch wol gehöret hat,
do fügt es sich von geschieht das die tugenthaft Schwester Elisabet Becblin
zü mir kam. Nun het ich gern etwas von ir gewist, und bracht es mit bedachten
[129»] Worten darzü das sy mir ward sagen.
Do sy nit won viii jar alt was, do was ir in dem schlaff wie sy unser lieben 5
frowen vor ir säche, und sy gieng bald zü ir zehand: do enpfieng sy die rain
magt under iren mantel als zärtlich als ain mütter ir hertz liebes kind, und sprach
zü ir: ‘Sich, uss disem mantel wil ich dich niemer gelasen.’ Do ward ir kint-
liches hertz also gesterket mit gnaden: so ir darnach etwas wildikait begegnet,
als sölichen kinden von natur an ist, so gedach sy zü hand: ‘Ach, wilt du unser 10
frowen uss dem mantel fliehen?’ Darnach do sy x jar alt was, do dunkt sy wie
sy ir [ 129 *7 vatter zü der weit welti tün. Do gieng sy zü im recht keklich und
sprach: ‘Vatter, du solt wissen: und gist du mich zü der weit, ich wil an dem
jüngsten tag uff dich schrigenl’
Dar nach do sy xi jar alt was, do kam sy in dis kloster, und dienet Got 15
also frölich und willeklich das sy also was gesin uff lxii jar in disem kloster,
do sy mir dis sait, das sy nie so fil armüt noch arbait gelaid das ir ie rüwiger
gedank in ir hertz keme, ienen anderschwa zü sin. Do sy mir dis hat gesait,
do bat ich sy fil ernstlich und wolt sy nit erlon sy müst mir fürbas sagen. Do
sprach sy fil ainfaltiklich: ‘Kanst du mir icht sagen warzü es güt sy?’ Ich 20
sprach: ‘Ja. Es beginnet ietz die gütlich min [130»] an fil stetten erlöschen in
der menseben hertzen, und möcht ain mensch über fil zites etwas hören, das es
gedächt: “Wie lebst du sus! nun wilt du doch och zü himelrich: warum stellest
du nit darnach das dir och Got sin gnad geb?”’
Do sprach sy: ‘So wil ich es Got ze ainem lob sagen, also das du es ver- 25
schwigist die wil ich lebe. Ich was zü ainem mal gar siech; do ward zü mir
gesprochen: ‘Won du mer lipliches trostes hast gehebt denn Schwester Margret
Finkin, da von müst du dis arbait liden.’ Hie mit ward mir zü verstent geben
das ich ir gelich solt werden an dem Ion. In demselben zit ward ich als tob
das man mich in grosser hüt müst ban und fil arbait, und do mir der sinn wider 30
[130<>] ward, do was ich etwe fil zites das ich nit wist mit gütter beschaidenhait
wenn ich recht oder unrecht tet, und das was mir ain als pinliches liden. Hie
von lost mich Got, und gab mir alsölichen trost das ich do lang zit was, das
mich kain ding mocht betrüben. Hie nach was ich aber wol xim tag in dem
forgenamten liden, und in dem selben zit ward der cofent ünsem beren nemen, 35
und do ich ünsern heren hat enpfangen und ich in ünsern stül kam, do gedacht
ich an ain wort, hat mir der güt lüppriester von Bichlense gelert sprechen, wenn
10. gedach so G\ vgl. 76,30. 15. dis in das geändert (r.) G. 17. mir dvrchitr. (r.)
und dafür am Rand (sw.) der S[chwester] eingesetzt G. 20. "sagen" icht O.
37. jetzt Bichelsee, See und Dorf am Fuß des Schauenbergs.
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88
XXXII. Ebbet Bechlin.
ich nit gnaden het, und das was also: “Her, ich ermanen dich das din hend und
din hertz gegen mir offen stond, und das du mir [131«] diner gnaden nit versagen
macht.” Zfthand do ich dis gesprach, do hört ich das ain stim recht in mir
sprach: “Was wilt du das ich dir tilg?” Do sprach ich: das er mir selb geh zft
5 sprechent: “0 herr, ich wil das du dich niemer von mir geschaidist.” Do sprach
er: “Das wil ich tftn; ich wil mich niemer von dir geschaiden.” Do ward min
hertz und min lib von sinen gnaden also gesterkt das mich das liden sider nie
berdrt hat; mir gehiess och niement das ich gelebeti. Nun bin ich uff lxxhi jar
körnen, und das wil ich von sinen gnaden han; won mir gebrast sider nie trostes.
10 So mir joch etwenn etwas geschach, so ich mich denn nit won zft im kert, so
was es enweg.’
Do sy mir dis gesait, do het ich gern etwas me gewist Do sprach sy [131*]:
‘Ich kan dir nit me gesagen: mich dunkt wie ich als fil und als gnftg het das
ich in sider nie nütes söliches wolt bitten.’ Doch sait sy mir darnach das sy
15 ainest dunkt wie sy ünsern heren sech, als er ain kindli was, von dem altar
herab gon, und hat ain sidin rökly an in der farw als ain bruner samet, und
gieng zft ir gar haimlich, und satzt sich uff den bank der vor ir stund. Also
sprang sy uff von rechter gird als ain mensch das von im selber körnen ist, und
zukt in und satzt in in ir schoss, und sass sy an die stat da er gesessen was,
20 und tet im so sy iemer gfttlichest kund, won alain das sy in nit getorst küssen.
Also sprach sy von hertzlicher min: ‘Ach hertz trat, getar ich dich geküssen?’
Do [132«] sprach er: ‘Ja, nach dines hertzen gird, wie fil du wilt.’
Sy was och zft ainem mal siech, und dunkt sy wie unser frow zft ir kem
und bracht ir aber ires kindes nit. Do sprach sy: 'Ach frow, wo ist din kind?
25 gang recht und bring mir in.’ Darnach in dem advent dunkt sy aber wie ünser
frow kem und bracht ir ir liebes kind und gab ir es an ir armen und sprach:
'Nun nim in und tft im wie gütlich du iemer wellist.’ Und dis was ain als
mineklicher anblik, und aber sunderlich so was im die kel under dem kinn als
zart und als mineklich. Do ward sy gefraget ob sy in icht kusti, als da for stat.
30 Do sprach sy: 'Ja zwar, er hat mir es doch [132*] erlobet!’ Dis sait sy für ainen
trom; aber es ist geloblich das sy in Got entschlaffen wer.
Was ir ünser her lieby erzaigt mit sus getonen dingen, das enpfieng sy dank-
berlich; aber sy stalt nit fil mit gebet darnach, won sy sprach: ‘Der sichrest
weg den ain mensch mag han, das ist das er sich vor sünden hftty und sich
35 an tugenden übe.’ Ir was och zft ainem mal wie das gross crutzifix an den
gräten läg, und warent ünserm heren die ogen zft geton, und sang aller der cofent
Gloria in excelsis Deo, und do sy sungent Gratias agimus, do dett er sine
ogen uff und sach an ietwedren kor und sprach mit ainer ernsthafter stim:
‘Warum nigent ir üch nit und lobent und [133«] dankent mir umb als fil arbait
3. vor recht ein zft gestr. (r.) 0. 8. ber&t G. 35. mal mit Venoeisungszeichen
am Rand nachgetr.
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XXXII. Eisbet Bechlin.
89
die ich für üch und durch ücli erliten han?’ und naigt do sin hobt uff ir hobt,
und gieng sy do der siechtag in dem hobt an, als davor geschriben ist.
Des selbes jares hat der cofent grossen gebresten an win und an körn, und
hat sy dafür das das von undankberkait gesehen weri. Ainest, do sy kelerin
was, do starb ir brüder. Nun het sy siner sei gern fast gehulfen. Also ward &
sy siech an ainem bain, das sy nit me kelerin mocht sin. Also was ir wie ir
brüder kem und hies sy zü dem tor gon und sprach: ‘Ich han dir ainen artzet
bracht.’ Und do sy dar kam, do stund ain jüngling da in schnewissem klaid
und trüg ain büchsen uff im mit ainer edlen salb und salbet sy recht wol, und
ward [133*] also gesund das sy noch do fil jar kelerin was. Also gedacht sy 10
das der jüngling ires brüders engel weri und siner sei die gehorsami nütz weri,
so sy sich ze dem keler übt.
Sie hat och den güten heren Sant Blassi sunderlich lieb, und was ir zü
ainem mal, wie sy für sinen altar giengi, als er hie vor was, und sach in for
dem altar ston in bischofflichen klaid, und warent im die füss bloss, und sy 15
fiel bald für in und kust im die füss und stund do wider uff. Do sprach er zü
ir: ‘Knüw nider und enpfach den segen!’ und sprach do zü ir: ‘Nun hab alwegen
jamer und begird zü den dingen darzü du geschaffen bist.’ Do sprach sy: ‘0 her,
ich weri von gantzem hertzen gern [134«] da.’ Do sprach er: ‘Das solt du an
Got lasen wenn er das tün well, und solt aber du allwegent jamer und begird 20
darnach han.’
Dise sälig Schwester hat vor allen dingen sunderlich ain fridsames minriches
hertz gen Got und gen den lütten, und was sy gütes tett, das tett sy Got frilich
zü lob, und sprach: ‘0 her min, was ich tün, das gib wem du wellist, und bis
du mir alain hold: daran han ich recht gnüg.’ Sy hat och sunderlich ain Übung, 25
das sy die xl tag als ünser her in der wüsti was, alle tag mit ir andacht zü
im gieng und mit sunderlichem gebett, und nam im denn sin füss in gaistlicher
betrachtung in iren büssen und durchwärmt im sy [134*] recht wol: hie von
enpfieng sy fil gnaden und andacht. Und zü ainem mal do sassent etwe fil
schwestren by ain andren, und retend och davon das ünser her in der wüsti 80
was. Do sprach ain Schwester: ‘Ich kan als wenig mit im in der wüsti.’ Do
sprach dise sälig Schwester Elisabet Bechlin: ‘Nun kan ich da gar wol mit im:
ich nim im da sin hend und sin füss und werm im sy in miner schoss. Dem
hobt kann ich nit getün: das har ist im als verwalken das ich im enkainen rat
kan getün.’ Sy sprach och: ‘Unser her hat sich mir mit sinen gnaden dik 35
früntlich erzaiget; aber mineklicher und begirlicher ward er mir nie, er wer mir
als begirlich in der wüsti. Er gab mir von sinen gnaden, do ich [ 135 «] in der
betrachtung was ze ainem mal und vor minen ogen hat die grossen demütikait
1. vor ir hobt ist fin brüst, r. durchstr . G. 8. felbes so G. 3. und (vor an)] yn
hier G. 10. fy (das zweite) mit Verweisungszeichen am Rand nachgetragen G. 33. "fü£f"
fin G. 35. ünler unterstr . (r.) G. 38. vn mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G.
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90
XXXII. Elabet Bechlin.
XXXIII. Eisbet von Cellinkon.
die er von minen erzaiget durch uns an der stund do er von dem bössen gaist
versieht wolt werden, — und er zaiget mir die stain mit den in der bdss gaist
versieht, do er sprach: “Sigest du Gottes sun, so sprich das die stain brot
werdint”, und gab mir ze entpfindent das liden und die not so er do von hunger
5 hat. Des ward ich entpfintlich inen von siner vitterlichen giti.’
Ain Schwester klegt ir zi ainem mal das sy nit als fil trostes von iren
fründen heti als sy gern hett gebebt und ocht etwenn not dürftig wer gesin.
Do rett sy als gar tröstlich mit ir das sy wol von ir getröstet ward, und riet ir
[135* ] gar ernstlich das sy sin an unsern heren kem, und under andrer red do
10 sait sy ir das sy och zi ainem mal mit söllichem liden versiebet ward: do gieng
sy zi inserm heren und bat den mit ernst das er ir darinn zi hilff kem. Des
gewert er sy all zi hand unser lieber her, und ward von sinen gnaden wol
getröstet an dem hertzen, und sant ir zi hilff den gedank wie er sprach zi
Levi: ‘Verwig dich dines vatters erbes und weltliches gittes: ich wil selb din
15 sin.' Und do verwag sy sich willeklich durch Got aller überflüssikait, und unser
her Hess ir darnach ir notdurft nie gebresten.
Do nun die sfilig Schwester [136<*] Elisabet Beklin fil zites andächteklichen
Got gedienet hat, do schied sy von diser weit mit ainem säligen end.
[xxxni] Ton der salgen S- Eisbet Ton Cellinkon.
20 Die s&lig Schwester Eisbet von Cellinkon kam in dis kloster do sy vi jar
alt was, und sy sait der Schwester die dis schraib, das wol uff xxx jar was
das der orden bestettett was und dis kloster hie töss wol xvm jar gestanden was.
Und als sy alt was an dem orden, also hat sy das an ir das ietz laider von
unser fil, die in gaistlichem leben sind, ist alt und verworffen und [136*] aber
25 den menschen Got fil genem machet, der es an im hat: das was dis: sy was ain
minerin der strengikait und arbait, des libes armfit und eilend, und fil nider-
trfichtig ald klain geachtet in der lüten ogen; die stuk diser tugent hat sy an ir.
In grosser strengikait ward sy in ir jugent erzogen, und in söllicher armfit
das uns ward gesait: do sy fil jung was, das sy do dik zfi reffentar mftst gon,
7. ocht so G. 12. er mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G. 13. gedenk
in gedank korr. (r.) G. 14. leui (?) G. 17. beklin hier so G. 22. dis klofter
hie t» das klofter korr. (r.) G. 28. erzogent G.
14. 15. Freie Ausführung nach Marc. 2,14, Luk. 5,27 (Matth. 9,9). 20. Teilikon liest
N, Cellikon Ü und die Frauenf. Hs.\ H. Sulzer schreibt Zellikon oder Köllikon BGT 30;
DKT 98 (18). Letzteres wäre der Name eines Dorfes und einer ehemaligen Burg im Aargau zwischen
Aarau und Zafingen ; von den Ed ein dieses Namens war Rudolf 1360 des Rats zu Zofingen .
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XXXIH Elsbet von Cellinkon.
91
so man den andren kinden etwas koft, das sy nit hat zft vergelten. Darnach, do
sy elter ward, do lait unser herr als grossen siechtagen uff sy das sy dik gedacht
das sy an dem bett tod funden wurd, und in disem und in fil andrem siechtagen
was sy fll lieblos, als [ 137 “] sy Got im selber alain haben wolt Sy was och als
eilend das sy nit wist ainen ainigen menschen der sy an horti. Sy sait uns 5
selb das sy mer den l jar was das sy nie weder ze fenster noch ze der port
gefordret ward. Sy was och als arm das sy wenig icht hat, won das ir die lut
durch Got gabent.
Sy hat grosy min zft der armftt: sy het anders gnftg gewunnen, won sy
kund gar wol schriben und schraib gern gftti ding und begert kaines gegen- 10
wurtigen lones davon; so ir aber etwas davon ward, so gab sy es alles an bild
in den kor, das der cofent gemainlich davon getröstet wurdi. Und sunderlich
do frumt sy das gross crucifix das wir habent, mit grosser andacht, und hat
och fil kum//37»/ers da mit, und ward ir ain mess bracht über mer nach der
lengi als unser herr was, und ligent in dem selben crutz xxx stuk hailtums. Die 15
selb miltikait folget ir nach an irem alter. So sy etwenn nit won v et. hat,
der gab sy zwen ald dri von ir, und etwenn, so sy nit won ainen hat, den gab
sy durch Got. Eis gieng zft ainem mal ain Schwester umb in dem kloster und
bat ainem armen menschen das almftssen. Do hat sy nit pfennig und zoch ain
tftchly ab dem hobt und sprach: ‘Nim hin, das ist wol aines et. wert.’ 20
Sy was och zft ainem mal gar krank; do fragt sy die Schwester die dis
alles von ir schraib, wie ir wer. Do sprach sy kleglich: ‘Ich sorg das ich disen
siechtagen verschuldet hab.’ [ 138 “] Do sprach die Schwester: ‘Liebi, wa mit?’ Do
sprach sy: ‘Mich bat ain armer mensch das ich im ain tftchli geb; des wolt ich
nit tftn, won ich hat als wenig und hat im och da vor aines geben.’ Ir was als 25
frölich von ir ze geben was sy hat, und was aber ir selber gar karg, joch ir
grossen notdurft zft nemen. Sy lait irem lib klainen zart oder fliss an, und was
doch dik krank und joch gar. siech. Sy sait ainer Schwester das sy nit wisti
das sy ie hftn gekofti ald andren win denn der cofent trunk, wie siech sy ie
ward. So ir es die Mt durch Got gabent, so nam sy es gar dankberlich und 30
ass es, und etwenn, so sy als gar krank was, so koft ir die siechmaisterin
[ 138 *] hftnr, und wond sy denn sy werind ir durch Got geben. So man sy
etwenn fragt ob sy etliche spiss essen wölti, so sprach sy: ‘Ich sol es nit essen:
es ist mir zft hert.’ Ain Schwester fragt sy ainest was sy in dem siech huss
3. andrem f. w. f. fil mit Verweitungtzeichen am Rand naehgetr. Q. 13. wir in [y korr.
(r.) G. 16. d] in pfenni(n)g aufzulöten ? 20. d] in pfenninge aufzulöten?
15. Fon ähnlicher einträglicher Schreibertätigkeit der Nonnen von ötenbach berichtet dat dortige
Schmeztembuch : H. Sulzer, DKT 98 (18). Als Schreiberinnen werden bei uns noch Mezzi von
■Klingenberg (die ebenfallt bild geetiftet hat, S. 45,25 f. 29) und Willi von Konitanz (S. 48,13 f.)
hervorgehoben.
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92
XXXm. Eisbet von Cellinkon.
esse, so man ir nit von der gemaind gebe, won sy ir selber als wenig icht behftb.
Do sprach sy gar bluklich: ‘Ich iss fil wunder gern brot.’
Sy was och aines mitlidendes hertzen und tröstlicher Worten gen den
schwestren die in liden warent, und sprach etwenn: ‘Got tftt dir es zft herlz
5 lieb und als sinen usserwelten kinden.’ Sy kam ainest zft ainer Schwester, die
ainen schmechen und wider wertigen siechtagen hat, und sprach zft ir: ‘Mir ist
recht wie ich es vor Got gesechen und och gehört hab [ 139 «] das er dir dis
liden darum hab gegeben das du im nit endrunist und du sin ledig aigen sigist’,
und sprach ir die wort als sicherlich und begirlich das die Schwester wol da von
10 getröstet ward. Ir was gar unlidig, so sy hört das ain mensch mit ünserm heren
geding wolt han umb kainen Ion siner gftten werken, und sprach denn: ‘Du
soltest es Got zft hertz lieb tftn.’ Sy kund ander luten gftti werk und tugent
gar hoch wegen, und was aber sy gftttes tett, das achtet sy gar klain. Sy hasset
alle wollust und liplich gemach und minet Got von hertzen. Ain Schwester was
15 zft ainem mal mit ir in der schweren schuld; do sprach sy: ‘Ich han alle min
tag begert das ich die selben bftss tragen sölti unverschuldt.’
Sy hat och vor andren tugenden zft der gehorsami als grossen andacht und
zft [ 139 *] allen den stuken des Ordens und sunderlich zft den zitten, das sy die
in dem kor begieng: do sy joch gar alt und krank was, do gieng sy alle tag zft
20 meti. Do sy by den nutzig jaren was und in dem siech hus lag, do wer sy
ungern in dem kalten winter oder in dem sumer zft meti uss dem kor gewessen.
Und won sy von allter wenig gesach ald gehört, so stiess sy sich etwenn, das
sy sich fast gewursset, und verirret dik, das sy nit wist wo sy was, und lies
doch darum nit ab sy wolt alle tag zft meti gon. Und kurtzlich § sy in das
25 todbett kem, do hat sy ain Schwester gebetten das sy ir alle tag saiti, so man
meti luti, won sy nit wol gehört; des vergass die Schwester zft ainem mal untz
das die meti gesungen ward, und do sy für den kor kam, do gehftb [ 140 «] sy sich
als kläglich das wir sy nit getrösten kundent, und wolt och für das nit an ir
rfiw gon. Ir gewonhait was das sy dik vor meti uff stund und gieng denn bald
80 in den kor, so man erst das erst zaichen lut Und sait üns ain Schwester, die
och gewonlich, so man das erst zaichen lut, in den kor gieng, und do sy ainest
in dem advent in den kor kam, do was der kor als fol guttes schmakes als in
dem summer die rosen schmekent, so ir fil ist an ainer stat. Also gieng sy in
dem kor hin und her, und wundret sy was es möchtti sin, und do sy für
85 Schwester Eisbeten stftl kam, do was der schmak da als stark das sy sicher was
das er von ir kam, und was och niement in dem [ 140 1 ] kor; won uns sait och
ain tugenthafti Schwester Gepe sälig von Tetingen das ir die sälig Schwester
Mechthilt von Gostantz saiti das sy die selben Schwester Eisbeten ze ainem
3. mitlidendes so G.
30. vns gestrichen (r.) G.
7. ''gehört" och G . 20. nützig so G. 24. € so G.
32. fchamakes G. 37. die Namen nicht hervorgehoben G,
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XXXIII. Eisbet von Cellinkon.
93
mal in der nacht vor irem bet sach ston, und was ir lib als durchlüchtett das
ain so wunnenklicber schin von ir gieng, das enkain stat in dem dormiter was
man heti ain nadlen ab der erd gesechen ze nemen.
Do sy nun als fast baidi von alter und krankhait begund abnemen, do bat
sy die sä)gen Schwester Eisbeten Staglinum, die dis ales von ir schraib, so 5
sy sächi das sy sich ienen nider liessi an ir gemach ald mit iement zü red kem,
das nit von Got wer, das sy sy denn raaneti, und so sy denn nit won für sy
stund, so gieng sy bald mit ir von dannen. [ 141»] So sy och siech was, so sy
denn gar klain wider kam, so illt sy bald in den kor und in das refentar.
So sy dennocht als krank was das uns wunder nam das sy es erliden 10
mocht, was dise süllig Schwester gütter werken fdrbracht: darzü müst die götlich
min ir helferin sin; won sy hat ain klaines kurtzes libli als ain kind, und hanget
ir fil jar das hobt herab, das es den achslen gelich st&nd. Sy hat och fil sonder¬
licher gnaden zü ünsers heren marter und sprach: unser her kund recht kain
mass; aber wir farent gar fer under mass; wir rürrent kum ain zipelin der mass. 15
Sy tett och emsseklich als grossi gebett unsere heren marter. Und do sy als
alt ward das man ir das hobt kum ob den achslen mocht gesechen, so [ 141 '*/ sprach
sy etliches tages etwe dik v miserere in crütz wis. Und so wir etwenn
sprachent wir möchtind als kum also strengi gebet getün, so sprach sy: ‘Ir söltind
an mich allten stok sechen, was ich getün mag; versüchtend ir üch, unser her 20
kem üch darin zü hilf.’ Und die andacht und die min die sy zü ünsers heren
marter hat, die zaigt sy an ir jüngsten zit. Won do sy ietz sterben wolt, das
was an dem stillen fritag, do warent etlich schwestren by ir, do man das ampt
begieng in dem kor, und las ir die sülig und tugenthaft greffin schwester
Adelhait von Nellenburg den passion Sant Johannes vor. Das verstund sy 25
gar wol, und do sy die wort las, als ünser her sinen gaist sinem himelschen
/ 142»] vatter uff gab, das sy do ir armen von ain andren zertentt in crütz wis,
do sy noch do licht ain stund kum lebt Sy frowt sich ires eben menschen
fügenden und gütten lebens: wenn sy ain junge schwester sach die sich flissklich
und ernstklich zü dem orden und zü gebet hielt, da gewan sy als grossen trost SO
von und ward in als hold und frowt sich sin so begirlich, won sy minet Gotes
lob und gaistlich leben von hertzen, und tett ir fil wunder we so sy kain un-
ordenhafti sach ald icht under üns uff stund das untz dar nit gewonlich was:
5. Staglinnm; da» am nachtr. (r.) durchttr. und (no.) unterpunktiert G. 10. dennocht]
ocht (mit Verweisungtzeichen, etc.) am Rand nachgetr. 10. dz fy Ins, dann vns gestr. (tw., um
nachträglich im Sinn de» Miniator» die Wir-Form zu betätigen) G. 13. achten G. 17. ge-
feche G. 18. wir in die fchweftren karr. G. 19. wir in fy korr., dann wieder wir
übergeschrieben, tw. G. 23. vor ampt »teht bereit» amt (zu tilgen vergetten) G. 33. hier
und weiterhin (S. 94,20. 21. 30 [?]) die Wir-Form vom Miniator beibehalten G.
5. sälgen : vgl. Einleitung. — Zu der Form Staglinum vgl S. 41,21 und Anm. 25. Die
Tochter dieses gräflichen Geschlechts war nur vorübergehend im Kloster, nach ff. Sulzer BGT 29.
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94
XXXIII. E lebet von Cellinkon.
das klegt sy fil hertzklich, won sy wist wol in wellem grossem fliss und andacht
[U2*j die schwestren warent in der nüwi des ordens, und das sy wenig staltent
uff iren nutz oder gemach, won das sy Got dienetend frölich, doch in armfit und
in gebresten, und war nament wie der orden und die gesetzt strenklich von in
5 allen wurd behalten, also das etlichi under in was die sprach: e das sy wölti
sechen den orden fil ubergon und darzfi schwigen, sy wölti 6 ir leben verlieren.
Do dise sälig Schwester nun uff das alter kam wol uff nützig jar ald dar über,
do ward sy recht als ain kind von in jaren und mocht nit gon und kund noch
enmocht nit reden und erkant och wenig schwestren. Und das joch von Got
10 ain wunderlichi gnad was: so man ir etwas von Got sait oder [H3*] las, so
tett sy als begirlich darzfi und hfib sich recht uss dem bett uff, das sy der
Schwester nachen möchti komen, und so die Schwester nit me las, so rfift sy
begirlich: ‘Me, me!’ So man ir och die hochzit vor namt, und man sy denn fragt
was man zfi ieklichem begiengi, so kund sy es wol gezaigen oder gesagen. Sy
15 sprach och das Ave Maria dik begirlich, und so sy kam an das wort Ihesus,
so rfift sy etwen dik: ‘Ihesus, Ihesus!’ Ain Schwester zaiget och ainest zfi
dem hertzen und sprach: ‘Du soltest dem Ihesuslin gütlich tfin: es lit recht
da in dem hertzen.’ Also fieng sy ain gewonhait an, das sy für das mal dik ir
armen begirlich über ir hertz trukt recht als sy in lieplich umb fienge, und dunkt
20 [U3 b ] uns dik das ir Got als nach wäri und merer mit ir zfi tfin heti denn do
sy alle ir beschaidenhait hat, wie wir doch in dem zit fil gfites bildes von ir
nament, die wil sy alle ir sinn hat: do ret sy dik begirlich von der erbärmd die
ünser her erzaigt dem Schacher an dem crütz an dem stillen fritag und allen
christten menschen, und wie die wirdig sei ünsers lieben heren Ihesu Christi
25 zfi der vor hell kam, wel gross wunder von fröden da ward; dar zfi was ir
unmas begirlich zemfit. Und ffigt ir es der barmhertzig Got, als sy alwegen
sunder andacht hat zfi dem tag und zfi der stund, das sy an dem bailgen stillen
fritag starb uff mitten tag [144*], als es die bredger achtetend und sprachend es
wer wol uff die selben stund als ünser her verschied an dem crutz, und
30 wend es aigelich da für han das ir sei un mitel kem für die beschöw Gotes.
Won als sy dik lieblos was gewessen by irem leben von den lüten, also was sy
och an dem tag ires todes, da laider schuldig an was die Schwester die dis von
ir geschriben hat: die was do ir dienerin, und wist nit das sy krenker was denn
zfi ainer andren zit, und liess sy alain ligen untz sy fil nach den salter hat ge-
35 lessen mit dem cofent; do kam sy zfi ir und hfib sy uff und lait sy wider nider
und gab ir zfi essent, das sy wenig kain verstantnus an ir bekant, untz das sy
ietz begund bin ziechen; do ward sy als besint und als wol gehör ent: so
sy von Got ir vor ret, das sy darzfi tieff naig, und gab ir zfi *verstend das sy
4. gebraten O. 5. E O. 5. "fy" dz 0. 6. 6 G. 7. nützig to G; vgl. S. 92,20.
8. jaren (r.) vnlerttr. G. 30. wen ö. 30. aigelich to Q. 30. (beechöwd Ü).
30. wend eher 1. (wir) alt 3. (die bredger) Perton.
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XXXIII. Eisbet von Cellinkon.
Beschluß.
95
gern ir arbait und den tod wolt liden ünserm heren zü lob, als er och des tags
starb umb das hail alles menschliches künnes. Und zertand ir armen, als da
vor geschriben stat, und won sy dem tod als nach was, so was wol zü merken
das es ain sunderliche gnad von Got was, won sy davor dik wenig rechter be-
schaidenhait hat. Hierum sy gelobt der milt Got, der die gedult der armen nit 5
lat verderben, won das er sy wider wiget mit ewigem Ion.
Das ir sei aber alzeharid für die beschöw Gottes kem, do sy von diser weit
schied, das ward ainer Schwester erzaigt in söllicher wis, das sy nit zwiffel dar
an wolt han. Deo gratias!
Beschlu/s.
Ein beschliefinng dis buches, und von der seligen frawen, der mutter des dieners 10
der ewigen weißheit. Das hinderst vnd XXXITII capitel.
Una queque arbor de fructu suo cognoscitur (Luce sexto).
Unßer lieber herr Ihesus Christus hat gesprochen in dem heiligen
ewangelio das ein iecklicher paum werde bekant von seinen früchten, als
ob er wölte sprechen: wo die frücht gut sind, do sol man wol den paum der 15
selben frucht auch für [LXV<* ] gut scheczen und nemen. Und das ist auch
das unßer herr an einem andern end spricht: Arbor bona fructus bonos
facit (Mathei septimo), Ein gutter paum tut gutte frucht. Und diß ist
wol scheinbar an dem seligen fruchtbaren gutten paum, an unßerm heiligen
vater Sant Dominicus, der do gar vil grosser gutter frucht getan hat, dar 20
umb er manigfaltiklichen wol ze loben ist. Und seit dem mal das er so vil
frucht, das ist so vil gutter geistlicher seliger andechtiger kinder in einem
einigen closter seines Ordens hat gehabt: wie fil meinest du das denn ge-
weßen seint in andern manigfaltigen clöstem und conventen seiner geistlichen
kinden, der prüder und swester prediger Ordens, die da weit und preit und 25
manigfaltiklichen zerpreittet sind in alle land der ganczen heiligen cristen-
heit? Und dar umb so wirt uns zu einem gutten [LX V*] exempel diß edeln
paumes frucht von Got für gehebt, do er spricht (deutronomii xx): Sume-
tis vobis fructus arboris pulcerrime, Ir werden euch selbe abprechen
die frücht des aller schönsten paumes. Als Got der herr sprechen wölte zu 30
2. kund; dann d gestrichen, aber das Wort unergämt gelassen ; vgl. 8. 102,22 künnes.
2. zertand so Q\ vgl. S . 93,27 zertentt. 14. Ewanglio N.
10. wolt han ] hier hängt N (LXIIH*) ein letztes Kapitel des Schwestembuches an (vermutlich
freie Zutat J. Meiers mit Benutzung des Seusenbuches der Stagel, Den. Seuse 7, 37).
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96 Die Matter des Scusen.
allen prüdem und swestern prediger ordens: Brechent eüch selbe ab die
frucht, das ist: lugent und nement war das selig leben das die ersten prüder
und swestern gehabt habent in aller andacht und heilikeit, und ir auch also
sollichen seligen exempel nach leben seit, das ir wirdig und von recht
5 werdent genant die gutten und lebende frucht des aller schönsten paums:
des lieben eures vatters Sant Dominicus, der do ein miniklicher paum ist,
und alle seligen prüdem und swestern prediger orden sint die gutten frücht.
Ja er ist auch ein seliger rebstock oder weinstock, als man von im singet:
Felix [LXVc] vitis, de cujus surcula tantum germen redundat seculo! Du
10 seliger wein stock, von des perhaftigen auf schießenden würczen so vil samen
der weit bekimet ist ic. Nun spricht auch die ewige warheit Christus in dem
heiligen ewangelio also: Facite arborem bonam, et fructus ejus
bonum bonum. Ex fruchtu enim arbor agnoscitur (Mathei xu),
Machent einen gutten paum und auch seine frücht: wann auch von der
15 frucht so wirt der paum bekant. Diß gepot het wol verpracht prediger orden
in dem das die felige frawe, des dienere der ewigen weißheit mutter, die da
vil gutter pild und exempel nam und enpfieng von dem seligen leben der
heilligen prüder und swester prediger ordens — und also ward si von
prediger orden gemachet zu einem gutten paum, und ir frucht ist ir snn der
20 diener: die selbe frucht ward auch gut, und von diser edlen frucht so ist
auch der paum bekant [LXV<*] worden. Aber wie und wer diß edel frucht
sei — das ist: wie heilig der wandel und das leben des dienere der ewigen
weißheit sei, der do was ein prüder prediger ordens — das ist in teutsch
geschriben von der seligen swester Elßbetii Staglin, und nennent wir es mit
25 dem gemeinen namen des Seußen puch, und das selb puch ist gekert
von einem andechtigen bruder Cartewser orden von teutsch in latein, als
denn das in geschrift hant unßer brüder die prediger ze Basel und auch ze
Nürenberg. Und darumb sol pillichen bekant werden von dißer edeln
frucht dißer gutter paum, wann dißer paum hat prediger orden gar ein
30 nütze frucht pracht. Ja ich mag diße selige fraw auch geleichen einer
prinenden latternen, die da gehabt hat ein dar leüchtendes liecht, das der
cristenheit und besunder prediger orden wol clarlichen gezun [LX F7«7det und
geschinen hat. Und dar umb das ir vil andechtiges leben zu unßer besserung
werde gekeret, so wil ich Got ze lob in einer kürtze von irem seligen leben
85 ein wenig hie sagen.
Diße andechtige frawe, dez dienere muter, der nam geschriben sei in
dem puch des lebens, die lebte all ir tag Got in großer andacht, und von des
5. lebende so N. 13. fruchtu so N. 14. feine mit Verweisungszeichen am Rand
nachgetr. N. 14 f. wan bis frucht mit Verweisungszeichen am Fuß der Seite nachgetr. N.
23. 26. teusch, dann t oben eingeflickt N.
27. 28. In Basel ist über den Verbleib dieser Hs. eines lateinischen 'Seusenbuchs* nichts bekannt
{gef. Mitteilung von Oberbibliothekar Dr. Bernoulii ); in Nürnberg findet sich das Werk weder sn der
Bibliothek des Germanischen Museums noch in der Stadtbibliothek (gef. Mitteilung der letztem).
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Die Matter des Seusen.
97
wegen das si sunder gnad und andacht zu dem heiligen prediger orden hett,
dar umb tet si Got das ze lob das si iren sun, Heinrich genant, tet in
prediger orden, do er dreizehen jar alt was, und het in in solicher mas
geczogen in cristenlicher geistlikeit das er behüb seinen gutten leimunden
eines cristenlichen lebens vor Got und [LXVfr] vor seinen engelen und auch 5
vor den menschen, und dar nach ward er gar ein heiliger mensch, als denn
das puch seines lebens weist. Aber die fraw sein selige muter was ein vil
große leiderinn, und dis kam aller meist von der widerwertigen ungeleichet
die si von ir hauswirt hetten. Si was vol Gottes und het auch gern dar
nach götlichen gelebt: do was er der weit vol und zoch mit strenger hertikeit 10
dar wider, und dar umb so viel manigfeltiges leiden hie zwischen. Si het
aber gar ein gutte löbliche gewonheit: das si alles ir leiden das ir begegnet,
warff in das pitter leiden Christi, und also do mit überwand si ir eigen
leiden. Ein güte Übung het si xxx jar: das si nie geließ, so si stund zu
meß, si erweinte sich pitterlichen von hertzenlichen mitleiden das si von 15
unßers herren marter het und seiner ILXVIc] getreuen muter, und geschach
auch ze einer zeit das si von unmeßiger minn die si ze Got h&t, minne sich
ward und wol xn Wochen ze bette lag, also jamerig und senende nach Got
das sein die arczet küntlichen innen wurden und gut pild dar ab nament.
Do si nun ir leben in sölicher mas und in andern manigfaltigen tagenden 20
verpracht h&t und große begird zu dem ewigen Got und dem himelreich
hat, do wolt auch der milt Got ir begird genungk sein. Also fügt es sich
das si ein mal ze angender fasten gieng in das münster, und in dem selben
münster do stund auf einem altar die ablößung unßers herren mit beschnitte¬
nen bilden. Und von andechtigem betrachten des wirdigen leidens Christi 25
hinderkam si etwas in enpfintlicher weis der groß smercz den die zarte
muter Gotes het unter [LXVI* ] dem kreutz, und do von der not geschah
dißer gutten seligen frawen auch als von erpermd, das ir hertz etwas er-
krenckte enpfintlichen in irem leib, das si von amacht nider seig an die
erden. Und do man ir heim gehalff, do lag si siech untz an den stillen 30
freitag ze non, an der selben stund do der sun Gottes Ihesus Christus
durch unßer Sünden willen an dem fron creutz starb: do starb si auch under
dem do man den passion sang, und nam ein vil sellig end, also auch ir
leben selig gewesen was.
IN den selben zeitten do waz prüder Heinrich prediger ordens, ir leip- 35
licher sun, der do genant wirt der diener der ewigen weißheit, ze Cöln ze
schule, und si erschein im zehant in einer gesicht und zeigte im den großen
Ion den si von Got enpfangen het, und sprach [LXVII*] mit großen frewden:
‘Eia, kint meines! hab Got lieb und getraw im wol: er let dich mit nit in
keiner widerwertikeit. Lug, ich pin von diser weit gescheiden und pin nit 40
tod, besunder ich sol ewiklichen vor Got leben. 7 Si kust in müterlichen an
seinen mund und gesegnet in müterlichen und verswand. Er vieng an ze
weinen und rüfft ir nach und sprach: ‘0 getrewe und heilige muter, pis mir
getrew gegen dem milten Got! 7
' 8. vngeleichet so N. 40. von difer — pin mit Verweisungszeichen cm Rand nachgetr. N.
Deutsche Texte des Mittelalters VI. 7
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98 Der Vater des Sensen. — Schlußvermahnung. — Königin Eisbet.
DEs dienere leiplicher vater was ze mal der weit kint geweßen. Doch
so richtet er sein leben vor seinem tod in solicher maß daz er auch erwarb
die genad Gottes. Und do er starb, do erschein er noch seinem tod seinem
sun dem diener der ewigen weißheit. Sein engstliches fegfetir und wo mit
5 er daz aller meist verdienet hett, zeigte er im mit einem [LXVIP>] jemer-
lichen an blick, und sagte im aus gescheidenlichen wie er im solte helffen,
und das tet er mit kintlichen trewen. Also do erschein er im aber über
etwas zeittes dar nach, und sagte im wie er ledig worden were.
NUn hand wir an dißem puch wol verstanden wie andechtiklichen in
10 ' aller heillikeit unßer alt vordem lieben müttern uns ein gut exempel der
selikeit hand vorgetragen, auf das das wir inen auch nach volgen nach dem
pesten in haltung unßers heilligen prediger Ordens; und als si rein Got dem
herren behalten habend ir seien von aller süntlicher begirlikeit, also
sülent wir auch rein behalten Got dem almechtigen sei, hercz und gemtit,
15 das wir auch mit gutter concziencz zu Got in unßerm gepet mit der seligen
junchfrawen Sara sprechen mugen: Mundum servavi animam meam ab
omni concupiscencia. Rein hab ich mein sei, herr Ihesu Christe, dir ze
einem lob behalten von aller unzimlicher unreinikeit und Sünden. Das wir
nun in solicher maß leben in behaltung aller tugenden des heiligen prediger
20 orden, also das wir durch die gütliche genad nach dißem leben erfolgen das
ewig leben, das verleih uns allen Got vater, sun und heiliger geist! Amen.
Explicit vitas sororum ordinis predicatorum monasterii Töss
provincie Teuthonie. Hie hat ein end das puch der swestern leben
prediger orden des closters Töss in teuschem land.
25 [XXXIV] Hie fahet an die legende des lebens der hochwirdigen junck-
frawen swester Eisbethen, herr Andreas tochter des knnges von Ungarn,
die da was ein swester prediger Ordens in dem closter ne Tftsse in
teüczscher province :c.
Esto fidelis usque ad mortem, et dabo tibi coronam vite. Der
30 almechtig Got . . .
[150*] Der ainvaltent Got, der mit sines gewaltes kraft von aigner fryhait
siner Überfliessenden güti ain creatur nach sin selbes bild schöpfen wolt, die er
entpfenklich wolt machen von gnaden des waren gütes, das er von götlicher
5. v’dien e t (e nachtr. zugefügt) N. 7. 8. aber — im mit Verweisungszeichen am obern Rand
nachgetr . N. 11. so N. Das zweite das zu tilgen ? 16. Mundum so hier N, dagegen richtig oben 1,3
nach Tob. 3 , 16. 29. in dem Anfangsbuchstaben E das Bild einer Dominikaner-Nonne (w weißem
Rock und schwarzem Mantel mit Kapuze, die weiß unterlegt ist), in der Rechten ein rotes Buch , in der
Linken ein Scepter , aus einer weißen Lilie und zwei roten Rosen bestehend , links neben sich einen roten
Wappenschild ohne Bild mit Krone darüber , um das Haupt einen Strahlenkranz N. 31. Hier und
weiterhin ist die auf Bl. 63 (unrichtig 67) beginnende falsche , ältere Seitenzählung der Hs. G des
Schwesternbuches, die wir bei unserer Benutzung derselben i. J. 1876 bis 144 berichtigt hatten , bei-
behalten , daher hier diese Zählung eine scheinbare Lücke (Sprung von 144 auf 150) auf weist.
31. almechtig N (ainig Ewig Ü). 31. eigener reicher N.
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Königin Eisbet.
99
ewiger natur hat und ist, der hat sich och gewirdiget von angeng her das er in
der grundlosen wishait siner vätterlichen fürsichtikait allen sinen üsserwelten hat
geordnet und uff gelait alle die wis und die weg mit [150*>] den er sy beraiten
wil, zü entpfachent das unzerganklich güt leben das sy in der frfldenrichen
süssikait siner minenklichen angesicht ewigklich mit im besitzen söllent. Das hat 5
er manigfaltiklich bewert an sinen hailigen und an sinen aller liebsten fründen,
den er in diser zit hat uff gelait zetragen das schwer crütz maniger hand lidung,
das er in och in dem eilend diser weit mit allem sinem leben hat vorgetragen,
won da mit wil er sy bringen uff das zil da sy begriffent das erb das er in
vorberaitet hat in dem himelschen vatterland, ieklichem sunderlich nach der 10
wirdikait, als es von der gütlichen Ordnung ewigklichen für sechen ist.
[15l*] Dis hat unser her och folleklich bewiset an der hochgebornen künginen
Eisbeten, des edlen und wirdigen fürsten tochter küng Andres, der von adel
und von erb gewaltiger küng zü Unger was. Won es ist menklichem zü wissen
das des wirdigen und durchlüchten fürsten Andreas, küng zü Ungers, tochter, 15
des driten des namen — der hat ain frowen, die hies frow Fenn und was
geborn von Cecilie — den baiden gab Got ain tochter, die ward genamt
Elisabet. Do die geborn ward, do warent etlich lüt von Costentz da ze Offen
2. üsserwelten u. ö.: in dieser Legende zeigt G häufige Anwendung des Circumflexes, den wir
beibehalten, s. d.Einltg. 4. güt 0, ewig N. 8. a. feine heiligö 1. N. 11. es] er G (ß),
cs N. 13. Eisbeten, 13. andres, 14. vngor, 15. vngers, 18. offen, 100,8. üfterrich nicht hervor -
gehoben , während 13. edlen, 13. fürsten tochter, 14. 15. küng, 15. tochter, 16. frow rot unter¬
strichen sind G. Wir geben diese Hervorhebungen wieder, heben aber auch die Eigennamen durch¬
gehend hervor . 14. Won bis 100,22. Töss folgt in N erst auf 101,18 als Beginn eines ersten
Kapitels, wozu die Überschrift : Wie die Edle furstin vö irem vater land gefüret ward in fwaben
land. vii in das Cloft’ gen töffe kam. vn legt do predig’ orde an. Das • j • Capitel.
16. fenn G (Ü), feiiin N. 17. Cecilie vn was ein heidinen gefein. Der gab N.
14. Zu der folgenden Familiengeschichte Elisabets von Ungarn vgl. Greith , H. Suso (Kath. Schw.
Bll. 1860, 399 ff., nach Lychnowsky, Geschichte des Erzhauses Habsburg /; Damberger , Synchron.
Gesch. XIIu. a.); Sulzer, BGT26, DKT103 (25); Öchsli, Quellenbuch z. Schweizergesch. II, 252 — 257.
König Andreas III. von Ungarn, genannt der Venetianer , der letzte Sproß des Hauses Arpad,
war der Sohn des Prinzen Stephan (eines Halbbruders König Ladislav IV.) und der Venetianerin
Thomasina Maurocena. Er heiratete um 1291 die polnische Prinzessin Fenna oder Fennema,
Tochter des Herzogs Zinmovit von Cujavien aus dem Geschlechts der Pjasten (also nicht ‘von Cecilie’).
Sie hatten zwei Töchter, wovon die ältere, unsere Elisabet, zwischen 1292 und 94 geboren sein wird ,
da Fenna 1295 an den Folgen der Geburt einer zweiten Tochter starb. Die Festlichkeiten, womit
diese zweite Prinzessin begrüßt worden sein soll (Greith nach Damberger XII, 49 f.), erzählt Eisbet
Stagel, die sich auf einen Augenzeugen der Feste zu Ofen, Walther den TÖss, beruft (ein Chünrat
Tösser erscheint am 4. April 1340 als Eigenmann des Klosters zu Töss, Zürcher Staatsarchiv ,
Regesten) wohl richtiger zu der Geburt der ersten Tochter, unserer Elisabet, die als Erstgeborne die
rechtmäßige Thronerbin von Ungarn war und bereits als kleines Kind dem jungen König Wenzel von
Böhmen (also nicht einem Herzog von ‘Paiger’) verlobt ward. Noch 1295, wenige Monate nach dem
Tode Fennas und der zweiten Tochter, vermählte sich Andreas abermals, mit König Albrechts Tochtei'
Agnes. Da diese seine zweite Ehe kinderlos blieb , war bei seinem Tode 1301 Elisabet seine einzige
7*
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100
Königin Eidbet.
in der stat gegewürtig, der hies ainer Waltter der Toss; der hat och siner
tochter kinden zwo [151*] in ünserm kloster: der sait uns von grossen eren und
frflden die da was; besunder sait er das man zü allen toren win umb sust
schankt aller menklich, riehen und armen, als ob es winbrunnen werint, und
5 all glogen wurdent gelüt und un ander grosse herschaft die da was.
Darnach ward sy verm&chlet ainem heren von Paiger, und über etlich zit
do ward dem küng von Unger des römschen küngs Küng Albrechtz tochter
frow Agnes von Osterrich gemächlet. Do die gen Unger kam und etwe fil
zit da was gesin, do lait sy dem heren für und bat in das er ir gundi das
10 frowlin hin uss ze füren gen Win, das man es zug mit ires brüd/752«/ers kinden.
In dem do starb der küng; do verhies sy den lantzheren zü Unger sy weit
das fröwlin geben hertzog Hainrich von Osterrich, und verhiess in och sy
weit ir geben ir hainstür zü dem heren; das was zü drigen malen hundert
tusent guldi.
15 In dem do ward küng Albrecht, frow Agnesen vätter, erschlagen von
hertzog Johannes, sines brüders sun. Do fürt sy mit ir küng Andreas
tochter heruss in Schwaben land. Und bede von laid umb iren heren den küng
von Unger und och umb iren vatter do ergab sy sich under ain gaistlich leben
barfüssen orden und buwt das kloster zü Küngsfeld, und do zwang sy das
20 fröwli [152*] das es och gaistlich müst werden. Do ward ir ires aignen willen
nit me denn das man sy lies alle klöster schowen in Schwaben: do wolt sy in
kaines denn in unser kloster zü Töss.
1. töff N (toff Ü). 2. het zwü tocht’ ze töffe N, zwo zü töss im kl.: nachtr. Änderung
in G (finer docht’ kind ij zü töff im cloft’ Ü). 2. vns gestr. (r.) G, fehlt N. 5. vn vn G,
vn N; lies: nn (ohne) und streiche und? 10. win so G, wien N (Ü). 10. kind N.
15. erfchlage am Rand nachgetr. G, 22. unser in dz geändert G. 22. den gä töff N.
Hierauf folgt in N die Stelle unten 101,24—27, 101,19—23, 101,28—102,3.
Erbin. Aber ein Teil des Adels hatte bereits 1300 einen Urenkel König Stephans L von Ungarn,
Karl Robert von Neapel aus dem Hause Anjou, zu Agram krönen lassen, während der König Stuhl¬
weißenburg und Ofen behauptete ; nach seinem Tode wurden die Witwe Agnes und deren Stieftochter
Elisabet auf der Königsburg zu Ofen so hart gefangen gehalten, daß die Königin, um ihren Unlerhall
zu bestreiten, ihre Kleinodien verpfänden mußte ; ihr Bruder Herzog Rudolf ließ die Gefangenen durch
den Marschall Herman von Landenberg befreien und nach Wien fuhren, wo sie bis zur Ermordung
Kaiser Albrechts (1308) blieben . (Von diesen Schicksalen der Prinzessin weiß oder erzählt Eisbet Stagel
nichts.) Elisabets frühere Verlobung ward offenbar aufgehoben ; das nun ganz verwaiste, etwa 8jährige
Kind ward (was auch E. Stagel erwähnt) dem Herzog Heinrich von Österreich (Bruder ihrer Stief¬
mutter, geb. 1299, + 1327, s. S. 102,4) versprochen. Der Tod des Familienhauptes 1308 schnitt
sodann für die beiden Frauen alle weltlichen Pläne ab. Agnesens Mutter Elisabet stiftete an der
Stätte seines Todes Königsfelden\ Agnes kam dahin 1309 ; wohl im gleichen Jahre kam ihre Stief¬
tochter ins Kloster Toss, wo sie 15-, vielleicht 17jährig (Mystikerpaar S. 51\ jedenfalls nicht 13jährig
wie bei E. Stagel 101,19) eintrat und 28 Jahre (102,28) lebte, somit bei ihrem Tode 1337 (0. Mai)
43 - bis 45jährig (nach N 41 jährig, unten Anm. zu G 183*) war. Agnes starb zu KönigsfMen
11. Juni 1364.
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Königin Eisbet.
101
Von den gnaden Gotz do ward uns der wirdig schätz behalten, des wir Got
iemer ze loben und ze danken habent, won Got der allmächtig hat mit sinen
wundern merklich erzaiget das er sy im selber zft lob und nit der weit zft fröden
geschaffen hat. Von der wellent wir fürbas sagen, mer dem zft lob und zft eren
der da was ain lerer der tugenden uff ertrich und nun ist ain loner der tugenden 5
im himelrich, und das och alle die da von gebessret werdint die es ver/7J3«/nement.
Won recht zft glicher wis als unser her das land ze Unger und sunerlich
den hailgen orden der bredger hat geziert mit der hailgen und der würdigen
frowen Sant Margreten, die och von dem selben geschlecht geboren was: also
hat er och dis land und denselben orden und sunderlich dis kloster zft Tftss 10
geeret mit diser edlen fürstinen, umb die wir die unergrünten miltikait Gotes
imer zft lobent habent, das er üns die gnadenrichen gab ir küngklichen person
ie gerftcht ze geben und zft zftfftgen der gaistlichen gemainsami dises cofentes.
Aber wie sy von dem rftt des hailgen gaistes und von der fürkomenden Ordnung
[153*] sins gütlichen willen in dis kloster ist körnen von ainen so feren küngkrich, 15
das wer wol gröslich zeverwundren, won das man es dem geben sol der den
gewalt und die wishait mit dem willen dar lait: der wolt dis werk selber würken
mit der kraft siner gnaden, do die zit körnen was das er es fügen wolt.
An der selben zit do was die edel küngin in dem drizechenden jar, do sy
ünserm cofent under das joch der gehorsami befolchen und gegeben ward nach 20
aller gewonhait des ordens, und och sy sich selber demfttiklich darzft naigt, und
sich verwag, was Got und der orden mit ir wAlti, das sy des gern gehorsam
wAlti sin.
Dise edel küngin was [154*] die erst frow der vor fron altar in der nüwen
stift ie der orden angelait ward. Und do ward der altar gewicht in ünser lieben 25
frowen er Annunciacio und in Sant Eisbethen er, die och ain küngin von Unger
was und ain lantgreffin von Türingen von Hessen land, die ir fründ was.
Do dise tugendhaft küngin xv wuchen gaistlich was gesin, do gebot ir
stüffmfttter das man sie mftst wilen vor dem zit und das sy gehorsami mftst ge¬
loben; do naigt sy sich demfttiklich darzft. Ir stüffmftter nam och ain frowen 30
von Bussnang, küng Rüdolfes Schwester tochter, uss dem kloster zft Friburg
das man [154*] nemt ze Sant Kat her inen; die gab sy ir zft ainer hoffmaisterinen
1. vns in in geändert G. 1. wir in sy geändert G. 2. 3. Mit diesem Satt : An dißer
Elsbethö bat er feine wnnd' mercklichS erzeiget schließt N wieder an untern Text S. 99,14 an.
2. hat mit &- Zeichen darüber G. 3. aus werklich karr. G. 7. glicher mit Verweisungszeichen
am Rand beigefügt G. 7. funerlich so G. 10. dis in dz geändert G (dz Ü). 11. umb
bis 13. cofeutes fehlt N. 13. geändert in (r. u. sw.): der gaistlichait des orden zu tflss G.
15. dis in dz geänd . G. 15. ainen so G . 20. geänd. in dem c. töss G. 25. zu stift über
der Zeüe zugefügt (r.): in töss.
9. Margareta von Ungarn : ihr Leben folgt in G (und Ü) auf dasjenige der Prinzessin
Elisabet : sieh Einleitung und unten G 189 « Anm. 27. fründ: ihre Muhme : Tochter König
Andreas L von Ungarn , f als Landgräfin von Thüringen und Hessen 1231.
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102
Königin EUbet
und zü ainer pflegerinen. Die was ain als grimme herte frow das sy ir als fil
hertikait an tett das wir kainen zwifel dar an habent das sy der martrer gnoss
sy von liden das man ir an tett.
Nun fügt es sich das hertzog Hainrich von Osterich in dis land kam und
5 sy sücht. Do was sy gewilet und ward im fast versait; er wolt aber nit ablon
und wolt zü ir gegenwirtikait körnen, und kam her in dis kloster, und do er
sach das sy gewilet was, do ward er als güch das er ir den wil ab dem hobt
zoch, und warff in uff das ertrich und trat daruff, won er hat [155*] ain gantzes
wol gefallen und begird zü ir lütsäligen pcrson, won die was wol geschikt, und
10 er hat ain gantzes wol gefallen an ir und zü ir gemachelschaft, won ir lib was
wol geschikt und adelich von antlit, von gelidern und och von allen fröwlichen
gnadrichen wisen und geberden. Darum ward er gar ernstlich mit ir reden, und
bat sy das sy noch so wol tett und mit im hain gen Osterich für; er wölt sy
nit lassen engelten das sy ain gaistlichi und gewileti frow wer gesin. Do ant-
15 wurt sy das sy sich darum wölt bedenken, und gieng in den kor für ünsers
heren fronlichnam, und fiel uff ihre knü und bat Got das er [155*] ir sinen aller
liebsten willen zü erkennent geb, was sy dar inn getün möcht. Do ward ir des
ersten für geworffen sy möcht es wol getün, won sy ain frow was lüt und lantz
und ain rechti erbtochter des küngkrich zü Unger. Da wider zestund do gab
20 ir Got zü erkennent das sin liebster will wer das sy in diesem kloster belib und
arm und eilend durch sinen willen wer, als och er arm und eilend was durch
sy und alles menschliches künnes willen. Und do gab sy iren willen gantzlich
in den willen Gotz, und beschach ir da durch als we das sy lag zü gelicher wis
als sy tod wer, und schoss ir das blüt zemund und zenas uss. Und do man
25 sy wider bracht, do sait [156*] sy dem heren ab, das sy nit mit im wölt; sy
wölt hie ain armes leben füren nach der Ordnung Gotes. Do gab ir der himelsch
vatter die hain stur die er sim aingebornen sun gab: das was eilend, liden
und armüt. Sy hat gelebt xxvm iar, also das der cofent gemainlich und manig
mensch sunderlich dik grösslich von ir gebessret ward, won ir gaistlich leben hat
30 ainen als gnadenrichen anfang das der schwestren hertzen dik wol da von ge¬
bessret wurdent und och gar wol getröstet.
Sy hat ainen gar demütigen und gütlichen wandel gegen dem cofent an
Worten und an werken, und tett willeklich [156*] was man sy an mütett, wie
doch das wer das sy zü irem grossen adel och von jugent und von natur ain
35 als zartes hertz hat das ir joch gar klaine ding dik inneklich we tattent. Sy hat
och in grosser rainikait ir leben vertriben und die weit mit aller ir geziert gantz¬
lich verschmach umb iren heren Ihesum Christum, den himelschen gespuntzen
aller rainer und demütiger hertzen. Sy hat och gelebt in grosser armüt und hat
fil gebresten an zitlichem güt.
4. hier in N Kapitelüberschrift: Wie herezog heinrich vö Oft'reich fliehet die Edle kunigin
fraw Elifabet. vn fi habe wolt zu d’ heilige Ee. als fl im v’trewtet was. Das • ij • Capitel.
6. in dis kl. ] geändert in dz kl. töff 0 (Ü). 37. v’fchmach so G.
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Königin Eisbet.
103
Und es fftgt sich zft ainem mal das ir stüffmfttter zft ir kam, und do zemal
was sy als arm das sy nit gewandes hat won ainen gebietzten gebletzet rok,
den sy an trüg. Do fiel sy ir in die schoss und sprach zft ir: ‘Schwester,
schemest du dich nit das ains [157*] küngs tochter von Unger, ain rechti
erbtochter, also schwachi klaider an traft?’ Da vor hat sy nit me jährlicher gult 5
denn drisig Schilling haller. Darnach ward ir erworben von der herschaft von
Österich ain hoff, ist genemt öwingen, der galt xl mutt kernen, zelibding.
Darnach fügt es sich von grossem siechtagen das ir die artzet riettend das
sy sölt gen Baden faren. Do nam sy demütiklich urlob von dem maistter breger
ordens zft dem hochen capitel. Do sant sy unser kloster mit erwirdiger gesel- 10
schaft gen Baden. Do ward ir gar fil geschenkt und so fil grosser eren erbotten
von den lantzheren und von den umbsessen, die ir wirdikait und ir [157*]
armfit wol erkantend. Och lftd sy ir mfttter von Baden gen Küngsfeld, und
lies sy schowen ales ir klainet, das ir ir vatter von allen landen gebracht hat,
und gemaint sy mit aines haller wert nie. Die hertikait tett ir wirs denn ir tett 15
schaiden von ires vatters land.
Do fftr sy von dannen mit eilendem und betrübtem hertzen. Nun was man
zü Zürich wol wissent das sy ze Baden was gesin, und hattend grosse begird
zft ir baide die stat und unser orden, won sy wisstend wol und erkantend wol
das sy die wirdigest person was die do zemal lebt, und ain künginn von allen 20
iren fier anenen, und och von ires gfttten lebens und hailigen lündens wegen, der
erschollen was durch [158*] alles land. Do begertend sy sy ze sechend und sich
in ir hailiges gebet zft befelchent. Do kam sy zft inen, und beschach ir grosse
er von der stat und och von ünserm orden: das was von gnaden Gottes ain er-
getzen ir zarten edlen natur. Darnach fftrt man sy zft unser lieben frowen gen 25
Ainsidelen, das sy ir selbs dester bas vergess. Dannen ward sy do wider her
in ünser kloster ze Töss gefürt, und ward enpfangen von ünserm kloster mit
grossen fröden und erwirdikait, als bildlich was, und do sait sy ünsren schwest-
ren: wer die gros er nit gesin, sy wer sin in grosse krankhaft gefallen der grossen
1. hier in N Kapitelüberschrift : Wie die hochgeporne fürftin Elifabeth lebt in fo großer
armut. vn von großem fiechtagö. das ir der meift* des ordens vn das general Capitel erlaubet
zu den paden ze fare. Das iij Capitel. 2. gebuczte Ü. 7. Oringe G (Öringen Z7);
ist — Oringen fehlt N. Der Name ist in G (und Ü) entstellt aus Öningen (Dorf mit Abtei bei
Stein a. Rh.): H. Sulzer, BGT 27. In einer Urkunde von 1342 erscheinen auch Eigenleute des
Klosters Öningen zu Neufom als Verkäufer eines Weingartens an Kloster Töß. Zürcher Staatsarchiv
Regesten. 10. vnfer unvollständig korrigiert in difcr [so] G\ nach klofter zugesetzt: töff (das
cloft’ döff Ü). 19. zü ir am Rand nachgetr. G. 23. groffe: das e nachtr. getilgt G.
24. Er G. 26. her gestr. (r.) G. 27. vnfer unvollst. korr. in dz, dann wieder über¬
geschrieben G. 27. ^nferm korr. in dem, dann wieder übergeschr . G. 28. ^nfren unvollst.
korr. in yns den, dann wieder übergeschrieben G.
14. ir vatter: wohl der Vater Elsbets , König Andreas. Ein kostbares Diptychon von griechischer
und venezianischer Arbeit , das Andreas seiner zweiten Gemahlin aus Venedig gebracht und hinterlassen
hat, befindet sieh seit der Aufhebung Konigsfeldens in Bern (jetzt im Historischen Museum).
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104
Königin Eisbet.
untrüwen so ir ir stüffmütter tett. Und hat sy formals ain ernsthaftes strenges
leben gefürt, do fieng sy dar nach [158*] noch ain fil ain strengere hailgers
leben an.
Dise hochgeboren edel küngin Schwester hat die gnad und min das sy gar
5 dik und lutterlich bichtett mit manigfaltigen trechen, und gab allwegent irem
bichter zü erkennent alles das ir hertz bekumret. Nun fügt es sich zü ainem
mal das uns gar ain grober bichter ward gesendt ze ainem hochzit. Und do
der cofent gemainlich gebichtet, zü dem kam sy och und gab im demüteklich zü
erkennent ir schuld und die bekümernus die sy hat in zitlichem liden und
10 eilend. Do was ir wirdige person im unerkant, und fragt sy gar gröblich wie
sy hiess. Do antwurt sy gar demüteklich: ‘Ich haiss Schwester Eisbet von Offen.’
Do fragt er sy [159*] och ob sy dannen geboren wer. Do antwurt sy: ‘Ja ich’.
Da antwurt er: ‘So macht du wol ain arbetsälig lident mensch sin, das du so
fers lantz bist herkomen in dis eilend.’ Also gab sy im sich nit me ze erkennent,
15 wer sy wer. Sy gieng in den kor für den altar und ergab sich dem der ain
tröster ist und ain helfer aller hertzen, und ergab im och alles das ir anlag.
Darnach do ward der bichter fragen, do sy von im geschied, wer sy wer. Do
ward im gesait das sy die wirdig küngin Andreas tochter wer. Do erschrak
er gar übel und bat ernstlich das man in für sy liess. Und do er für sy kam,
20 do strakt er sich uff die erd für sy, und bat sy mit grosser demüt das [159*] sy
im es lutterlich durch Got vergeh, und das tett sy.
Dise gnadenrich künginn ist och gar ains demütigen wandeis und lebens
gesin und erzaig ir grossen demütikait dik an fil dingen. Och so sy etwenn an
verbot!en stetten ald ze ungewonlien zitten geret hat mit den jungen schwestren,
25 und denn etliche Schwester dar kam die sy entsitzen soltend, so tet sy recht
als erschrockenlich und als forchtsamklich als die andren, und gieng denn zehand
danen. Sy gieng och gar begirlich und gern zü kor, und stund da dik mit un-
staten und gebäret doch frölich, darum das niement ir krankhait markti und
man ir es desterbas gundi. Sy ist och dik demütiklich joch in [160*] gemainen
30 capiteln gestanden und hat ir schuld gesprochen vor der priorin.
Sy hat och dem cofent dik gar demütiklich und gütlich ze tisch gedienet,
und tett das als begirlich das ir laid wer gewesen ob dekaine mangel liet ge-
hebt, das sy ir möcht han gebessret. Sy flaiss sich och das sy die schüschlen
selb usstrüg, so sy die schwestren von in gesatztend, und sy etwen markt das
1. ernfthaftes mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G. 2. ain getilgt (stfl.); aber viell. ma.
Pleonasmus. 4. hier in N Kapitelüberschrift : Wie die felige Swefter Elifabeth fo andechtik-
lichen vn mit trehnen ir peicht tet. vnd fi ze einem mal vö eine groben peichtig’ als vntröft-
liche aus gerichtet wa’d. Das iiij Capitel. 20. den herd ald uff die erd, sodann den bis uff
unterpunktiert G. 20. und] vn G. 22. hier in N Kapitelüberschrift: Wie fleiffikliche fi zw
Cor gieng. vn wie diemüttiklichen fi fich gegen dem Conuentte hielt, vn ir fchuld fprach
in gemeine Capiteln. vn wie mit groffem fleiß fi den fweft’n zu tifch dienet. Dz • v • Cä.
24. ungewonlien ] zwischen i und e etwas ausradiert : wohl ch G (um eine ma. Form herzustellen)?
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EOnigin Eisbet.
105
ir die schwestren nit gern woltend mdten etliche ding zetdnd: so wainet sy
inneklich darum, und verschmachet die er die man ir tett und die sy ir damit
erbutend. Wen sy och selb ze tisch sass, so hielt sy sich als demdtiklich das sy
nit wolt noch begert [160<>] das man ir sölliche er erbut an den dingen die zd
irem lisch gehortend, als man doch bilich und gern het geton. Sy tett och als 5
geselleklicht gegen allen den schwestren die mit ir ze tisch sassent, sy werind
jung ald alt, das sis mit ir gdtlichi und mit ir tugenden recht zwang das sy
uss ir schüsslen mit ir mdstend essen. Uns sait och die Schwester die ir wol
xxnn jar in der kuchi und an sölicliem dienst gepflegen hat, wie sy ir mit spiss
ie getett ald was sy ir gab, das sy ir darum mit ainem wort nie dester ernst- 10
licher getett, sy wer joch gesund ald siech; sunder sy hat demdteklich vergdt
das ir unser her ftigt. Hie by ist wol zemerkent wie demüt//67“/tig sy och an
andren Sachen was, da von wir dik grosse bessrung und gdt bild nament.
Von irem andächtigen innigen gebett.
Es ist och gdt und nütz zewissent wie begirlich sy sich dbt an andächtigem 15
und strengem gebet. Aber sy hat die gewonhait: was sy gdtes tett mit gebet
ald mit anren dingen, so flais sy sich mit ernst das sy es also zd brechte das
niement da von ze red het. Doch mocht sy es nit ganlzlich verbergen, wir
sechind sy dik in gantzer andach begirlich beten, und dik mit krankem lib tet
sy als strengi gebet das wir uns da von wundretent das sy es erliden mocht. 20
Etlich schwestren sachent och, so sy an irem gebet was, das ir denn [16V>]
die trechen recht genuchsamklich von iren ogen flussent. Aber sunderlich an
dem stillen fritag so erzaiget sy grossen andacht und ernst. Sy nam des
selben tags fierhundert venien, unsers heren marter zd eren, und was
och denn den tag über gantzlich un alles trinken, und hie von ward ir als 25
we das sy darnach etwe lang fil dester krenker was. Wir fundent sy och
etwenn in dem kor, das ir in dem gebet geschwunden was und das man sy
also dannen tragen mdst.
Sy hat och sunderlich grossen und begirlichen andacht zd unser frowcn:
das zaigt sy an mengen dingen wol, won sy dienet ir mit tlissigem ernst. Aber 30
sunderlich zd der dult als [162*] der engel unser frowen verkunt das sy Gotes
mdter solt sin, der fröden und der eren ermanet sy sy dik mit hertzlicher begird,
und bettet ir denn der fröd zd lob ain • m • Ave Maria mit als fil venien, und
6. -licht 80 G. 13. fachen; am Band dafür dlgen G . 14. hier statt der unsrigen
in N die Kapitelüberschrift : Wie andechtikliche fi fich hielt an dem karfreitag mit venie. Auch
von dem gepet das fi tet ze dem hochzeit anüciacio. vn dem advent. vn in d’ weinnacht
nacht als Ihefus geporn ward. Das *vi* Capitel. 15. Es] Ees G. 18. 19. wir fechind
karr, in mä fech G. 19. andach so\ vgl. oben 87,10. 102,37 und Einl. 26. wir fundent
geändert in WÄ fand G. 28. alfo nachträglich mit Verweisungszeichen am Rand zugefügt G.
33. d’ freude ze ere vn ze lob ein taufst N (Ü wie G).
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106
Königin Eisbet.
darnach ze ieklicher dult unser frowen so bettet sy ain • m • Are Maria mit
«in - venien. Sy Abt sich och sunderlich in dem advent mit ernsthaftem erzaigen
ires hertzen andacht, won denn so bettet sy gewonlich siben tusent Ave
Maria mit als fil venien in der er aller der stunden die unser her in dem
5 rainen lib siner süssen zarten mütler beschlossen lag.
Und so denn der hailig tag zewinnüchten kam, so ging sy zemeti an etliche
haimliche stat in dem kor die ir dar zü fügt [162*], und stund da an ainer stat
untz das die lang meti gantzlich üss kam, und bettet denn stend ain • m • Ave
Maria ze lob der hailgen gebürt und der waren hilf die unser frow allen
10 menschen an dis weit bracht. Darnach so bettet sy denn durch das jar unander
gebet xxxiiii tussend Ave Maria zelob und ze eren allen den jaren und dem
zit das ünser her uff ertrich was. Sy sprach och etwenn, so die jungen schwestren
durch kurtzwil zA ir giengent: ‘Kinder, ich wil gon etwas für senden in das
künftig land, so ich selber darkum, das ich es den find’, und gieng denn in
15 den kor und bettet da gar ernstlich.
Sy Abt sich och gar fil an schönen und nützen tüschen gebetten, die sy
also mit ires hertzen andacht und gütter be//<>.3<7trachtung also zesamen hat
bracht und gefüget, und och ieklichen sin als wol underschaiden das die ma-
nuwgen gar begirlich ze bettend warent. Sy hat sunderlich gnad, in patter
20 noster zebettent in diserwis: das erst dem almechtigen gewalt ünsers heren,
für den alle menschen zegericht müssent kumen, das ander siner rechten ge-
rechtikait, mit der alle menschen gericht werden sölent, das drit siner grund¬
losen erbärmd, mit der alle menschen behalten sölent werden.
Sy hat och zegewonhait vn Ave Maria ze betten mit disen manungen:
25 Die erst: Ich ermanen dich, raine frow, Gottes mütter, alles des gAttes
zA dem dich Got geschaffen hat allen menschen für das ewig übel, da wir in
gefallen [163*] warent, und bit dich, milti mAtter, das du an mir vertribist alles
das übel das mich diner gnaden geieren mug.
Das ander: Ich ermanen dich aller der lutterkait zA der Got din menschlich
30 hailiges leben geordnet hat von anfang der weit für alle die finsternus unser sei,
und bit dich, raine mAtter Gottes, das mir mit diner hilf erwerbist das liecht
rechter erkantnus und rüw aller miner sunden.
1. ain •&•] j tauftet JV. 3. vij hund’t N (vij m Ü). 4. der ftunden wiederholt G.
8. ein taufient N. 16. hier in N Kapitelüberschrift: Wie die felige kunigin dichtet anCfer ire
eigne finnö • iij • schöne v’manflg mit • iij • pr nr • auch vij • andechtigo v’manüg mit vij aue
maria zu vnß’ liebe frawö. Dz • vii • Cap. 16. "fil" gar G. 19. manugen G ; vielleicht
mundartl.? (heute ist alam. -ung meist zu -ig geworden). 30. vnfer ohne ü-Zeichen G.
32. "ruw" aller ( Umstellung , wohl irrtümlich) G.
3. Die Zahlangabe (7000 ) in G (und Ü) stimmt mit der wohl zugrunde liegenden Berechnung
(.9 Monate zu 31) — bezw. 3 davon zu 31 — Tagen zu 24 Stunden = 6660 Stunden) besser überein
alt die in N (7 00).
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KOnigin Eisbet.
107
Das drit: leb ermanen dich aller diner minn da mit Got din hertz crfult
gen des menschen ewigen bail für den grossen zorn unser schuld, und bit dich,
gnädige frow, das du mir gebist ain minendes hertz alle zit zehabent gegen dir
und dinem kind umb alles das güt so wir von dir entpfangen habent.
Das fierd: Ich ermanen [164*] dich aller der wirdikait mit der sich die 5
gütlich drifaltikait naigt in dinen möglichen lib für die grosen verschmächt unser
verdienten schuld, und bit dich, frow aller eren, das du mir vergebist alle
die uner die ich mit Sünden dir und dinem kind ie erbotten han.
Das • v •: Ich ermanen dich aller der demütikait in der dir Got in disem
leben undertenig ist gewesen für ünser verfallnen hoffart, und bit dich, mütter 10
alles gütes, das du mir mit diner gnad helffist, minen willen mit gantzer demüt
ze naigen gegen dir umb das hail miner sei.
Das • vi •: Ich ermanen dich aller der Sicherheit die du by Got ewigklich
enpfangen hast, üns zü erwerbent gantze sicherhait des ewigen lebenns, und
bit dich, frow alles gcwaltes, das du mir mit [164*>] diner hilf erwerbist gantze 15
begerung in minem hertzen des ewigen lebens.
Das > vii •: Ich ermanen dich, frow, aller der zü versieht die üns Got an
dir gegeben hat unser sei und ünserm lib für die ewigen ferzwiflung, und bit
dich, milte mütter, das du min begerung ansechist und mich behütist vor
zü fallenden schänden und vor künftigem übel nun und iemer ewigklich. Amen. 20
Mit söllichen gebetten bekümret sy ir gemütt und lait fil ir zites daran, won
sy erkant wol das alle ding üppig sind un alain die zü Got vvisent.
Das aber ir gebet Got genem und löblich wer, des habent wir an etwe fil
dingen gütte urkünd. Sunderlich zü ainem mal do begert ain allle sälge Schwester
von etwas sach wegen ze redent [165 <*/ mit der lugentrichen küngen, und sücht 25
sy lang in dem kloster hin und her, und ze jungst do kam sy in den kor und
fand och da niement. Hievon wolt sy aber fürbas gegangen sin, und do sach
sy nebent dem altar ain Schwester ligen an ainer veni vor unser frowen bild,
und sach och das sy me denn ainer gantzen eilen hoch von dem ertrich uff er¬
haben was und in dem luft schwebt, und do krüwet die alt Schwester nider 30
und wolt gern warten wür die Schwester wer die sy in der gnad sach. Und
darnach über ain stund do kam die wirdig fürsttin von dem altar herabgangen,
und do sprach die Schwester zü ir: ‘Ach lieby frow, wo sind ir gewessen?
Ich han üch als fil gesücht.’ Do antwurt sy ir und sprach: ‘Ich was [1G5<>] hie;
bedurftet du min, so red mit mir was du wellist.’ Do sprach aber die alt 35
Schwester: ‘Nun gond für die dür üss, so kum ich och.’ Und das tett sy darum
6. möglichen so G. 8 . kind mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G. 14. zwischen
hast und üns steht frow, dann getilgt G. 14. lebens 6; lies: lebenes? 18. vnfer so G.
23. hier in N Kapitelüberschrift: Wie genem vii wolgefellig ir gepet dem almechtige got were.
Dz mcrcket an den nach gefchribe fachii. Das • viij■ Capitel. 25. klingen so G. 28. vcnic:
das e gestr. (r.) G. 28. vnfer so G. 30. krüwet so G\ lies: knüwet? 31. vn G.
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108
Königin Eisbet.
das sy gern wolt wissen ob iement me in dem kor wer gewessen. Und allso
tet sy die tür zü und nam ain liecht in die hand, won es was spat an ainem
abent, und gieng umb in dem kor, und fand das kain mensch me in der zit da
gewessen was won alain die sälig frow.
5 Es fügt sich och zü ainer zit das ain mensch der edlen künginen etwas
hat geton das sy betrübt, und darnach über etwe fil zites do starb der mensch,
und nach sinem tod do erschan er ainer Schwester in ünserm kloster und sprach
also zü ir: ‘Ich bit dich mit gantzem ernst das du gangist zü der künginen,
und nim ain veni for ir, und bit sy das sy /766«7 mir lutterlich durch Got ver-
10 geb alles das da mit ich sy betrübet hat, und bit sy och das sy Got für mich
bit; won recht als lütter der wiss schnü ist, so er von dem himel fallet, also
schön lütter gat ir gebet uff für Gotes antlit.’
Ain ander mensch hat sy och betrübt mit etwas sach, und kam och nach
dem tod zü ainer Schwester, und wackt sy von dem schlaff und namt sich selber
15 mit rechtem namen und sprach do: ‘Ich bit dich durch Got das du noch hüt
dis tags gangist zü der künginen, und strek dich demütiklich für sy uff das
ertrich, und bit sy durch Got das sy mir vergeh, wo ich sy ie betrübti.’ Darnach
do erschan aber der selb mensch ainer andren schwester und sprach: ‘Ich müss
selb zü der künginen komen, das ich ir benem das ich sy betrübet hat.’ Do
20 antwurt [t66*>] die schwester und sprach: ‘Sy ist als gar krank das sy es nit
crliden mag.’ Do sprach aber der todt mensch: ‘Ich sol nodi mag sin nit über
werden, won ich müss in der wis sin untz das ich sy selber gebitt das sy
lutterlich min fründ werd.’ Und des verjach die tugentrich küngin selb darnach
das ir der selb mensch in dem kor erschinen was.
25 Die hoch geborn fürsttind hat och die gewonhait, wenn sy als kreftig was
das sy vor krankhait mocht in dem dormiter geligen, so hat sy andacht das sy
alle tag der ersten schwestren aine was die zü unser frowen meti uff stund,
und tett das mit söllichem fliss das die andren dik güt bild an ir nament Und
zü ainem mal da sach ain schwester ain gesicht in ainem trom, die was also:
30 Sy dunkt des, so die schwestren [167<>] zü ünser frowen meti uff stundent, das
denn ain ieklichi schwester ain klaines gelteli in der hand .. ., und so sy ünser
frowen meti anfiengent, so ward ain ieklich wort zü ainer schönen berlen, und
fielent denn in die gelteli, und do es an die wirdigen frowen kam, do sach sy
das ir von ieklichem wort zwo durchlücht berlen wurdent und fielent och in ir
35 gelteli, und da by verstund die schwester wie genem ünser frowen ir dienst
was, den sy ir dik so begirlich tett, und joch dik mit krankem lib.
7. fnferm in dem korr., dann wieder ubergeschrieben G. 11. vor wies zuerst', hlitzg f
[ergänze: schinet?], dann (r.) geslr. G. 15. 16. hüt dis nachtr. übergeschr. G. 25. fürfttind
so G. 31. vn am Rand mit Verweisungszeichen nachgetr. G\ vorher fehlt noch hat oder dgl.
33. fielst am Rand nachgetr. G. 35. nach schwester [S.J sind die Worte vu da by bis
S(chwester] wiederholt G.
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Königin Eisbet.
109
Die edel künginn hat och die tugent der mitlidung foleklich gegen alle
menschen die in betrübt und in liden warent. Und so sy joch etwas Ungemaches
an dem hertzen hat gegen etlichen menschen, und denn der selb mensch zü ir
kam in siner betrübt und ir klegt [16V>] sin liden und sy bat umb iren rät ald
umb ir hilf, so bekümret sy sich als getrüwlich damit als ob ir der mensch nie 5
kain laid heti geton. Sy sait och selb etlichen schwestren das ir in allem irem
leben nie mensch so laid getette, het er des selben tags ald mornent gütlich
gegen ir geton, sy het im es lutterlich vergeben, als ob es nie wer geschechen.
Es geschach och dik, als es unser her wolt, das ünsern schwestren ir lieben
fründ sturbent, und so die sälig künginn sach das sy sich als übel gehübent, so 10
wainet sy gar inneklich mit in, und von rechter mitlidung so ward sy dik als
fast davon bewegt das es ir gar we tett und och etwenn fil dester krenker ward.
Und won wir die gewonhait wol an ir erkanttend, davon so woltend [168*] ir die
schwestren etwen damit schonen, also das sy nit gern zü ir giengent, die wil ir
grosse betrübt nüw ald gegenwirtig was. Und wenn sy das sach, so gieng aber 15
sy selb demüteklich zü inen, so sy icht vor krankhait ienen mocht, und klegt sy
denn gar getrülich umb alles ir ungemach, und das sis dester bas getrösten möchte,
so gab sy in sundcrlich gebet der fründen seien die sy denn verloren hattend.
Sy erzaigt och das werk der erbärmd dik demütiklich an ünsren siechen schwestren,
zü den sy von ir grossen tugent selb in das siech hus gieng, und ret denn gar 20
milteklich und gütlich mit in, und hat och grossen fliss wie sis nach irem trösten
möchte innen bringen das sy inen ir liden gern hette gehulfen tragen, und gab
in mit ir getrüwen red wol zü erkennend das ir von hertzen laid [168*] was aller
der kumer den sy denn hattend. Sy hat och grosse mittlidung und erbärmd
gegen allen eilenden und armen lütten, und wa sy den ir liden ald ir gebresten 25
möcht han gebessret, des was ir hertz alle zit berait mit ganlzer begird. Von
disen und von andren gütten werken die die gütlich gnad an ir wurkt, so habent
wir ünsern heren fil ze lobent umb ir sälig lugenthaft leben.
Das och ir leben Got selber in siner fürsichtikait geordnet hat, das ist sicher¬
lich zü wissend, und das habent och güt lüt dik und fil hie gesait und och her 30
enbotten das sy ünser her zü hocher sälikait und zü grossem Ion geschaffen und
erwelt hat, und ist nit zwifel daran, der almächtig Got gäb sy joch by irem leben
etlichen lüten also zü erkennent das sy ir gegen [169*] im geniessen solten und
mochtend. Das ward sunderlich bewärt an ainer armen frowen, die hat wol
1. hier in N Kapitelüberschrift: Wie die felige kunigin ein fo mitleidig hercz het gegö
den betrttbte menfche. Das • IX • CapitJ. 7. fo laid am Rand nachgetr. G. 9. vnsern
in den geändert, dann wieder übergeschrieben 0 (den Ü). 11. mitlidng G. 13. wir in fy
geändert, dann wieder übergeschrieben G (fy Ü). 14. nach schonen ist wolted (r.) eingeflickt G
(irrtümlich). 15. gieg am Rand nachgetr. G. 19. vnfren in yns den geändert, dann wieder
übergeschrieben G (den Ü). 29. hier in N Kapitelüberschrift: Wie der almechtig got in irem
leben durch die [?] Zeichen tet. Das • x • Capitol. 30. zu hie am Rand, mit Verweisungs¬
zeichen, (r.) zü töff G.
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110
Königin Eisbet.
xxxx jar ain lame hand gehebet, und was des arms und der hand als gar un-
gewaltig das sy in den zitten allen nie kain werk da mit getett. Und nach
disen jaren do kam ain stim an ainer nacht und sprach zft ir: ‘Du solt gon zü
der künginnen von Unger, und solt sy bitten das sy dir din hand berftr: so
5 wirt sy gantzlich gesund.’ Die frow gedacht das es ain trügnus wer, und kert
sich nit daran. Und an der andren nacht do kam aber die stim und ret die
selben wort mit ir als och vor. Und do wond die frow das sy gen Unger
mftste gon, und gedacht das sy das niemer gen tftn möchte, und [169*>] da von
hat sy aber kain zft versieht dar zft. Und do an der dritten nacht ward, do
10 kam aber die stim und sprach zft ir: ‘Du solt gon zft dem kloster zft Töss,
darinn ist des küngs tochter von Unger, und bit sy das sy dir din hand berftre,
so wirst du gesund.’ Und do kam die frow her, und sait wie die stim zft
m malen mit ir geret hat, und begert mit grossem ernst trost und hilf von der
edlen kunginen die ir unser her erzaigt hat, und do giengent die schwestren
15 zft ir und saitend ir die red. Do erschrak sy da von, won sy was noch do gar
jung, und sprach demfttiklich: sy erkanti wol das sy sölichi werk nit an hortind,
und tett es von hertzen ungern; doch erbattend sy die schwestren das sy iren
willen [170*] darzft gab, und gieng selb zft der armen frowen und begraif ir die
hand, und bat ünsern heren das er sy ires globen lies geniessen und ir zehilff
20 kem. Und das gebet erfult unser her, und machet der frowen hand recht
gantzlich gesund, die fiertzig jar ain erlamtes gelid was gewessen. Und darnach
do bracht die selb frow etliche ding her die sy mit der hand gewurket hat, nach
dem und sy ir gesund was worden, zft ainem gewaren urkünd des zaichens das
unser her durch die waren lieby der erbarmhertzigen kunginen hat geton an
25 ir nach allem irem trost.
Die wirdig fürstin wolt sich och zft ainem mal ergon in dem bomgarten mit
ainer sälgen Schwester. Nun hat ir junkfrow in den zitten ain [170*] brenn offen
gemachet in dem bomgarten an die ringmur, da sy der sälligen kunginen rosen
uff brant, won sy von ir krankhait wegen des wassers wol bedorft. Und do sy
30 in den bomgarten kam, do wolt sy och gesechen wie es der junkfrowen ze-
handen gieng: do fundent sy niement da, und sachent och das das hüssli das
mit holtz über das brenöflfeli was gemachet, gantzlich was enbrunnen. Do
sprach die Schwester die by ir was: ‘Liebe frow, ich wil bald gon nach üwer
junkfrowen, das sy kom und das für lösch.’ Des antwurt ir die tugentrich
35 künginn und sprach: ‘Das solt du nit tftn, won Ö das ir herwider kemint, so
wör es alles verbrunnen: wir söllent gon wasser bringen, das wir es wol er-
loeschint.’ Nun hatend [171*] sy kain geschier darinn sy das wasser tragen
8. gen tün G : Verschriftdeutscliung von getün? mit Anlehnung an das al. gon, gen vor In¬
finitiven nach Verben der Bewegung ? (gatün [?] Ü). 12. her in gen töff geänd. G (gen töff Ü).
22. statt her (so nach Zeile 2) steht auf Rasur und über der Zeile : gen töff G (gen töfT Ü).
27. "offen" bren G. 35. e] *e: G. 37. erloeschint] hier oe statt ö geschrieben G.
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Königin Eisbet.
111
möchtind, won das ain bösse wann da lag, die was och ain tail verbrunnen, und
was darzü von alter als fast zerfallen das sy zü kainen dingen gehelfen mocht,
won das man kolen ald etwas verworffens dings darin trüg. Und also sprach
die sülig künginn: ‘Wir söllent dise wannen nennen und das wasser darinn
her tragen.’ Das dunkt die Schwester nit muglich, und sprach es möcht nit ge- 5
schechen von der fili und grösst der löcher die darinn warent. Aber die tugenthäft
künginn lait an dem demütigen werk ir züversicht an Got, und getruwet im das sy
es mit siner hilf wol getün möchte, und nam die zerbrochnen wannen, und giengen
zü dem wasser und schapftend es darin und trügent es ainen [m »7 langen veren
weg, und erlostend das für gantzlichen da mit das offenhüssli umbgeben was. 10
Hieby verstundent wir nit anders denn das unser her durch ir liebi sin gnad
wunderlich an diser sach erzaigen wolt, als er och in andren dingen tett fil.
Ünser her hat sy mit sinen gnaden löblich geziert, won wie edel sy von
gebürt was, so was sy doch noch fil edler von manigfaltigen tugenten, mit den
sy sich liebt Got und den lütten; aber sy was aller edlest davon das sy den 15
fAsstapfen ires Schöpfers mit rechtem liden nach gieng untz uff ir end. Und
darinn erzaiget sy fil grosser gedultikait, wie es doch dik was über alle ir kraft.
Und als sy von Got erwelt und geschaffen was zü hocher sälikait, also hat er ir och
geordnet die wis in der er sy beraitten wolt das ungebresthaft war [172*] güt
zü entpfachent, das sy nun ewigklich niessen sol. Und das fieng er mit ir an 20
mit grossem eilend, in dem sy ir leben von ir kinthait uff hat vertriben, won sy
was eilend des landes und der lüt dannen sy geboren was, und wisset och wol
das sy iemer also beliben solt und müst. Und won sy jung und gar zarter natur
was, da von gieng es recht über alle ir kraft libes und hertzen, won als fil sy
es mocht mit Got überwünden, der da ist ain starker hellfer in allen nötten und 25
ain wiser lerer in allem zwiffel und ain süsser trost in aller betrübt: der gab
och ir von dem überwallenden brunnen siner gnaden, das sy sich durch in ver¬
wegen mocht der unstütten fransmütikait diser triegenden weit und aller der
berschaft in der sy geboren was. Doch fiel ir [172*] dik menig widermüt ln,
da mit ir eilend geschweret ward, des sy doch kain ergetzen von niement begert 30
noch sücht, won von dem alain vor des ogen tusent jar sind als ain tag. Und
won sy Got so folleklich ergetzen mocht und wolt aller zerganklicher dingen,
davon wolt in och nit benügen von ir ires gaistlichen und eilenden lebens und
och maniger gütter Übung die sy hat: er tett recht als ain man der im selber
ain hüs hat an gefangen zebuwent und es och nach sinem willen beraiten will, 35
das er mitt fröden iemer darinn wonen mug, und graiff sy noch fürbas an in ir
6. griffe G; mißverstanden aus alam. grossi (gröffe Ü). 11. wir in fy geändert, dann
wieder übergeschrieben G. 13. Hier in N Kapitelüberschrift : Wie fi dem leben xpi nach volget
mit große eilend vnd innerlichem trang ires hercze • vn vö den fweren vngehorten fiechtage
die li vö jngent auff vncz an ir ende leid. Daz xi Cap. 22. und (»or wisset) 1 vn G.
28. (franfmUtikait auch Ü ).
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112
Königin Elsbot.
jugent mit manigcr hand krankhait und mit manigem grossen und schweren
siechtagen, [173«] der wir doch nit aller ze Worten bringen mugent noch kunnent,
won das man wol da by erkennen und merken mag das des zites wenig wenig
was in dem sy Got inwendig ald usswendig un sunderliches liden ie lies.
5 Sy was unlanges zit in disem kloster gewessen do sy zü dem ersten mal ain
sonderlicher siechtag angieng, von dem sy grosses ser hat usswendig an dem
lib, und daran lag sy etwe fil zites gar kränklich. Dar nach do sy in das • mi •
jar by uns was gewessen, do sant unser her ainen grossen schweren sichtagen
über sy; der was also das sy gar dik ain lange wil geschwunden lag, und der
10 siechtag schl&g ir denn och in die gelider und brach sich denn uff in dem ge¬
schwinden, und das ward denn ain als unlidig und ängstliche not das alle die
in grosse betrübt kom//7,?Vent die es sachent. In disem grossen liden lag sy
als emsklich, und nam och als kreftiklich an ir zü das man dik sich ires leben
verwag, und die ir pflegerinen warent, die müstent als stetiklich by ir sinn und
15 iren arbaiten warten das inen kum die stund werden mocht das sy zü ir rechten
nolurft die spiss genemen möchtind. Und in dieser kleglichen not und manig-
faltiger arbait lag sy von pfingsten untz zü Sant Eisbetten dult, also das sich
der siechtag alle zit meret an ir und och all ir liplich kreft abnoment.
Und do nach aller heilgen tag wart, do gieng sy der siechtag als gar stark-
20 lieh an das sy recht gantzlich kam von allen iren sinnen, also das sy weder güt
noch übel noch kain ding verstund, und sprachent die arzet das sy den selben
[174«] siechtagen in allen tüschen landen nie me gesechen hettind an kainem
menschen, won alain an ir.
Und do sy in diser grossen bitterkait, die sy hat an lib und an sinnen,
25 im gantz tag gelag, do erschan ir die hailig frow sant Elisabel an ainer
nacht nach der meli und sprach also zü ir: ‘Wie stat es umb dich?’ Do ant-
wurt sy und sprach: ‘Mir ist gar we, und sunderlich in dem hobt da han ich
die grüstten not.’ Do sprach aber Sant Elisabet: ‘Du hast nit diner sinn, und
dar zü hast du nu siechtagen zü den dir kain artzet gehelfen mag; won was
30 dir zü ainem güt ist, das ist dir zü dem andren schad, und doch so solt du der
artzet rat haben. Aber won du von minem geschieht geboren bist und ich
dir von Got güttes schuldig bin, so han ich den gewalt von unsrem heren das
[174<>] ich dir din sinn sol und mag wider geben, und das dir och bas wirt an
dinem grossen siechtagen, und solt wissen das von hüt über xim tag min tült
35 ist: hinnen dar müst du fll liden.’ Und do lait sy ir die hand uff das hobt und
gab ir die sinn wider. Dar nach sach sy sy do zemal nit me, und do die
schwestren eneachetend die by ir warent, do hat sy alle ir sinn folleklich wider,
3. wenig wenig so G. 4. in dem bis vffwedig mit Verweisungszeichen am Rand nach¬
getragen G. 4. un ] vn (irrtümi.) G. 4. "lies" ie G. 8. für uns steht in <tuf Rasur G.
13. lebe so G. 32. vnfrem so G. 37. ermachetend G.
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Königin Eisbet.
113
und sait in das ir müm Sant Elisabet by ir was gewesen, und wie sy mit ir hat
geret, und das sy ir och die sinn hat wider gegeben. Do lobtend sy Got und
Sant Eisbeten von gantzem hertzen.
Dar nach do ward ir liden fil grösser denn es da vor ie was gewessen, und
der siechtag gieng sy do fil strenklicher an denn er vor ie hat ton. Und do 5
das vm tag geweret, do erschan ir die sälig frow Sant [175«] Elisabet und trost
sy, und sait ir das ir grosse arbait schier gelichtret solt werden. Aber sy müst
den siechtagen die nachgenden viii tag noch pinlicher liden und krenker werden
denn sy da vor ie wurd. Und das geschach och, won der unlidig siech tag
gieng sy do als schwär liehen an, und ward ir not und ir liden als gross und als 10
manigfalt das die züversicht irs lebens lag alain an der miltten hilf Gotes und
der hailgen frowen Sant Eisbeten.
Und do sy dise grosse martter und die ängstlichen not aber die wuchen
gelaid innwendig und usswendig an dem lib und an den sinnen, do erschan ir
zü dem driten mal die sällig Sant Eisbet an irem tag vor meti, und sait ir das 15
sich der [175*] siech tag in aller wts des selben tags kreftiklicher und starklicher
sölti an ir üben denn er davor ie getäte, und das ir och denn gnad sölti ge-
schechen, und das sait sy aber den die by ir warent.
Und do vor tag ward, do ward ir als ungestümklich we das es über alle ir
karaft was, und das traib sy untz wol uff den tag. Und do vor der vessper 20
ward, do gab ir unser her so fil kraft das sy recht in ainem unsinn uffstund
und in den kor gieng für den altar. Und do kam aber der siechtag, und übt
sich an ir in allem irem lib und in allen iren gelider mit söllicher kraft das sy
recht irs ungewalles nider fil, und die schwestren die ir gewartett hattend, die
kament ir ze hilf, und also lag sy vor dem altar un sechen, un hören, un sprechen, 25
untz das [176«] der cofent vesper gesang. Und do sy in diser unsäglichen not
was, do follbracht die hailig frow Sant Elsbct an ir das sy ir och gelobt und
verhaissen hat, und nam ir ab die ungewonlichen marter des schweren siechtagen.
Dar nach zehand do kam sy wider zü ir selber und sach uff und sprach zü ir
pflegerinen: ‘Hais mir bald ain bad machen!’ Und do das geschach, do trüg 30
man sy uss dem bad an ir bet, won sy hat ir kraft als gar verloren das sy da
vi gantz wuchen lag, das sy für das bett nie kam. Darnach begund sy sich wol
bessren, also das sy gar dik mocht zü kor gon und dem cofent dienen und
andri güti werk tün. Aber sy ward nach disem siechtagen nie gantzen tag recht
gesund untz an iren tod [176*]. 35
Dis grossen und manigfaltigen nott und arbait hat sy also erliten und
überwunden da» nie ungedultig wort von irem mund gehört ward. Dar nach über
etwe fil zites do gieng sy als grosse krankhait an zü dem hertzen das sy gar
10. nnd (vor ir) ] vn G. 17. "defi" och G. 20. karaft so G. 31. verlorne (wohl
Verschreibung für vorlore) G. 36. nott ] das «weite t eingeflickt G.
Deutsche Texte des Mittelalters VI. 8
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114
Königin Eisbet.
dik lang geschwunden lag, und das sy och dik fil zittes was das sy ain wort nit
reden mocht. In diser krankhait engieng ir etwenn die gehörd und etwenn die
gesicht,' und was doch als gedultig das sich davon ze wundrent und wol ze
bessrent was. Sy lag och darnach an ainer sucht gar kränklich aines mals, und
5 recht gftches do ward ir als gar we das man wond das sy an der stunnd ver-
schaiden weit. Und do sy ain güt wil also gelag, und die schwestren in grossen
ängsten [m<•] warent das ir bald ire recht geschechind, do kam sy wider und
sach das die Schwester die ir pflag, gar inneklich wainet. Do sprach sy fil
gütlich zft ir: ‘Gehab dich wol! Got lait kain liden uff den menschen, won das
10 er wol waist das er es getragen mag.’ Und von der gedultikait die sy in den
grossen nöten erzogt, do ward die Schwester gar wol gebessret.
Darnach do was sy och zft ainem mal siech, und aines tags do kam ain
Schwester zft ir und klegt sy urnb ir krankhait Da antwurt sy und sprach:
‘Ich bin gern siech, darum: wa ich den orden nit halt als ich sölt, das unser her
15 das ersetz mit dem liden und mit den arbaiten mines siechtagen.’ Und das
was och siner grundlosen und ungemessen gftti wol zft getruwen, won sy laid
gedultiklich gr/777»/osse und manigfaltige krankhait, und lait demftteklich fil wider-
wertikait hertzen und libs, das wir doch nit alles geschriben kunncnt, won das
sy unser her mit emssigem liden sinen üsserwelten fründen folleklich gelichet,
20 und daran ir selten ie entlibet ward, untz uff das zit das ir Got das untödlich
leben geben wolt umb dis kurtz schmcrlzlich pinlich leben.
Aber 6 das zit erfült wurd das ir unser her geordnet hat in disem zer-
gangklichen leben, do sant er manig wunderliches arbaitliches ser mit siechtagen
an sy, und das geschach wol nn jar vor irem tod. Das erst das sy do an kam,
25 das was der fiert&gig ritt: den hat sy gar strengklich, und ward davon als krank
das sy in grosse arbait kam. Und do sy das etwe fil zites gelaid, do begund er
ir sölli/778«/ch gebresten zft bringen das sy von gesuchten dik gar schwärlich
gemftgt und gepinget ward in iren gelidern. Darnach über etwe lang kam sy
ain tödlicher siechtag an, von dem sy die grössten bitterkait laid und serliche
30 not die sy davor in allem irem leben ie erlitten hat, und das was ain winden
und krümen in dem lib. In disem siechtagen kam sy dem tod als nach das man
ir alle ire recht telt, und das wir och alle zit ires endes wartetend. Und der
artzet, der ir krankhait lange zit hat erkennet, der sprach: ‘Under drigen dingen
mfts etliches an ir geschechen: aintweder sy mfts sterben ald erlamen, ald aber
35 der siechtag mfts von ir schwören.’ Und dis ward och alles an ir wär, won sy
erlaid es alles nach dem aller /77S»/ bittresten. Aber der milt Got, vor des an-
gesicht ewigklich blügent die löblich marter siner hailgen, der wolt sy noch
wirdeklicher beraiten in die gesellschaff die mit warem trost in iemer werenden
19. 22. vnfer io G. 23. do fit er mit Verweitungszeichen am Rand nachgetr. G. 32. wir in
mä geändert , dann wieder übergetchrieben G (man und warttett U). 37. blügent die löblichen
martrcr, dann korr. löblich und marter, aber vermutlich blügent in blügt zu korr. verycesen G.
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Königin Eisbet.
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fröden mit im richsnont, und gab ir frist, das sy do zemal nit starb; aber alle
ir natur und ire gelider warent darnach alle zit in sterbender not mit serlicher
bitterkait; won der selb siechtag begund sich zerlon in allen iren lib, und sunder¬
lich da die gelaich der.gelider zesämen giengent, und hievon ward ir not und ir
liden als gross das sy von ir selbs kraft nit mocht kumen üsser dem bett, won 5
dar man ir mit arbaiten küm gehalf.
Und do sy in disen grossen arbaiten ain gantzes jar was [179*] gewessen, also
das sy nie gütte stund gewan, und sich der siechtag alle tag meret mit nuwem
ser, do lag sy ainer nacht nach der meti an irem bett, und entpfand recht geches
das ir die kraft gegeben was das sy kaines seres noch siechtagen enpfand an 10
kainer stat ires libs. Und do stund sy fil haimlich uff und lait selber ire klaid
an, won die schwestren schliefifend all die by ir warent, und gieng allain mit
Gottes hilf in den kor und kam für den altar. Aber was unser her da mit ir
mainte ald was ir geschüche, das verjach sy nit. Und do sy da was gewessen
als lang Got wolt, do gieng sy hin wider und fand sy aber alle schlaffend und 15
lait sich wider an ir bett, das es nie mensch inen ward [179* y, won das sy es
selber kurtzlich vor irem tod sait etlichen schwestren.
Darnach gelag sy recht gantzlich zebett, also das sy für das mal nie
füss drit me getett untz an iren tod, won dar man sy hüb und lait, und erlametend
ir die füss und die bain und och darnach die hend, und ward ir selbs als gar 20
ungewaltig wol n jar vor irem tod das sy ab ainer Sitten an die andren ir selber
nit gehelfen mocht. Dise überschwenkelich bitterkait wüchs alle zit an ir mit
manigfaltiger not, won der siechtag begund an ir üssbrechen und von ir schweren
an etwe maniger stat ires libs, und das was ain als unlideliche marter das es
recht über alle ir menschliche kraft was, und dis schweren übt sich als fast an 25
ir [180a] das sy davon etwenn x löcher mit ain andren hat in irem Üb. In diser
serlichen not sprach sy dik mit hertzlicher bcgird: ‘Her ich lob dich und sag dir
gnad un dank, das ich miner gelider und alles mines libes durch dich sol un¬
gewaltig sin, also och du diner gelider und dines libes an dem crütz ungewaltig
woltest sin durch mich. 30
In disera siechtagen was die edel künginn zü ainem mal als krank das wir
es aigenlich da für hattend das sy sterben wölt. Und do kam ain mensch her,
der was besessen mit dem bössen gaist, und der ret fil von ir, das sy Got als
zü grosser sälikait geschaffen hüt, und sprach under [180*] andren Worten: ‘Ist
das sy es müttett an ünsern heren, sy nimet ainen rob mit seien üss dem fegfür, 35
des sich alles himelsch hür fröwet.’ Aber der almächtig Got, der das zil ires
lebens in siner gütlichen wishait gemessen und geordnet hat, der wolt iren Ion
noch manigfaltiger machen. Und von sinen gnaden do lebt sy dennoch me denn
14. "malte" ir G. 20. gar mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G. 31. wir in f y
geändert , dann wieder ubergeschrieben G (f y Ü). 32. statt her, was sicher dagestanden hat 1 ist
zü in eingesetzt G (zü in Ü). 34. h&t: über a ein e gesetzt (r.) G.
8 *
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Königin EUbet.
»in ganlzes jar, und aber also das sich ir übliche krankhait mit grosser bitterkait
zü allen zitten meret an allein irem lib. Mit disem serlichen schmertzen was sy
allenthalben umbgeben in so überschwenküchem liden das es niement ze Worten
kan bringen. Und alle die spis die sy nös, die müst man ir in den mund geben
5 [ist*] als ainem kind, und das nam sy gar demöteklich und gütlich von ir nidresten
junkfrowen, die ir kochet. Und so die mit unsubren klaidern zü ir gieng, als
sy denn och in der kuchi gegangen was, so getett sy doch niemer dem gelich
das es ir wider stünd, als es joch von ir grossen krankhait wegen wol geloblich
wer gewessen.
io Nun fügt es sich ainer nacht, do die hoch geborn küngin in grossen un-
kreften lag, das das liecht erlasch das gewonlich vor ir alle nacht bran. Und
do sy das gesach, do erschrak sy da von, won sy als krank was, und wackt zwo
ir junkfrowen, und sait in das das liecht erloschen was, und bat sy ain anders
bringen. Do warent sy müd und hattend [181*] fil mit ir gewachet, und ent-
15 schlieffent als bald wider, das sy es nie tattend. Und do sy das sach, do ge¬
dacht sy an die arbait die sy mit ir hattend, und schwaig mit demütiger ge-
dultikait und befalch sich ünserm heren. Und darnach über ain lange wil do
erwachetend sy von in selber, und sachent das das liecht schöner und kreftik-
licher bran denn do sy es von erst angezündet hattend. Und won sy vor wol
20 haltend gesechen das es erloschen was, und do un aller menschen hilf so fast
bran, davon gelobtend sy do sicherlich das es von sunderlichen gnaden ünsers
heren geschechen wer der tugentrichen frowe zü trost, als och der grunlosen
miltikait Gottes und der min sines vät/782«7terlichen hertzen wol gezam, won sy
lag un alles entüben in zünemender not alle zit, won der streng siechtag erwand
25 nie, untz das an ir natur alles das verdarb da das leben möcht ienen kain stat
funden haben in ir zebeüben. Und das lait sy och als vernünfteküch zü hertzen
das sy selber sprach: ‘Ich bin darzü körnen das ich des begeren müs dar ab
alle menschen erschrekent von natur: das ist der tod.’
Do nun die zit kam das sy Got von dem eilend diser zit wolt nemen, do
30 bat sy ir ain venster uff tün by ir betstat, und sach den himel an und rüft begir-
lich zü Got und sprach: ‘Her min Got, min Schöpfer, min erlöser und min ewiger
be/782tyhalter! sich mich hüt an mit diner grundlosen erbärmd, und enpfach mich
in din ewig vatterland von dem eilend diser weit durch din wirdiges liden und
durch dinen biterlichen tod, und las mich geniessen das ich also von diser weit
35 schaid das ich nit kan wissen das ich mensch ie gesäch das mich von sip an-
gehorti, sid dem mal das ich geschied vort mines vatters land.’ Do sy nun in
1. mit oben eingedickt (r.) G. 22. frowe so G. 22. grunlofen so G. 29. hier in A
Kapitelüberschrift: Wie andechtiklichen Si ftarb. Das -zit - Capitel. 32. be|behalter G.
32. und ] vn G.
35. 36. von sip angehorti ] die Stiefmutter und das österreichische Herzogshaus (Herzog
Heinrich oben 102,4) rechnet die aus ungrischem und polnischem Geblüt stammende Prinzessin also
nicht zu ihren Gezippten.
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Königin Eisbet.
117
disem pinnliclien schmertzenn lag des todes, und das zit komen was das sy Got
mit im selber ergetzen wolt alles des das sy von uffgender jugent durch in
ver mitten, geton ald gelitten hat, und do gab er ir das aller schönest minek-
lichest end, umb das wir Got iemer [183*] zft lobent habent. Sy hat nit alain
gantze Vernunft und erkantnus gen dem orden und dem cofent, dem sy an der 5
jüngsten stund ires lebens danket aller der eren und der zucht und des gftttes
so ir von in ie geschechen was: sy erzaiget och grosse min und andacht die sy
zü Got hat, den sy in gantzer zftversicht mit hertzen und mit sinnen an rftft
umb die hilf siner götlichen erbärmd und sines gegen wirtigen väterlichen trostes.
Und in dem andacht schied die wirdig sei von dem durch martreten üb, und 10
für, als wir gedingent, von der grossen armftt diser zergangklichen weit in den
waren richtum, von disem iamertal in die ewigen fröd [183* y, von der krankhait
des tödlichen lebens in die ungebrestlichen gesundhait, von dem eilend dis un¬
sichren lebens zft der väterlichen hainmftt des himelschlichen riches, da sy ewigk-
lich besitzen und messen sol das erb das ir von angeng der weit beraitet ist. 15
Do nun die edel gnaderich tugendhaft künginn verschaiden was, do ward
grossi klag und geschrai von gemainem cofent, als billich was, und do ward sy
enthalten vm tag uff dem ertrich, und kam ir stüfifmfttter und was früraer lut
warent, do man iren tod vernam. Und do in der nacht ward, do kam sy an-
sichteküchen zft ir stüfifmfttter für ir bettslat, do sy lag, das sy ir hofifjunkfrowen 20
hortend und sachent [184*] und die vor ir lagent, und der schin ires gaistes was
lütter und wis, und schwebt zwaiger eien hoch ob dem ertrich; was sy aber mit
ir retti, das wolt sy niement sagen, won das sy sprach es mftst by irem hertzen
sterben, won sy künd es laider nun nit gebessren. Und darnach tett sy untz an
iren tod ünsrem kloster Töss fil me gnaden und gftttes denn sy vor ie hat geton. 25
1. fchertzeü G. 6. "danket" ires lebös G. 10. nach lib Zusatz: do fi zlj jar alt was N
(fehlt Ü). 12. richtum 80 G. 14. halmut G. nach 15 in N hier folgende Erweiterung:
(LXXXII b c): Do söllent wir si an raffen und pitten, das si uns genad er[LXXXIIcJwerbe
umb Got. Wann do er pei irem leben den leutten gnade tete durch ir liebe, so söllent wir
im wol getrawen das si uns nun noch pas gegen Got gehelffen möge. 16. hier in N
Kapitelüberschrift: Wie der milt got die hochgeporne kunigin Eret vn wirdiget mit Zeichen
nach irem tod. Das • xiij • Capitel. 25. dem kl. T. auf Rasur , dann über dem das f nfrem
’vnederhergestellt G.
25. Vgl. H. Sulzer, DKT 103 (23) f.: 1351 Stiftung von Jahrzeiten für österreichische Herzoge
samt deren Familien aus dem Ertrag der Güter Marchrein und Wenzikon\ 1358 Schenkung des Kirchen -
satzes von Veltheim samt den Einkünften, die Kiburg von der Kirche daselbst zu fordern hatte. ‘Zu
dieser 1360 allen Landvögten im Thurgau und den Vögten auf Kiburg selbst zur Kenntnis gebrachten
Schenkung hatte Agnes ihren Vetter Rudolf bewogen (Staatsarchiv Zürich, Akten Toß Nr. 298).' —
Töß führte aus Dankbarkeit das ungarische Doppelkreuz im Wappen. — Die Verfasserin (EUsbet Stagel?)
deutet im letzten Satze einen Gesinnungswechsel Agnesens an, auf die sie sonst, wegen früherer Karg*
heit gegen das Kloster und namentlich gegen Prinzessin Elisabet, das 4 Aschenbrödel des österreichisch-
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Königin Ebbet.
Die gnadenrich kunginn hat in irem leben die gewonkait das sy alle jar
ir gantzen bicht tettin grosser begird und andacht die sy zü Got hat, dar um
das sy sich im desterbas genächen und verainen möchte. Und das sait ir bichter
nach irem tod selber von ir das sy das wol uff sechschzehen jar hat [184*] ge ton,
5 und so sy joch nit wol etwenn darzü beraitet was oder zü andren zitten licht
mer gnaden darzü hetti gehebt, und won sy aber unsicher was wie es darnach
gestanden wer umb sy, so zwang sy die götlich min als ver darz4 das sy ir
hertz kreffteklichen kert von allem dem das sy dar an geiren mocht Und so
sy och etwenn als krank was das sy zebett lag, so lies sy es doch darum nit
10 under wegen, und hies sich z4 dem bichter tragen, und bichtett denn als and&ch-
teklich und als lutterlich das ir bichter, der ain wol gelerter man was, gar wol
davon gebessret ward, und nament och unser schwestren dik daran g4tt bild by
ir, allso das [185«] sy dester gerner gantze bicht tatend, und och dester me
ernsttes und begird hattend, das sy sich darz4 beraiten und gefügen möchtind.
15 Die edel küngin, als sy was gewessen aines milten mitlidenden hertzen mit
den betrübten in irem leben, das selb erzaigt sy och nach irem tod folleklich,
won es ist ze wissen! das sy mengem menschen z4kilff ist komen das sy hat
an gerüft in haimlichem liden und betrübt. Sy hat och den luten abgenomen fil
grosser krankhaitten des libs und der gelider: gesucht, krankhait des hobtes, der
20 ogen und der gehörd, und den ritten und ander krankhait. Und die barmhertzi-
kait irer milten hilf erzaiget sy och an unser schwestren [185*] ainer kurtzlich
nach irem tod. Die hat etwa manigen siechtagen die ir gar schwör warent,
aber sunderlich do hat sy n die ir gar schwer warent, und also gieng sy zü
der säligen künginen grab dar nach do man ir drisgost begangen hat, und er-
25 manet sy alles des lidens so sy von iren kintlichen tagen ie erlitten hat, und
enthies ir das sy ain gantzes jar alle tag wölt gon zü irem grab mit gebet, und
ob sy von ir erhört wurd, das sy gern schaffen wölt das es von ir wurd ge-
schriben. Und mit der hilf ünsers heren do gewert die sälig kunginn die
Schwester irer bet folleklichen, und nam ir die siechtagen baid recht gantzlichen
30 mit ain andren ab. [186«] Aber ain miracnL
6. daruzü 0 (vielleicht doch, trotz darzü in der vorherg. u. der folgd. Zeile, als mundartl. Form
zu halten ? < darezü, das e durch ü zu u gefärbt ? oder 1 farbiges SvarabhaktV wie karaft bei der
gleichen Schreiberin oben 113,20?). 16. folleklich mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr . G.
17. 18. hat gerüft an, dann an vor gerüft oben eingefickt und das erste an zu tilgen vergessen G.
20. vn den ritten mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G (steht in der Zeäe Ü).
ungarischen Hauses\ nicht gut zu sprechen ist (H. Sulzer, BGT 28 02)). Das Schuldgefühl Agnesens,
das die Verfasserin andeutet, hatte seinen Grund jedenfalls nicht in der Blutrache für König Albrecht
(Greith a. a. 0.), woran sie unbeteiligt war: auch die Güter aus dem Hause des Königsmörders Rudolf
von Wart, die Töfi enoarb, verdankte es nicht der Huld Agnesens oder Elisabets, H. Sulzer , BGT 16 ,
DKTOO (10); der Kirchensatz von Dättlikon ward ihm als Ersatz für die im Kriege zwischen Herzog
Lüpolt von Österreich und Ludwig dem Baiern erlittenen Einbußen von Bischof und Papst einverleibt
1344 (H. Sulzer, BGT 15; Zürcher Staatsarchiv, Regesten).
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Königin Ebbet.
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Vns sait och ain andre schwester das sy ainen strengen ritten hat, der kam
sy ie an dem andren tag an; von dem ward sy als schwärlich gemüget etwe fil
zites das sy da von gar krank was. Und aines tages do gieng sy mit unstaten
in den kör, und do sy das grab ansach da die wirdig fürstin in lag, do kam
recht g&ches die begird und der andacht in ir hertz die edlen künginnen 5
ze bittend umb ir gnad und hilf, das sy ir den ritten abnem, und ermanet sy alles
des lidens so sy ie erlaid, und aller der fröden und des gütes so sy von Got ent*
pfangen hat und iemer ewigklich mit im niessen sölti, das sy sy lösti von irem
[186* ] siechtagen, und enthies ir das sy ain gantzes jar alle tag zü irem grab
mit gebet wölti gon. Und unser her erzaigt aber, als er dik me hat geton, die 10
grossen lieby die er zü der sälgen frowen hat, und nam der schwester den ritten
als gantzlich ab das sy do zemal nie kainer krankhait me da von entpfand.
Es fügt sich och zü ainer zit do die erlich und gnadenrich frow etwe fil
zites in dem ertrich gelegen was, do wolt man ir ain gehowes grab machen,
und die stain warent also gewürket das ir edels gebain ob dem ertrich darinn 15
rüwen solt, als och irem künklichen adel und ir hailikait wol gezimt [187»]. Und
do das grab berait was, do grüb man sy üss dem ertrich, da sy xxx wuchen inn
was gewessen, und do man sy herüss bracht, do begertend die schwestren von
grosser liebi die sy zü ir hattend, das sy sy gesechint. Und des getorst man in
nit geratten, won ir üb von grossem und langem siechtagen als gar zergangen 20
was: do sorget man das sy licht ain tail zerfallen wer. Und also tattend sy
den bom haimlichen uff, und fundent das alsus ir üb und ire geüder als gantz
warent das joch do ir hüt noch do nie gebrochen was, wie doch ir gewand an
irem üb was erfület. Und [187*] also noment sy sy getursteküch by den armen
und nidnen by den füssen, und hübent den wirdigen üb uss dem bom in den 25
stain, also das weder irem hobt noch kainem irem gelid nütz geschach noch och
nie entwaich noch entlediget ward. Dis was von Got wol zewundren, das der
üb, der by dem leben von unlldigem siechtagen dik an so mäniger stat ge-
1. [V]ns in Ea geändert G. 3. Und ] vn 6. 5. künginnen G. 10. vnfer so G.
13. Ees G. 16. vnd ir hailikait mit Verweist*ngszeichen am Rand (r.) nachgetr. G. 18. und ]
vnd vn ß, 26. och mit Ver Weisung szeichen am Rand nachgetragen G. 28. fo fo m. G.
14. Von diesem ‘gehauenen Grab\ das man der Prinzessin Elisabet in der Klosterkirche l ob dein
Erdreich ’ (15) errichtete , glauben wir den Hauptteil, die Platte, in der (S. 122) beifolgenden Nach¬
bildung wiedergeben zu können. Die Nachrichten über diese Grabplatte hat J. R. Rahn zusammen¬
gestellt in DKT II (Das Dominikanerinnenkloster Töss. II. Teil. Seine Bauten und Wandgemälde ,
in: Mittlgn. d. Antiquar. Gesellsch. in Zürich LX1X , Zürich 1905) S. 133: Wiederauffindung 1598,
Wieder auf Stellung im Chor 1602 oder 1608, Versetzung unter die Kanzel 1703. Damals wohl ist
durch die Erneuerung der Kirche die ursprüngliche Grabstätte im Chor vollends in Vergessenheit ge¬
raten, so daß die mit der Erhebung der Gebeine (1770) beauftragten Abgesandten Maria Theresias und
der Regierung von Zürich auf dem nunmehrigen Standort des Grabsteins keine Gebeine mehr fanden
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Königin Eisbet. — Verteidigung der Legende.
brochen was, das den nach dem tod das fücht ertrich in so fil zittes nit gefület
noch gebrochen hat.
Do nun dis legend mit grossem fliss geschriben was, und aber nach etlicher
lütt Worten die ieklicher materi ir wis und ieklichem ding sin üss richt/78£«/tung
5 wol geben kunnent, was etlichen lütten do misslich darzü zemüt, die alain ir
menschlich krankhait an sachent und aber nit zü hertzen laitent wie Got mit
der frihait siner gnaden wunderlich mit ir gewürkt hat. Davon sait uns ain gar
erbre sülge Schwester in unsrem kloster hie ze Töss ain gesicht, die ir nach der
s&ligen künginnen tod in ainem trom erzaiget ward. Sy dunkt das der kofent
10 in dem kor wer, und do sach sy das gar fil heren in den kor giengent, und
warent all mit söllichem gewät angelait als die spulgent zetün die da hellffer
sind zü der mess; under den allen was ain [188*] gar erwirdiger her, der was
angelait als ain bischoff; der trüg dis büch in siner hand, und do sy alle für den
altar koment, do gieng der selb herr für die sidelen ston, und kert sich ain tail
15 gegen ünsers heren fronlichnam und och ain tail gegen dem cofent, und las dis
legend ald büch alles sament öffentlich, und sprach do mit lütter stim: ‘Was
hie geschriben ist, das ist alles wär, und noch fil me das nie von ir geschriben
ward.’ Und do was der gesicht nit me.
3. grffem G. 5. wz etliche liittö mit Verweisungszeichen am Rand nachgetr. G (steht in
der Zeile V). 5. misslich] zw etliche N. 7. vns so G. 13. büch mit Verweisungs¬
zeichen am Rand nachgetr. G. 18. me fehlt G, scheint ausgefallen ; mer N (me Ü).
{vgl. Gerbert, De translatis Habsburgo-Austriacorum principum eorumque conjugum cadaveribus p. 10;
Müller, Merkwürdige Überbleibseln von Alter-Thämmeren der Sehweite, III. Teil, Zürich 1115, S. 7,
mit Abbildung; Werdmüller, Merkwürdigkeiten 159 ; Greith, Suso 408; Rahn , Gesch. d. bildd. Künste
582 Anm.x ‘der angebliche Grabstein der Königin Elisabeth von Ungarnmein Mystikerpaar S. 50;
H. Sulzer, BGT 283 ). In den Fünfzigerjahren des 19. Jhs. soü der Stein unter dem Fußboden der
Kirche vergraben wieder auf gefunden worden sein {Angabe eines Hm. Rieter bei Rahn a. a. O.);
Greith sah aber noch, wie er 1860 berichtet, unter der Kanzel den ‘Denkstein mit dem habs¬
burgischen Wappen in zierlichem Laubwerk\ sicher denselben, der nach der Verwandlung der Kirche
in ein Fabrikgebäude (in den ersten Fünfzigerjahren) in das Rieter sehe Landgut bei Winterthur und
1898 in das Landesmuseum zu Zürich (Raum IX) gelangt ist. — Nach Laurentius Bosshart ward
Elisabet von Ungarn ‘begraben nebend dem fronaltar i?n kor ze töss in eim erhaben grab, darauff
stund geschriben . . 2 Das Weitere fehlt. Der heutige Stein zeigt außer den Namen der Evangelisten
keine Inschrift mehr; aber diese (vgl. unten S. 121, 22 — 26) kann auf der Platte des dazu gehörigen
Tischgrabes gestanden haben. Als Deckel eines wirklichen Sarkophags kann er nicht gedient haben,
seiner geringen Große wegen (1,115/0,66 m; die Länge des jetzt dazu neu angefertigten Sarkophags,
Rahn a. a. 0. 134*, beträgt nur 1,64 m; eine darin begrabene Person könnte höchstens 1,45 m lang
gewesen seih). Wenn er von unserm ‘gehauenen Grab’ stammt, so beruht ofenbar unsere Erzählung
von der Übertragung des 30 Wochen hindurch wunderbar erhalten gebliebenen Leichnams aus dem
‘Baum’ in den 1 Stein’ (unten ZI. 25 f.) nicht auf unmittelbarer Beobachtung oder Berichterstattung,
sondern es hat sich im Kloster diese Wundererzählung an das vielleicht über der eigentlichen Gruft
errichtete Kenotaphium trotz seiner Kleinheit angehängt, was bei einem neben dem Fronaltar auf-
gestellten und näherer Untersuchung entzogenen Denkmal durchaus denkbar ist. Denn dort stund
doch, zur Zeit da die Biographin Elisabets schrieb, laut ihrer eigenen Angabe das *gehauene Grab\
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Schloß vermahn ung.
121
In N hier statt unserer Schlußvermahnung die folgende [LXXXIIII***]:
Nun nement war, aller getrewsten geswistrigeten: seit dem mal sich so
diemftttiklichen und tugenreichlichen gehalten hat ein söliche junge, schone,
zarte swester, die da eines gewaltigen, reichen, edlen kuniges tochter was
und ein rechter erbe aller lenderen des ganczen kunig reiches ze Ungarn,
und doch des Ordens armut und großes leiden so gedültiklichen gelitten hat, 5
das allen swestern wol ein pild und exemplar sein sol, die da niessent des
ordens gemach, also das [LXXX1IIP] si mer rw habent denn ob si lebten in
der weit, und doch sollicher tugentreicheit, diemut, geloßenheit und gedult
nit habent: dar umb in pillichen diße selige swester Eisbet, die löbliche
künigin für gehebt wirt zu einem pilder, die da so getrew, fest und stark an 10
Got geweßen ist in armut, eilend, gedult, versmecht, diemut, undergang und
ander tugenden, also daz si nun gekrönet ist mit der krön des lebens, als
die wort sprechent die an dem anfang dißer legende geschriben stent, die
Got wol zu ir sprechen mag: Esto fidelis usque ad mortem, et dabo
tibi coronam vite, Biß stet, fest, getrew und starck pis an den tod, so gib 15
ich dir die krön des lebens. Also stlllent wir auch tün, mein lieben swestren,
das wir habent grüntliche diemut, götliche mynne, gedult und ander tugent
pis in den tod: so wer/ZXXX/P<*/dent wir mit dißer diemüttigen, leidenhaffti-
gen, gedultigen swester von Got auch gekrönt mit der krön des ewigen
lebens. Das verleihe uns allen die heilige drivaltikeit: vater, sun und 20
heiliger geist. Amen.
Diß ist die umb geschrifft und das epithaphium daz umb ir grab ge¬
schriben ist: Anno domini MCCC° xxxvj. pridie kalendas nouembris obiit
soror Elisabeth filia illustrissimi principis domini Andree quondam regis
Ungarorum, soror ordinis nostri, ducens laudabilem vitam in isto conventu 25
Thös xxviij. annis, hic sepulta juxta mayus altare.
der Prinzessin, und aus derselben Zeit stammt die erhaltene Grabplatte, an der — nach Mitteilung
von Direktor Dr. Lehmann vom Landesmuseum — ‘Form und Größe der Wappenschilde entschieden
auf die erste Hälfte des 14. Jhs. hinweisend trotzdem die Ornamentik ohne die Schilde ‘dem Ende
des 14. oder sogar dem Anfang des 15. Jhs.’ zuzusprechen wäre. Daß man den Stein der Prinzessin ,
den die Biographin doch neben dem FronaUar als ein stattliches Werk gesehen hat, schon bald nach
seiner Erstellung wiederum erneuert hätte, ist kaum anzunehmen-, daß der erhaltene dem andern
mit Töß in Verbindung stehenden Gliede der ungarischen Königsfamilie, auf welche die Wappen
deuten, d. h. der Königin Agnes (+ erst 13641), zum Dank für die dem Kloster erwiesenen Wohltaten
als Kenotaphium errichtet worden sei, ist sehr unwahrscheinlich, da ein solches Denkmal im Verlauf
der Jahrhunderte gewiß auch einmal, und vermutlich öfter als das ihrer Stieftochter, erwähnt worden
wäre; auch war die Verehrung für Agnes in Töß wenigstens zeitweise nicht sehr groß: vgl. oben
S. 101,30 ff. 103,13 ff. 104,1. 117,18 ff. — Wir halten also die Platte S. 122 für den Rest des 1337
im Chor der Klosterkirche errichteten Grabmals der Prinzessin Elisabet (+ 31. Okt. 1336), der dann
1703 aus dem Chor unter die Kanzel versetzt und neulich ins Landesmuseum verbracht worden ist.
Die Platte hat die Form eines flachen Giebels , dessen Rand ringsum von wellenförmigen Blattranken
umzogen ist, während die beiden Flächen mit symmetrisch angeordneten Ranken geschmückt sind, deren
äußerste Windung jeweilen eines der vier Evangelistenzeichen umrahmt, während je innerhalb der
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122
Schluß vermahnung.
öot der da ist ain beloner aller siner hailigen und ain erhöcher aller
demütigen rainen [189«] hertzen, der unzwil och hat dise tugenthaften demütigen
künginnen erhöcht by im selb und ir geben für die zergangklichen richtum die
iemer werenden schätz der ewigen glori, die sy mit hochen fröden nun ewigk-
5 liehen nissen ist in iemer werender sicherhait. In diser gnuchtsamen folkomen-
hait sölent wir sy an rüflfen und bitten das sy uns gnad erwerb umb unser
heren, won sitdemal er by irem lebenden lib den lütten durch ir liebi so fil
gnad tett, so sölent wir im wol getrüwen das sy üns nun fil basser by im ge-
hellfen mug, und sy och gern erhören wil.
2. vnz wil; lies : un zwifel? (vnczwiffell Ü). 3. richtum so, vgl. Seite 117,12.
5. wereender G. 9. hierauf in G 1 SpaUe leer (für die Überschrift des folgenden Lebens der
H. Margareta von Ungarn ); nur ganz unten (r.): Dz erft Capitel. — In N folgt auf die dort den
Schluß machende Grabschrift (oben ZI. 7 — 10) der Beginn des Schwestembuches von Dießenhofen mit
der Überschrift : Hie fachet oder hept an die vor rede in das puch d’ ftifftung vn des lebens
der fweft’n des clofters genant dieffenhoffen pdig* ordens in toüczfcher p[ro]uince.
mittelsten Windung ein Wappen in der Schildform des 14. Jhs. lehnt. Diese Wappen bezeichnen das
Werk als ein Denkmal des ungarischen Königshauses aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts.
Der Wappenschild mit den 3 roten und 4 weißen Balken findet sich — laut gütiger Mitteilung
Dr. Lehmanns — auf den goldenen Wappensiegeln König Emmerichs, 1196—1204, und Andreas II.
1205—1235 (abgebildet in dem zur Millenniums-Landesausstellung erschienenen Werke über die histor.
Denkmäler Ungarns, Bd. I, S. 20 f.). Das Patriarchenkreuz des andern Schildes begegnet so ohne
Zutaten in dem Wappensiegel Andreas III., 1290—1301 (a. a. 0. S. 26), während es später gewöhn¬
lich auf einem Dreiberg und in halbiertem Wappenschilde heraldisch links neben das ältere Wappen
gestellt erscheint.
Wir haben für die Aufnahme der Platte und die Erlaubnis, dieselbe hier wiederzugeben, der
Direktion des Schweizerischen Landesmuseums, und für die Bereitwilligkeit, dieses jedenfalls für die
Geschichte und Kunstgeschichte von Töß sehr wichtige Denkmal hier aufzunehmen, der Preußischen
Akademie der Wissenschaften unsern besten Dank auszusprechen.
Platte des?Fürstengrabes von Töß (wahrscheinlich von einem Tischgrab der Prinzessin
Elisabet von Ungarn, f 1336), jetzt im Schweizerischen Landesmuseum zu Zürich.
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Namenverzeichnis
Agnes von Osterrich, Königin
von Ungarn 100, 8. 15.
(101,29. 103,1.13. 104,1.
117, 18 ff.)
Ainsidelen 103, 28.
Albrecht, römischer König
100, 7. 15.
Andreas, Andres, König von
Ungarn 98, 26. 99, 13. 15.
100, 16. 104, 18. 121, 8.
Anna 80, 19.
Aquillus, bruder 30, 8.
S. Augustin[us] 14, 14. 65, 6.
Baden 103, 11. 13. 15. 20.
Basel 96, 27.
Bassiliensis, conventus 11,37.
Bechlin (Beklin), Elisabet
86, 30. 87, 2. 89, 32. 90, 17.
Berchtold, bruder 39, 21.
S. Bernhart 33, 11.
Bichlense 87, 37.
S. Blassi 89, 13.
Büllach 38, 30.
Bürgenden 30, 7.
Bussnang, frow von 101, 31.
Cecilie 99, 17.
Cellinkon, Eisbet von 90, 19.
20. 92, 35. 38.
Costentz, s. Kostentz.
David 41, 6.
S. Dominicas 12, 12. 37, 31.
32. 95, 20. 96, 6.
Egipt[us?] 80, 21.
Elgö (Elgeo, Elgü, Ellgfi,
Ellgß), Elli von 25, 11. 40,
8. 44, 2. 3. 82, 19. 20. 21.
Ellsy von 24, 28.
Eisbet (Elysabeth, Elßbeth)
Staglin, 8 . Staglin.
Eisbet (Elisabet, Elsbeth),
Königstochter von Ungarn
98, 26. 99, 13. 18. 104, 11
(E. von Offen). 121, 8.
S. Eisbet (Elisabet), Land¬
gräfin von Thüringen 112,
17. 25. 28. 113, 1. 3. 6. 15.
27.
Endingen 39, 19.
Erckardus, meister 4, 9.
Felthain, *. Veltheim.
Fenn, Königin 99, 16.
Feronica 38, 18.
Fink in, Margret (Margretha)
33, 8. 13. 35, 4. 87, 27. 28.
Friburg 101, 31.
Frowenberg, Adelhait von
50, 1. 5. 9.
Gisla 45, 7.
o
Hainricli von Osterrich, hert-
zog 100, 12. 102, 4.
Heinrich, der Seüsse 4, 18.
5, 27. 7, 25. 8, 32. 10, 15.
97, 2. 35; 8 . auch Seusse.
Hemme 68, 3.
Hessen land 101, 27.
Hoff, Mechthilt von 84, 10.
Hugo, bruder 71, 2. 75, 10.
Hünikon, Margret von 43,20.
21. 22. 44, 9. 13. 21.
S. Jacob (Jakob) 76, 10. 15.
Jerusalem 11, 27. 82, 5. 9.
Jesteten, Eisbet von 49, 22.
Johannes, hertzog 100, 16.
S. Johannes (Johanns) 38, 35.
47, 6. 76, 10. 16. 93, 25.
Jop (Hiob) 22, 15.
Joseff 80, 21.
S. Katherina 68, 10. 16.
S. Katherinen klostcr in Frei¬
burg 101, 31.
Katherinatag 64, 9.
Klingenberg, Mezzi (Margret)
45, 1. 2. 3. 22.
Klingenow 38, 26.
Klingenow (Klingenowe),
Anna von 36, 26. 27. 28.
38, 33. 39, 35. Lüki von
38, 26. Sophya von 55, 4.
5. 6.
Kostentz (Kostenz, Costentz,
Costantz, Constanz), Willi
(Willy) von 4, 18. 39, 24.
48, 8. 9. 27. 80, 11. 99, 18.
Mechthilt von 92, 38. Con-
stanzer bistum 3, 29.
Klingsfeld 100, 19. 103, 15.
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124
Namenverzeichnis.
Levi 90, 14.
Liebenberg, Beli von 29, 29.
30. 31, 7.
Lindow, Adelhait von 85, 22.
23. 24.
Lucas 95, 12.
Lucia 47, 9.
Lütisbach, Beli von 84, 19.
20. 21. 28.
S. Margret, Margreth 23, 32.
24, 4. S. Margret von Un¬
garn 101, 9.
S. Margreten gebett 23, 26.
Maria Magdalene 6, 18. 19.
S. Marx, der Evangelist 13,
21 .
Matheus 95, 18. 96, 13.
Meier, Bruder Johannes 1, 1.
Mezi, Eisbet von der 35, 6.
Münchwil, Offmya (Ofmya)
von 32, 1. 2. 3.
Nellenburg, Adelhait von
93, 25.
Nürenberg 96, 28.
Offen 99, 18. 104, 11.
Öningen 103, 7.
Österrich 100, 8. 12. 102, 4.
103, 7.
Paiger, Baiem 100, 6.
S. Paulus 39, 29.
S. Petter 12, 23. 38, 36.
Pletin, Rathterina (Kathe-
rina) 43, 5. 6.
Ragucl 1, 5.
Ritterin, Juliana 36, 24.
j Rudolf, römischer König 101,
31.
Sara 1, 5. 98, 16.
Schäflin (Schefflin), Eisbet,
Elsy 22, 1. 2. 25, 14.
Schalken (Schälchen), Belli
von 83, 17. 19. 20. Richi
(Riehe) von 84, 5. 14. 15.
16.
Schönenberg, Qütte (Gutta)
von 35, 26. 27. 28.
Schulthasin, Jüzi 25, 19. 69,
17. 18.
Schwaben, Schwaben land
100, 17. 21.
Scbach 42, 27.
Seusse, Seüsse, Heinrich der
4, 19. Das Seussen puch,
des Seußen puch 5,7. 10, 7.
96, 25.
Sidwibrin, Mezzi (Mezze) 28,
I. 3. 29, 25. 26.
Solomon 3, 13.
Staglin, Eisbet (Elßbeth,
Elisabeth) 2, 11. 3, 2. 10.
II. 15. 26. 29. 4, 23. 5, 21.
6, 14. 7, 1. 25. 8, 30. 9, 19.
10,21. 11,20.30.36. 93,5.
96, 24.
Stanz, Mächthilt (Mechthildt
Mezzi) von 60, 25. 29. 63,7.
25. 67, 34.
Sulz, Ita von 20, 1. 2.
Sulzerin, Ita 79,12.19. 81,24.
Sure, Beli von 41, 21. 24.
Tetingen, Gepe von 92, 37.
Teuthonia, Deutschland 98,23.
Thobias: büch Thobie 1,3. 4.
Thomas, Sant 12, 23.
i Tösse, Töss 1, 3. 2, 11. 15.
3, 11. 16. 32. 4, 14. 11, 4.
, 17, 7. 35, 20. 79, 24. 98, 22.
24. 26. 100, 22. 117, 25.
120, 8. Thös 121, 10.
Tüngen, Ita von 35, 15.
Turicensis, frater 11, 37.
Türingen 101, 27.
Ungarn, Unger 98, 26. 99, 14.
100, 7. 8. 11. 18. 101, 7. 26.
102, 19. 103, 6. 110, 4. 7.
120, 22. Ungari 121, 9.
Veltheim (Felthain) 35, 2.
69, 11.
Waltter der Toss 100, 1.
Wansaseller, Anna 46,18.19.
47, 11. 12.
Wediswil, Mechthilt von 85,
9. 10. 11.
Wezzikon, Ite (Ita) von 17,
1. 3. 18, 17.
Willin, Margret 25, 30. 33.
Win 100, 10.
Wintertur 59,27. 69, 9. 77,9.
Wintertur, Beli von 40,15.16.
17. Getrut von 48,30. 31.32.
Wolfran, bruder 67, 1.
Wurmenhus8en, EUi von 24,
21 .
Zolnerin, Elisabet 41, 12.
13. 14.
Zürich, Zürich 3, 16. 29.
77, 10. 103, 20.
Zürich, Margret von 36, 6.
7. 8. 45, 18.
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Wortverzeichnis.*)
ainbaren vh. vereinigen 58, 3.
34.
ainbarung f. Vereinigung 58,
4. 34.
ainig adj. einzig : das ainig
gnt = Gott 61, 2.
ainikait f. Einsamkeit 62, 6.
ainvaltent adj. einfach, einzig?
98, 31.
aklain, s. klain.
alleluia, s. legen,
allwegent adv. immer 39, 8.
allwent, alwent adv. immer
27, 16.
alt (= ald) conj. oder 49, 6.
alter m. Altar 20, 26. altar,
alltar 20, 29. 32, 15. 33, 3.
38, 22. 39, 11. 45, 25. 51,
7. 8. 56, 6. 57, 2. 60, 19.
63, 12. 67, 29. 30. 82, 31.
88, 15. 89, 14. 15. 104, 15.
107, 28. 113, 22. 115, 13.
120, 14.
altvatter m. (M) Patriarch
7, 27.
amacht Ohnmacht 97,29.
an (ma. < ain?) art. ein
23, 28.
an[o] m., d. pl. anenen (E ),
Ahn 103, 21.
augeng n. ? (E) Anfang 99, 1.
117, 15.
anlut, antlut, antlit n. Antlitz
42, 22. 46, 26. 47, 3. 66, 24.
74, 22. 75, 36. 78, 26.
an mutten vb. ( E ) c. acc. der
Pers. u. d. Sache, einem zu-
muten, von einem verlangen
102, 33. Vgl muten,
ansichteklichen adv. (E) sicht-
barlich 117, 19.
antiphon, antifone f. Anti¬
phone 28, 22. 86, 17.
arbetsälig (< arbeit-) adj. (E)
sorgenvoll, elend 104, 13.
J 80 adv. (M) — also 12, 21.
auder (c äder) 18, 7. 66, 32.
ausgescheidenlichen adv. ( M )
ausdrücklich , ausführlich
98, 6.
balme m. Palme 31, 2. 4.
1 begenen (< begegenen) be
| gegnen 71, 23.
| behalter m. ( E ) Retter 116,32.
l beliben: subst. inf. n. = ein
ewig, stet b. Ausharren ,
| Ruhe? 73, 31. 37.
j berle f. ( E ) Perle 108, 32. 34.
beschaidenhait f. Vernunft ,
gute Sinne 94, 21.
beschnitten adj. (M) ge¬
schnitzt? 97, 24.
beschSwd f. Anblick 58, 36.
beserlich adj. ( 7 !/) zur Resse-
i rung dienend? 3, 23. Vgl
! bessren 102, 29. 31; bess-
rung 105, 13. 114, 4. 11.
besprengen vb., den Weihwedel
i führen 28, 22.
betstat, bettstat f. (/£) Bett¬
statt 116, 30. 117, 20.
betten c. dal, das Bett bereiten
19, 3.
bewegt f. Bewegung , Wider¬
willen 51, 32.
bewerrd f. ? 80, 34.
bietzen vb. (E) < btietzen
flicken 103, 2.
bildlich adj . (E) = billich
(117,17, bilich 105,5) 103,28.
bletz m. Fleck , Flicken 18,15.
bietzen vb. (E) mit Flicken
besetzen 103, 2.
*) Die mit dem Beisatz ‘(3/)’ versehenen Wörter und Formen sind dem (mitteldeutschen) Texte
Johannes Meiers von 1454 (SS. 1 —12 . 95)10 — 98,30. 120, 19— 121, 10) eigentümlich , die mit
l (Ef bezeichnten dem (durch die häufigen Längenbeeeichnungen von dem Haupttext sich unter¬
scheidenden) Leben der Königin Eisbet (S. 98 — 121). Vom Wortschatz sind die auf das Kloster
und das Klosterleben bezüglichen Ausdrücke besonders berücksichtigt und ausgiebig belegt.
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126
W ort verzeichn is.
blik schoss n. Blitzstrahl 23,28.
bluklich adv. schüchtern, ver¬
legen 92, 2.
bom m. Totenbaxm, Sarg 30, 4.
119, 22. 25.
bomgart[e] m. 37, 7. 40, 23.
77, 4. 110, 28. 30.
böss adj. (E) schlecht, schad¬
haft 111, 1.
brege f. Predigt 36, 1.
bregen vb. predigen 77, 2.
breger m. Prediger 77, 2.
103, 9.
brenn offen m ., bren öffeli n.
(£) Brennofen 110, 27. 32.
bülfren vb. zu Pulver ver¬
wandeln 52, 8.
capitel hus n. Kapitelhaus
46, 27.
collect f. Kollekte, Altargebet
21 , 16.
complet, complett, cumplet,
cumplett f. Komplet, abend¬
liches Gebet 14, 25. 23, 27.
24,7. 26,23. 28,15. 55,32.
62, 19.
cristmess f. Messe am Christ¬
tag 47, 33.
crützgang 8 . krützgang.
danknem adj. dankenswert, ge¬
nehm 24, 26.
danut s. dennen.
denen adv. von dannen, fort
24, 2.
dennen, vb., prt . dannt, dehnen,
strecken, richten 78, 34.
disciplin f. Bußübung 23, 6.
26, 16. 40, 22. 43, 9. 45, 5.
16. 83, 27.
dormiter, dorrmitter, tormen-
tar, tormitar n., Dormitorium
23,3. 26,21. 26,25. 57,9.
81, 19. 93, 2. 108, 26.
drisgost m. (E) dreißigster
(Tag) nach dem Todestag
118, 24. Vgl. sibende.
dult f. Fest 105, 31. 112, 17;
tült (£) 112, 34.
dunsttag, donstag, grosser,
Hohendonnerstag 63, 31. 71,
28.
durchfüllen vb. (prt. durch-
fult) füllen, durchnässen
62, 21.
durch martren vb. (E) durch
Martern erschöpfen 117, 10.
eie f. Elle 36, 25.
eilend adj. heimatlos, enterbt
111 , 22 .
eltren plur. tant. Vorfahren im
Orden, ehemalige Ordens¬
schwestern 16, 14.
emiten adv. (C enmitten)
mitten 54, 3.
emsig, emssig adj., emseklich,
emssklich, emsklich adv.
fleißig, beständig 112, 13.
114, 19.
I endlich, entlieh adv. voll¬
ständig, ganz und gar 18, 1.
55, 24.
engelschlicher grütz m. Ave
Maria 84, 30. 31.
entheissen vb. geloben (E)
118, 26. 119, 9.; sich e.,
eine Wallfahrt geloben 69,12.
entliben vb. (E) unterbrechen,
aussetzen 114, 20. 116, 24.
ent pfenklich adj. empfäng¬
lich, teilhaftig 80, 33.
enzüken ? enzuken ?: pt. pf.
enzukt entzogen 75, 11.
erarnen vb.(M) verdienen 6,4.
ergetzen vb. (E) c. gen. etwas
vergessen machen , ersetzen ,
wofür entschädigen 111, 32.
117, 2.
ergetzen, subst. inf. n. (E)
Ergetzung 103, 25. 111, 30.
erheben, sich vb. geschwollen
werden 51, 23. erhaben,
ptc. pf. heiliggesprochen 13,2.
erschiessen vb. axtsschlagen.
wol e. gelingen 82, 29.
erechinen vb.: prt. erschan
21, 29. 31, 31. 36, 18. 44,
23. 52, 25. 69, 1. 80, 32.
81, 19. 84, 25. 85, 15. 86,
23. 108,7.18. 112,25. 113,
6 . 14. Vgl. schinen.
er8chmiren vb., lächeln, auf¬
lachen 41, 9.
estrich m. Fußboden mit Stein¬
pflaster 26, 13.
etica f. (c hectica) Schwind¬
sucht 52, 20.
etter m. Oheim, Vetter 30, 16.
f s. auch v.
fedemly n. Fädchen 52, 7.
fegfür n. Fegefeuer 39, 2. 3.
feilen vb. nieder werfen 62, 4.
foltziech (< feltsiech) adj.
aussätzig 50, 25.
fenster n. 1) (Rede-?) Fenster
69, 24. 2 ) Fensternische
(Nische überhaupt ?) 80, 29.
fenstrerin f. die am Rede¬
fenster Axiskunft gibt 60, 2.
Vgl. gesellin ze dem fen¬
ster.
feren, ferren vb. fern werden,
sich entfernen 72, 21. 75, 8.
ferly n. Ferkel 37, 27.
folli f. Fülle 60, 3.
fransmütikait f. ( E ) zu vrast-
mnnt stf. Standhaftigkeit,
Herzhaftigkeit, vrastgemunde
adv. herzhaft (Mhd. WB III
395b)? Oder zu fransisch
= französisch, fremdartig,
Schw. Idiot. I, 1311?
frieg (< fri) frei 42, 7.
fritag, stiller Karfreitag 62,18.
63,11. 14. 94, 23. 27. 28.
fronlichnam m. Fronleichnam
46, 11. 74, 6. 120, 15.
frümen vb. zubereiten, zurecht¬
machen, anfertigen 26, 16.
45, 30.
fründ m. Freund, befreundet,
versöhnt 108,23; Verwandter
109, 10.
fründ adj. verwandt 101, 27.
füllen vb. — mhd. villen,
schinden, geißeln, strafen?
22 , 10 .
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Wortverzeichnis.
127
fürs pan n., Spange , Schließe
am Kleid 45, 10.
füssdrit m.(E) Fußtritt 115,19.
fustüch (Schreibf. f. fiistuch)
n. Fußtuch 52,29 ( vgl.Anm .).
gäch adj. jähzornig 102, 7.
[gäehej geche, gehe f.
Schnelligkeit : in ainer g.,
plötzlich , «o/br* 23, 31. 82, 7.
gäches, geches arft>. plötzlich
113, 5. 115, 9.
gadem n. ? Wohngemach ; des
gadems und der seien pfle¬
gen 82, 27.
gohügt, Ti. ? Gedächtnis 33,14.
49, 23.
geieren « geirren) irren ,
hindern 01, 14.
gelaich n. ( E ) (ze/eTifc 115, 4.
ge Hiss Ti. 7tm, Benehmen 60, 29.
gelfen vb. pra/den 68, 22.
geloßenheit f. (M) Gottergeben-
//«< 120, 26.
gelteli Ti. (/£) kleiner Zuber
(noch ma. Gelte , Ge//[e]/t,
Sc/w. Mo/. //, 281) 108,31.
33. 35.
gemaind f. Gesamtheit der
Nonnen ? 14, II. 49, 13. 15. '
16.51,19.28.80,36.92,1. I
gemerlich = jemerlich adj.
jämmerlich 26, 22.
ge messe adj. (M), angemessen
5, 32.
gen adv. vor tnf'. nach vb. d.
Bewegung: gen tun (E)
110, 8? Oder < getun?
gen&chen, sich vb. (E) sich
nähern (geistig) 118, 3.
genuchsam adj. reichlich , strö¬
mend 31, 8.
genuchsamlich adv. in Fülle , I
stromweise 29, 9. 105, 22.
gerüsch t». Geräusch , Alarm
34, 22.
geschier (< geschirre) n. (E) |
Geschirr , Gefäß 110, 37. |
geschwinden vb ., unpers. c. j
dat. mir geechwindet, ver- I
Here die Besinnung 66, 14.
67, 24. 105, 27. pt. pf. ge¬
schwunden, bewußtlos 112,
9. 114, 1.
subst. das geschwinden, Be¬
wußtlosigkeit 22, 22. 112,10.
gesehen vb. : gesach dich Got!
‘Gott hat dich angesehen !
Heil dir ! 25, 3. 58, 20. 21
(u. Anm.). 59, 35. 71, 25.
gesellin, gesellinn f. Diako¬
nissin ? Dienerin ? 40, 32.
62, 8; gesellin ze dem
fenster 61,21 == fenstrerin.
gesicht f. (E) Gesicht , Vision
120, 18.
gespuntz[e] m. Bräutigam
102, 37.
gesucht n. Gliederschmerz 53,6.
114, 27. 118, 19.
geswistrigeten n. pl. (M) Ge¬
schwister , Schwestern (An¬
rede des Schriftstellers an die
Nonnen) 120, 19.
getürstikeit f. (M) Kühnheit
7, 5.
getürstiklich, getursteklich
adv. kühnlich , beherzt 23, 4.
119, 24.
gewarlich adv. wahrlich , zu¬
verlässig 24, 10.
gowät[e] 7i. (E) Kleidung
120 , 11 .
gewirbig adj. (M ) tätig, arbeit¬
sam 4, 12.
glesten vb. (prt. cj. 3. pl.
glastind) glänzen 57, 33.
Gottes fröwnd m. (M) Gottes¬
freund 4, 7, vgl. frewnd
Gottes 5, 33. 34.
grät? gret? m.? f.? Stufe , pl.
gret 58, 18, gräten (dat.)
88 , 36.
griss gramen vb. barschen
76, 9.
grundlos, adj. (grunlos E) un¬
ergründlich 39, 27. 116, 24;
das grundlos gut GottGl, 13.
grussei iche subst. Grausen ,
grausliches Hören 14, 22.
gfinlichi f. (Schreibf. für gun-
lichi^ Herrlichkeit 68, 28.
haimlichi f. heimische Behau¬
sung 61, 19.
hainmiit (< heimüt) f. (E)
Heimat 117, 14.
hainstür f. (E) (= heim-) Aus¬
steuer 100, 13. 102, 27.
haus wirt m. (M) Hausherr
97, 9.
heben t>5., prt. cj. 3. pl. hettin
(Vermischung von heben und
haben, wie noch heute alam.)
halten 85, 13.
heinnacht adv. (M) heut nacht ,
heunt 5, 14.
heisslich adj. hitzig 77, 11.
herd m. (E) Erdboden 104,20
(uff den herd ald uff die
erd). Vgl. herrt.
herhorp, härhorn, Heerhorn ,
Posaune 34, 8. 39, 25.
herin adj. hären 26, 14.
herly n. Härchen 39, 11.
herrt m. Erde 42,10. P^/.herd.
himelfar[w] adj. himmelblau
64, 29.
hinderkomen vb. (M) m. Akk.
d. Pers.y überkommen , über¬
wältigen 97, 26.
hinsleichen vb. (M) hin-
schleichen , sich verlieren 3,23.
hobt kiissy t». Kopfkissen 26,
12 .
hobt schidel f. Schädel 40,13.
hochzit Ti. Festtag 104, 7.
hoffjunkfrow[e] f. (E) Hof¬
fräulein 117, 20.
hoffmai8terin f. (E) Erzieherin
101, 32.
hörhorn, s. herhorn.
hunert (= hundert) hundert
74, 34. VgU sunerlich.
hurt f. Reisiggeflecht 26, 12.
27, 3. 35.
howen vb.: gehowes grab (E)
Grabmal aus gehauenen Stei¬
nen 119, 14.
hiiwlen vb. heulen 53, 2.
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128
W ortverzeichnis.
icht pron. etwas, wohl 72, 21.
88 , 29. Vgl. üt. .
ienen adv. irgend.
ieren (<C irren), geieren vb.
c. gen. (E) irren, hindern an
106, 28. (geiren 118, 8.)
innerkait f. Versinken in sich
selbst, Entrückung 39, 25.
inwenndikait f. Innerlichkeit ,
Andacht 43, 4.
kainest « keines) keinmal,
niemals 28, 13.
karaft « kraft) (E) 113, 20.
kelerin, kellerin f. Keller¬
meisterin 21, 4. 23, 3. 35,
10. 89, 4. 6. 10.
kemnate f. inneres heizbares
Gemach? 40, 10.
kestigung f. (M) Kasteiung,
Selbstpeinigung 7, 30.
klain adj.: ain klain, einwenig
28, 8. 49, 23. 61, 10. 79, 21.
aklain dass. 32, 9.
klainet n. Kleinod 103, 14.
kleffner tu. Klävner Wein 27,
29,
klewli n. Kläulein 59, 7.
klosnerin f. Klausnerin 39,
19.
klossner m. Klausner 35, 2.
köpf, kopff m. Schale , Becher
35, 21. 83, 31.
kor m. Chor der Kirche 17,18.
18, 5. 20, 25. 29. 21, 2. 6.
11 . 13. 15. 23, 16. 29. 33.
24, 8. 15. 26, 25. 26. 27.
27, 2. 3. 13. 28, 10. 15.
30, 28. 33, 27. 37. 12. 38,
16. 39, 10. 13. 41, 18. 42, 9.
44, 3. 45, 30. 46, 2. 3. 12.
48, 1. 49, 26. 51, 15. 55,
18. 21. 56, 5. 59, 12. 61,
14. 15. 16. 62,1. 63, 9. 11.
71, 32. 80, 5. 82, 2. 30.
83, 27. 92, 21. 27. 30. 31.
32. 34. 93, 24. 104, 15. 27.
105, 27. 106, 7. 107, 26.
108, 1. 3. 24. 113, 22. 33.
115,13. 120,10; linger kor,
linke Chorseite der Kloster¬
kirche zu Toß 24, 16; iet*
wedrer kor, beide Chorseiten
und Sängerchöre 31, 1.
krutzgang, crützgang m.
Kreuzgang 61, 22. 80, 4.
kr ü wen vb. ( E ) kauern? 107
30; Felder für knuwen?
kugel[e] f. Kugel 19,33; Ka¬
puze 26, 28.
kumerlich adj. adv. mültsam
45, 24.
küng, dry: Kapelle derselben
27, 3. 4.
klingen (< kungin) (E) Köni¬
gin 107, 25.
küntlichen adv. (M) deutlich
97, 19.
küntsam f. ( M ) Kundsame,
Kunde 4, 24.
layge (*• auc h Laien¬
schwester 79, 12.
leblich adj. (M) lebendig, prak¬
tisch? 5, 31. 10, 33.
lecchtor n. Lectorium , Lese¬
pult? 51, 18.
lege, laige, layge: legen sch we-
ster,laigen Schwester Laien¬
schwester 25, 12. 82, 20.
86 , 17.
legen vb.: das Alleluia legen
71, 28 (ii. Anm.)
legend[e] /. ( E) Legende 120,
3. 16 (legend ald büch),
leiderinn f. (M) Dulderin
97,8.
leidenhafftig adj. ( M ) leidbe¬
drückt 121, 2.
lemund m. (Jü) Leumund 3, 20.
Vgl. lünd[e].
leseriii f. Vorleserin bei der
Mahlzeit 48, 17.
lichnam: Gottes l. Fronleich¬
nam 80, 36.
lieben, sich vb. (Bl) c. dat.
sich beliebt machen 111, 15.
lucerne f. Leuchte 58, 2.
lücht adj. licht 36, 4.
lünd[e], binden m. ( g . lündens)
Leumund 22, 23. 38, 6. 103,
21 .
lüppriester m. Leutpriester
87, 37.
möglich « m>lich) adj. (E)
jungfräulich 107, 6.
inagt f .: die xi tusent megt
(m>) 30, 22. 28. 68, 16.17.
mainen (gemainen?) vb. ( E )
trs., Sachobj. durch mit c. d.
ausgedrückt: Liebe beweisen
durch , beschenken mit 103,15.
(Weiterentwicklung der Be¬
deutung von Mhd. WB //, /,
107t» 4; V gL noch nhd. einen
verehren mit).
maisterschaft f. Vorsteher
schaft, Vorgesetzte 18, 16. 20.
mal ti.: un mal außerhalb der
festgesetzten Zeiten ? 83,28,29.
martrer m. Märtyrer 102, 2.
mase /. Fleck 58, 6.
masslaide /. Überdruß , Ekel
vor dem Essen 81, 24. 27.
mess f. Messe (/4, 27 gegen
die Hs., vgl. zu 83, 27).
mess n. Maß 91, 14.
meti, metti, mety, metty f.
Matutin, Mette 26, 26. 34, 6.
40,21. 41,2. 46,3. 51, 17.
33. 56,5. 61,33. 63,3. 64,
9. 71, 28. 72, 1. 17. 83, 2.
92, 20. 21. 24. 26. 27. 29.
106, 6. 108,27. 30.32 (unser
frowen meti). 112,26. 113,
15. 115, 9.
meti büch n. ein (besonders
großes) Buch zum Gebrauch
bei der Mette in Töß be¬
stimmt 70, 9.
minn bewegung f. liebevolle
Erregung 65, 35.
minnesich adj. (M) liebeskrank
97, 17.
min wund adj., liebeswund
65, 4.
minzaichen, die fünf, Wund¬
male 46, 5. 50, 20. 64, 7.
65, 18. 19. 69, 3.
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W ortv erzeichnis.
129
misslich adv. (E) verschiedent¬
lich, kritisch 120, 5.
mornent adv. (E) tags darauf
109, 7.
mum f. (E) Muhme 113, 1.
muten vb. (EI) c. dat. d. Pers.
zumuten, ansinnen 105, 1.
115, 35. Vgl an mitten,
mutt will[e?] Mutwille, Spiel
78, 3.
nacht liecht n. Nachtlicht 45,26.
naiswas pron. etwas 33, 5. 45,
14. 60, 14. 81, 17.
n&tter f. Natter 23, 2.
nissen vb. (E) < messen, ge-
niessen 121, 15.
non f. None, neunte Tages¬
stunde 27, 3. 53, 8. 62, 25.
66 , 24.
novizen maistri f. Novizen-
meisterm 51, 13.
nun adv. 1) nun 17, 7; 2) nur
(< nuwan, niht wan) 24,
25. 63, 35. 85, 13.
mint, 8 . nüt.
mit, pron. nichts: mit nüty
mit nickten 33, 5; nünt
42, 13.
mitzig = nünzig, neunzig 92,
20 .
nüwi f. Neuheit, erster Anfang
94, 2.
offen m. Ofen 75, 31.
offen hiissli n. (E) Ofenhäus¬
chen, im Baumgarten des
Klosters stehend 111, 10.
ops n. Obst 60, 13. 15.
ordenhaft adj. ordensgemäß
33, 22. 40, 17.
paten, patten f. Patern,
Schüssel 32, 28. 33.
patternoster n. 1 ) Unservater,
2 ) Rosenkranz aus kleinen
Ringen zum Beten des Unser¬
vaters 80, 26.
pfr&nd f. Versorgung, Speise
46, 11. 17.
Deutsche Texte des Mittelalters VL
pilder m. (M) Vorbild, vorbild¬
licher Mensch 120, 28.
pingen vb. peinigen 22,13.16.
78, 16. 114, 28.
pinn f. Pein, Strafe 44, 24.
71, 27.
pinnlich adj. (E) peinlich
117, 1.
pornerin f. Pförtnerin 23, 15.
port f. Pforte 23, 16.
prim f. prim zitt f. Prim ,
erste Morgenstunde 26, 30.
61, 33.
priorin f. Priorin 47,24. 67,6.
68 , 14.
provincial, profincial m. Vor¬
gesetzter einer Ordensprovinz
28, 30. 67, 1. 75, 10.
psalter m. Psalter 49,13. Vgl.
salter.
punct[e] m. Punkt, Augenblick
77, 6.
recht n.: ire recht (E) die
ihr gebührenden Sterbesakra¬
mente 114, 7.
red venster n. Redefenster
26, 9.
regel fasten f. pl., Fasten der
Regel 34, 13. 14. 40, 18.
83, 28.
reie m. (M) Reigen, Tanzweise
5, 17.
reissen vb. (M) reizen, anregen
6 , 1 .
reisslich adj. (M) reizend, ein¬
ladend, förderlich 2, 17.
rekolte f.t Wachholder 40,
22 ; rekolter m.f dasselbe
18, 23.
reventar, refentar, reffentar,
refetar n. m. Refektorium
18, 6. 24, 20. 34, 13. 15.
48, 17. 49, 11. 51, 19. 61,
17. 67, 6. 68, 8. 81, 20.
83, 22. 25. 90, 29.
riechlich adj. ? 77, 11.
richsnen vb. herrschen 115, 1.
richten vb. leiten, in Ordnung
halten 49, 26.
ringmur f. (E) Ringmauer des
Klosters 110, 28.
ritt[e] m. Fieber 40, 12. 13.
69, 6. 71,29. 114,25. 118,
20. 119, 1. 6. 11.
ritter, die x tusent 68, 17.
rob m. (E) Raub 115, 35.
röböblein n. (Mj Saiteninstru¬
ment 5, 16; s. Anm.
rüchlen vb. wiehern, brüllen
53, 2.
runs m. Fluß, Erguß 64, 25.
65, 10.
salter, saltter (vgl. psalter)
m. Psalter, Psalm 30, 3. 34,
10. 40, 22. 41, 6. 46, 22.
49, 9. 94, 34.
samhaft adj. gänzlich 26, 4.
schall m. laute Fröhlichkeit
78, 3.
schapren < schaperün, frz.
chaperon, m. Mantel mit
Kapuze 26,28. 64,22. 80,8.
schenken vb. als Badegeschenk
geben 103, 11.
schenkfass n. Gefäß zum Aus¬
schenken 35, 11.
schifly n. Schiffchen 19, 32.
schimpffen (M) = ludere 1,9.
schineu vb.: prt. schan 31,33.
82, 4. Vgl. erschinen.
schmak m. Geruch 12,19. 31,
4. 5. 92, 32.
schmeken vb. (tn/r.) riechen
(intr.) 92, 33.
schonen vb. (£) c. dat. und
mit: einen mit etwas ver¬
schonen 109, 14.
schüschel f. Schüssel 65, 22.
104, 33. Daneben schüssel
105, 8.
schwach adj. gering 103, 5.
schweglen vb. die Pfeife spielen
62, 3.
schweren, schwären (< swörn)
vb. (E) schwären 114, 35.
115, 23. 25.
schwiglichy f. Schweigsamkeit
(als Bußubung) 23,10. 62,6.
9
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130
W ortverzeichnis.
schwimen vb. (M) schweben
10, 3.
schwinden vb. impers. vgl. ge-
. schwinden.
seb « selb) pron . selbst 56,
34. 58, 36.
seigen = mhd. eigen vb. (M),
sinken 97, 29.
sei f.i der sei warten, aufs
Ende warten 67,4; der seien
pflegen, für die Totenämter
sorgen 82, 27.
selgret ». Vermächtnis für das
Seelenheil 49, 20.
seltzen adj. seltsam , wunderbar
31, 14.
sengerin f. Vorsängerin ? 45,3.
46, 1.
ser n. Schmerz 19, 4. 41, 7.
42, 28. 35. 52, 21. 23. 56,
16.17. 25. 29. 57,17. 60, 4.
6. 11. 62, 15. 64, 21. 28.
31. 32. 34. 37. 65, 17. 18.
21. 25. 31. 34. 66, 7.12. 17.
19. 112,6. 114,23. 115,9.
10 .
serlich adj. schmerzlich 114,29.
115, 2. 27. 116, 2.
sexstern f. (M) Sextem, Bogen¬
lage 5, 10.
sibende f. siebenter (Tag) nach
dem Todestag 40, 10. Vgl.
drisgost.
sidel[e] f. ( E ) Sitz , Chorstuhl
120, 14.
siech hus, siech hass n. Kran¬
kenhaus 40,20. 48,16. 60,8.
66,2. 80,19. 84,25. 86,13.
91, 34. 92, 20. 109, 20.
siechmaistrin f. oberste Kran¬
kenpflegerin 47, 33. 66, 16.
siech stub[e] f. Krankenstube
61, 18.
8iechtag[e], sichtag m. (M)
Krankheit 9, 14. 18, 26. 27.
22. 22. 24. 24, 3. 42, 22.
28. 29. 48, 23. 52, 25. 66,
32. 33. 70, 11. 71, 29. 80,
23. 89,2. 91,2.3.23. 103,
8. 112, 2. 6. 8. 10. 19. 22.
29. 34. 113, 5. 8. 9. 28. 34.
114, 15. 23. 29. 35. 115, 3.
10.23. 116,24. 118,22.29.
119, 9. 20. 28.
sinwel adj. rund 19, 33.
sip f. (E) Verwandtschaft 116,
35.
sorgklich adj. (M) sorgenvoll
I, 19.
spulgen vb. (E) pflegen, ge¬
wohnt sein 120, 11.
strak adj» stramm, scharf stark
46, 5.
strat, m. Teppich (als Lager)
26, 13. 27.
stub[e] f. Stube 75, 29. 31.
stüffmütter /. (E) Stiefmutter
101, 29. 30. 103, 1. 104,1.
117, 18. 20.
sumren vb. trommeln 62, 3.
gunerlich adv., ma. für sunder¬
lich (so 101, 10)? besonders
101, 7. Vgl. hunert 74, 34;
anren 105, 17.
sunftzen vb. seufzen.
supriorin f. Subpriorin 40, 27.
tafel f. (Metall- ?) Tafel mm
Zusammenrufen des Konvents
durch Anschlägen 68, 15.
tile, tili f. Diele, Decke 31,33.
53, 2.
tüdmig adj. totengleich, nach
Verwesung riechend 81, 9.
tormentar, tormitar, s. dor-
miter.
tötlich adj. (M) todähnlich,
dem Tode bestimmt 1, 15.
II, 23.
tougni f. (M) Heimlichkeit,
Mysterium 6, 29.
tracht f. Gang bei der Mahl¬
zeit, Speise 50, 22.
trügnus /. Betrug, Blendwerk
110, 5.
tübly n. Täubchen 35, 17.
tuglich adv. < tugentlich?
83, 21.
tumer m. Turnier 77, 10.
78, 32.
übergriffenlich adj. über aBe
Begriffe, unbegreiflich 66, 33.
überswencklich, über-
schwenklich, überschwen-
kelich adj. (M) überschweng¬
lich, übermäßig 4, 20. 5, 22.
115, 22. 116, 3.
überwunden vb. < überwin¬
den, überwinnen, über¬
winden 111, 25.
übing (< Übung) Übung 40,21.
übly /. Bosheit 23, 1.
uffgeben vb. abtreten, anheim¬
stellen 17, 13. 79, 4.
umbsess[e] m. Umwohner 103,
12 .
un < fine prp. 12, 7. 14, 6.
20. 20, 2. 27, 7. 34, 12.
35,1. 7. 40, 21. 50, 21. 35.
53, 27. 58, 6. 59, 8. 21.
74, 26. 75, 24. 78, 14. 17.
79, 9. 27. 83, 28. 94, 30.
100, 5? 105, 25. 106, 10.
107, 22. 112, 4. 113, 25.
116, 20. 24. 121, 12?
undergang m. (M) Selbsttötung
120, 29.
underliby f. Unterbrechung,
Auf hören der Krankheit 37,
11 ; underlibung f. dass.
71, 16.
underscheid f. (M) = capitu-
him 1, 5.
anderstem vb. (M) verhindern
5, 5.
ungebresthaft adj. (E) nie ver¬
sagend, unvergänglich 111,
19.
ungebrestlich adj. (Ei) das¬
selbe 117, 13.
ungeleichet f. (M) Ungleich¬
heit, verschiedene Gesinnung
97, 8.
ungetoni f. Häßlichkeit 58, 26.
ungewalt m. Ohnmacht ; mines
ungewaltes, meiner nicht
mehr mächtig 56, 30; irs
ungewaltes 113, 24.
ungewürm n. häßliches Ge¬
würm 22, 21.
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W ortv erzeichnis.
131
ungird f. Abneigung? 76, 27.
unlidig adj. unleidlich, tm-
erträglich 113, 9.
unmacht, f. Ohnmacht 56, 30.
33. Vgl. amacht,
unordenhaft adj. nicht ordens-
gemäß 93, 32. 33.
unördenlich adv. (M) in un¬
geordneter Weise 8, 20.
unsinn m. (E) Bewußtlosigkeit
113, 21.
unstat[e] f., d. pl. mit un-
statten Unbequemlichkeit,
Mühe 104, 27. 119, 3.
ünt, 8 . dt.
unterscheid m. (M) Unter¬
scheidung 10,23. Vgl. under-
scheid f.
untödüch, untötlich adj. (M)
unsterblich 11, 26. 114, 20.
untrost m. Trostlosigkeit 59,23.
unvertragenlich adj. unerträg¬
lich 19, 4. 22, 21.
unwertsamklich adv. un¬
freundlich 21, 27.
unz wil (E) bis zur (heutigen)
Zeit (oder Schreibfehler ?)
121 , 12 .
üppig adj. (E) überflüssig, eitel
107, 22.
urkdnd f. (E) Kunde, Beweis
107, 24.
urldg »i. ? Krieg 23, 25. 77, 9.
user, usser adj. äußerlich,
körperlich, weltlich 32, 8. 17.
ussbrechen « üz-bröhen)
auf leuchten 39, 12.
usserlich adv. auf äußerliche ,
weltliche Weise? 34, 33.
usswendig adj. äußerlich
(Gegensatz zu geistlichen
Übungen) 51, 34. 71, 3.
uswallen, prt. cj. 3. sg. uswiel,
überkochen 65, 17.
dt, dnt « icht (s.Einl.), irgend
etwas 27, 9. 47,19. 49,4.18.
52, 24; adv . wohl 48, 27.
velwe f. Weide, Weidengeflecht
26, 12.
yeni[e] f., pl. venien, venyen
Bußübung durch Kniefall und
Hinwerfen des Leibes (Pro¬
stration) 27, 3. 46, 5. 8. 56,
6 . 61, 37. 106, 2. 4. 107,
28. 108, 9.
verainen vb. 1) einsam werden,
allein bleiben 56, 5; 2) ver¬
einigen 73, 37. 76, 36.
verfallen vb. (22) zu Falle
kommen : verfallne hoffart
107, 10.
Vergangenheit f. (M) Ver¬
gänglichkeit? 10, 30. 31.
verhenken vb.: pt . pf. ver-
henket, verschleiert, verhüllt
26, 29.
verlasenheit f. Weltlichkeit?
23, 19.
vermasgen vb. beflecken 56,13.
vermischen vb. vermischen:
prt. vermiet 26, 17.
verschwanen vb. schwinden
machen , verzehren (ma.
< -sweinen)? 52, 10.
versprechen vb. a. acc. ent¬
sagen, verzichten auf 61, 1.
verwalken vb. verfilzen 89, 34.
verwanlen, verwandten vb.
verwandeln 17, 10. 57, 15.
verwegen, sich, c. gen. ver¬
zichten auf 17, 13. 20, 14.
51, 4. 69, 23. 90, 14. 15.
101 , 22 (sich in etwas er¬
geben). 111, 27. 112, 14
(woran verzweifeln).
verzdken: pt. pf. verzukt, ver-
zuket, verzucket verzückt
66 , 24. 25. 74, 15. 76, 20.
78, 20.
verzukung f. Verzückung 66,26.
vesper, vessper f. Abend¬
stunde, Nachmittagsgottes¬
dienst 53, 8. 66, 19. 75, 30.
32. 113, 20. 26.
vigili, vigily, pl. vigilien f.
Vigilie, Nachtwache 26, 19.
33, 29. 83, 3.
volherten vb. (M) ausharren,
durchführen 6, 8. I
waiswarnach (für naiswar-
nach?) adv. nach irgendetwas
42, 30.
wann[e] f. (E) Wanne 111, 1.
4. 8.
warheit, ewige f. (M) die
Ewige Wahrheit, Seusescher
Ausdruck für Gott, Christus
96, 11.
weder cj. für Gleichsetzung
zweier verglichener Gegen¬
stände: wie (nicht: als) 58,
32.
Weisheit (iftf), wishait, ewige
f. die Ewige Weisheit, Seuse¬
scher Ausdruck für Gott,
Christus 1, 1. 4, 23. 7, 25.
11, 29 (M). 33, 17. 96, 16
(M). 97, 36 (M).
wendig adj. abgewendet, rück¬
gängig gemacht 78, 32.
weren, geweren (= wörren)
c. dat. hindern , Schaden tun
63, 7.
werk n. klösterliche Handarbeit
26, 32. 34, 16.
werk hus, werkhus, werkhass
n. Haus für klösterliche Hand¬
arbeit 14, 26. 26, 32. 34,16.
40, 28. 55, 19. 59, 38.
werkli n. Flocke Wergs 64, 30.
wider adv . zurück: wider
körnen zu sich selber kommen
59, 2. 3. 68, 21. 114, 7.
wider bringen zu sich selber,
zum Bewußtsein zurück¬
bringen 76, 19.
widerzem adj. zuwider 17, 8.
18, 27. 51, 31.
wil /. (£) Zeit: unz wil (?)
121 , 12. 8 . unter wil.
wil m. Schleier 26, 28. 102, 7.
wilen vb. als Nonne einkleiden
101, 29. 102, 5. 7. 14.
winden vb. auswinden (ein
nasses Tuch) 62, 22.
winn&chten, win&chten f. dat.
pl. Weihnachten 39, 9. 47,32.
56, 4.
wirser adj. cp. übler 85, 18.
9 #
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132
W ortverzeichnis.
wis, wis d. pl. wissen, wisen
f. Strafe , HöUe 34, 27. 39,
4. 43, 19. 44, 24. 58, 12.
108, 22. 111, 19 (?)
wis, wis f. Weise 113, 16.
wol adv.: so wol tun, so gut
(gefällig) sein 102, 13.
wolno8t /. Genuß 58, 32. 33.
wuchenwerk n., vorgeschrie¬
bene Wochenarbeit 51, 23.
24.
wnchnerin f. die die Wochen¬
dienste hat 28, 21. w. in der
kuchin 81, 1.
wunder, wunnder n. Neugier
59, 33.
wurssen vb. verletzen 92, 23.
z&ichen das erst z., das
erste Glockenzeichen zur Mette
92, 31.
zarten, zartten vb. schmeicheln ,
liebkosen 28, 29. 61, 30.
zertennen vb., prt. zertand,
pl. pf. zertentt, ausbreiten
93, 27. 95, 2.
ziechen vb. 1) ziehen. 2) ent¬
rücken 82, 9. hin ziechen,
verscheiden 19, 26. 41, 8. 9.
94, 37. in sich selber ge¬
zogen werden, in Betrach¬
tung, Selbstvergessenheit ver¬
sinken 19, 8. off gezogen
sin, verzückt sein 41, 19.
zipelin: ein z. der mass? 93,
15.
zit, zitt n. ?: ze den zitten,
zu den vorgeschriebenen Ger
betszeiten, Horen 41, 18. 61.
15. 34.
zdken, zoken? vb. 1) an sich
ziehen 88, 19. 2) entziehen
(eine Gnade) 59, 14. 5) ent¬
rücken (den Geist aus dem
Leibe) 81, 5.
zuval m. Veränderlichkeit, Wan¬
del 12, 7.
zwechel f. Tischtuch 32, 26.29.
zweswe, zwessme adj. f.
« zeswe), die rechte (Hand)
33, 3. 74, 22. 78, 28.
zwintzig (< zwanzig), zwan¬
zig 75, 33.
zwirent, zwarent, zwärent
adv. zweimal 14, 29. 40, 19.
68 , 17.
zwurent, s. zwirent.
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Berichtigungen und Ergänzungen.
Seite 7, Zeile 1 v. u. Voder erquickung lies : oder Verquickung.
„ 21, „ 13 mal, da» lies: mal das (t*. 6. das Komma zu tilgen).
„ 23, Ä 14. 24y 28 u. ö. die Abkürzung »S* im Texte in Schwester aufzulosen.
„ 27, „ 13 gewonhait, so und sin; so lies: gewonhait: so und sin, so.
„ 29y „ 5 zetünd Äe«: zetund (ti. o. das ze oom Zn/*, zu trennen),
n 31 y n 25 iiii lies : XIII (u. ö. röm. Zahlen statt der Buchstaben zu setzen),
yy 33y „ 30 Jhesus lies: Ihesus.
n 34y yy 22 gerftsch lies : gerusch.
yy 39y yy 27 nach gothait setze Komma.
yy — , * 28 Da lies: Da, und kan, s j lies : kan. Sy (die Hs. hat großes D
und S, aber ohne Interpunktion vorher).
yy 53y yy 27 UUSOTg lUS l UUSOTg.
yy 69y n 7 ainen lies: ainem.
„ 74, yy 14 ainen lies: ainem.
„ 75 y yy 29 des lies: das.
n 79y yy 7 jamrigen lies: jamrigem.
yy —, „ 27 mit lies: mit.
„ 85y yy 8 Jhcsu lies: Ihesu.
„ 89, yy 13 Sie lies: Sy.
yy 102y yy 28 Mr ÜSS I jaT.
„ 103 y yy 6 der Anmerkungen , nach Staatsarchiv setze Komma.
Zu S. 4, ZI. 4—2 von unten: Dasselbe Bild in einem Leben des h. Antonius, Hs. der Stiftsbibliothek
in St. Gallen 597 , S. 3: vnd tet recht als dz ymli tvt dz von einem bltmö vff den
andren flvget vn jekliches fvffikeit vs fvget Alfo nam er och von jeklichem
etlicher hand gft bild.
Zu S. 59, ZI. 28 ob es tagen wölt: gegen Osten kann er allerdings nicht geblickt habeny wenn er
gegen Töß hin schaute , das von Wintertur aus westlich liegt. Offenbar ein kleines Versehen
der Verfasserin.
Zu S. 71, ZI. 3 v. u. Hugo von Vaucemain: vgl. Bihlmeyery Zur Chronologie einiger Schriften
Seusesy Hist. Jahrbuch 1904 , S. 177. 180 ff.
Zu S. 100y ZI. 1 Waltter der Toss aus Costentz: ein Thoman Toßel oder Tößler erscheint im
Jahr 1413 als Leibeigener des Klosters Stein a. Rh. bei Konstanz: Isaak Vetter , Geschieht-
Büchlein der Stadt Steiny hgg. 1904y S. 96 f.
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Druck von O. Bernstein in Berlin.
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